Giorgio Scerbanenco: Mailand wird wieder aufgebaut

So positiv der Titel Mailand wird wieder aufgebaut auch klingen mag – eine trostlose Welt ist es, die Giorgio Scerbanenco in seinem 126 Seiten umfassenden Roman aus dem Jahre 1963 geschaffen hat.  Und das obwohl 40 oder auch 50 Generationen nach einem Atomkrieg ganze Völkerschaften aus Europa nach Mailand ziehen , weil sie der Ruf ereilt hat, an dem Aufbau der Stadt mitzuwirken, in der es wieder Recht, Ordnung, Schutz und Wohlstand geben soll.

Nach Mailand zieht auch Pietro mit seiner „Gefährtin“ Ida und der vermutlich nicht gemeinsamen Tochter Giovanna. Pietro stammt eigentlich aus Afrika, wo die Schwarzen nach der Errichtung ihres Königreiches Jagd auf alle Weißen gemacht haben. Auf der Flucht hat er Ida getroffen, die er über alles liebt und deshalb auch erträgt, dass er ihr wohl nichts bedeutet, dass sie lange Zeiten einfach verschwunden ist, ihn und Giovanna alleine lässt, sich alleine in der verwahrlosten  Welt herumtreibt und immer wieder mit anderen Männern, die ihr über den Weg laufen, schläft. So vergnügt sie sich auch mit Marino, einem Arzt, der am Ufer des Ticino auf seine ehemalige Frau wartet, um sie zu töten: weil sie – alkoholkrank wie sie ist – für den Tod von 19 Kindern verantwortlich zeichnet, die er behandelt hat. Gemeinsam befreien Pietro, Ida und Marino Mathilde, eine schwerkranke und in der Nähe zur Prostitution gezwungene Frau aus den Händen ihres alten Peinigers. Obwohl Marino aufgrund seines Rachwunsches eigentlich nicht nach Mailand will, begleitet er die Gruppe, um die Versorgung Mathildes bis zum Erreichen der Stadt sicherzustellen. Doch der Weg ist gefährlich, und die Stadt möglicherweise nicht der Ort, um ein besseres Leben zu beginnen, so scheint es zumindest nach den Worten mailändischen Soldaten Paolo, der ihnen helfen will, in die Stadt zu gelangen, weil er Mathilde liebt.

„Ich habe nicht auf sie geschossen. Es sind noch zwei andere draußen; sie sind es gewesen.“ „Das ist jetzt egal.“ Daraufhin ging er zur Tür und rief Pietro und Ida zu, sie sollten hereinkommen, dann kehrte er wieder zurück, um sich neben das Mädchen zu kauern. „Ich war es nicht. Sie sind es gewesen“, sagte er und deutete auf Ida, die neben ihnen stand. „Das ist jetzt egal.“ „Komm ins Freie. Du bist so lange nicht mehr hinausgegangen.“

Es ist nicht der eigentliche Plot, der den Roman so endlos deprimierend macht, es ist – wie schon aus der Zusammenfassung deutlich geworden sein sollte, der Umgang der Menschen miteinander. Und nicht wenig trägt dazu  die nüchterne und sachliche Art bei, in der die Figuren von ihrem beklagenswerten Leben erzählen – ohne es tatsächlich als ein solches zu betrachten, weil sie es nicht anders kennen. So berichtet Pietro beispielsweise über seine erste Begegnung mit der Frau, die er über alles liebt, nüchtern:

…Das sagte mir ein Mulatte vom Schiff, als wir sie fanden, Ida, verlassen in einem lecken Boot, sie hat mir nie erzählt, woher sie kam und warum sie alleine in jenem Boot war, obwohl ich es mir denken kann, weil sie zwei Revolver hatte und unten im Boot ein Männerschuh lag, den sie zu spät ins Meer warf, sie wird mit einem Mann zusammengewesen sein, der ihr lästig geworden war und von dem sie sich befreit hatte…

Es ist der Verrohung der Menschen, die einen beim Lesen aufstöhnen lässt und es ist nur an den sich durch Zeile und Zeile windenden Satzgebilden zu ahnen, dass die Menschen selbst angesichts des Erlebten atemlos sind. Durch die Worte selbst werden ihre Gefühle nie deutlich. Wenn sie solche überhaupt noch besitzen. So wie Ida ihre Tochter immer wieder alleine lässt, bringt sie ihr auch keinerlei Emotionen entgegen. Kein Wunder also, dass dieser auch nur Männer etwas bedeuten – zumindest das, was Männer einem jungen Mädchen bedeuten können – und ihre Mutter ihr gleichgültig ist. Nur manchmal bricht in dieser dunklen Welt etwas Licht durch, so wie das mitleidvolle Umsorgen der Kranken und Kinder durch Marino – wenn sie ihm nicht gerade umgebracht werden -, oder die Liebe Paolos zu Mathilde, für deren Rettung er nachher auch heroisch sein Leben lässt – auch weil sein Leben in Mailand kein Leben mehr ist.

Der Roman ist, wie auch der vergleichbare Roman AmerysDer Untergang der Stadt Passau, eine düstere Vision von Zukunft des Menschen – und wie in dieser besteht hier wenig Hoffung darauf, dass die Welt, die die Menschen nach dem Neubeginn erbauen werden, besser als die alte sein könnte. Weil sie sich im Wesen nicht verändert haben, weil sie in der Grube beim Fraß der Würmer erst zuhause sind. Allerdings hat Scerbanencos Text mich weitaus mehr beeindruckt: weil er den Figuren auf subtile und vorsichtige Weise eine  (auch abgründige) Tiefe verleiht, die man ihnen als normal fühlender Leser eigentlich gar nicht mehr zugestehen möchte – und zudem deutlich die Bereitschaft des Menschen bloßlegt, das Auskommen der eigenen Person über alles zu stellen – selbst über die eigene Freiheit.

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