Cormac McCarthy: Die Straße

Lange ist es her, dass ich einen so eindringlich geschriebenen Roman gelesen habe wie das 2006 erschienene und 2007 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Werk  Die Straße von Cormac McCarthy – und noch seltener hat mich die Atmosphäre einer literarischen Welt so erschüttert und gefangen genommen:

Er lag da und lauschte den im Wald tropfenden Wasser. Muttergestein, das. Die Kälte und die Stille. Die Asche der vorigen Welt von den rauen, irdischen Winden in der Leere hin- und hergeweht. Herangeweht, verstreut und abermals herangeweht. Alles aus der Verankerung gelöst. Ohne Halt in der aschenen Luft. Getragen von einem Atemhauch, zitternd und kurz. Wenn nur mein Herz aus Stein wäre.

Die Handlung des 253 Seiten starken Romans ist schnell erzählt. Ein namenloser Mann und sein noch junger namenloser Sohn kämpfen auf ihrer aus Verzweiflung geborenen Reise an die Küste der U.S.A. in einer weitgehend entvölkerten postapokalyptischen Welt um das nackte Überleben. Immer wieder gehen in dem sich stetig stärker verdunkelnden nordamerikanischen Kontinent ihre Lebensmittelvorräte zur Neige, immer wieder drohen sie zu erfrieren oder zu verhungern und immer wieder müssen sie auf den geschmolzenen Straßen oder in den toten Wäldern jenen Personengruppen ausweichen, die beschlossen haben, ihr Überleben durch kannibalistische Ernährung sicherzustellen. Was die beiden Protagonisten in einem Universum aus Mangel, Gefahr, Betrug und Misstrauen am Leben erhält, ist der jeweils andere: Weil in dieser Schreckensexistenz der eine  die ganze Welt des anderen ist – und somit erzählt der Roman nicht nur, wie der Klappentext verlautbart, die Geschichte der Liebe eines Vaters zu seinem Sohn, sondern auch – vor allem gegen Ende des Romans hin, nachdem sie das Meer erreicht haben – die der Liebe eines Sohnes zu seinem Vater. Denn nachdem die Mutter sich auf  ihrer Odyssee durch die verheerten Vereinigten Staaten das Leben genommen hat, ist die liebevolle Sorge des Vaters um seinen Sohn, sowie dessen Angst um seinen Beschützer, wenn dieser auf Beutezug wieder einmal in einen wahrscheinlich verlassenen Bauerhof einbricht und damit rechnen muss, dass er schon von gefährlichen Clans, die im Keller ihre menschlichen Nahrungsvorräte gefangen halten, besetzt worden ist. Und trotzdem schwebt über beiden immer wieder die Gefahr, in der bedrückend beschriebenen und von der Katastrophe gezeichneten öden Landschaft die Hoffnung zu verlieren.

Im grauen Licht trat er hinaus, blieb stehen und erkannte einen Moment lang die absolute Wahrheit der Welt. Das kalte unerbitterliche Kreisen der hinterlassenschaftslosen Erde. Die erbarmungslose Dunkelheit. Die blinden Hunde der Sonne in ihrem Lauf. Das alles vernichtete schwarze Vakuum des Universums. Und irgendwo zwei gehetzte Tiere, die zitterten wie Füchse in ihrem Bau. Geliehene Zeit, geliehene Welt und geliehene Augen, um sie zu betrauern.

Im Verlaufe des überwiegend aus der Perspektive des Vaters personal erzählten Romans erfährt der Leser nirgendwo Genaueres über die Ursache der Katastrophe, die über die Menschheit hereingebrochen ist. Nur in einer Rückblende des Mannes werden Reihen von Lichtblitzen in der Nacht erwähnt, so dass hier ein vorausgegangener Atomkrieg vermutet werden kann. Sicher ist dieses aber nicht. Die Frage, was zum Aussterben aller Flora und Fauna und der immer weiter fortschreitenden Verdunkelung der Welt geführt hat, spielt für das Leben der Protagonisten aber auch wirklich keine Rolle mehr – wichtiger ist für sie vielmehr, woher sie das nächste Paar passende Schuhe oder die nächste Konservendose bekommen (Im Übrigen – man sehe mir diesen Vergleich hier nach – fühlte ich mich, während ich über die selten erfolgreichen Beutezüge des Vaters in verlassenen Häuser, Geschäften und Schiffen las, ein wenig an Fallout 3 erinnert…).

Dort draußen war der graue Strand, an den unter fernen Rauschen stumpf und bleiern die langsamen Brecher heranrollten. Wie die Ödnis einer fremdartigen See, die sich an den Ufern einer unbekannten Welt bricht. Draußen im Watt lag ein Tanker auf der Seite . Dahinter der Ozean, weit, kalt und in schwerfälliger Bewegung, wie ein Fass voll langsam wogender Schlacke, dann die graue Kaltfront aus Asche.

Erinnert hat mich der Roman zudem auch an ein apokalyptisches Gedicht Byrons (Darkness), das von einer Welt in plötzlicher Dunkelheit handelt:

I had a dream, which was not all a dream.
The bright sun was extinguish’d, and the stars
Did wander darkling in the eternal space
[…]
Ships sailorless lay rotting on the sea,
And their masts fell down piecemeal: as they dropp’d
They slept on the abyss without a surge–
The waves were dead; the tides were in their grave,
The moon their mistress had expir’d before;
The winds were withered in the stagnant air,
And the clouds perish’d; Darkness had no need
Of aid from them–She was the Universe.

Der Vergleich mit Byrons Gedicht zeigt, dass, obwohl McCarthy „nur“ Prosa schreibt, es ihm gelingt, durch Wortwahl und Syntax eine Atmosphäre zu evozieren, die der des Gedichtes kaum nachsteht. Es ist gerade dieser Stil, der das Buch noch vor dessen Inhalt selbst so lesenswert macht. Obwohl ich normalerweise eher kein Freund von langen Landschaftsbeschreibungen bin, war ich von diesen begeistert  – und obwohl sich diese oft gleichen und die Handlungen zudem häufig ähneln, kam keine Langeweile auf. Dass dieses alles in der deutschen Fassung immer noch gelingen kann, ist wohl das Verdienst des Übersetzers, den ich hier nun abschließend auch einmal loben will.

Meiner abschließendes Urteil kann nur lauten: Den Roman sollte man mal an einem trüben und verregneten Sonntagnachmittag unbedingt zur Hand nehmen.

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