Robie Macauley: Dunkel kommt die Zukunft

1979 veröffentlichte der amerikanische Journalist und Autor Robie Macauley die sprachlich anspruchsvolle Dystopie Dunkel kommt die Zukunft, in welcher er die U.S.A. an einem rassistisch motivierten Bürgerkrieg zerbrechen lässt und den Leser zugleich in die nach dem Dritten Weltkrieg entvölkerten Einöden Nordamerikas entführt. Dass der Autor damit ein nicht nur schwieriges, sondern seinerzeit auch äußerst aktuelles Thema aufgriff, wird daran erkennbar, dass kaum ein Jahr später tagelange Rassenunruhen in Miami ausbrachen.

Schon nach wenigen Seiten Lektüre wird deutlich, dass der deutsche Titel Dunkel kommt die Zukunft nicht wie der englische geeignet ist, das interessante kompositorische Prinzip des zwei Zeitebenen umfassenden Romans zu transportieren: Während die eine Ebene anhand von Tagebucheinträgen den Ausbruch der ethischen Unruhen in den U.S.A. und die damit einhergehende Destabilisierung der weltpolitischen Lage aus der Perspektive eines afroamerikanischen Studenten und Freiheitskämpfers beschreibt, erzählt die zweite Ebene die Geschichte des weißen Heilers Kinkaid in der zeitlich nicht genau zu verortenden postapokalyptischen U.S.A. Das Rätselhafte dabei ist, dass sowohl der weiße als auch der schwarze Protagonist vom jeweils anderen visionäre Träume haben und so die Handlungsstränge vom Autor mehrfach gekonnt ineinander übergeblendet werden. Nach dem ersten Drittel des Romans endet der des schwarzen Ich-Erzählers aus dem Jahre 1983 jedoch mit der Niederlage der schwarzen Milizen und dem Verstecken der Tagebuchaufzeichnungen in Chicago. Im weiteren Verlauf wird nun überwiegend personal die Geschichte Kinkaids erzählt, der sich alleine auf einer beschwerlichen Reise durch die gefährlichen Landschaften befindet, deren Ziel der rätselhafte Ort Haven ist, von dem der Protagonist von einem anderen sterbenden Reisenden einst erfahren hat. Was genau sich der nachdenkliche Kinkaid davon erwartet, wird bis zuletzt nicht mit hundertprozentiger Sicherheit deutlich – wahrscheinlich ist es jedoch die Hoffnung, dass irgendwo noch Menschen und Fähigkeiten existieren, mit denen man eine neue Zukunft aufbauen kann, die es späteren Generationen ermöglicht, wieder auf dem zivilisatorischen Niveau der rätselhaften Vorfahren vor 100 oder 200 Jahren zu leben. Die Erlebnisse Kinkaids scheinen darauf hinzudeuten, dass die schwarze Bevölkerung der U.S.A. gänzlich ausgelöscht worden ist, denn er kennt diese nur als gefährliche Gestalten aus uralten Legenden und begegnet selbst keinem Schwarzen. Über sein Ende wird – soviel kann man hier ruhig schon verraten – der Leser vom sich zuletzt als auktorialer zu erkennen gebenden Erzähler im Unklaren gelassen: Er beschreibt die Möglichkeit, dass Kinkaid in den Ruinen von Chicago geheimnisvolle Tagebuchaufzeichnungen findet, die ihm endlich eine seiner drängendsten Fragen beantworten: Wieso die rätselhafte Zivilisation der Vorfahren untergegangen ist. Somit endet der Roman mit den gleichen Worten, mit denen er beginnt – mit der Flaschenpost aus der Vergangenheit, die ihm die Geschichte seiner Gegenwart enthüllt: Ein Tag voller düsterer Vorzeichen, ein Tag, an dem es dir plötzlich kalt über den Rücken läuft, ein Tag voll lautlosem Donner, der dich betäubt, der Tag, an dem Cäsars Denkmal im Forum geheimnisvoll zu bluten beginnt…

Schon am ersten Satz des Romans wird deutlich, was diesen von den vielen anderen des Post-Doomsday-Genres unterscheidet: Er ist sprachlich äußerst gelungen und eindrucksvoll gestaltet (Was wohl nicht zuletzt auch an der guten Übersetzung durch Thomas Ziegler liegt). Das betrifft sowohl die zahlreichen bedrückenden Landschaftsbeschreibungen, die mich in ihrer Eindringlichkeit an jene aus McCarthys Die Straße erinnern, als auch die Gedanken und Reflexionen Kinkaids. Zudem weisen alle Figuren – selbst die weniger wichtigen – Tiefe und Plastizität auf. Kaum eine von ihnen erscheint stereotyp, vielmehr sind ihre Handlungen aus ihrer Lage heraus jeweils differenziert nachvollziehbar. So erhält Kinkaid auf der ersten Station seiner Reise Hilfe und Unterkunft von den durchaus freundlichen Bewohnern einer kleinen Siedlung, welche aber gleichzeitig mit barbarischen Mitteln eine wohl durch Strahlung intellektuell und körperlich degenerierte Bevölkerungsgruppe unterdrücken: Ein Mann lernt die Gespräche seiner Herren zu verstehen. Ein Mann schnitzt sich einen Bogen  und einige Pfeile, um Wild zu jagen. Insgeheim arbeitet er eine lange Zeit daran, einen Baumstamm auszuhöhlen und sich ein Kanu zu bauen. Er fischt in den Sümpfen. Dann konstruiert er sich einen Vorratsschrank für den Fisch, den er trocknet, für das Fleisch, das er räuchert, und für das Gemüse, das er sammelt, um seine Familie im Winter zu ernähren. Dann hängt man ihn an das Ende eines Seiles. Insofern beobachtet Kinkaide hier schon das, was er später möglicherweise auch aus den Tagebuchaufzeichnungen herauslesen wird: Die Diskriminierung und Vernichtung einer schwächeren Bevölkerungsgruppe durch eine vermeintlich stärkere – wobei hier letztlich ebenfalls die gemeinsame Siedlung in Flammen aufgeht.

Dieses Motiv erscheint sogar noch ein drittes Mal in einem (ein wenig gegen das Kompositionsprinzip zu verstoßen scheinenden) Handlungsstrang um die aus Haven stammende Glyn Havendochter, der ebenfalls personal erzählt wird. Die Tochter des Anführers des von Kinkaid so hoffnungsvoll gesuchten Ortes Haven wird mit anderen Siedlern aus der Umgebung von berittenen Sklavenfängern verschleppt, um in deren weit entfernten Siedlung verkauft zu werden. Richtet sich also die Unterdrückung im ersten Handlungsstrang gegen die ehemaligen Sklaven in den U.S.A. und im zweiten gegen die missgestalteten Strahlungsopfer, so werden im dritten nicht nur die auf ein primitives Niveau zurückgefallenen Weißen ihrer Freiheit beraubt, sondern auch die gebildeten Weißen, wenn sie denn zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sind. Somit entwirft Robie Macauley mit Dunkel kommt die Zukunft nicht nur eine düstere und pessimistische Zukunftsvision, sondern analysiert zugleich die Ursachen, die zur Unterdrückung der Schwarzen in den U.S.A. führen – und das Ergebnis könnte lauten: Sie sind nicht Opfer von Repressalien und Benachteiligung, weil sie schwarz sind, sondern weil sie die Schwächeren sind. Und diese Repressionen gehören – wenn auch unentschuldbar – zur menschlichen Natur.

So gelungen die sprachliche Gestaltung und so anspruchsvoll das Thema selbst ist, hat man manchmal an einigen Stellen doch den Eindruck, dass ein bisschen mehr Handlung nicht geschadet hätte. Der Roman weist zwar keine wirklichen Längen auf, aber ab und zu wünscht man sich – trotz zahlreicher gefährlicher Situationen für die Protagonisten – irgendwie doch, dass der Erzähler ein bisschen ‘voran’ machen würde.

Was mir aber ein Rätsel bleiben wird, ist die Auswahl  des Knaur Verlags für das deutschen Cover, welches einen gigantischen Vogel über einer dicht bewaldeten Landschaft zeigt, der einen Menschen in seinen riesigen Klauen trägt. Da die Darstellung mit dem Plot des Romans nun wirklich überhaupt nichts zu tun hat, habe ich eingangs auch auf das amerikanische Cover zurückgegriffen, das nicht wie das deutsche einen falschen Eindruck vom Inhalt erweckt.

Fazit

Ein Urteil über Dunkel kommt die Zukunft zu fällen ist wirklich nicht leicht. Robie Macauley hat hier einen anspruchsvollen und sprachlich wirklich guten Roman verfasst, der aber an zahlreichen Stellen – vor allen für Leser, die schnelle actionreiche Geschichten bevorzugen – zu wenig Handlung bietet. Wer aber auf letzteres verzichten und zugleich von den Ruinen unserer Großstädte nicht genug bekommen kann, der sollte den Roman ruhig einmal lesen.

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