Maarten Keulemans: Exit Mundi. Die besten Weltuntergänge

Eine Rezension von Rob Randall

Schon vor einigen Jahren stieß ich im Internet auf die englischsprachige Webseite Exit Mundi, die jenseits esoterischen Unsinns einen umfassenden Überblick über die verschiedensten Weltuntergangsszenarien gibt. Nun könnte man ja meinen, dass über so unangenehme Ereignisse wie die Auslöschung allen irdischen Lebens (oder auch nur des Homo sapiens sapiens) unbedingt in ernstem Tonfall und mit bedeutungsschwerem Stirnrunzeln gesprochen werden müsste – dem ist aber nicht so. Der holländische Autor Maarten Keulemans beweist, dass es auch anders geht: nämlich unheimlich witzig.

Systematisiert hat Keulemans die Apokalypsen schön übersichtlich nach Themenbereichen wie Dinge, die aus ihrem Körper kommen oder Dinge, die wir wirklich nicht tun sollten. Neben den zu erwartenden Klassikern aus Film und Fernsehen (überraschenden Asteroideneinschlägen, vernichtenden Atomkriegen und misanthropischen Aliens) führt der Autor auch zahlreiche wirklich überraschende Katastrophen an: So findet sich im Kapitel Hau ab! das fiese Superunkraut und in Brfffft! die gemeine Methanexplosion. Meine persönlichen Favoriten finden sich allerdings in Ächu! Ächu!: unsere pandemischen Freunde – die Viren.

Obwohl sich im Eifer des Gefechtes der Stil des Autors manchmal überschlägt [… Sie bluten, da direkt neben ihnen steht der ihnen zugewiesene Haushaltsroboter Nellie. In ihrem Roboterarm steckt das nigelnagelneue Küchenmesser, das sie dorthin haben montieren lassen…] – was der Autor übrigens auch selbst eingesteht [Okay, okay, jetzt ist es ein bisschen mit mir durchgegangen. Aber dennoch…] ist das Ganze auf schräge Weise höchst gelungen. An vielen Stellen kann man sich das Lachen einfach nicht verkneifen, zum Beispiel, wenn Keulemans zu erklären versucht, warum die Wahrscheinlichkeit, dass wir auf Außerirdische nur in Form von Mikroben treffen werden, äußerst hoch ist: Wenn Sie ein Lebewesen suchen, das unterirdisch, in ätzender Säure oder einem Vulkanschlund wohnen kann, hilft Ihnen nun mal ein Zebra nicht sonderlich. Sie können Zebras in Vulkane werfen, bis sie schwarz werden, ein Vulkanzebra werden Sie nicht so schnell bekommen, auch dann nicht, wenn Sie das Zebra sich langsam dran gewöhnen lassen und es erst mal mit den Hufen am Vulkan fühlen darf…

Mit deutlichen Worten und auf höchst überzeugende  Weise räumt der Autor zudem (nicht ohne Häme) pseudowissenschaftliche Weltuntergangsszenarien wie die Vernichtung der Menschheit durch die Umkehrung der Pole oder durch den alle 3600 Jahre wiederkehrenden Besuch des Planeten X bzw. Nibiru/Niribu von der esoterischen Bühne. Den Eindruck, dass der Wissenschaftsjounalist Keulemans die jeweiligen Sachverhalte im Vorfeld sorgfältig recherchiert hat, hat man aber nicht nur in diesen Kapiteln, sondern die ganzen 278 Seiten über. An seinem Ende bietet das Buch zudem eine  höchst umfangreiche Liste der verwendeten wissenschaftlichen Literatur.

Fazit

Wer sich jenseits der in Endlosschleife auf den deutschen Nachrichtensendern abgespielten Reportagen über die möglichen Enden des Lebens, des Universums und des ganzen Restes informieren will, dem kann ich  nur raten, einmal in Keulemans Exit Mundi reinzulesen.

Hiltrud Gnüg: Utopie und utopischer Roman

Eine Rezension von Rob Randall

In ihrer 1999 beim Reclam Verlag in Stuttgart erschienenen Darstellung Utopie und utopischer Roman gelingt es Hiltrud Gnüg, die an der Universität Bonn unterrichtet hat, einen Überblick über die Geschichte  utopischer Staatsentwürfe und ihre Umsetzung in der Literatur anhand der wichtigsten Beispiele zu vermitteln. Mit Platons auch für die modernen Dystopien wichtigen Schrift Politeia einsetzend, betrachtet sie chronologisch voranschreitend Morus\‘ Utopia, Rabelais\‘ Gargantua und Pantagruel, Campanellas La Città del Sole sowie Bacons Nova Atlantis. Bei der Betrachtung des 17. und 18. Jahrhunderts konzentriert sie sich auf die höchst interessanten Planteten-Utopien, in denen die Autoren in satirischer Weise Negativaspekte der eigenen Gesellschaft in den Weltraum verlegen. In diesem Zusammenhang behandelt sie auch den unvermeidlichen Roman  Travels into Several Remote Nations of the World von Jonathan Swift – was nicht so ganz überzeugen kann, auch wenn dieser ebenso wie die Vorgänger phantastische Elemente aufweist.

Über Johann Gottfried Schnabels Werk Die Insel Felsenburg schlägt sie den Bogen von den vorangehenden Robinsonaden zu den restlichen Utopien des 18. Jahrhunderts. Deutlich arbeitet sie dabei die Revolution heraus, die Louis-Sébastien Merciers Roman Rêve s\’il en fut jamais in seinem Übergang von der Raum zur Zeitutopie darstellt. Diese betrachtet sie dann auch eingehend nach einer kurzen Darstellung der wenigen deutschen Utopien des 18. und 19. Jahrhunderts. Richtigerweise greift sie hierfür auf die zentralen Werke von Edward Bellamy, Looking Backward, und William Morris, News from Nowhere, und sogar auf H.G. Wells The Sleeper awakes und The Time Machine zurück. Dabei weist sie darauf hin, dass schon hier vieles von dem angelegt ist, was später in den negativen Dystopien des 20. Jahrhunders seine Entfaltung finden sollte: Die Gefahr der Enthumanisierung des Menschen durch die technische Entwicklung unter utopischen Vorzeichen. Einer Betrachtung dieser schaltet sie – als Übergang nur auf den ersten Blick nicht ganz so gelungen – eine Darstellung der feministischen Utopien des ausgehenden 19. Jahrhunderts vor, die sie überwiegend als Warnutopien zu charakterisieren vermag. So geling es Gnüg auch zu zeigen, welche Vorläufer die klassischen Dystopien, welche sie im Anschluss behandelt, haben. Neben den unvermeidlichen Werken von Evgeni Samjatin (Wir), George Orwell (1984) und Aldous Huxley (Brave New World) ergänzt sie die Betrachtung überraschenderweise durch Alexander Tschajanows Agrarutopie Reise meines Bruders Alexej ins Land der bäuerlichen Utopie, das sie Samjatins Wir leider sehr kurz gegebüberstellt, und Karen Boyes Warnutopie Kallocain, die man in Übersichtsdarstellungen sonst leider eher seltener findet.

Einer für meine  Geschmack leider viel zu kurz geratenen Übersicht über die Warnuntopien der fünfziger und sechziger Jahre, die sich ausgerechnet hauptsächlich mit dem Werk von Arno Schmidt auseinandersetzt und andere, viel verbreitetere Werke außer acht lässt, fügt diese Neuausgabe der schon 1983 erstmals veröffentlichten Darstellung ein Kapitel über das dystopische Denken der 80er Jahre hinzu, das am wenigsten überzeugen kann. Der additive Charakter ist ihm deutlich anzumerken, zumal sich Gnüg hier nicht auf die epischen Werke, sondern auf Filme und Gedichte konzentriert  – auch wenn Romane am Rande Erwähnung finden, so dass sich das letzte Kapitel der Darstellung unangenehm deutlich von den vorhergehenden abhebt. Es ist mir nicht ganz einsichtig, warum hier dann ausgerechnet auch Christa Wolfs Kassandra ausgiebig Betrachtung findet, während wichtige Werke anderer deutscher Autorinnen und Autoren nicht einmal Erwähnung finden, dafür aber dann auf eine weitere fremdsprachige feministische Dystopie, Margaret Atwoods The Handmaid\’s Tale (Die Geschichte der Magd), ausführlich eingegangen wird. Trotz der wachsenden Bedeutung feministischer Dystopien seit den siebziger Jahren wird dieses Kapitel, finde ich, dem Gegenstand nicht gerecht. So findet die leicht zu eruierende Tatsache, dass die überwiegende Mehrzahl der dystopischen Romane der 80er Jahre die atomare Bedrohung zum Gegenstand haben, nur in folgender Weise Erwähnung:  Neben Romanen (auf die vorher mit keinem Wort eingegangen wurde) entstanden auch zahlreiche Gedichte, die die Atomkatastrophe beschworen. Eine Konzentration auf die epischen Werke wäre hier meiner Ansicht nach sinnvoller gewesen.

Fazit

Wer sich über die Entwicklung des Genres der Utopie anhand der charakteristischen Merkmale der wichtigsten Vertreter informieren will, der kann Gnügs Monografie Utopie und utopischer Roman getrost erstehen, zumal sie für wenig Geld (6,10 Euro) zu haben ist. Wer dieses allerdings mit dem Hintergedanken tut, sich einen Überblich auch über die zweite Hälfte des 20 Jahrhunderts zu verschaffen, der sollte eher nach einem anderen Werk Ausschau halten.

Elena Zeißler: Dunkle Welten. Die Dystopie auf dem Weg ins 21. Jahrhundert

Eine Rezension von Rob Randall

In ihrer 2007 verfassten Dissertation Dunkle Welten. Die Dystopie auf dem Weg ins 21. Jahrhundert untersucht Elena Zeißler die Veränderungen, die das Genre der Dystopie seit der Auflösung der kommunistischen Welt erfahren hat.

Die 11 Kapitel des Buches zerfallen in zwei Teile: Im ersten Teil unternimmt die Autorin den Versuch einer an der Geschichte und an den für das Genre als paradigmatisch aufgefassten Texten 1984 und Brave New World orientierten Begriffsdefinition und gibt einen Überblick über die Entwicklung der Dystopie bis 1990. Im zweiten Teil wendet sie sich dann exemplarischen Vertretern postmoderner, wissenschaftlich-technischer, postkolonialer, feministischer bzw. ökofeministischer und russischsprachiger Dystopien zu, um diese hinsichtlich der für das Genre relevanten Merkmale im Vergleich mit den klassischen Dystopien zu untersuchen. In einer Zusammenfassung stellt sie dann über ein dutzend Merkmale fest, in denen die nach 1990 verfassten Dystopien von den klassischen abweichen.

Deutlich wird dabei, dass Zeißler den Begriff der Dystopie sehr eng – vielleicht zu eng – fasst. In der Konzentration auf die als Prototypen aufgefassten Texte ergeben sich als typische Merkmale des Genres zwangsläufig der zentrale Konflikt zwischen Protagonisten und Gesellschaft, in welchem die individualistisch-bürgerlichen Werte den kollektivistischen und totalitären Ansprüchen eines mächtigen durch Vernunft legitimierten, die Privatsphäre negierenden Systems gegenüberstehen und diesem üblicherweise zum Opfer fallen. Zeißler umgeht es auf diese Weise, die Dystopie selbst zu definieren, vielmehr konkretisiert sie den Typus der klassischen Dystopie. Werke wie Jeffries Roman Der Wald kehrt zurück (After London) von 1895, Wells Zeitmaschine (Time Maschine) von 1895 oder Döblins Berge, Meere und Giganten 1924 lassen sich aber eben nicht in diese Kategorie – alleine schon aufgrund des von der Autorin für den klassischen Typus ausgemachten dreiteiligen Aufbaus – einordnen, zumal sie auf eine griffige Definition des klassischen Typus verzichtet.

So lässt der später mit zahlreichen als beispielhaft aufgefassten Texten aus den Jahren nach 1990 durchgeführte Vergleich auch nur den Schluss zu, inwiefern diese  irgendwie noch vergleichbaren Romane vom vorher alleine konkretisierten Typus des Genres, dem sogenannten klassischen, unterscheiden, aber nicht, inwieweit sich das Genre insgesamt weiterentwickelt. Der Titel und die Untersuchung selbst suggerieren hier zumindest die zeitweilige Identität der sogenannten klassischen Dystopie mit dem ganzen Genre – was meiner Ansicht nach aber nicht der Fall ist. Man kann durchaus zugestehen, dass die dem sogenannten klassischen Typus zugrunde liegenden Texte paradigmatischen Charakter  – für die nachfolgenden Vertreter dieses Subgenres – haben, eingestehen muss man dann aber auch, dass für die spezifische Auswahl der Vergleichstexte aus den 1990er Jahren einzig die subjektive Ähnlichkeit mit dem klassischen Typus ausschlaggebend ist – und nicht die alleinige Zuordnung zum Genre ‘Dystopie’. Folglich bleibt es meiner Ansicht nach fraglich, inwieweit die Untersuchung von Zeißler Rückschlüsse für das gesamte Genre der Dystopie zulässt – selbst wenn man die methodische Frage, wie weit sich eigentlich die als vergleichbar aufgefassten dystopischen Texte von dem engen Typus der klassischen Dystopie unterscheiden dürfen, bevor sie hierzu nicht mehr geeignet sind, außer acht lässt. Wie weit darf die konstatierte Öffnung der in den klassischen Dystopien üblicherweise geschlossenen Gesellschaften eigentlich gehen? Und inwieweit ließen sich failed societies überhaupt noch als Dystopie beschreiben? Dürfte man Cormac McCarthys Die Straße (The Road) tatsächlich noch zum Vergleich heranziehen? Und wenn nicht, was sagt dieses über die Aussagekräftigkeit der Ergebnisse für das hier ausgemachte Genre ‘Dystopie’ aus?

Trotz aller Kritik ist aber festzustellen, dass Zeißlers fundiert wirkende Arbeit spannend und gut zu lesen ist – der Überblick über die Geschichte der Dystopie sowie die Darstellung der durch die Orwell und Huxley vertretenen Richtungen der Manipulation der Bevölkerung durch das System sind hochinteressant. Auch die beschriebenen Charakteristika der untersuchten Untergattungen sind der Lektüre wert. Zudem führt Zeißler eine ganze Reihe von (mir bisher nicht bekannten) Romanen auf, die äußerst lesenswert erscheinen – hierzu zählen für mich vor allem die zahlreichen russischsprachigen Dystopien.