George Orwell: 1984

MEINE PERSÖNLICHE ERFAHRUNG MIT EINEM KLASSIKER

Ich kann mich noch genau an diesen späten Nachmittag erinnern. Ich war 17 und nahm ein Buch, dessen Titel mir so gar nichts sagte, aus dem Bücherregal meiner Eltern: 1984 von George Orwell. Ich wusste zwar, dass Orwell ein berühmter Autor war und dass er Die Farm der Tiere geschrieben hatte, aber was ich mir da für einen Klassiker vorgenommen hatte, ahnte ich nicht.

12 Stunden später, als ich völlig übernächtigt mit dem Bus in die Schule fuhr, wusste ich es: Das war das beeindruckendste Buch, das ich bis dato gelesen hatte. Ich hatte es nicht aus den Händen legen können. Und überrscht stellte ich zudem fest, dass ich an diesem Morgen die Welt mit schläfrigen Augen anders sah. Etwas hatte sich verändert – mein Blick auf die Dinge hatte sich verändert. Und schuld war das Buch. DAS Buch.

Ein solch einschneidendes Erlebnis ist mir übrigens nur einmal noch zuteil geworden und zwar nicht bei  der Lektüre des zweiten paradigmatischen Werk des Genres, Huxleys Brave New World – zu dem ich niemals einen persönlichen Zugang gefunden habe – sondern bei Houllebecqs Ausweitung der Kampfzone. Aber das ist schon eine ganz andere Geschichte.

Geschichte und Rezeption des Romans

Meine eigene Leseerfahrungen zeigen mir – gleich was Kritiker und Literaturwissenschaftler über dieses Werk behaupten wollen – der in den Jahren 1946/47 entstandene Roman ist ein Meisterwerk. Tatsächlich nahe ich mich ihm nur mit gewisser Ehrfurcht. Er hat sowohl in der motivischen Ausgestaltung, den inhaltlichen Themen, dem Charakter der dystopischen Gesellschaft, der Figuren als auch der Erzählstruktur das Paradigma geliefert, an dem sich die nachfolgenden Romane entweder orientieren oder zumindest messen lassen. Denn aufgrund der Rezeptionsgeschichte ist es nicht Semjatins 15 Jahre zuvor erschienener Roman Wir gewesen, der das Muster bereitgestellt hat, sondern Orwells Text, der vermutlich nicht durch die Lektüre des Vorgängers beeinflusst worden ist, wie man aufgrund der strukturellen Ähnlichkeiten lange vermutet hat. Und beinahe 70 Jahre nach seinem Erscheinen nehmen aktuelle Romane noch immer Bezug auf diesen Klassiker. Als Beispiel kann hier Haruki Murakamis Werk 1Q84 aus diesem Jahr genannt werden. Und beinahe kein Verlag lässt es sich nehmen, einen dystopischen Roman mit Orwells 1984 zu vergleichen,  ob dieser nun (wie P.D. James Im Land der Leeren Häuser) dem Subgenre der klassischen Dystopie zugerechnet werden kann oder (wie Doris Lessings Die Memoiren einer Überlebenden) auch nicht. Deshalb möchte ich mich in mehreren Posts damit auseinandersetzen, welche  Merkmale 1984 eigentlich zum paradigmatischen Text des Genres der klassischen Dystopie machen. Dabei werde ich nach einer kurzen Inhaltsangabe in der hier angegebenen Reihenfolge folgende Punkte betrachten: Den besonderen dystopischen Charakter der Gesellschaft, die Figuren, die Handlungsstruktur und zuletzt die wichtigsten Motive und Themen, insofern sie genretypisch geworden sind.

Der Inhalt in Kürze

Teil I: Der im Londoner Ministerium für Wahrheit arbeitende und dort die historischen Dokumente ‘überarbeitende’ Winston Smith beginnt heimlich ein Tagebuch zu führen, was in dem von totaler Kontrolle geprägten Staat nicht nur ein schweres Verbrechen darstellt, sondern auch angesichts der Videoüberwachung in seinen eigenen vier Wänden schwer zu verbergen ist. Er begegnet bei seiner Arbeit Julia, die ihn interessiert, er aber für eine Mitarbeiterin der Gedankenpolizei hält. Bei einem seiner Ausflügen in die Welt der Proles (der Unterschicht) erhält er die Möglichkeit, ein Zimmer ohne überwachenden Teleschirm zu mieten, er sieht jedoch aufgrund der Gefährlichkeit davon ab.

Teil II: Die beim Vorübergehen strauchelnde Julia steckt Winston nach einer weiteren Begegnung, aufgrund derer er sich fast sicher ist, dass sie für den Geheimdienst arbeitet, auf der Arbeit heimlich einen Zettel zu, auf dem sie ihm ihre Liebe gesteht. Um die überall präsente Überwachung zu umgehen, treffen sie sich erst außerhalb der Stadt und später in dem Wiston bekannten Zimmer im Viertel der Proles. Damit begehen sie ein Verbrechen, denn auch die Sexualität ist einer Kontrolle unterworfen. Julia stellt zudem einen Kontakt zu O’Brian her, der angeblich Mitglied einer Geheimgesellschaft ist. Dieser ermöglicht ihm die Lektüre eines von ihm mitferfassten verbotenen Buches, in dem das staatliche System einer kritischen Analyse unterworfen wird. Während Julia und Winston kurz darauf in ihrem geheimen Unterschlupf über ihre voneinander abweichenden Zukunftspläne diskutieren, werden sie von den Polizei umstellt und später verhaftet.

Teil III: Nach seiner Verhaftung leidet Wiston nicht nur unter den ständigen Verhören, sondern auch unter dem wenigen Essen und dem ewig grellen Licht, das seine kleine Zelle ausleuchtet. Nachdem unter physischer Folter von ihm Geständnisse erpresst worden sind, wird er einer Gehirnwäsche unterzogen, an dessen Ende seine gelungene Umerziehung im Sinne des Systems stehen soll. Winston akzeptiert diese Hilfe dankbar – doch obwohl er sich in den Techniken übt, die ihm helfen sollen, im Sinne des Systems zu denken, kann er emotional nicht von Julia lassen. Als O’Brian dies erfährt, wird Winston in den berüchtigten Raum 101 gebracht. Dort wird er einer speziell für seine Person ausgearbeiten Folter unterworfen, die ihn dazu bringt, Julia zu verraten. Nach der Entlassung leben die beiden von Folter gezeichneten Figuren ohne Kontakt zueinander, obwohl sie sich noch einmal begegnen. Der Sieg das Staates ist vollkommen: Nicht nur, dass die beiden nichts mehr für einander empfinden, Winston reagiert auf die Propaganda des Systems im erwünschten Sinne und ist in einem visionären Tagtraum, der den Roman schließt, sogar glücklich, mit schneeweißer Seele exekutiert zu werden.

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