Ulrich Harbecke: Invasion

Wer kennt die Muster des Genres nicht: Nerdige Wissenschaftler empfangen mysteriöse Piepser aus dem All. Die wenig später folgende frohe Botschaft, dass das Signal entschlüsselt wurde, lässt unter den Verantwortlichen der US-Regierung so viel Freude aufkommen, als hätten sich ihre Schwiegermütter alle gemeinsam zu einem nachmittäglichen Überraschungsbesuch angekündigt.

Und deshalb kommt es, wie es kommen muss: Alle sind in ihrem Weltbild erschüttert; die Falken in der US-Administration setzen sich durch. Einstufung: Top Secret. Die Wissenschaftler isolieren. Zusammenarbeit mit Chinesen und Russen. Vorbereitung auf den Tag X.

Natürlich haben sie da die Rechnung ohne ein paar widerborstige Individuen gemacht: Ein Reporter will sich mit fadenscheinigen Erklärungen nicht abspeisen lassen und ein Wissenschaftler wagt die Flucht. Gemeinsam wollen sie verhindern, dass der Erstkontakt in einer Katastrophe endet.

Denn wie wir alle wissen, kann dabei eine Menge schief gehen: Entweder spreizt der außerirdische Besucher die Finger und den US-Soldaten kribbeln dieselben am Abzug, oder – wie in diesem Fall – zerlegen die vermeintlichen Invasoren einen hinderlichen Stein am Landeplatz durch ihre überlegenen Energiestrahlen, wodurch sich die angestaute Anspannung des Empfangskomitees in einem Kugel- und Granatenhagel entlädt…

Wer nun aber an die Lektüre von Ulrich Harbeckes ‚Invasion‘ mit der Erwartung geht, es hier mit einem typischen Vertreter des SF-Genres ‚Invasionsroman‘ zu tun zu haben, wird positiv überrascht. Im Zentrum des Textes steht weniger die Bedrohung durch die Aliens selbst als der Umgang der Menschheit im Allgemeinen und der Staatsmaschinerie insbesondere mit dem Fremden, welches von letzterer als Chance genutzt wird, die „letzten Reste demokratischen Scheins“ zu beseitigen. Geradezu skizzenartig zeichnet Harbeckes auktorialer Erzähler dabei oft die Abläufe – als würden der Leser sowieso schon wissen, welchen Weg die Handlung einschlagen muss:

Hier eröffnet die Anonymität des Gegners unbegrenzte Möglichkeiten. Während es früher immerhin einiger Raffinesse bedurfte, um etwa die Chinesen den Amerikanern und diese den Chinesen als blutrünstige Ungeheuer vorzustellen, läuft nun niemand mehr Gefahr, auf sachlichen Widerstand zu stoßen. In Zeitungen und Illustrierten und Fachzeitschriften werden die abenteuerlichsten Spekulationen diskutiert […] Philosophen und Theologen mischen sich ein, um die Situation rasch in ihr altes Weltbild einzubauen, Astrologen und Hellseher und vor allem die vielen Clubs der Ufologen tauchen aus dem Sektendasein auf […] Eine wahre Springflut bizarrer Romane, Comics, Fernsehserien und Filme überschwemmt den Markt und spült die paranoiden Fantasien ihrer Autoren in jedes Kino und in jedes Wohnzimmer. Die Angst wird zum bestimmenden Zeitgefühl…

Und man kann nicht umhin, in dem bald 40 Jahre alten Text Ähnlichkeiten mit der jüngsten Vergangenheit zu entdecken: Die aufgrund der Bedrohung von außen erlassenen US-Gesetze erlauben die Totalüberwachung der Kommunikation und schränken die persönlichen Rechte der Bürger ein. Die Rüstungsmaschinerie beginnt auf Hochtouren zu laufen. Das „Wir-Gefühl“ „schaltet“ die Medien „gleich“. Die von diesen in Furcht paralysierte Bevölkerung kann dem keinen Widerstand mehr entgegen setzen. Das Bedrohungsszenario lässt Kritiker weitgehend verstummen und die kaum zu überwachenden Geheimdienste scheinen sich mit politischen Gegnern auf kreative Weise zu befassen.

Auch der gefangen genommene und gefolterte Besucher wird nur schemenhaft gezeichnet. Er bleibt, obwohl seine Flucht mit einer einfühlsamen Ärztin detailliert geschildert wird, dem Leser bis zum Ende fremd. Daran ändert auch sein menschliches Aussehen und sein freundliches  wie stoische Verhalten nichts. Das überzeugt.

Manchmal hätte für meinen Geschmack jedoch ein wenig mehr Narration dem nur gut 160 Seiten umfassenden Text  doch gut getan. So geraten durch dieses Verfahren die Charaktere insgesamt stark stereotyp – zumal sie sich weitgehend nicht selbst durch ihre Handlungen zeichnen, sondern der Erzähler dieses für sie oft übernimmt. Das Schablonenhafte der Figuren mag gut zur Aussage des Romans passen, mindert jedoch trotzdem den Lesespaß.

Für Harbeckes Roman ‚ Invasion‘ spricht eines aber ganz deutlich: Obwohl zuletzt nahegelegt wird, dass die nicht nur technisch, sondern auch in ihrer Selbstkontrolle weit fortgeschrittenen Fremden auf einen Gegenschlag verzichten, kommt beim Leser keine Erleichterung auf. Es bleibt ein dumpfes Gefühl des Unbehagens angesichts der nur allzu „natürlichen“ bzw. nur zu gut „bekannten“ Reaktionen der Bevölkerung und der Regierung auf eine potentielle Bedrohung, weil: nur zu menschlich.

Joe Haldeman: Der ewige Krieg

“Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen” (Platon)

Schon ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher genügt: Und man kann sich des deprimierenden Eindruckes nicht erwehren, dass “der Krieg” eine Konstante der menschlichen Geschichte darstellt. Die Versuche, das historisch bekannte Grauen aus propagandistischen Gründen in neuem, sprachlich unbeflecktem Gewande zu verstecken oder zwecks Vortäuschen eines besseren rationalen Zugriffs fachsprachlich zu benennen, verfangen meistens nur kurz. Denn trotz aller Neubezeichnung und trotz allen technischen Fortschritts und Wandel der Kriegsführung: Krieg, Krieg ist immer gleich (Fallout 3, Prolog).

Deshalb gelingt dem Vietnamveteranen Joe Halderman in seinem 1974 erschienen SF-Klassiker Der ewige bewaffnete Konflikt auch gleich zweierlei in bemerkenswerter Weise: Zum einen spiegelt der Text parabolisch das Spezifische des Vietnamkrieges und der Erfahrungen der dort eingesetzten Soldaten in der Zukunft,  zum anderen legt er das ewig gleiche Grauen des Krieges in einem scheinbar ewig währenden Kriege bloß.

“Leben ist eine Ansammlung von Zellen, die das gleiche Ziel haben”

Nachdem die Menschheit vor Kurzem die Fähigkeit zu schnellem interstellaren Reisen entdeckt hat – man “springt” von einem Schwarzen Loch zum anderen – ist es 1996 zu einem galaktischen Tonkin-Zwischenfall gekommen: Unbekannte Aliens, die bald darauf einfach nach dem Sternbild “Taurier” genannt werden, haben angeblich ohne Vorwarnung ein Siedlerschiff zerstört. Die zum Krieg rüstende Menschheit zieht  daraufhin geeignet erscheinende junge Männer und Frauen ein, um sie in den interstellaren Kampf zu schicken. Zu diesen gehört auch der Ich-Erzähler, der die unbarmherzige Ausbildung auf dem Pluto-Mond Charon überlebt und bald darauf am ersten Angriff auf einen Außenposten der Feinde teilnimmt. Die menschlichen Invasoren richten unter dem Einfluss von posthypnotischer Suggestion ein Blutbad an.

Bedrückend ist der Roman schon von Beginn an. Innerhalb der sich im Laufe des Romans immer weiter verselbständigenden Militärmaschinerie besitzt das Leben des einzelnen Soldaten keinen Wert. Und schon gar nicht das einer außerirdischen Lebensform, so rätselhaft sie auch sei. Selbst die Psyche der Soldaten wird konsequent manipuliert. Haldeman verrennt sich aber trotz aller Brutalität nicht in der Schilderung von vermeintlich fesselnden Kampfdetails, wie das in manchem Military-Fiction-Roman der Fall ist. Natürlich erlebt der Leser über weite Strecken spannende Kämpfe mit den Augen des Erzählers. Das Kampfgeschehen wird dabei allerdings oft so sachlich und reflektiert geschildert, dass man dem Ich-Erzähler einen Hang zum Sarkastischen konstatieren muss und zudem ein krasser Kontrast zwischen dem nach Blut lechzenden Protagonisten und der reflektierten bzw. aufgeräumten Erzählweise des Erzählers entsteht. Gelungen!

∆tbew  =  ∆tRuh (1 − v2/c)−1/2

Während die Soldaten in diesem Falle unter den (durchaus humanoid wirkenden) Tauriern ein Massaker anrichten können, weil diese offensichtlich nicht auf einen Kampf Mann gegen Mann vorbereitet sind, sind die Menschen in nächsten Kampf im Weltall den Tauriern technisch weit unterlegen. Der Grund hierfür ist ein physikalischer: Die Zeitdiletation. Als wäre es nicht schon genug, dass auf der Erde gut hundert Jahre während eines einzelnen Einsatzes vergehen -, gilt dieses natürlich auch für die außerirdische Kultur. Im Folgenden muss die kämpfende Truppe also jeweils damit rechnen, dass der ihnen gegenüberstehende Feind seit ihrer Abreise Jahrzehnte Zeit hatte, seine Militärtechnik und -Strategie zu verbessern.

Durch Haldemans grandiosen Einfall, die Annahmen der speziellen Relativitätstheorie zu Grundlage eines spezifischen Merkmals des interstellaren Krieges zu manchen, wird letzterer geradezu absurd. Der Sinn eines Einsatzziels – d.h. ein strategischer Erfolg, z.B. die Eroberung einer bestimmten Position im Stellungskrieg-  muss nun über hunderte von Jahren bestehen bleiben. Dafür ist bis zum Zeitpunkt der Rückkehr nicht sicher, inwieweit die Opfer der Soldaten durch den Erfolg überhaupt noch rechtfertigt werden können – denn jedes Mal, wenn die Soldaten aus einem Einsatz zurückkehren, haben sich die Kriegslage, die Technik und auch Gesellschaft dermaßen verändert, dass der Protagonist sich kaum an die neuen Verhältnisse gewöhnen kann.

Schon viele Rezensenten haben hierin zurecht eine Verarbeitung der persönlichen Erfahrungen Haldeman gesehen: Gerade im Dschungelkrieg war die Sinnhaftigkeit eines angeblichen Einzelerfolges dem einzelnen Soldaten nicht mehr ersichtlich, so z.B. wenn einzelne Positionen mit großen Verlusten erobert, dann aber sofort wieder aufgegeben wurden. Die in Vietnam Dienst leistenden Soldaten kehrten im Heimaturlaub – oder auch nach Ende ihres Dienstes – in eine amerikanische Gesellschaft zurück, die sich so stark verändert hatte, dass viele nicht mehr ihren Platz darin finden konnten. So ergeht es auch Haldemans Held. Er und seine Freundin finden nach ihrem so herbeigesehnten ersten Dienstzeitende eine Welt der “Zukunft” vor, die sich aufgrund der Kriegskosten in einen dystopischen Albtraum aus Armut, Arbeitslosigkeit und Verbrechen verwandelt hat. Trotz ihres durch Zinseszins deutlich angewachsenen Vermögens bzw. Soldes entschließen sie sich – wie auch viele ehemalige Vietnamveteranen in in den frühen 70er Jahren – doch letztendlich dazu eine zweite “Tour” zu machen.

Was die nun im Rang Aufgestiegenen zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen: Bei ihrer nächsten Rückkehr werden sie auf eine homosexuelle Menschheit stoßen, die Heterosexualität für eine Krankheit hält.

“Hast du für heute Nacht schon jemanden?”

Obwohl Haldemans Roman 1975 den Nebula und 1976 den Locus- und Hugo-Award gewann, gab es auch eine ganze Reihe Stimmen die den Roman ablehnten. Grund hierfür war nicht nur die Tatsache, dass Frauen und Männer in völlig “unrealistischer Weise” nebeneinander Dienst an der Waffe tun, sondern auch, dass Sex zwecks Abbau von Spannungen zum Dienstplan gehört. Dieses ermöglicht Haldeman auch, Zwischenmenschliches zu zeigen, das über die übliche Beziehung von “Kameraden” hinausgeht, und seinem Helden eine Heldin zu gönnen, die seine Liebe romantisch erwidert. Das kommt aber überhaupt nicht kitschig daher, sondern genau im richtigen Maße. Obwohl die Kriegsmaschinerie, die ihre Soldaten in Killer verwandelt, deren Leben und Tode nur Zahlen in einer über Jahrhunderte geführten Statistik sind, bewahren sich die Figuren ihr Menschsein.

Später muss der Ich-Erzähler, mittlerweile schon zum Offizier befördert und von seiner Freundin durch unterschiedliche Einsatzorte getrennt (was aufgrund der Zeitdiletation wohl eine Trennung für immer bedeutet), miterleben, wie seine Untergebenen ihn aufgrund seiner Heterosexualität ablehnen und gleichgeschlechtliche Beziehungen – auch mit tragischen und dramatischen Schlusspunkten – eingehen. Haldeman vollzieht hier also gleich in mehrfacher Weise einen gewagten Tabubruch, der nicht wenig durch die Ideen der Freien Liebe, die seinerzeit in den U.S.A. viel diskutiert wurden, beeinflusst sein dürfte.

“Wie sie in den Büchern sehen dürften, ist der Krieg vor 220 Jahren zu Ende gegangen”

Auch Haldemans Krieg ist, obwohl der Title es anders nahelegt, tatsächlich kein ewiger. Nach dem schwierigsten Einsatz überhaupt kehrt der Ich-Erzähler zu einer Menschheit zurück, deren Teil er nicht mehr sein kann und will. Nicht einmal ihre Sprache ist ihm noch verständlich. Besser als die verspäteten Heimkehrer verstehen sich nun die Taurier mit den Menschen, ihre Schiffe liegen einträchtig nebeneinander. Das Leiden und Sterben der Jahre 1997-3143 erscheint zuletzt zur Gänze entwertet. Der Kriegsgrund war keiner. Die Opfer waren umsonst.  Und die im Verlaufe des Romans immer weiter zunehmende Vereinsamung und Entfremdung des Protagonisten von seiner Umwelt scheint vollkommen – wenn es dort nicht diese eine Hoffnung gäbe…

Fazit

Der ewige Krieg ist einer der besten Romane, die ich in den letzten 2 Jahren gelesen habe.  Durch die Einfälle Haldemans hat die  fiktionale Welt wirklich etwas ganz Eigenes. Die Atmosphäre ist bedrückend. Auch aufgrund der Ohnmacht des Individuum gegenüber der Maschinerie, deren Teil es zu sein gezwungen ist und die jeden eigenen Lebensentwurf negiert. In einer gut zu lesenden neuen Übersetzung ist Der ewige Krieg im Mantikore-Verlag 2013 zusammen mit zwei “Fortsetzungen” neu aufgelegt worden. Von den beeindruckenden 675 Seiten der gleichnamigen Hardcoverausgabe macht der hier besprochene Roman gerade mal 219 Seiten aus. Ihr solltet euch also keinesfalls von der Dicke des Buches abschrecken lassen.

Peter Heller: Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte

Peter Hellers Debütroman Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte ist einer der wenigen Endzeitromane, die es in den letzten Jahren ins Feuilleton geschafft haben. Der Grund hierfür: Heller erzählt jenseits der Genreschreiberei eine ergreifende Geschichte von Freundschaft, Liebe, Verlust und Einsamkeit.

Hellers Protagonist hat die verheerende Pandemie und den völligen Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung auf einem ausgestorbenen Flughafen am Rande der Rocky Mountains überlebt. Geblieben ist ihm aus seinem vorherigen Leben nicht mehr viel: Sein geliebter Hund und seine Leidenschaft zum Fliegen und Angeln – auch wenn es aufgrund der immer noch fortschreitende Klimaerwärmung keine Forellen mehr in den Flüssen und keine Elche mehr in den Wäldern gibt.

Mit der Cessna auf Patrouille

Sein Leben verläuft seit gut 9 Jahren aber recht geordnet. Einmal am Tag fliegt er mit seinem Hund auf dem Copilotensitz in der Umgebung Patrouille. Sich nähernde Personen knallt sein Kumpan Bangley regelmäßig mit seiner Sig Sauer vom Beobachtungsturm ab. Hin und wieder besucht und unterstützt Hig unter Wahrung eines Sicherheitsabstandes eine infizierte und dahinsiechende Familie in der Nähe – wovon Bangley nichts erfahren darf. Einmal im Monat holt er eine Kiste Cola aus einem LKW in den Bergen. Und aus Angst vor nächtlichen Überfällen schläft er stets im Gebüsch neben seinem beleuchteten Haus – was ihm mehrfach das Leben gerettet hat.

DennBig Higs Existenz ist höchst unsicher. Dem schon paranoid wirkenden Waffennarr und Einzelgänger Bangley, der auf vollkommender Isolation besteht, traut er zu, dass dieser auch ihn selbst hinterrücks erledigen würde – wenn er Hig nicht als fliegenden Beobachter bräuchte. Traumatisiert ist Hig nicht nur durch den Tod seiner Frau, sondern auch durch die Männer, Frauen und Kinder, die Bangely und er auf dem Gewissen haben. Als dann eines Tages sein Hund stirbt, hält Hig es endlich nicht mehr aus und macht sich auf zu einem Flug ins Unbekannte.

Eingerichtet in einer brüchigen Idylle

Eine große Stärke des Romans ist die liebevolle Schilderung von Higs kleiner Welt. Man merkt ihr deutlich die Erfahrungen des Outdoor-Experten Heller an – nicht nur, wenn es ums Angeln oder Jagen geht. Wo viele andere Autoren sich sofort in actiongeladene Scharmützel stürzen, lässt sich Heller zudem  Zeit, die Tiefen und Untiefen seiner sympathischen Hauptfigur sowie ihre Beziehung zur geschrumpften Umwelt umfassend auszuloten – und erst dann zum Überlebenskampf aller gegen alle überzugehen. Die glaubwürdige Szenerie entwickelt dabei eine ganz eigentümliche Atmosphäre, die alleine den Roman schon zu einem der besseren des Genres macht. Idyllische Episoden wechseln mit grauenvollen genauso, wie Higs Gedanken assoziativ von seiner Liebe zum Angeln zur ökologischen Katastrophe und zu Erinnerungen an seine Frau wandern. Der erfolgreiche Jagdausflug in den Bergen endet mit Granatwerferbeschuss und fliegenden Extremitäten. Die Nacht, die mit dem Blick zu den Sternen begann, endet im Einpökeln einer Handvoll Männer als Hundefutter.

Tief in Big Hig

Da Bangley Hig weitgehend fremd bleibt und – wenigstens im ersten Drittel des Buches – andere Menschen sterben, sobald sie Hig zu nahe kommen, sind die äußeren Geschehnisse häufig nur Anlass, Hig reflektieren und erinnern, denken und fühlen zu lassen. Das erinnert an Last-Man-Romane. Die innere Handlung dominiert deshalb nicht nur hier auch deutlich die äußere, was einige kritische Stimmen wohl auch dazu veranlasst hat, festzustellen, dass der Roman über keine “ordentliche” Spannungskurve verfüge. Dabei ist die Quest des Helden geradezu klassisch – wenn auch episodenhaft wirkend erzählt.

Denn zugegeben: Manchmal schießt Heller übers Ziel hinaus und walzt die Emotionen seinen Helden zu überdeutlich und vor allen zu lange aus. So hätte das Bild eines fassungslos neben seinem toten Hund liegenden oder sitzenden Mannes ausgereicht, um dem Leser wie in Richard Mathesons I am Legend die Tränen in die Augen schießen zu lassen – eines mehrseitigen tränenreichen Rückweges hätte es da gar nicht bedurft. Hin und wieder finden sich solche Längen in Hellers Roman  – vor allem dort, wo es um… Frauen geht. Hier drohen die emotionalen und körperlichen Annäherungsversuche der Figuren zudem auch in den Kitsch abzugleiten – und irgendwie auch zu langweilen.

Dafür wird aber, wo immer auch Heller Higs Umwelt erzählerisch auf Korn nimmt, diese durch die Augen des Ich-Erzählers geradezu greifbar – und das Gott sei Dank nicht nur, wenn Higs seine Eva unter dem blinkenden Wasserfall sieht:

Die Tür schwingt auf. Vollständig. Ein Schatten. Die Tür fliegt zur Seite wie ein Vorhang, und das Licht fällt ein, erhellt einen Mann mitten in der Bewegung. Er schwingt einen Bogen herum und zielt. Ich schieße. Zweimal. Der Pfeil reißt ein Loch in die Luft, das wütende Schmatzen eines Vakuums hoch oben, während der Mann zurückgerissen wird, der Bogen mit Geklapper zu Boden fällt und die vorderste Flaschenreihe umkippt und aufplatzt. Eine einsame Dr.-Peppers-Dose rollt bis an die Kante, fällt auf die Straße. Die zwei auf der Straße erstarren halb geduckt, die Arme über den Kopf gelegt. Tweedledum und Tweedledee.

Solche Situationsbeschreibungen gehören wie auch die Charakterzeichnungen eindeutig zu den Stärken des Romans. Dass Heller sich hierzu streckenweise nicht nur des Inneren Monologes bedient, sondern sich vielfach dem Bewusstseinsstrom annähert, dürfte der Grund dafür sein, dass manche Leser den Roman als nicht leicht lesbar bezeichnet haben – und als stilistisch “auffällig”: Die wörtliche Rede sei nicht gekennzeichnet. Ja, darüber stolpert man manchmal. Aber das ist der geringe Preis dafür, dass wir die Endzeit mit Higs Augen so glaubhaft sehen dürfen – und ihm dabei so nahe sind:

Die Liebe ist das Flussbett, das sich jeden Tag mit Schmerz füllt. Es füllt sich jeden Tag aufs Neue mit Tränen.

Ob eine solche Sprache jetzt gelungen poetisch oder schon kitschig ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Mir hat sie insgesamt doch sehr gefallen. Das Gleiche gilt übrigens auch für das Ende – das ich natürlich hier nicht verraten werden.

Fazit

Peter Hellers Erstling ist ein bemerkenswerter, atmosphärisch dichter Endzeitroman, der wie McCarthys Die Straße nicht eine “spannende” Geschichte vom Ende der Welt erzählen, sondern vor allem zwischenmenschliche Beziehungen beleuchtet will. Nicht zuletzt stehen sich hier auch generelle, unterschiedliche Weltanschauungen gegenüber, die von Hig und Bangley  – in einer sterbenden Welt – glaubhaft und toll gezeichnet verkörpert werden. Der Preis dafür: Die äußere Handlung ist schnell erzählt. Ich habe ihn gerne bezahlt.

Upton Sinclair: Nach der Sintflut

Dass unsere Verlage heutzutage so ihre Probleme haben, wenn es darum geht, fremdsprachigen Romanen sinnvolle deutsche Titel zu verpassen, wissen wir. Ein Beispiel aus der jüngsten Literatur- und jetzt schon Filmgeschichte ist: Operation Zombie. Wer länger lebt ist später tot. Dahinter verbirgt sich nicht etwa die erheiternde Fortsetzung von Zombies im Kaufhaus, sondern vielmehr der gerade mit Brad Pitt verfilmte Roman World War Z. An oral history of the Zombie War.

Aber auch schon früher griffen die Verlage offensichtlich des öfteren mal daneben. Selbst solche berühmten und verdienstvollen wie der Malik-Verlag. Nicht nur, dass Upton Sinclairs Nach der Sintflut nicht – und auch im Ansatz nicht –  von irgendeiner “Sintflut” erzählt (sondern vielmehr von Radiumwellen, welche die Weltbevölkerung des Jahres 2000 in kleine Aschehäufchen verwandeln)… der Roman ist auch kein Katastrophenroman im eigentlichen Sinne – wie das, zugegeben: sehr hübsche, Cover aus dem Jahre 1925 nahelegt. (Ist das etwa Wasser, das da durch die Metropole schwappt?)

So mancher deutsche Leser wird seitdem bei der Lektüre leicht verwundert den Kopf geschüttelt haben: Denn The Millenium. A Comedy of the Year 2000 ist weniger ein spannender Roman denn eine spitze sozialistische Satire auf die kapitalistische Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts.

Aus diesem Grunde macht sich Upton Sinclair auch gar nicht die Mühe, die wissenschaftlichen Hintergründe der Katastrophe glaubwürdig zu konstruieren: Ein Wissenschaftler mit schwachem Nervenkostüm zerbricht eine Phiole mit einer neuen radioaktiven Substanz. Das muss reichen. Wichtiger ist vielmehr: Rechtzeitig gewarnt gelingt es einem guten Dutzend Personen, dem “Ende der Welt” in einem Flugzeug zu entkommen. Es überlebt: Die oberste Spitze der us-amerikanischen Finanzelite – einschließlich weniger Lakaien: Ein Exemplar des Klerus, eines der Journaille und eines des Proletariats.

Groteske Gestalten

Und wie es sich für ordentliche Gesellschaftssatiren jeglicher Couleur nun einmal gehört, sind die Figuren in The Millenium stark überzeichnet. Abgesehen von einem heldenhaften Liebespaar sind alle Figuren dekadent, degeneriert, dem Nächsten und sich selbst entfremdet. Lumley-Gotham, der pillenknabbernde und ob seiner Verpflichtungen unglückliche “Herr der Welt”, fürchtet sich beispielsweise ununterbrochen vor Anschlägen auf sein Leben.

Lumley-Gotham wandte sich an seinen Sohn: “Fühlst du dich ganz wohl?” “Ja, Vater.” “Dann kann ich wohl ruhig meine Tablette essen”, meinte der alte Mann und verschluckte sie.

Und wenn irgendetwas die einstige gesellschaftliche Position der bornierten Anwesenden hätte rechtfertigen können, so ist es bestimmt nicht deren Intelligenz, wie die Reaktionen der wieder glücklich auf dem Dach ihres Wolkenkratzers Gelandeten zeigen:

Aber schickt doch in die Stadt!” kreischte die alte Dame. “Mutter”, sprach Helen, “verstehst du denn nicht? Auch die Leute in der Stadt können tot sein.” “Alle Arbeiter!” schrie Eloise erschreckt. “Ich fürchte, ja.” “Das ist doch ungeheuerlich! Was in aller Welt sollen wir tun?” fragte Eloise. “Niemand wird uns bedienen”, jammerte Sarita. “Wir werden nichts zu essen bekommen”, stimmte Reggie ein. “Niemand wird uns bekochen!” klagte der Bischof. “Das ist doch ganz unmöglich, undenkbar”, meinte Eloise. “Wir würden ja wie die Wilden leben müssen.” Frau Lumley-Gotham kreischte hysterisch auf: “Ich dulde es nicht! dulde es nicht! Werde mich an die Regierung wenden.” Sie blickte auf den Reporter: “Herr de Puyster, können sie denn nichts in ihren Zeitungen veröffentlichen?”

Sinclair lässt auch im weiteren Verlauf wirklich keine Gelegenheit aus, um sich an den dicken Eliten abzuarbeiten. Nur mühsam erlernen die kaum (über-)lebensfähigen Gesellschaftsdamen, wie man Treppen hinabsteigt. Nur unter bitteren Tränen werden Kartoffelschälkompetenzen entwickelt. Erst nach und nach entdeckt man, dass man Geschirr auch mal spülen und nicht immer nur wegwerfen sollte. So manchem Leser mag das als Prosa vielleicht zu deutlich, zu direkt, zu vordergründig sein – Spaß macht es aber trotzdem; auch wenn man den Dialogen des Romans hier und da auch noch anmerken kann, dass der Roman auf einem 1907 verfassten (gleichnamigen) Theaterstück basiert.

Geschichte nach Lehrbuch

Der eigentliche Witz des Romanes ist aber, dass die Handvoll Menschheit in wenigen Wochen noch einmal die wichtigen Kapitel Menschheitsgeschichte – wohlgemerkt aus maxistischer Sicht – durchläuft. Die einstigen Eliten erkennen auf ihrem arbeitsreichen (Leidens-)Weg von der Sklaverei zum Feudalismus und zum Kapitalismus nach und nach den Mechanismus der Ausbeutung – und endlich einmal am eigenem Leibe. Denn einigen gewieften Überlebenden gelingt es schon von Beginn an, sich in den Besitz wichtiger Produktionsmittel zu versetzen.

Und weil dieser Roman zwar ausgesprochen unterhaltsam, aber dennoch streng auf Linie ist, steht am Ende natürlich eines: Das kommunistische Kollektiv – auf dem Lande – das kein Privateigentum mehr kennt. Und hier spürt man auch noch deutlich die Trauer des Autoren um seine eigene, von ihm persönlich finanzierte Kommune, die kurz vor der Abfassung des Theaterstücks einen Brand zum Opfer gefallen war und sich als gelebter Traum des Autoren (Orginalzitat Sinclairs: “Ich habe in der Zukunft gelebt”) buchstäblich in Rauch aufgelöst hatte.

Normalerweise liegen mir propagandistische Lehrwerke nicht. Jack Londons Die eiserne Ferse fand ich eher zum Gruseln. Aber der groteske und boshafte Witz, den Upton Sinclair hier zeigt, lässt einen vieles verschmerzen. Der Text ist nicht nur etwas für diejenigen, die sich mit der marxistische Geschichtstheorie und der Lehre von Basis und Überbau vertraut machen wollen.

Fazit

So plakativ Sinclair das Geschehen in The Millenium gestaltet und so vordergründig der aufklärerische Impetus dieses sozialistischen Lehrtextes auch ist: Es unterhält viel eher als die doch oft unerträglichen Lehrstücke B. Brechts. Ich habe mich – nachdem ich meine von Titel geweckte Erwartungshaltung geändert habe – jedenfalls doch noch köstlich amüsieren können. Und ich gebe es zu… vielleicht war ja doch noch ein wenig proletarische Schadenfreude mit dabei.

Aldous Huxley: Affe und Wesen

Wenn das 20. Jahrhundert eines gezeigt hat, dann das, dass das Tierische im Menschen sich nur allzu leicht Bahn durch die dünne Kruste zivilisatorischer Erhabenheit bricht: Im Schatten zweier Weltkriege, der Shoa, totalitärer Staaten und des heraufziehenden Kalten Krieges gab es genügend Momente, in denen die Flamme der Humanität, der Kunst und Kultur nicht nur leicht flackerte, sondern schlicht auszugehen schien. Erstmals lag nun auch die gänzliche Vernichtung des Menschen durch den Menschen in greifbarer Nähe – und sowohl Wissenschaftler wie auch Politiker arbeiteten auf beiden Seiten immer fleißiger daran. Die Atompilze von Hiroshima und Nagasaki schienen nur Vorboten jenes Grauen, welches die Zukunft für die Menschheit bereithielt. Zahlreiche Schriftsteller und Philosophen machten sich desillusioniert an eine Bestandsaufnahme und suchten nach den Ursachen.

Unter jenen, welche die allzu leichte Vertierung des Menschen abgestoßen konstatierten, war auch Aldous Huxley. 16 Jahre nach Brave New World veröffentlichte er 1948, einige Monate bevor George Orwells 1984 erschien, eine sowohl grell gezeichnete als auch in düstersten Farben gemalte Vision der Zukunft, die zu Beginn des Textes als Drehbuchmanuskript gerade noch ihrer Vernichtung entgeht. Die beiden Finder – ein Schauspieler und sein Agent – machen sich auf die Suche nach dem Verfasser des beeindruckenden Textes, dieser ist jedoch wenige Monate zuvor verstorben.

Zum Schoßhündchen der Evolution

Der eigentlichen Handlung des Drehbuchmanuskripts, das den Kern des Textes ausmacht lässt daran zweifeln, ob Ape and Essence. A Novel tatsächlich die Bezeichnung “Roman” zurecht trägt. Denn denn der Text wirkt auch streckenweise eher wie ein Drehbuchmanuskript – allerdings mit deutlich narrativen Tendenzen.

Bevor die Welt jedoch untergeht, wird von Huxley noch eine weitere Erzählebene vorgeschaltet: In einem von Pavianen gefüllten Kinosaal zerrt ein “vollbusiges Pavianweibchen in einem muschelroten Abendkleid, die Schnauze lila gepudert […] sich wollüstig wiegend Michael Faraday hinter sich her… Der Ton ist gebieterisch; sie zieht dem alten Mann eins mit ihrer korallengriffigen Reitgerte über. Faraday gehorcht, die Affen im Zuschauerraum lachen entzückt.” Das hier visuell allegorisch inszenierte Verhältnis von Intellekt und Animalischem, wird im weiteren Verlaufe des “Romans” immer wieder in unterschiedlichen Nuancen dargestellt werden.

Huxley kehrt hier das Mensch-Tier Verhältnis um, wie Stephan Meyer richtig feststellt [1]. Aus dem “Off” leitet der Erzähler mit den Worten ein: Heutzutage, dank der höheren Ignoranz, die unser Wissen ist, ist die Statur des Menschen so sehr gewachsen, dass der geringste unter uns nun ein Pavian ist, der größte ein Orang-Utan oder sogar, wenn er den Rang eines Führers der Menschheit einnimmt, ein wahrer Gorilla. Negiert wird hier indirekt vor allem die Sonderstellung des Menschen innerhalb der Abstammungslinien der Primaten. Das klingt nicht wenig nach den Ausführungen Thomas Henry Huxleys, Aldous Huxleys Großvater und “Darwins Bulldog” (und nebenbei bemerkt: H. G. Wells Lehrer in Sachen “Evolution), der in seiner berühmten Abhandlung Man’s Place in Nature feststellt:

Thus in the important matter of cranial capacity, men differ more widely from one another than they do from the apes; while the lowest apes differ as much, in proportion, from the highest, as the latter does from man”.[2]

Affe und Mensch, so führen beide Huxleys vor, sind Teil der gleichen “Familie”. Hier allerdings hat nun selbst der Pavian seinen Verwandten überflügelt.

Auch wenn dieses mit Stephan Meyer als “Reflex auf die Theorie Darwins und seine Anhänger gewertet werden kann“, in deren Theorien die “höheren Affenarten… zu fast menschenähnlicher Würde emporgestiegen [waren]“ [3] – so bei wird bei Aldous Huxley im Vorspann der Affe zwar als “menschengleich” vorgeführt, allerdings sehr deutlich mit den im weiteren Verlauf immer wieder von Huxley verwendeten Attributen des Vulgären, Animalischen, Sadistischen und Triebhaften versehen. Mensch und Affe, so gibt Huxley uns im Unterschied zu den Darwinisten des 19. Jahrhunderts zu verstehen, sind nicht beide Menschen, sondern beide Affen – kurz: Tiere.

Die Ursachen für den Fall des Homo sapiens sapiens

Wenn nun der Film im Primatenkino endlich zu laufen beginnt, so lässt Huxley nicht etwa die eigentliche Handlung selbst einsetzen, sondern gestaltet eine weitere, Szenerie, die zentrale Motive der vorhergehenden Rahmenhandlung aufgreift und die Ursachen der Katastrophe selbst beleuchtet. Wie in den meisten frühen Romanen, die sich mit dem Nuklearkrieg auseinandersetzen, wird die Katastrophe dabei selbst nicht geschildert [4], wohl aber deren Vorspiel, das hier allerdings stark satirisch verfremdet wird:

Unter sarkastischen Bemerkungen des Erzählers machen sich Affenarmeen, die “unter anderen Flaggen geschart sind” daran, sich gegenseitig auszulöschen. Prof. Albert Einstein wird von seinen behaarten Herren an der Leine geführt und “hockt” mit “einem Ausdruck schmerzlicher Bestürzung” hinter “ihren Komisstiefeln“. Das Sträuben der “Einsteine“, der schwache Widerstand des “Vorrat[s] an Genies […] der beiden Heere” bleibt wirkungslos – unter den Klängen von Bach werden sie gezwungen, die von ihnen entwickelten biologischen und nuklearen Massenvernichtungswaffen gegen den Gegner zu richten. Erst nach dieser Anklage gegen den Nationalismus und die Willfährigkeit der Wissenschaft, blendet der Erzähler von den sich an Rum und Bologneserwurst labenden Militärs auf die postapokalyptische Szenerie über. Die Vereinnahmung der Wissenschaft durch die von primitiven Instinkten – hier: dem Nationalismus – gelenkten Generäle führt als Bestandsaufnahme und Interpretation der Gegenwart schon das vor, was die weitere Handlung noch mehrfach zeigen wird: Den von äußeren Gewalten und eigenen niederen Instinkten fremdgesteuerten Intellekt.

Man muss Richard Saage Recht geben: “Auch wenn Huxley seinen Text über weite Strecken ironisch verfremdet, so ändert das nichts an der Radikalität seiner düsteren Zeitdiagnose…” [5]zumal der Roman zudem wie eine Antwort auf die Rechtfertigungsversuche jener Wissenschaftler klingt, mit deren Name die Entwicklung der Atombombe unabänderlich verbunden ist. Drei Jahre vor dem Erscheinen hatte beispielsweise Albert Einstein in dem Essay Atomkrieg oder Friede seine Verantwortung zu negieren versucht:

Ich betrachte mich nicht als den Vater der befreiten Atombombe. Ich habe nur eine indirekte Rolle gespielt. Tatsächlich habe ich nicht vorausgesehen, daß sie zu meinen Lebzeiten noch frei würde. Ich habe nur an ihre theoretische Möglichkeit geglaubt.”[6]

Da nimmt es nicht wunder, dass Huxley den betreffenden Physiker angesichts der Tatsache, dass die Bombe nicht erst in den Lebzeiten anderer hochgeht, erschrocken durch die Stiefel seiner Herren gucken lässt.

Expedition in die Katastrophe

Konstitutiv für das Genre der nuklearen Postapokalypse ist in den frühen Jahren das Expeditionsmotiv. Wie in Hans Wörners im selben Jahr veröffentlichten Roman Wir fanden Menschen – der sich ebenfalls inhaltlich mit der Frage nach dem Wesen des Menschen bzw. dem Verhältnis von Mensch und Tier, Kultur und Primitiven auseinandersetzt – dringt im Jahr 2108 eine Expedition von außen in das radioaktiv verstrahlte und biologisch Gebiet ein.

Stellt Wörners Katastrophe eine lokal begrenzte dar, so ist Huxleys jedoch global – nur Neuseeland ist aufgrund seiner Lage der Vernichtung und Verstrahlung entgangen. Aus der kleinen Gruppe neuseeländischer Forschern, die gut 100 Jahre nach dem Dritten Weltkrieg an der Küste von Los Angeles landet,  rekrutiert sich auch die Hauptfigur – ein von seiner Mutter gegängelter, gut erzogener, unverheirateter, wenig sportlicher Anti-Held, der als hingebungsvoller Botaniker amouröse Abenteuer nicht aus eigenem Erleben, sondern nur durch Anschauung von Bienchen und Blümchen kennt. Aber das soll sich bald ändern…

Zu Beginn scheint das Manuskript die Erwartungen des zeitgenössischen Lesers, der mit dem Expeditionsmotiv eine abenteuerliche Handlung erwartet, vollends zu erfüllen: Der Held wird von ansässigen Überlebenden gekidnappt und entgeht aufgrund der Tatsache, dass man sich von ihm eine Verbesserung des Lebensmittelanbaus verspricht, nur knapp seinem Ende. Insofern lässt Huxley den Leser in seinen Erwartungen auch nicht irre gehen – dieses unternimmt erst Nevil Shute mit Das letzte Ufer. Dort werden die “Abenteurer” aufgrund der hohen Strahlung zu “Beobachtern” degradiert – und die vermeintlichen Überlebenden gibt es nicht. Und dennoch dürfte Affe und Wesen in vielerlei Hinsicht zu den Erwartungen der meisten zeitgenössischen Leser in bemerkenswerter Weise quer gestanden haben.

Belials Reich

Anknüpfend an die utopische Tradition führt Huxley mittels der Reisenden-Figur eine utopische Gesellschaft vor – aber eine des Schreckens: Das Individuum wird zu den abscheulichsten Arbeiten wie Leichenfledderei gezwungen, Sexualität ist auf wenige Tage im Jahr beschränkt, monogame Beziehungen stehen unter Todesstrafe, kopuliert wird nur in der Gruppe im Tempel des als “Teufel” zu erkennenden Dämons. Frauen werden (in eher christlicher Manier) als “Gefäße” bezeichnet (und verstanden) und gelten als Inbegriff der “Versuchung”. Schwere körperliche Strafen sind zur Freude der Lehrpersonen integraler Bestandteil der Erziehung. Nahezu alle Mitglieder der Gemeinschaft weisen schwere Mutationen aufgrund der Strahlung auf. Die zeitgleich zur Welt kommenden Neugeborenen, deren Mutationsschäden gewisse Grenzen überschreiten, werden einmal im Jahr öffentlich und (ohne Zweifel für den Leser) vom Priester genüsslich massakriert. Die schreienden und weinenden Mütter, denen schon im Vorfeld der Kopf kahl geschoren worden ist, werden unter Rutenschlägen die Stufen der Opferstelle hinuntergejagt. Durch dieses Szenario angeregt, bricht irgendwann die alljährliche Orgie aus – und endet erst viele Tage später wieder im Tempel des Dämons, wo die Menschen wieder ihre mit einem deutlich lesbaren “Nein” beschrifteten Lendenschurze und “Büstenhalter” anlegen.

Angesichts dieses ins Dystopische umgebogenen utopischen Szenarios, das jeglichen auf dem “guten” Wesen des Menschen fußenden Fortschrittsgedanken negiert, erscheint es durchaus möglich, dass – wie Richard Saage annimmt – William Goldings Roman Der Herr der Fliegen ”entscheidende Anregungen” durch Huxleys Werk erfahren hat. Die satirischen Überzeichnungen, die Huxley hier vornimmt, befremden – sie sind Zeichen der Desillusionierung und Frustration eines Autors, der  angesichts des von ihm diagnostizierten Zustands der Menschheit erkennt, dass seine Hoffnungen für die Zukunft “Utopie” bleiben müssen. Und diesem Gefühl der Verbitterung kann sich auch der Leser nicht entziehen. Selbst wenn die Katastrophe mit der Gesellschaft Tabula Rasa macht, brechen sich die negativen Anlagen des Menschen immer wieder Bahn.

Ein Held flieht für uns alle

Die übermächtige Gewalt des “Viehischen” führt Huxley auch immer wieder auch an der Hauptfigur selbst vor. So sehr die brutalen und obszönen Szenen, die sich abspielen, den wohlerzogenen und gehemmten Botaniker auch abgestoßen – schwach wird er doch: Auch er wirft sich im Liebesgerangel voller Leidenschaft auf seine Angebetete. Und als diese dann doch zu einem muskulöseren Partner weiterzieht, ficht er nicht lange mit sich (oder dem Konkurrenten) – und gibt sich mit zwei dunkelhäutigen Schönheiten zufrieden. So bitter die Szenerie auch ist, so düster ist die Analyse.

Man kann manchmal aber nicht umhin über die Hauptfigur zu schmunzeln. In ihrer Schwäche wird sie einem im Laufe des Romans immer sympathischer. Man identifiziert sich mit ihr. Und wer ist schon so ohne Schuld, dass er einen Stein aufnehmen und nach einem ungelenken Wissenschaftler werfen darf, der im Angesicht der exotischen Versuchung nicht anders kann (?) als zu fehlen?

Und dennoch: Huxleys Geschichte von der Zukunft des Menschen schließt trotz der sarkastischen Erzählhaltung nicht ohne Hoffnungsschimmer. Mit dem Helden zusammen durchschaut der Leser den Mechanismus von Trieb, Triebunterdrückung und Kontrolle. Und dieses Mal wagt es der letzte Wissenschaftler auf dem amerikanischen Kontinent auch endlich “Nein!” zu sagen – wenn auch nicht laut. So viel Opferbereitschaft hätte dem Helden auch nicht gut zu Gesicht gestanden – und ist auch gar nicht notwendig. Für uns alle (aber besonders die Wissenschaftler!) entzieht er sich der Vereinnahmung durch das System. Mit seiner Liebe stiehlt er sich davon. (Ja, Liebe! Liebe! Liebe! Und sie liebt ihn auch – das gibt es doch noch! [Siehe: Zur katalytischen Wirkung des Liebesmotivs für den dystopischen Plot]) Sogar  in eine ungewisse und gefährliche Zukunft. Das reicht – und stiftet doch noch ganz am Ende jenseits des Daseins Sinn. Vielleicht ist ja doch noch Hoffnung für uns alle.

[1] Stephan Meyer. Die anti-utopische Tradition. Eine ideen- und problemgeschichtliche Darstellung, Frankfurt am Main, 2001, S. 340.

[2] Thomas Henry Huxley, Evidence as to Man’s Place in Nature, London, Edinburgh, 1863, S. 78.

[3] Stephan Meyer. Die anti-utopische Tradition, S. 340f.

[4]Hans Krah, Weltuntergangsszenarien und Zukunftsentwürfe. Narrationen vom >Ende< in Literatur und Film 1945-1990, Kiel, 2004, S. 89.

[5] Richard Saage, Utopische Profile, Berlin, 2oo6, S. 314.

[6] Albert Einstein, Atomkrieg oder Friede. In: Albert Einstein, Aus meinen späten Jahren, Stuttgart, 1952, S. 190-197, zit.:Alexander Ritter, Friedrich Dürrenmatt. Die Physiker, Stuttgart, 1991, S. 191.

Guido Morselli: Dissipatio humani generis oder Die Einsamkeit

Ein Individuum, das seinen Ort nicht mehr unter Menschen finden kann und will und das sich in seiner Einsamkeit radikalisiert, wählt verbittert: Die Auflösung im Nichts. Das Gehen ohne Spuren zu hinterlassen. Dem Schreibenden jedoch stehen neben dem Suizid noch andere Wege offen: Die absolute Einsamkeit oder die Dissipatio humani generis.

Den letzte Weg hin und zurück gegangen?

Als der Selbstmordversuch des namenlosen Protagonisten in der Nacht auf seinen 39. Geburtstag misslingt, ist die Menschheit verschwunden. Zwischen Verblüffung, Genugtuung und Grauen schwankend sucht Guido Morsellis “Held” noch einmal jene Orte auf, von denen er sich vor Jahren abgewandt hat. Er sucht nicht nach den Ursachen des Verschwindens aller Menschen – er vergewissert sich seiner. Zurückgeworfen auf sich selbst begegnet er in Gedanken jenen Menschen, die für ihn bedeutsam waren. Er sitzt in ihren Sesseln und liegt in ihren Betten. Spricht in Erinnerungen noch einmal mit seinem längst gestorbenen Therapeuten, den er nun als seinen einzigen Freund erkennt: Über seine Erinnerungsstörungen, die ihn glauben lassen, was nicht war. Die Existenz fragil, die ganze Situation suspekt: Ist der Suizid vielleicht nicht doch gelungen? Und die Wand des Sees der Einsamkeit zu steil, um sie zu erklimmen? Und war nicht Blut auf dem Kopfkissen neben Hand mit der Waffe?

Wie immer schon: Mit sich allein

Solipsistisch kreist nicht nur das Erinnern und Sinnieren um sich selbst, das Leben und was die anderen Menschen noch und doch dem Letzten Menschen waren, sondern auch der Stil: Er ist niemandem mehr verpflichtet als dem idealen Leser – denn eine Begegnung mit dem Anderen findet nur noch in Gedanken statt. Keine Eva mehr, die durch die vereinsamten Täler den steilen Weg nach außerhalb und oberhalb, zur Eremitage – ich wage es: – des Künstlers findet. Dabei war selbst Arno Schmidts Held (also er selbst) mit sich nicht immer ganz allein. In der absoluten Einsamkeit noch einmal das Elitär- und Bildungsbürgerliche an den Kopf gesetzt zur Selbstanalyse: Nein, ich bin kein komischer Alceste, der Misanthrop, ich bin, mit Unterbrechungen, phobanthrob, ich habe Angst vor Menschen wie vor Ratten und den Stechmücken, wegen des Unheils und der Ärgernisse, die er unermüdlich produziert. 

Vergehen, Strafe und Rache

Zunehmend ist sicher:  Die selbstgewählte Einsamkeit war Vorstufe dessen, was da am 2. Juni kommen sollte: Die leeren Straßen, leeren Hotels und verlassenen Banken der goldenen Stadt Chrysopolis. Die Börse. Der Flughafen. Der Markt. Immer deutlicher fallen in der Rückbesinnung und Sich-Erkennen die Isolation des Selbst, das Verschwinden der Menschen als selbstgewählter Tod in eins. Der Rückzug aus dem Geschäft der Welt war kein Ausweg. Der Gang in den See auch nicht. Die Rückkehr in die Hüllen der Stadt ist es längst nicht mehr. Da ist kein Anderer.

Eine rein körperliche Welt, die nur an das Greifbare glaubt, wird entkörpert. ‘Contraria per contraria expiantur’. – Aber ich habe Sühneakte nie gelten lassen. Entweder Strafe oder Rache, und zwar auf zeitlicher Ebene und nicht auf einer höheren. Aber wer sühnt und wer rächt, wer gegangen ist oder geblieben, ob erwählt wurde oder bestraft, ist unsicher… wie immer bleiben die Antworten auf unsere wichtigen Fragen aus. Es bleibt nur: Das absurde Warten am Rand des Wegs auf den einen, den man meint erkannt zu haben und von dem man hofft, dass er noch kommen soll. (Fatica inutile. Non rispondono.)

“Eine Flaschenpost”

Dissipation humani generis oder Die Einsamkeit war Guido Morsellis letzter unveröffentlicher Roman. Er nahm sich am 31. Juli 1973 das Leben. Sein erzähltechnisch wie stilistisch äußerst bemerkenswertes Werk, das den Rezipienten nicht wenig fordert, erschien, wie auch alle seine anderen Romane, wenig später auf italienisch und in zahlreichen anderen Sprachen.

W. D. Rohr: Inferno

Die meisten Aliens sind böse und wollen immer nur das eine: Unseren Planeten. Die Vernichtung der lästigen Menschheit gerät dabei zum notwendigen Kollateralschaden. W. D. Rohrs  grünen Exemplaren spricht die Boshaftigkeit schon aus den merkwürdigen Katzenaugen und spitzen Zähnen. Deshalb fackeln die Invasoren nicht lange: Wenige Minuten nach ihrem Eintreffen hat schon eine Salve von Atomraketen alle Städte der Erde ausradiert. Gezielt wird Jagd auf die restlichen Überlebenden gemacht. Eigentlich wäre, wenn die Romanhandlung von Inferno einsetzt, schon alles längst vorüber und die neuen Herren der Erde könnten mit ihrem Besitz machen, was sie denn auch immer damit machen wollen – wenn sich nicht einige Exemplare des Homo sapiens sapiens besonders widerborstig zeigen würden.

Die Menschheit taucht ab

Lästig: Diese haben ein amerikanisches Atom-Uboot zur Guerillawaffe umfunktioniert und versetzen dem außerirdischen Gegner hin und wieder Nadelstiche. Beständig verfolgt von außerirdischen Flugmaschinen, welche die Helden glücklicherweise reihenweise mit Thermogeschossen vom Himmel holen können, wird nur im Schutze der Nacht an einsamen Inseln oder in der geheimen unterirdischen Basis aufgetaucht. Dabei darf kein Risiko eingegangen werden: Denn an Bord befindet sich mit 50 Personen nicht weniger als die gesamte Menschheit. Die Last der Verantwortung wiegt schwer auf den Schultern der wenigen Überlebenden und führt den Einzelnen an die Grenzen seiner Belastbarkeit. Sei es, weil er eine Frau nehmen muss, obwohl er gar nicht will, oder sei es, weil er keine haben darf, weil er zu nahe am Atomreaktor arbeitet. Kein Wunder, dass diese Zustände dem verspätet an Bord gehenden Protagonisten des Romans auf lange Sicht unerträglich  – und die letzten Menschen zunehmend als ein Haufen Verrückte  – erscheinen.

“Trivialliteratur” mit Anspruch

Rohrs Inferno ist eine merkwürdige Mischung aus Schemaliteratur und psychologisierendem Schreiben. Die zahlreichen Scharmützel mit den fiesen Aliens unterhalten. Die Rollen sind klar verteilt: Die wenigen Guten kämpfen gegen eine Übermacht des Bösen einen gerechten Kampf. Dieser zeitigt kleine Erfolge, welche aber angesichts der technischen Überlegenheit des Gegners immer wieder nicht ganz glaubwürdig erscheinen. In Rohrs Roman – dieser wurde 1960 das erste Mal veröffentlicht – darf der Held des Romans auch noch wirklich ein Held sein – mit Thermo-Flak und zu beschützendem Weibchen, das selten etwas zu sagen hat.

Als Neuzugang ist der Blick des Helden auf die Gesellschaft an Bord auch ein kritischer. Das hebt ihn über die anderen Figuren, die ihr Leben an Bord fristen, deutlich hinaus und ermöglich dem Leser einen Blick auf die tatsächlichen Zustände an Bord. Hier bleibt Rohr aber im Ansatz stecken: Der bedrückende Alltag an Bord wird ausgeklammert. Aus Gründen der Spannung verlegt er sich auf Herausragendes. Nur wenige Figuren lernt der Leser tatsächlich kennen – und vielfach geraten diese, selbst wenn sie nicht nur durch die Gänge huschende Schatten bleiben und über ihre Ängste und Leiden sprechen, noch zu holzschnittartig. Wenn die Vermutungen des Helden stimmen sollten – und die Passagiere des letzten Botes weniger aus Verantwortlichkeit gegenüber der Menschheit denn aus Angst, Entsetzen und Wahnsinn handeln wie sie handeln, so vermag der Leser dieses nicht zu erkennen. Es fehlt hier: Das Showing. Dieses gönnt Rohr dem Leser weitgehend nur in den actionreichen Szenen.

Stimmiges und Unstimmiges

In seinem Ausgang überzeugt das Ende, welches sich im Verlauf der Handlung immer stärker abzeichnet – und deshalb auch verraten werden darf: Angesichts der generellen Überlegenheit des rätselhaften Gegners ist im Bumm-Bumm-Showdown kein Sieg für den Menschen mehr zu erringen. Das liest man selten. Warum aber die Aliens immer wieder mit Kanonen auf Spatzen schießen, sprich: Mit einer Salve Atomraketen auf die mit Pfeil und Bogen bewaffneten Eingeborenen von Borneo – und so ihr neues Heim gleich wieder zunehmend unbewohnbar machen, bleibt im radioaktiven Dunkel.

Fazit

Rohrs Inferno zeigt auf 160 Seiten mit dem Überlebenskampf einer Handvoll Verzweifelter nur den letzten Ausschnitt der Menschheitsgeschichte. Das ist spannend und kurzweilig. Den erhobenen Anspruch, die Psychologie der letzten Menschen ins Blickfeld zu nehmen, kann der Roman auch aufgrund seiner Kürze aber nicht einlösen.

Paul Gurks: Tuzub 37

Zählen zu den weitgehend vergessenen Texten muss man die schon 1935 veröffentlichte Dystopie TUZUB 37. Der Mythos von der Grauen Menschheit oder von der Zahl 1. Sowohl über den Roman selbst als auch über ihren Verfasser Paul Gurk lassen sich nur recht wenige Informationen finden. Und nach der Lektüre kommt man nicht umhin festzustellen: Das erscheint verblüffend und nachvollziehbar zugleich.

Eine der ersten Öko-Dystopien

Gurks Roman schildert eine ferne Zukunft, von der sich nicht sagen lässt, wie weit sie zeitlich von uns entfernt ist. Ebenso wenig kann man als Leser genau sagen, über welchen Zeitraum sich die Handlung eigentlich erstreckt. Die Menschheit hat sich in ihrem Fortschrittswillen die Erde mit wenigen Ausnahmen untertan gemacht. Abgesehen vom Meer, dem Himalaya und einem mit elektrischem Stacheldraht umzäunten Schaugefängnis der letzten lebenden Wesen ist die Erde gänzlich plan, grau, mit einem elektrischen Leitungsnetz überzogen und dort, wo keine Hoch- und Höherhäuser emporwachsen, von einer in Monokultur gezogenen Nutzpflanze bedeckt. Notwendig ist Nahrung nur noch deshalb, weil es noch nicht gelungen ist, das Menschliche zur Gänze aus den Maschinenmenschen herauszukonstruieren.

Dieses ist aber der anvisierte nächste Schritt der anhand eines utopischen Gesellschaftsplanes ausgerichteten Grauen Menschheit: Jegliche Unterschiede und Planabweichungen werden dafür ausgemerzt – nicht nur in der Landschaft. Letztes Ziel ist der vollständig anorganische und uniforme Mensch bzw. die Maschine – symbolisiert in der Zahl 1. Der Leser begleitet die Menschheit, die diese Bezeichnung bald zu Recht nicht mehr tragen will, bei der Verhaftung des überraschend aufgefundenen letzten Dichters, der Abschrottung der Maschinenmenschen zur Menschenmaschine und bei ihren wiederholten Angriffen auf das nur mit Mühe einzuebnende Meer und den störrischen Himalaya (Quadrat 37) mithilfe riesiger Maschinenmaschinen. Letztere produzieren jedoch derartig viele Abgase, dass zwecks Angsaugen von Luft aus dem Äußeren Oben ein riesiger Turm in Quadrat 37 errichtet werden soll: Der TUrm ZU B 37. Bei diesem letzten maßlosen Versuch, der noch als biblische Anspielung in seiner Gigantomanie die technischen Visonen anderer Schriftsteller der 20er und 30er Jahre kritisch spiegelt – genannt sei hier nur der berühmte Hans Dominik -,  findet die “Menschheit” ihr jähes Ende.

Wenn alle 1 sind: Vergebliche Suche nach dem Helden

Konsequenterweise weist der Roman aufgrund der erreichten Uniformität auch keinen eigentlichen Protagonisten mehr auf: Zu weit ist die Uniformität der Menschheit gediehen. Nur Unplanmäßiges ermöglicht als Unfall noch dort Individualität, wo  der Mensch sofort abgeschrottet wird, wenn er zum Himmel blickt. Oder jenseits der 2-stündigen Erholungsphase wacht (1). Der letzte Dichter, Ergebnis der ungesetzlichen Lektüre des vorletzten Buches, wird schnell entsorgt. R Nr. 127 475, der aufgrund eines Ungeschicks des Menschenklempners sich später seiner selbst bewusst wird (2), stößt zwar noch den Plan zum Bau des TUZUB 37 an, verstirbt aber bald. Das Leitungsgremium der Grauen Menschheit, bestehend aus den Schreibern Hirn, Auge, Ohr, Mund, linke Hand, rechte Hand, Magen, linker Fuß und rechter Fuß, weist keine individuellen Züge jenseits der Funktionsbezeichnungen mehr auf. Wie oft die einzelnen Schreiber im Verlaufe der Handlung abgeschrottet werden, lässt sich nicht mehr feststellen.

Sympathien kann der Leser nur zu den beiden Erstgenannten hegen. Menschlicher als die Menschen selbst erscheinen jene Wesenheiten, die Gurk in expressionistischer Manier aber ausnahmsweise so gar nicht expressionistischer Sprache selbst zu Wort kommen lässt: Die Quelle, die über ihr Versiegen mit der letzten Blume spricht, das Meer, das sich gegen den Ansturm und die Fesseln der Grauen zu widersetzen versucht, die Dämonen der Berge, welche die Maschinen unter sich begraben wollen, die Luft, die über allem thront. Was heute sprachlich manchmal nah an der Grenze zum Kitsch erscheint, könnte der erste deutschsprachige Aufschrei der Natur angesichts ihrer planmäßigen Zerstörung sein.

Eine Anti-Utopie aus der Zeit der NS-Diktatur

Es verblüfft, dass der Roman von Gurk, der 1934 Mitglied der Reichsschriftumskammer geworden war (3), überhaupt im Berliner Holle-Verlag erscheinen konnte. Obwohl Welt und Gesellschaft – auch durch die Verwendung von SF-Elementen – hochgradig verfremdet sind, wendet er sich doch sehr deutlich nicht nur gegen die allgemein verbreitete Fortschritts- und Technikgläubigkeit, sondern auch  – und das nicht nur en passent – gegen zentrale Ideologeme des Nationalsozialismus: Kritik äußert Gurk an der Uniformität bzw. dem unkritischen Aufgehens des  Individuums in der tumben Masse sowie an der inhumanen Verabsolutierung des Zweckes: Vom utilitaristischen Abschrotten aller Grauen, die das fünzigste Lebensjahr erreicht haben oder einfach nur technisch überholt sind, zur “Vernichtung lebensunwerten Lebens” scheint es gedanklich nicht weit. Satirisch überzeichnet Gurk dabei auch die zeitgenössische systemtypischen Riten: Immer wieder “zuckt” der Arm der Grauen Menschen als “Parodie auf den Hitergruß” (4) nach oben. Und wenn die Weltbevölkerung in endlosen Kolonnen zum Versammlungsplatz zieht, um sich und die Zahl 1 zu feiern, erinnert das nicht wenig an die in den 30er Jahren inszenierten Massenveranstaltungen der NSDAP:

Die Züge marschieren von allen Seiten heran, endlos, zwei Stunden. Viereck auf Viereck preßt sich in das Versammlungsfeld und stampft sich ineinander. Als die riesige Fläche nur ein einzelnes dampfendes Grau ist, steht eine volle Minute alles schweigend, fühlt sich als grau, als Macht der Gleichmäßigkeit, ehrt sich selbst und klotzt dann zu den Tribünen. Sprechchöre erscheinen. Sie werden durch Lautsprecher verhundertfacht und rasseln exakt in der Sprache der Buchstaben und Ziffern die Verehrung des Mähdreschers. (S.40)

Expressionistischer Nachhall

Gurk, der zu Beginn der 30er Jahre durchaus Sympathien für den Nationalsozialismus hegte, bedient sich in seinem Roman, der eine Abkehr vom Nationalsozialismus darstellt, gekonnt jener literarischen Mittel, die ihm die ersten Jahrzehnte der Moderne zur Verfügung stellen: Elliptisch mäandern die Sätze vor sich hin und reißen den Leser mit. In Vergleichen, Vermenschlichungen und Verdinglichungen hebt Gurk die Grenze zwischen dem Belebten und Unbelebten, Mensch Tier, Pflanze und Ding sprachlich auf:

Unabsehbare Züge von Schleppwagen gleiten auf Übererdlinien an den Hochschienen bis an die Küsten und kippen sich aus. Es ist, als ob jeder der Wagen aus Leichtmetall rasselnd lache und grinse, wenn er sich dreht und ein Maul aufreißt, um geborstenes, zerbrochenes, gemahlenes Gestein, zerkrümelte Erde und getrockneten Schlamm auszuspeien.

Und in der militaristisch gefärbten Imitation deutscher Amts- und Bürokratensprache, häufig durchsetzt mit technischen Neologismen, steigert Gurk das Bekannte bis zum Grotesken als sprachliches Abbild der Herrschaft und einer unmenschlichen Verabsolutierung des Zwecks:

Nach zwei Stunden spricht Auge: “Es sind Meldungen gekommen. Verbrecher sind zu bestrafen. In Sektor Y, Hochstadt 19, unterbrach ein Grauer die Schicht und sah hinauf in den Himmel.” Rechter Fuß spricht: “Es gibt keinen Himmel. Es gibt nur einen Rauch der Erde. Der Verbrecher ist durch mich zu bestrafen. Seine Schuld geschah in meinem Sektor… Ich stampfe auf. – Er ist durch Säure in das Reich des Anorganischen zu überführen.” Ohr spricht: Im Sektor Q, Hochstadt 5, betrachtete ein Grauer über Zeitmaß hinaus Funkensprühen im Wachstumsnetz, flüsterte dazu schaukelnd und versäumte die Schicht…”

Ein solcher, an den literarischen Avantgarden der Moderne orientierter Text steht auch heute noch zu unseren Lesegewohnheiten quer. Zu ungewohnt ist, wie Gurk schreibt. Und somit stellt der Roman, wenn man ihm als Leser gerecht werden will, sprachlich und inhaltlich durchaus eine kleine Herausforderung dar. Aber nicht, weil man sich durch ihn quälen müsste – im Gegenteil: Immer wieder muss man sich als Leser selbst bremsen, um von der oft bis ans Lyrische gestalteten Sprache auf Weg der Grauen Menschheit zum Endziel nicht einfach mitgerissen zu werden.

 Fazit

Paul Gurks 1935 erschienene Dystopie ist ein bemerkenswertes Stück deutscher Literatur – inhaltlich wie sprachlich. Sie ist trotz ihres schon fortgeschrittenen Alters nicht nur etwas für die literaturwissenschaftlich Interessierten, sondern für jeden, der einmal einen Text jenseits der bekannten Muster und Schemata des Genres lesen möchte. Einlassen muss man sich dabei allerdings auf die oft ungewohnte Sprache von TUZUB 37, welche die Lektüre aber dann zu einem echten Genuss macht.

(1) Hier zeigt sich auch die Intensität der Gurk’schen Zeichnung: Besitzt D-503 in Samjatins Wir noch eine 2-stündige “Freizeit”, von welcher der Staat hofft, dass sie einst abgeschafft werden kann, so muss R Nr. 127 475 schon einen 2-stündigen Zwangsschlaf halten. 

(2) Dieses Motiv, das dazu dient, einen potentiellen Außenseiter in einem uniformen Gesellschaftssystem literarisch zu legitimieren, findet sich 3 Jahre zuvor erstmals in Huxleys BNW. Einer Liebelei als Katalysator des Entfremdungsprozesses vom System bedarf es deshalb auch nicht.

(3) Klaus Geus, Zwischen Widerstand und Anpassung. Die Kritik am Nationalsozialismus in Paul Gurks dystopischem Roman TUZUB 37, in: Marco Frenschowski [Hg.], Helena Frenschowski [Hg.], Festschrift für Kalju Kirde zum 75. Geburtstag, Kerpen, 1999, S.105-114, S. 113.

(4)  Klaus Geus, Zwischen Widerstand und Anpassung, S. 113.

Jürgen Domian: Der Tag, an dem die Sonne verschwand

Schon seit Jahren talkt Jürgen Domian in seiner nach ihm benannten Sendung zu den verschiedensten Themen mit all jenen, die irgendetwas zu sagen oder zu berichten haben. Und so verschieden die Lebensbeichten, die Schicksalschläge und Werdegänge sind, die auf den Hörer von einslive oder den Zuschauer des WDR niedergehen, so zeichnen nicht wenige zwei gemeinsame Merkmale aus: Viele der bedrückenden Geschichten, die die Menschen dort in ihrer Anonymität erzählen, sind geeignet, den Zuhörer frösteln zu lassen; wenn sie nicht gleich – und das gilt auch für die weniger niederschmetternden Erzählungen – das kalte Grausen heraufbeschwören.

Und nicht wenige der bitteren Lebensgeschichten haben irgendetwas mit Verlust zu tun: dem Verlust von geliebten Partnern, der Familie, Freunden – oder auch gleich des ganzen bisherigen Lebens. Und mit jener Aufgabe, die der Mensch letztendlich nur alleine und für sich selbst bewältigen kann: Der Verarbeitung des Geschehenen. Da verwundert es nicht, dass sich Jürgen Domians 2009 erschienener Roman vorwiegend diesem Thema widmet.

Und welches Genre böte sich da nicht besser an als jener hochreflexive Grenzgänger zwischen Katastrophenroman und Postapokalypse, in dem nicht nur der Verlust selbst Program ist, sondern der den Protagonisten in seiner Vereinsamung auch auf sich und sein Leben als Letztes zurückwirft: Das Genre des Letzten Menschen (1).

Der Tag, an dem die Sonne verschwand in der Kritik

Dieser Wahl des Genres und der damit einhergehenden höchst paradoxen Erzählsituation ist auch die Form des Romans geschuldet. Denn Der Tag an dem die Sonne verschwand ist eine zwischen Ereignisbericht und Autobiografie oszilierende Chronik, ein Tagebuch, das sich nur noch an einen hypothetischen, wenn auch erhofften, Leser wenden kann. Es erscheint insofern auch ungerecht, wenn dem von Feuilleton weitgehend unbeachteten Roman in Netzrezensionen vorgeworfen wird, er zeichne sich durch Handlungsarmut und die wenig packende Schilderung einer Lebensgeschichte aus. Ungerecht sind solche Beurteilungen nicht deshalb, weil die Feststellungen unzutreffend wären – denn wer ‘Aktion’ in Der Tag an dem die Sonne verschwand sucht, sucht diese tatsächlich vergebens -, ungerecht erscheinen sie vielmehr, weil die sich hier artikulierende deutlich enttäuschte Leseerwartung der Zielsetzung des Romans selbst nicht gerecht wird.

Schon das im Mysteriösen verbleibende Szenario deutet hierauf hin: Denn die Katastrophe, das Verschwinden aller anderen Menschen, steht zwar im Zentrum, verweist aber mit ihren rätselhaften Begleiterscheinungen – wie der plötzlich hereinbrechenden monatelangen Dunkelheit, dem Schneefall und dem aufziehenden Nebel, welcher vor dem Fenster der Eremitage unserer männlichen Hauptfigur aufzieht, – zeichenhaft auf jenen, durch einen Autounfall schon längst erlittenen Verlust: den der geliebten Marie – denn diese kann der Held auch nach langer Zeit nicht loslassen; immer wieder belasten ihn Schuldgefühle angesichts seines damaligen Verhaltens.

Während sich in Haushofers Roman Die Wand die schon vor der eigentlichen Katastrophe gewählte Selbstisolation in einer in ihren Ursprüngen ebenfalls unerklärt bleibenden Mauer manifestiert, bekommt Domians Held die Katastrophe, die er – man möge die Formulierung entschuldigen – “verdient”. Das Szenario extremisiert und veräußerlicht somit das Innenleben des Helden – und ist deshalb hier auch zeichenhaft zu lesen. Eine weitergehende, womöglich sogar wissenschaftliche, Ausgestaltung der Hintergründe des Szenarios, wie so hier und dort  – und übrigens auch in den Besprechungen ähnlicher Romane des Genres – gefordert wird, würden dem nur zuwiderlaufen. Konsequent und folgerichtig hat Jürgen Domian hier gearbeitet. Wer einen postapokalyptischen SF-Abenteuerroman lesen will, der sollte von Der Tag, an dem die Sonne verschwand, die Finger lassen.

Der Weg hinaus aus der Isolation

Wenn man so als Zentrum des Romans die Beschäftigung des Protagonisten mit den erlittenen Verlusten ausmacht, stellt sich die Frage, wie gut es Jürgen Domian eigentlich gelungen ist, das Innenleben seines Helden zu gestalten. Deutlich schöpft hierbei aus den Erfahrungen, die er in seiner Sendung sammeln konnte. Die Entwicklungsschritte des Helden aus seiner erst selbstgewählten und später erzwungenen Isolation sind dementsprechend überzeugend und nachvollziehbar, bieten allerdings  – abgesehen von der damit einhergehenden Schilderung sexueller Episoden – doch wenig Überraschendes. Hier und da wünscht man sich, dass der Held, auf dessen Reflexionen der Leser einfach zu stark angewiesen bleibt, sein Leben etwas deutlicher und tiefer durchblicken würde. Aber welcher von Verlust in Leben und Psyche deformierte Mensch könnte das schon in einer solchen Situation?

Die mangelnde Reflexionsfähigkeit des Helden stört aber trotzdem – vor allem auch deshalb, weil sich der Roman – seiner Zielsetzung gemäß – eher dem Modus des “Telling” als dem des “Showing” bedient. Der Horizont, der sich dem Leser öffnet, geht somit leider kaum über den des Protagonisten heraus. Hinzu kommt die weitgehend einfache Sprache der überwiegend berichtenden Tagebucheinträge. Das alles kann enttäuschend sein – und dürfte vornehmlich all jene Leser ansprechen, die selbst große Verluste verarbeiten mussten oder noch müssen: Auch deshalb schließt der Roman mit einem gelungenen Ende, das eben nicht offen ist, wie manche Netzkritiken behaupten, sondern den mitleidenden Leser auffordert, sich vom Vergangenen und dem eigenen Rückzug zu verabschieden und neu in die Zukunft und auf die Welt zu blicken – gleich, ob da draußen noch jemand auf ihn wartet.

Fazit

Jürgen Domians Roman bietet zwar ein mysteriöses Szenario, dieses bleibt jedoch zeichenhafter Hintergrund der Persönlichkeitsentwicklung des Helden, die im Zentrum der Betrachtung steht. Obwohl Der Tag, an dem die Sonne verschwand konsequent konstruiert ist, überzeugt der Text nicht ganz: Zu stark muss der untätige Leser den geistigen Fußstapfen folgen, die der verzweifelte dahintippelnde Held im winterlichen Köln hinterlässt.

(1) Zur Konstitution des Genres durch die vom Motiv des Letzten Menschen bedingten narrativen Programme siehe: Judith Schoßböck, Letzte Menschen. Postapokalyptische Narrative und Identitäten in der Neueren Literatur nach 1945, Bochum, 2012. Behandelt wird in dieser Monografie auch Jürgen Domians Roman.

Gregor Spörri: The Lost God

Unter der Menge der in den letzten Monaten erschienen Weltuntergangsromane sticht ein Roman hervor: Der literarische Erstling des Schweizers Gregor Spörri, dessen Titel The Lost God. Tag der Verdammnis schon auf den ersten Blick für den Fortbestand der Menschheit nichts Gutes verheißt. Es ist allerdings weniger der Titel als der Aufhänger, den Autor und Verlag gewählt haben, um den Roman an den Leser zu bringen: Denn den Ausgangspunkt des Textes bildet der Fund eines mysteriösen – weil riesenhaften und bestimmt nicht menschlichen  – Fingers durch Gregor Spörri in Ägypten.

Um was es sich bei dem von Spörri entdeckten, abfotografierten und später wieder verschwundenen sogenannten “Relikt von Bir Hooker” handelt, vermag ich nicht zu sagen. Für viele dürfte die Abbildung auf der Innenseite des Schutzumschlages den Roman auf den zweiten Blick besonders interessant machen – wird damit doch der Anspruch erhoben, einen geheimnisvollen, aber vermeintlich “realen” Aspekt unserer Vergangenheit aus einer bitteren Gegenwart in eine entsetzliche Zukunft fortzudenken.

Überzeugend: Der Untergang (fremdverschuldet)

Ausgehend vom Fund des “Reliktes von Bir Hooker” im Jahre 1988 lässt Spörri seine Astronomen Jahrzehnte später seltsame Objekte in Erdnähe und -orbit entdecken, die nach vielem Rätselraten und Hin und Her zuletzt als Vorzeichen eines “zweiten Besuchs” kosmischer Vandalen gedeutet werden. In grausig gehaltenen Szenen, bei denen der Autor nicht mit Schockeffekten geizt, beschreibt Spörri die “Landungen” von mehr als einem Dutzend Fluggeräten, die bei ihrem Niedergang Schneisen der Verwüstung auf allen Kontinenten hinterlassen. Aus der Perspektive zahlreicher Figuren erzählt, ergibt sich so ein oft spannendes Kaleidoskop des Schreckens… und des Sterbens – aber leider auch unter den Protagonisten, denn Spörri hat keine Hemmungen, gerade recht umfangreich eingeführte Figuren gleich wieder zu das Zeitliche segnen zu lassen.

Mit den Überlebenden jedoch mutmaßt der gefesselte Leser über die Funktion der Fluggeräte – und ist am Ende zuletzt genauso schockiert über die Wahrheit wie die Figuren selbst. Denn Spörri entwirft hier ein in seinen Dimensionen geradezu gigantisches Szenario, das er mit einem über alle Erwartungen hinaus düstere Ende verknüpft, welches The Lost God in positivem Sinne von der Masse der Weltuntergangsromane unterscheidet – auch wenn hier und da literarische sowie cineastische Vorbilder nicht nur angedeutet werden, sondern auch bemerkbar sind. Spörri hat mit den hier angestrebten Schockeffekten, die leicht ins Groteske abrutschen können, recht hoch gepokert – und meiner Einschätzung nach gewonnen. Das nenne ich mal ein Ende!

Fragwürdig: Der Untergang (selbstverschuldet)

Der Autor will aber, wie schon der Aufhänger des “Reliktes von Bir Hooker” vermuten lässt, mehr als nur eine unterhaltsame und spannende Geschichte erzählen. The Lost God soll auch eine Bestandsaufnahme unserer Gegenwart sein – mit all ihren Mängeln, Widersprüchen und uns manchmal unbegreiflichen Vorgängen. Das Spektrum, über das Spörri seine zahlreichen Figuren häufig ermüdend referieren und diskutieren lässt, reicht von der Zerstörung des Regenwaldes über die “Klimalüge”, die wirtschaftlichen Verstrickungen der Industriestaaten und der Kunstbranche bis zu dem nicht immer unproblematischen Miteinander der Religionen – bzw. Kulturen und der Prä-Astronautik; gängige Verschwörungstheorien häufig und bekannte Ressentiments manchmal mit eingeschlossen. Falls es hier einen mutmaßlichen Zusammenhang zwischen den diskutierten Themen geben sollte, ist er mir zumindest entgangen (Aber ich halte das Roswell-Ufo ja auch für einen schnöden Spionageballon).

Während an einigen Stellen die Ausführungen noch funktional zum Plot beitragen, stehen sie an anderen Stellen geradezu quer dazu. So muss der Leser miterleben, wie sich ein australischer Fernsehmoderator und ein General ebensolcher Nationalität nach der größten Entdeckung der Menschheit während der anberaumten Sondersendung vor allem nicht mit den gelandeten Raumfahrzeugen und den darin möglicherweise befindlichen Invasoren auseinandersetzen, sondern hauptsächlich mit der Frage, ob der Islam eine “reformierbare” Religion und/oder eine Gefahr für das Abendland (ehemalige britische Gefangenenkolonien im Orient mit eingeschlossen) ist. Nicht erst hier kann sich dem Leser die Vermutung aufdrängen, dass Spörri der Versuchung erlegen ist, seine Figuren zum Sprachrohr seiner selbst zu machen – anstatt den den Plot für sich selbst sprechen zu lassen.

Als Rezensent will man der Versuchung, sich zu den von den Figuren vorgetragenen und im Text jeweils als “zutreffend” markierten Positionen  inhaltlich zu äußern, nicht erliegen  – man muss aber konstatieren, dass The Lost God aufgrund der ‘Exkurse’ –  die gar nicht so stören würden, wenn sie nicht aufgrund ihres Umfanges so häufig im Vordergrund stünden – vielmehr verliert als gewinnt.

Meine Versuche, beide Aspekte des Romans interpretatorisch auf einen Nenner zu bringen, liefen jedenfalls ins Leere. Andere Rezensenten waren da aber erfolgreicher (siehe hierzu die Rezension von Thompsen auf Blackfear.de.

Fazit

Gregor Spörris möchte mit seinem Roman The Lost God. Tag der Verdammnis für meinen Geschmack zuviel. Während er einerseits ein durchaus spannendes und interessantes – weil auch gewagtes – Endzeitszenario entwirft, belehrt der Roman andererseits mittels seiner Figuren den Leser zu vordergründig über die vermeintliche Hintergründe unserer Welt. Und dieser Eindruck verblasst auch nicht, nachdem man schmunzelnd Erich von Däniken im Sonnenuntergang der Menschheit beim Genuss seines letzten exquisiten Weines erleben durfte.