Vladimir Sorokin: Der Tag des Opritschniks

Die Erfahrungen Russlands mit der Demokratie sind kurz: Einige wenige Monate im Jahre 1917 von der Februarrevolution bis zur Oktoberrevolution sowie die Jahre seit der Auflösung der U.D.S.S.R unter JelzinPutin und Medwedew – wenn man das denn nach westlichem Verständnis Demokratie nennen kann. Die zahlreichen kritikwürdigen Punkte des – freundlich ausgedrückt – höchst paternalistisch wirkenden Systems und die aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen spiegelt der russische Skandalautor Vladimir Sorokin in seinem interessanten dystopischen Roman Der Tag des Opritschniks in das Jahre 2027.

Russland wird zu diesem Zeitpunkt von seinem Monarchen, dem Gossudar, absolutistisch regiert. Wie ein solches Regiment überhaupt möglich geworden ist, erklärt sich aus der Selbst- und Fremdwahrnehmung der Bevölkerung bzw. der Figuren. Das für sie in wirtschaftlicher und politischer Bedeutungslosigkeit versunkene demokratische Europa ist nicht nur nicht attraktiv – es wird als degeneriert und zunehmend afrikanisiert wahrgenommen. Von diesem Westen hat sich das überlegen glaubende Russland unter dem Gossudar, wie schon unter Iwan dem Schrecklichen und unter Stalin, abgeschottet, die Bevölkerung sogar freiwillig ihre Reisepässe verbrannt. Und immer wieder zeigt der russische Bär dem zahnlosen Europa seine Macht, indem er die Gas- und Erdöllieferungen gen Westen unterbricht. Der mit Nationalismus und Rassismus einhergehende heutige russische Isolationismus, den Sorokin hier kritisiert, macht bei ihm überraschenderweise gen Osten – zum kommunistischen China hin –  eine Ausnahme. Es ist die chinesische Kultur, die sich, getragen von der wachsenden wirtschaftlichen und politischen Bedeutung des Reiches der Mitte, zunehmend im Umgang, in der Sprache und am Inventar der Machteliten des Landes zeigt und so auch zu einer Umorientierung des Staates führt. Eine Voraussage, die sich angesichts des Bedeutungsgewinns Chinas in den letzten Jahren unter bestimmten Bedingungen durchaus erfüllen könnte.

So unspektakulär diese Annahmen Sorokins auch erst einmal scheinen – Der Tag des Opitschniks hebt sich deutlich von den klassischen Dystopien ab:

Erst ein Peitschenhieb, dann ein Schrei. Noch ein Hieb. Ein Stöhnen. Nach dem dritten Hieb ein Röcheln. Den Klingelton hat Pojarok in der geheimen Kanzlei mitgeschnitten, als sie einen Wojewoden aus Fernost folterten. Musik, die einen Toten aufweckt.

Erwartet der Leser eines antiutopischen Romans normalerweise als Protagonisten einen sich im Verlauf der Handlung gegen das System stellenden  Sympathieträger, so wird schon auf der ersten Seite dieser utopischen Satire deutlich, dass der Ich-Erzähler Danilowitsch Komjaga, ein ziemlich unkritischer Scherge des Gossudaren, diese in ihn gesetzten Erwartung nicht erfüllen wird. Er hat nicht nur seine diebische Freude an den im Dienst begangenen Gewaltexzessen, wenn er mit seinen Kameraden gleich vormittags einen in Ungnade Gefallenen auf seinem Anwesen hängt, sondern auch an der üblichen Gruppenvergewaltigung von dessen Ehefrau. Denn Komjaga ist ein Opritschnik. Waren die Opritschniki im 16. Jahrhundert die brutale Antwort Iwan des Schrecklichen auf die für ihn bedrohliche Macht des Grundadels, der Bojaren, so verfolgt diese verschworene Gemeinschaftim Jahre 2027 diejenigen, die des gerechten Herrschers Missgunst trifft – und führt ebenfalls wie das historische Vorbild Hundekopf und Besen als Zeichen der Macht. Und natürlich geht Komjaga auch an diesem Montagmorgen in die Messe, wie es schon immer Sitte des Landes gewesen ist. Sorokins psychologische Studie stellt somit insgesamt nicht nur die Frage nach dem Ursprung der im russischen Alltag häufig gegenwärtig scheinenden Gewalt – er kritisiert auch die damit verbundene Scheinheiligkeit.

Wenig später begleitet der Leser Komjaga nach Orenburg, wo er chinesischen Händlern unrechtmäßig ein zweites Mal den Zoll abzupressen sucht. Und nach seiner Rückkehr kann man verfolgen, wie er eine Schauspielerin um tausende von Goldrubel dafür erleichtert, dass eine Freundin aus einem Ermittlungsverfahren der Staatsorgane herausgehalten wird. Dabei springt zwar auch für ihn selber am Ende etwas heraus, doch die hier allgegenwärtige Korruption ist ein existentieller Bestandteil des durch den Gossudaren geschützten oligarchischen Systems, das sich in der Oprischnina manifestiert, und dient dessen Finanzierung. Deutlich wird, dass Sorokin in seinem Werk die aus Wirtschaft, Geheimdienst und Partei stammenden Oligarchen des postkommunistischen Russlands  nachzeichnet, die sich – von der Machtspitze scheinbar geduldet – im heutigen Russland bereichern können und dabei auch vor kriminellen Taten nicht zurückschrecken. Und Sorokin zeigt, wie sich der starke Mann ihrer bedient, wie er Gunst verteilt – und wieder nimmt. So wohnt der Leser am Ende des Tages nicht nur einer homosexuellen Orgie in der Privatsauna des Anführers der Opritschniki – dem Alten – bei, sondern auch einem gemeinschaftlichen Mord an einem die Opritschniki um Hilfe bittenden Familienmitglied des Gossudaren, das vor wenigen Stunden aufgrund von Verfehlungen gegen das Eigentum des Staates fallen gelassen worden ist. Denn der Staat bin ich – oder auf russisch: Die Kuh Russland wird von den Mächtigen immer tüchtig gemolken, denn sie ist ihr Eigentum.

So wie Solschenizyn 1962 Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch ausreichte, um die entsetzlichen Verbrechen des Gulagsystems in der stalinistischen U.D.S.S.R. bloßzulegen, so genügt Sorokin, der schon im Titel auf das beeindruckende Werk des Nobelpreisträgers anspielt, diese zeitliche Begrenzung für sein gelungenes Vorhaben, das heutige Russland zu in satirischer Übertreibung zu analysieren und vor der weiteren möglichen Entwicklungen zu warnen, ebenfalls. Dadurch gerät der Roman übrigens auch recht kurz, er umfasst gerade mal 220 Seiten.

Als wäre das alleine nicht schon skandalträchtig genug, kann es Sorokin es nicht lassen und gestaltet die homosexuelle Orgie, die ein wenig an die Ford’schen Vereinigungszeremonien aus Huxley Brave New World gemahnt, sprachgewaltig aus: Der Alte hat den ersten Schritt getan. Und wir alle rücken ihm, dem Kopf der Raupe, nach […] So folgen wir dem Alten Schritt um Schritt. Tritt um Tritt. Im Tausendfüßlerschritt… So setzt Sorokin zuletzt die brutalen Figuren in der sprachlich und bildlich geradezu grotesken Überzeichnung der Männerbünde zusammenhaltenden Bindungskräfte einem bitteren Spott aus. Und garantiert seinem Werk Aufmerksamkeit, Protest und Schlagzeilen. Geschickt.

Man kann Sorokin durchaus unterstellen, dass er in Der Tag des Opritschniks männliche Gewalt- und Vergewaltigungsphantasien auslebt und sprachlich vom Derben und Schlichten manchmal ins Vulgäre abrutscht [siehe: Rezension Evelyn Fingers in Die Zeit] – aber dann muss man auch sagen: Dadurch wird der Wert des hier vorliegenden Romanes aber nicht geschmälert, zumal die Gewalt im Roman immer derart grotesk verfremdet präsentiert wird, dass sie nicht, wie in literarisch wenig wertvollen Werken, abstandslos rezipiert werden kann. Sicher bedient Sorokin unverhältnismäßig stark bekannte Klischees über Russland und den “Iwan” [siehe auch hierzu die Rezension Evelyn Fingers in Die Zeit] – aber auch diese überzeichnet er so stark, dass man sie nicht mehr für bare Münze nehmen, sondern nur über sie schmunzeln kann. Und schließlich steht im Zentrum des Romans auch die Frage nach der Volksseele – von der wir doch alle schon lange wissen, dass es sie nicht gibt, nicht geben kann – auch wenn der große Philosoph Nietzsche einst die Behauptung “Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, denn böse Menschen haben keine Lieder” in Zweifel zog, indem er humorvoll fragte: “Warum singt der Russe dann?”

Fazit

Der Tag des Opritschniks von Vladimir Sorokin ist ein durchaus unterhaltsamer – weil auch bewusst provozierender – Roman,  der seinen Wert nicht zuletzt aus bitterbösen Zuspitzungen gewinnt. Wer also Gefallen an teilweise beißendem Spott findet und sich durch den provozierenden und teilweise auch derben Inhalt nicht abgeschrecken lässt, der sollte den Roman einmal lesen.

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