H. G. Wells: Wenn der Schläfer erwacht

In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts verfasste H. G. Wells eine ganze Reihe von utopischen Romanen, die sich in kritischer Weise mit der Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich sowie den von Sozialisten Wells wahrgenommenen zeitgenössischen Ausbeutungsverhältnissen auseinandersetzen. Auch in Wenn der Schläfer erwacht aus dem Jahre 1899 entwirft er eine von sozialen Unterschieden geprägte Welt, die stark an jene Vision aus Von kommenden Tagen (1897) erinnert.

Wells bedient sich des spätestens seit Bellamys Utopie Looking Backward (1888) so beliebten Motivs eines langen, sehr langen Schlafes, um seinen Protagonisten Graham aus der Mitte des 19. Jahrhunderts in eine 200 Jahre entfernte Zukunft zu versetzen. Zudem stattet er den jungen Briten mit einer ganzen Reihe sozialistischer Auffassungen aus – und das aus gutem Grunde: Der auktoriale Erzähler wird so weitgehend von der Notwendigkeit eines kritischen Kommentierens befreit und kann den Leser mit Graham zusammen  entsetzt eine Welt entdecken lassen, die sich bewusst von den Zielen der Aufklärung verabschiedet hat. Damit antizipiert Wells aber auch gekonnt Reaktionen des Lesers auf die insgesamt doch wenig glaubwürdig klingende Grundannahme des Plots: Denn dieser muss sich wie Graham darüber verwundern, dass letzterem aufgrund von Erbschaften, Spekulationen von Vermögensverwaltern und Kapitalerträgen mehr als die Hälfte der Welt gehört und er selbst von der in unwürdigen Verhältnissen lebenden Arbeiterschaft als messianischer Heilsbringer verehrt wird. Während der in Grahams Namen regierende Rat sich des so plötzlich Erwachten schnell entledigen will, versucht sich der Machtmensch Ostrog hingegen der Person Grahams zu bedienen, um zum einen den Rat ausschalten und zum anderen selbst im Hintergrund die Weltherrschaft übernehmen zu können. Allerdings hat Ostrog mit drei Dingen nicht gerechnet: 1. Die von ihm bewaffneten und im Namen Grahams gegen den Rat ins Feld geführten Arbeiter erwarten weitergehende Veränderungen der Verhältnisse, 2. Graham verfügt über eine  recht schnelle Auffassungsgabe,  3. Graham lässt sich weder von seiner neuen Position als Herrscher der Welt in seinen sozialistischen Auffassungen korrumpieren, noch ist er gewillt als Ostrogs Marionette ein Leben in Luxus zu führen, während die Arbeiter in sklavenähnlichen Verhältnissen dahinvegetieren. Vielmehr setzt er sich das Ziel, diese aus ihren Abhängigkeitsverhältnissen zu befreien.

Im Vergleich: Von kommenden Tagen und Wenn der Schläfer erwacht

In der Figur von Graham zeichnet Wells ein insgesamt viel positiveres Bild des Menschen als in den Protagonisten Denton und Elisabeo aus dem Roman Von kommenden Tagen. Während Graham nach einer Besichtigungstour durch die Fabriken in der Londoner Unterwelt in der Lage ist, das gesellschaftliche System einer kritischen Analyse zu unterziehen, gelangt das unglückliche Liebespäarchen nicht über Klagen betreffs der eigenen Situation hinaus, zumal es nach einem Happy-End, das aber deus ex machina die Fiktion des Romanes  kritsch aufbricht, glücklich von den Ausbeutungsverhältnissen zu profitieren bereit ist. Betrachtet man ferner, dass die in beiden Romanen entworfenen Welten einander stark ähneln – es existieren in Großbritannien nur noch vier große von Rollbändern durchzogene Städte aus Hochäusern, die ländlichen Gegenden sind unbewohnt, die Stadt der Zukunft läuft in diese nicht mehr „sanft“ aus, sondern endet abrupt, die Arbeiter werden durch Schuldverhältnisse zu einem sklavenähnlichen Dasein unter Tage degradiert, wo sie gefährliche, ungesunde oder eintönige Arbeiten verrichten müssen, die Mittelschicht schwindet langsam dahin – so kann man durchaus davon sprechen, dass in Wenn der Schläfer erwacht dank der Distanz Grahams dem Leser eine kritische Außensicht jener zukünftigen ökonomischen (Schreckens-)Verhältnisse geboten wird, die er in Von kommenden Tagen schon von Innen heraus kennen gelernt hat.

Dabei lassen sich aber dennoch Unterschiede ausmachen. Während in Von kommenden Tagen die Kinder aufgrund sozialer Not weggegeben werden, entledigen sich in Wenn der Schläfer erwacht die auf Vergnügen und Unterhaltung bedachten Menschen ihrer Kinder, um sich allabendlich in Tanzhallen verausgaben zu können. Neben den allgegenwärtigen Schwätzmaschinen, welche die Menschen ununterbrochen mit Parolen nach Vorgaben Ostrogs beschallen, ist es diese Idee von Wells, die ich besonders gelungen finde: Während  in der Überwindung selbst der Elternliebe durch egoistisches Handeln das bekannte Grundübel, das „alte“ Wesen des Menschen, gekonnt ausgestellt und symbolhaft zusammengefasst wird, eröffnet die moderne Technik neue Wege der Manipulation und der Indoktrination [Und nebenbei gesagt: Diskotheken und Fernsehen sind nur zwei der vielen beeindruckenden technischen Visionen, die Wells vorführt: Unter anderem finden sich auch Lichtwaffen sowie Windparks in dem Roman].

Obwohl beiden Romanen eine negative Beurteilung der revolutionären Kraft der unterdrückten Arbeiter gemeinsam ist, treten diese in Wenn der Schläfer erwacht zumindest als verführbares Machtmittel – und als vielversprechendes Objekt emanzipativer Betrebungen der Gebildeten in Erscheinung. Gemeinsam ist beiden Romanen aber damit die Frage nach der Herkunft eines Neuen Menschen, der in der Lage ist, eine Veränderung der bestehenden Verhältnisse herbeizuführen – und das ist letztendlich auch die  zentrale Frage, die Wells mit seinen Romanen in gelungener Weise immer wieder stellt. In der Nichte Ostrogs, die mehrfach Graham vor dem Verrat von Ostrog bewahrt und die Bestrebungen ihres Onkels sabotiert,  korrigiert Wells in gewisser Weise den durch den Außenseiter Graham vom Leser gewonnen Eindruck, eine Veränderung von Innen heraus sei nicht möglich. Dankbarerweise enthält sich Wells dabei auch der Versuchung, die sich anbahnende Liebelei zwischen Graham und seiner ergebenen Helferin weiter auszubauen.

Denn während Wells in Von kommenden Tagen eine wenig mitreißende Liebesgeschichte präsentiert, muss sich sein Protagonist aus Wenn der Schläfer erwacht ständig zahlreicher Feinde erwehren. Aus Verrat und Intrige,  Flucht und Verfolgungsjagd resultiert eine insgesamt schnellere und  sehr viel packendere Handlung, welche mich letztendlich persönlich viel stärker anspricht – zumal man sich als Leser ganz gerne mit Graham identifiert, was bei Denton nicht so einfach möglich ist.

Fazit

Obwohl Wenn der Schläfer erwacht meines Erachtens Wells sehr besser gelungen ist als Von kommenden Tagen, kann ich mich zu einer wirklichen Empfehlung nicht durchringen. Grund hierfür ist das erzähltechnisch vielleicht gelungene, den Leser aber wenig befriedigende  Ende – über das ich hier leider nichts verraten darf.

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