Alfred Kubin: Die andere Seite

Im Rowohlt Verlag wurde dieses Jahr endlich eine Dystopie wieder neu aufgelegt, die bei ihrem erstmaligen Erscheinen 1909 Begeisterung bei vielen Künstlern und Intelektuellen auslöste und die auch heute noch zu den großen phantastischen Romanen der deutschen Literatur [Quelle: Kindlers Literaturlexikon] gehört: Alfred Kubins phantastischer Roman Die andere Seite, der nachhaltig Einfluss auf Gustav Meyrink, Hermann Kasack und Franz Kafka ausgeübt hat.

Inhalt

Der aus Salzburg stammende Ich-Erzähler berichtet, wie er eines Tages von einem Boten seines ehemaligen Schulfreundes Claus Patera Besuch erhält. Dieser eröffnet ihm, dass sein Herr in China zu unermesslichen Reichtümern gelangt sei und in den letzten Jahren einen nach außen abgeschotteten Staat aufgebaut habe: Das TraumreichPatera lade ihn ein, in diesem bzw. dessen Hauptstadt Perle zu leben, jedoch müsse er absolutes Stillschweigen über das Traumreich bewahren. Die anfänglichen Zweifel des Protagonisten am Wahrheitsgehalt der Einladung werden durch ein überaus großzügiges Reisegeld zerstreut – so macht er sich, nachdem er seinen Haushalt in Österreich aufgelöst hat, mit seiner Frau auf den Weg nach Samarkand, wo ihn die Diener Pateras erwarten. Dort teilt man ihm und seiner Frau mit, dass das Traumland nur zwei Tagesreisen entfernt liege – da beide jedoch beinahe die ganze Reise über schlafen, vermögen sie nicht zu sagen, ob dieses tatsächlich zutrifft.

Mussten sie in Samakand schon eine genaue Kontrolle über sich ergehen lassen, weil in Pateras Traumreich keine neuwertigen Gegenstände erlaubt sind, so wirkt die Stadt auf die beiden äußerst merkwürdig: Das Land selbst wird von einer äußert hohen Mauer umgeben, die Hauptstadt besteht aus in ganz Europa erworbenen und nach Perle verbrachten Gebäuden, die Einwohner tragen nur Kleidung aus den vergangenen Jahrhunderten, zudem scheint Geld recht wenig zu bedeuten, verliert es doch derjenige, der dieses in Übermaßen anhäuft, gleich wieder, wohingegen dem, der plötzlich keines mehr besitzt, die Existenz durch glückliche Zufälle bewahrt wird. Sämtliche Versuche des Protagonisten, der kurz nach seiner Ankunft auf geradezu rätselhafte Weise eine Wohnung und eine Anstellung als Illustrator bei einer Zeitung erhalten hat, eine Audienz bei seinem einstigen Schulfreund und jetzigen Alleinherrscher über das Traumland zu bekommen, schlagen – anscheinend aufgrund einer unglaublichen Bürokratie – jahrelang fehl.

Das Unbehagen des Ich-Erzählers und seiner Frau aufgrund der rätselhaften Vorkommnisse steigert sich im Laufe der Jahre aber noch: Zu rätselhaft sind die zahlreichen Vorkommnisse, für die es keine natürliche Erklärung zu geben scheint: Haushaltshilfen, die jeden Tag eine andere Person zu sein scheinen, ein rätselhafter Kult um eine Turmuhr und seltsame Geräusche aus einem Brunnen im Hofe eines Nachbarhauses sind nur wenige unerklärliche “Erscheinungen”, unter denen die beiden zu leiden haben. Der sich verschlechternde Gesundheitszustand der beiden führt im weiteren Verlauf dann tatsächlich sogar zum Tode der Ehefrau.

Vereinsamt, verzweifelt und verbittert, beginnt der Ich-Erzähler langsam zu ahnen, in was für einem Staat er sich befindet: In einen Land, in dem ein diktatorisch regierender “Gottkaiser” mittels übersinnlicher Kräfte nicht nur bis in die kleinsten Dinge des Alltages hinein die Menschen überwacht, sondern zudem in der Lage ist, deren Gedanken und Gefühle zu kontrollieren und zu manipulieren – bis der amerikanische Büchsenfleischfabrikant und Milliardär Herkules Bell den Kampf gegen den Autokraten und sein System aufnimmt…

Über die Schwelle der Moderne

Die andere Seite ist ein Roman, dem man seine 100 Jahre, die er auf dem Buckel hat, durchaus anmerkt. Nicht nur, weil sich überall (nur teilweise ironische) Anklänge an die Vorlieben der vorletzten Jahrhundertwende und satirische Anspielungen auf Probleme in der österreichisch-ungarischen K.-und-K.-Monarchie finden lassen, sondern auch in der in der Anlage der Dystopie selbst. Dennoch scheint er wegweisend:

Kubin entwirft zwar ganz nach dem bekannten klassischen Schema einen fernen isolierten Ort, dessen Lage nicht genau lokalisiert werden kann, gestaltet diesen dann aber gänzlich irreal und in hohem Grade grotesk als Traumland aus (Sigmund Freud hatte schon 1900 seine Traumdeutung veröffentlicht), wodurch dieser den Charakter einer Parallelwelt annimmt. In dieser spiegelt der Autor auch kritisch die Erscheinungen seiner Zeit. Ebenso wie die greise K.-und-K.-Monarchie Österreichs stützt sich der scheinbar unerreichbare Alleinherrscher Patera sichtbar alleine auf Militär und Bürokratie. Und der zeitgenössische österreichische Leser wird in der scheinbaren Verwaltung des Traumlandes (die Akten wurden aus Europa als Requisiten angekauft) ebenso unschwer wie in Kafkas Romanen die unglaublich lästige und bis ans Groteske grenzende Bürokratie seiner Donaumonarchie wiedererkannt haben: “Was wollen Sie? Haben Sie eine Vorladung? Welche Papiere tragen Sie bei sich?” So kurz angebunden wie draußen war man hier nicht, im Gegenteil, die Auskünfte schäumten: “Um eine Audienzkarte zu erhalten, brauchen Sie außer Ihrem Geburts-, Tauf- und Trauschein das Schulaustrittszeugnis Ihres Vaters, die Impfbestätigung Ihrer Mutter. Im Korridor links, Amtszimmer Nr. 16 machen Sie Ihre Angaben über Vermögen, Bildungsgang und den Besitz von Orden. Ein Leumundszeugnis Ihres Schwiegervaters ist erwünscht, aber nicht unbedingt erforderlich.” Und darüber kann, wie auch über vieles Anderes in Perle, sogar noch der heutige Leser verbittert schmunzeln.

Der dreiteilige Roman (der 1. Teil berichtet über die Einladung, der 2. Teil über das Leben in Perle) schildert zuletzt in allen Einzelheiten den Untergang des geheimnisvollen Traumreiches. So großartig die Bilder und die metaphernreiche Darstellung – ebenso wie in den vorhergehenden Teilen – hier auch ausfallen mögen, nach gut 30 Seiten hätte es genug sein können. Das ist aber auch die einzige Länge im Werk, die ich bemerkt habe. Der heutige Leser wird vielleicht zudem – mir ist es zumindest streckenweise so gegangen – eines vermissen: Eine mehr oder minder „konventionelle“ Handlung,  d.h. eine, deren Forgang durch die Handlungen des Protagonisten maßgeblich beeinflusst wird. Denn der Ich-Erzähler erscheint in hohem Maße fremdbestimmt und kann – von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen – nur das Geschehen um ihn herum genau schildern, teilweise auch gut analysieren, nicht jedoch nachhaltig beeinflussen. Das kann der Roman aber aufgrund der Natur des von Patera gesteuerten Traumreichs dem Leser gar nicht bieten.

In einem Epilog führt der nach 3 Jahren ins ‘normale’ Europa zurückgekehrte Ich-Erzähler dann noch einmal aus, was ihm an seinen Erfahrungen bedeutsam erscheint und welche psychischen Folgen sein Aufenthalt im Traumland für gehabt hat. Deutlich macht Kubin hier, dass sich in den beiden Widersachern Bell und Patera Todessehnsucht und Lebenstrieb widerspiegeln, die beiden Grundkräfte des Daseins [Quelle: Kindlers Literaturlexikon], wobei aber auch klar wird, dass beide nicht von einander zu trennen sind, verwandelt sich doch Patera im vorletzten Kapitel sogar in den Amerikaner Bell. Ebenso rätselhaft wie das Traumreich selbst bleibt also die nicht bis ins Letzte schlüssig zu deutende Aussage des einzigen Romans von Alfred Kubin.

Fazit

Wer kafkaeske und groteske (Schauer-)Romane mag, der sollte Kubins phantastischen Roman Die andere Seite unbedingt lesen. Aber auch denjenigen, die dem feinen Witz und der teilweise nur angedeuteten Ironie der Literatur der frühen Moderne etwas abgewinnen können, kann ich diese in sympathischer Weise gealterte Anti-Utopie nur empfehlen.

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