Elena Zeißler: Dunkle Welten. Die Dystopie auf dem Weg ins 21. Jahrhundert

In ihrer 2007 verfassten Dissertation Dunkle Welten. Die Dystopie auf dem Weg ins 21. Jahrhundert untersucht Elena Zeißler die Veränderungen, die das Genre der Dystopie seit der Auflösung der kommunistischen Welt erfahren hat.

Die 11 Kapitel des Buches zerfallen in zwei Teile: Im ersten Teil unternimmt die Autorin den Versuch einer an der Geschichte und an den für das Genre als paradigmatisch aufgefassten Texten 1984 und Brave New World orientierten Begriffsdefinition und gibt einen Überblick über die Entwicklung der Dystopie bis 1990. Im zweiten Teil wendet sie sich dann exemplarischen Vertretern postmoderner, wissenschaftlich-technischer, postkolonialer, feministischer bzw. ökofeministischer und russischsprachiger Dystopien zu, um diese hinsichtlich der für das Genre relevanten Merkmale im Vergleich mit den klassischen Dystopien zu untersuchen. In einer Zusammenfassung stellt sie dann über ein dutzend Merkmale fest, in denen die nach 1990 verfassten Dystopien von den klassischen abweichen.

Deutlich wird dabei, dass Zeißler den Begriff der Dystopie sehr eng – vielleicht zu eng – fasst. In der Konzentration auf die als Prototypen aufgefassten Texte ergeben sich als typische Merkmale des Genres zwangsläufig der zentrale Konflikt zwischen Protagonisten und Gesellschaft, in welchem die individualistisch-bürgerlichen Werte den kollektivistischen und totalitären Ansprüchen eines mächtigen durch Vernunft legitimierten, die Privatsphäre negierenden Systems gegenüberstehen und diesem üblicherweise zum Opfer fallen. Zeißler umgeht es auf diese Weise, die Dystopie selbst zu definieren, vielmehr konkretisiert sie den Typus der klassischen Dystopie. Werke wie Jeffries Roman Der Wald kehrt zurück (After London) von 1895, Wells Zeitmaschine (Time Maschine) von 1895 oder Döblins Berge, Meere und Giganten 1924 lassen sich aber eben nicht in diese Kategorie – alleine schon aufgrund des von der Autorin für den klassischen Typus ausgemachten dreiteiligen Aufbaus – einordnen, zumal sie auf eine griffige Definition des klassischen Typus verzichtet.

So lässt der später mit zahlreichen als beispielhaft aufgefassten Texten aus den Jahren nach 1990 durchgeführte Vergleich auch nur den Schluss zu, inwiefern diese  irgendwie noch vergleichbaren Romane vom vorher alleine konkretisierten Typus des Genres, dem sogenannten klassischen, unterscheiden, aber nicht, inwieweit sich das Genre insgesamt weiterentwickelt. Der Titel und die Untersuchung selbst suggerieren hier zumindest die zeitweilige Identität der sogenannten klassischen Dystopie mit dem ganzen Genre – was meiner Ansicht nach aber nicht der Fall ist. Man kann durchaus zugestehen, dass die dem sogenannten klassischen Typus zugrunde liegenden Texte paradigmatischen Charakter  – für die nachfolgenden Vertreter dieses Subgenres – haben, eingestehen muss man dann aber auch, dass für die spezifische Auswahl der Vergleichstexte aus den 1990er Jahren einzig die subjektive Ähnlichkeit mit dem klassischen Typus ausschlaggebend ist – und nicht die alleinige Zuordnung zum Genre ‘Dystopie’. Folglich bleibt es meiner Ansicht nach fraglich, inwieweit die Untersuchung von Zeißler Rückschlüsse für das gesamte Genre der Dystopie zulässt – selbst wenn man die methodische Frage, wie weit sich eigentlich die als vergleichbar aufgefassten dystopischen Texte von dem engen Typus der klassischen Dystopie unterscheiden dürfen, bevor sie hierzu nicht mehr geeignet sind, außer acht lässt. Wie weit darf die konstatierte Öffnung der in den klassischen Dystopien üblicherweise geschlossenen Gesellschaften eigentlich gehen? Und inwieweit ließen sich failed societies überhaupt noch als Dystopie beschreiben? Dürfte man Cormac McCarthys Die Straße (The Road) tatsächlich noch zum Vergleich heranziehen? Und wenn nicht, was sagt dieses über die Aussagekräftigkeit der Ergebnisse für das hier ausgemachte Genre ‘Dystopie’ aus?

Trotz aller Kritik ist aber festzustellen, dass Zeißlers fundiert wirkende Arbeit spannend und gut zu lesen ist – der Überblick über die Geschichte der Dystopie sowie die Darstellung der durch die Orwell und Huxley vertretenen Richtungen der Manipulation der Bevölkerung durch das System sind hochinteressant. Auch die beschriebenen Charakteristika der untersuchten Untergattungen sind der Lektüre wert. Zudem führt Zeißler eine ganze Reihe von (mir bisher nicht bekannten) Romanen auf, die äußerst lesenswert erscheinen – hierzu zählen für mich vor allem die zahlreichen russischsprachigen Dystopien.

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