Stephen King: Menschenjagd

1982 veröffentlichte Stephen King (unter dem Pseudonym Richard Bachmann) einen doch recht spannenden, aber insgesamt wenig überzeugenden Roman, der eine dystopische Gesellschaft in den U.S.A. des Jahres 2025 schildert. Menschenjagd wurde zwar 1987 unter dem Titel Running Man mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle verfilmt, doch blieb dabei von der ursprünglichen Handlung des Werkes, das King selbst als seinen besten Bachmann-Roman bezeichnet [Quelle: Stephen-King-Wiki], kaum etwas erhalten.

Die sozialen Unterschiede der amerikanischen Gesellschaft haben sich verstärkt und die Regierung ist nahezu hinter der allmächtigen Fernsehindustrie verschwunden. Dementsprechend ist per Gesetz auch in Co-Op-City für jeden Haushalt ein TV-Gerät vorgeschrieben – der Dauerbetrieb der Geräte aber noch nicht Pflicht. Eine Gesetzeslage hierzu ist vorerst gescheitert. Die ärmeren Schichten werden konsequent von Bildung ferngehalten, müssen dafür aber unter gesundheitsgefährdenden Bedingungen arbeiten. Die Verschmutzung der Umwelt – vor allem die der Luft – hat in starkem Maße zugenommen, über diese werden jedoch keine Studien veröffentlicht. Die wohlhabenderen und besser informierten Schichten können sich vor dem Schlimmsten schützen, während Lungenerkrankungen unter den Armen erschreckende Ausmaße annehmen.

Ben Richards, der arbeitslose Protagonist des Romanes, ist aufgrund der Lungentzündung seiner kleinen Tochter gezwungen, sich an die Fernsehgesellschaft, die insgesamt höchst unethische Formate produziert, zu verkaufen. Nachdem seine Eignung festgestellt worden ist, wird er für eine Sendung, die eine moderne Form der Gladiatorenspiele darstellt, ausgewählt: Menschenjagd. Sollte Richards auf einer Flucht durch die U.S.A. vor professionellen Kopfgeldjägern und einer hasserfüllten Bevölkerung 30 Tage überleben, wird ihm 1 Billion Dollar ausgezahlt. Der Protagonist spekuliert allerdings eher auf die 100 Dollar, die für jede Stunde des Spiels an seine Hinterbliebenen ausgezahlt werden,  denn bisher hat noch niemand gewonnen.

Der Roman kommt nur schleppend in Gang. Zu Beginn werden ausgiebig die langwierigen Tests geschildert, die Richards durchlaufen muss. Sie haben mich nach einer Weile doch ermüdet – auch wenn King dankenwerter Weise versucht, den individuellen und aufsässigen Charakter seines Protagonisten deutlicher zu zeichnen. Das gelingt aber nur hier: Die restlichen Figuren bleiben entweder derart stereotyp, dass man manchmal ärgerlich werden möchte, oder werden in billig wirkender Manier zu eiskalten Vertretern bzw. stumpfen Nutznießern des gesellschaftlichen Systems degradiert. Da besitzen selbst die Nebenfiguren in Suzanne Collins Jugendroman Die Tribute von Panem, der ein ähnliches Thema behandelt, viel mehr Tiefe.

Spannend ist tatsächlich die Verfolgungsjagd geworden, die allerdings doch Schwächen aufweist. Natürlich begegnet Richards sofort einem Netzwerk von Menschen, die sich gegen das System stellen. Die Idee, dass seine schwarzen Helfer aus ihren drogenverseuchten Ghettos heraus weiße Schulkinder überfallen, um an die begehrten Bibliotheksausweise zu kommen, welche ihnen aufgrund fehlenden Einkommens verboten sind, nur um sich in Verkleidung über die Folgen der Luftverschmutzung und die Struktur der Gesellschaft zu informieren, wirkt geradezu grotesk – und das ist vermutlich nicht gewollt, denn der Roman wirkt ansonsten völlig anspruchslos.

Spätestens als sich der zunehmend aggressiver und souveräner auftretende Richards in immer auswegloserer Situation an Bord eines Flugzeuges begibt, ist das Ende vorhersehbar. Da Stephen King aber seine klassischen Dramen gelesen hat, kommt es vorher noch einmal zu retadierenden Entwicklungen, die die Integrität des Sympathieträgers wenig glaubhaft auf die Probe stellen. Und der Autor wäre nicht er selbst, würde er den Roman nicht zu einem blutigen Finale bringen, bei dem der eine oder andere auf seine Gedärme tritt oder mit ihren Schlaufen in den weggeschossenen Visagen der umherliegenden Leichen hängenbleibt.

King ist sich wohl bewusst, dass Genreliebhaber eine intertextuelle Anspielung auf klassische Dystopien goutieren würden – leider gerät sein Vergleich der Raketensilos mit den aus H. G. Wells Roman Die Zeitmaschine bekannten Eingängen zum Reich der Morlocks völlig schief. Aber der Autor liebt es ja bekanntlicher Weise mit sprachlichen und inhaltlichen Kanonen auf Spatzen zu schießen – ansonsten würde der unangenehme Chef der Fernsehanstalt Richards auch nicht mit einem Abschuss seines Flugzeuges durch Atomraketen (!) drohen.

Fazit

Menschenjagd von Stephen King ist ein literarisch insgesamt äußerst enttäuschender Roman, dessen Handlung streckenweise aber durchaus fesseln kann. Interessanter als der Roman selbst erscheint die Tatsache, dass die Verfilmung Running Man durch die starken Änderungen der Handlung dem Werk eine ganze Menge kritisches Protential genommen hat, denn auch wenn das den Roman selbst nicht mehr als Ganzes rettet: Die Kritik an den Funktionsweisen des Mediums Fernsehen sowie am detailliert beschriebenen Umgang mit ihm durch eine zunehmend abstumpfende Bevölkerung wirkt durchaus gelungen.

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