H. G. Wells: Die Zeitmaschine

Was ist 150 Seiten lang, 116 Jahre alt und wurde von Anatole France als die erste Anti-Utopie bezeichnet? Richtig: H. G. Wells berühmter Science-Fiction-Roman Die Zeitmaschine, in welchem erstmals in einer Zeitutopie das Motiv des Schlafes (manchmal auch des Traumes) durch ein technisches Konstrukt, welches die visionäre Schau der Zukunft ermöglicht, ersetzt wird.

Wells lässt den Roman in einer privaten Londoner Herrenrunde mit einem kurzen (pseudo-wissenschaftlichen) Referat des Zeitreisenden über die drei Dimensionen des Raumes und die vierte Dimension der Zeit beginnen.  Das mag zwar dem heutigen Leser wie eine Zumutung erscheinen [Rezension des Romanes auf Carpe Librum], zeugt jedoch vielmehr vom Bewusstsein des Autors, mit seinem Novum einen für das Genre revolutionären und  für den zeitgenössischen Leser höchst ungewöhnlichen Schritt zu tun. Dass der hierbei anwesende Ich-Erzähler  den Namen des von ihm nicht unkritisch betrachteten Protagonisten explizit verschweigt, findet seinen Grund weniger im Anstand eines englischen Gentlemans gegenüber einem Bekannten als in Wells‘ Versuch, die insgesamt wenig glaubwürdigen Erlebnisse des Zeitreisenden zunächst in einem Bericht durch Hörensagen, der in der Tradition der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts möglichst authentisch gestaltet wird, aufzuheben und zudem den Erzähler selbst in seiner  deutlich spürbaren distanzierten Haltung vertrauenswürdig erscheinen zu lassen. Einen ähnlichen Zweck verfolgen letztendlich auch die kritischen Bemerkungen der restlichen Anwesenden, in denen Wells mögliche Reaktionen seiner zeitgenössischen Lesers auf das technische Novum antizipiert und mit denen er ihnen eine Rezeption des Textes erleichtern will. Obwohl Die Zeitmaschine Wells’ erster Roman ist, lässt sich also feststellen, dass er (zumindest in diesem Bereich) äußerst sorgsam – und meiner Ansicht nach auch gelungen – konstruiert wurde.

Die Handlung: utopische Langeweile oder spannendes Abenteuer?

Was der Zeitreisende berichtet, erscheint seinen Zuhörern unfassbar: Er sei ohne Zwischenstopp [in den Verfilmungen wird diese Reise mit kurzen Zwischenaufenthalten viel besser gestaltet] ins Jahr 802 701 gereist, wo er zuerst gemeint habe, eine Art Garten Eden gefunden zu haben, in welchem die Eloi, die er als Nachfahren der Menschen identifiziert, ohne Sorgen oder Not und rätselhafterweise auch von allen alltäglichen Pflichten befreit, ein unbeschwertes Leben führten. Sowohl die sprachliche Barriere als auch das erschreckend niedrige Intellektuelle Niveau der Eloi verhindern nun jene für das utopische Genre typische Gesamtschau der Gesellschaft und ihrer historischen Ursprünge, die eine spannende Handlung immer nicht aufkommen lassen will [aus diesem Grunde haben einige Literaturwissenschaftler übrigens auch Utopien Romancharakter abgesprochen]. Wells geht hier nun einen ganz eigenen, viel spannenderen Weg: Als wäre das Verschwinden der Zeitmaschine selbst nicht schon rätselhaft genug, beginnen  den Protagonisten zahlreiche weitere Fragen zu quälen: Warum haben die Eloi so entsetzliche Angst vor der Dunkelheit? Welche Bedeutung haben die seltsamen Schlote und brunnenartigen Gebäude, die sich überall in der von fremdartigen Pflanzen beherrschten Landschaft finden? Und woher stammt die Kleidung der Eloi, wenn sie diese selber nicht produzieren? Symbolhaft manifestieren sich diese Rätsel dabei überzeugend in der Figur der Sphinx, welche über dem Piedestal thront, in das die Maschine des Zeitreisenden offenbar verschwunden ist. Das ist spannend und literarisch gelungen.

Zudem wird bei Wells im Unterschied zu den klassischen Utopien die zentrale Aufgabe, eine glaubhafte Geschichte der vorgefundenen Gesellschaft zu konstruieren, von der sonst allgegenwärtigen Führer- und Lehrerfigur auf  den Protagonisten selbst verlagert. Genretypisch räumt Wells diesen Schilderungen bzw. Überlegungen viel Raum ein, wobei die ersten Erklärungsversuche des Zeitreisenden aber fehlgehen müssen, da er die Lösung(en) für zahlreichen Rätsel noch nicht gefunden hat: Im Untergrund lebt eine zweite, von den Eloi völlig verschiedene Art, die ebenfalls als direkter Nachfolger der Menschen identifiziert wird: Die Morlocks, welche sich kannibalistisch von den Eloi ernähren und diese mit dem jeweils Lebensnotwendigen versorgen wie der Landwirt sein Schlachtvieh. Damit “kippt” – für den zeitgenössischen Leser zwar nicht gänzlich unerwartet, aber dennoch höchst ungewöhnlich – der eutopische Gesellschaftsentwurf in einen dystopischen.

Im weiteren Verlauf der Handlung sieht sich der Protagonist zahlreichen gefährlichen Situationen gegenüber, die in ihrer Anlage zwar deutlich nicht mit den Abenteuern moderner Romane konkurrieren können, aber immer noch den Leser zu fesseln vermögen – ein wenig zumindest. Sie bilden meiner Ansicht nach aber die größte Schwäche des Werkes, da zum einen der Zeitreisende den Morlocks körperlich weit überlegen ist und zum anderen Wells anscheinend beständig versucht, im  Bruch eines zentralen Tabus den kannibalistischen Morlocks eine zweifelhafte erotische Komponente zu verleihen, was angesichts der pelzigen affenartigen Gegner aber nicht überzeugen kann: Ich wurde dadurch geweckt, dass eine weiche Hand über mein Gesicht strich; Kleine weiche Hände krochen mir über den Rock den Rücken hinauf und berührten schon meinen Hals. [Zu dieser Lesart siehe auch den interessanten Artikel von Robert Adams: Das Rätsel der Sphinx, oder: „Ist Herr Ödipus in den Garten hinausgegangen?“].

Der Gegenstand: Zeitkritik oder Utopie-Kritik?

Die theoretische Grundlage der vom Protagonisten (re-)konstruierten Menschheitsgeschichte bildet eine Version der darwinschen Evolutionstheorie, die Wells im Zuge seiner Rezeption der Lehren T. H. Huxleys kennen gelernt hat und die den vermeintlichen Verfall als eine Form des evolutionären Fortschritts auffasst. Damit wird auch jenen utopischen evolutionären Visionen eine Absage erteilt, welche Weiterentwicklung immer nur als “Höherentwicklung” zu denken vermögen [siehe hierzu: Stephan Meyer, Die anti-utopische Tradition, S. 303]. Es ist die für die Huxley’schen Lehren typische Ambivalenz des Begriffs “Fortschritt”, die es ermöglicht, die Evolution als Entartung zu sehen [Darko Suvin, die Poetik der SF, S. 282]. Dabei wird in der Zeitmaschine aber nicht nur eutopischen Lesarten evolutionärer Möglichkeiten eine Absage erteilt, sondern ebenfalls den positiven gesellschaftlichen Visionen:

Es schien mir, dass ich in die Verfallsperiode der Menschheit geraten war. Der blutrote Sonnenuntergang lenkte meine Gedanken auf den Untergang der Menschheit. Zum erstenmal begann mir ein sonderbares Resultat des sozialen Fortschritts zu dämmern, den wir zur Zeit anstreben. Doch wenn man es recht bedenkt, ist die Folgerung ganz logisch: Stärke entsteht aus der Not; Sicherheit bringt Schwäche mit sich. Die Arbeit an der Verbesserung der Lebensbedingungen – also der eigentliche Zivilisationsprozess, der das Leben immer sicherer gestaltet – war bis zu einenem Höhepunkt stetig weiter fortgeschritten… Und was ich hier vor mir sah, war das Ergebnis!

Wie später in den Romanen Wenn der Schläfer erwacht und Von kommenden Tagen bilden starke soziale Unterschiede, die sich in der Gestaltung des Raumes als (elitäre) Ober- und (proletarische) Unterwelt manifestierten, den Ausgangspunkt der Überlegungen Wells und gipfeln hier in einer evolutionären Auseinanderentwicklung, an deren Ende eine Umkehrung der “Ausbeutungs”- bzw. Herrschaftsverhältnisse steht, die stärker kaum sein kann. Damit schieben sich langsam die als “Dekandenz” begriffenen Züge aristokratischer und bürgerlicher Lebensweisen im England des 19. Jahrhunderts in den Vordergrund und werden so vom Sozialisten Wells (höchst unaufdringlich) zum Gegenstand seiner Gesellschaftskritik gemacht. Insofern ist auch für Die Zeitmaschine festzustellen, dass Zeit- und Utopiekritik selten voneinander zu trennen sind.

Nach der gelungen Flucht aus einer Falle der Morlocks lässt Wells den Protagonisten noch einmal weit in die Zukunft reisen und präsentiert hier am Ende des Romanes ein frühes Dying-Earth-Szenario, das – nicht nur meiner Ansicht nach – den beeindruckendsten (und Byrons Gedicht Darkness in nichts nachstehenden) Abschnitt des Werkes bildet:

Die Maschine war an einem leicht abfallenden Stand gelandet. Das Meer ersteckte sich nach Südwesten und sein heller Horizont hob sich scharf gegen den bleichen Himmel ab. Es gab weder Brandung noch Wellen, denn kein Windhauch regte sich. Nur eine leichte, ölige Dünung stieg und fiel wie ein ruhiger Atem und zeigte an, dass der ewige Ozean sich noch lebte und sich regte... Da erkannte ich, dass der Fels in Wirklichkeit ein riesiges krabbenartiges Ungeheuer war.

Aber nicht nur die schauerlichen Ergebnisse der Evolution erteilen allen utopischen Vorstellungen eine allerletzte Absage. Am stärksten wirkt die kosmologische Vision nach: Einen Augenblick darauf waren nur noch die blassen Sterne sichtbar. Alles sank in lichtlose Finsternis. Der Himmel war vollkommen schwarz.

Fazit

Trotz seines schmalen Umfanges ist Die Zeitmaschine von H. G. Wells ein äußerst vielschichtiges Werk, das auch heute immer noch zu beeindrucken vermag. Es lohnt sich durchaus, diesen wichtigen Vorläufer der Fortschrittskritik des 20. Jahrhunderts zu lesen, auch wenn man die Handlung selbst aus den Verfilmungen – in denen Morlocks und Eloi als Ergebnis eines Atomkrieges bzw. einer Naturkatastrophe erscheinen und die somit in der Tiefe weit hinter dem Roman zurückbleiben –  schon kennen sollte.

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