Leif Randt: Schimmernder Dunst über Coby County

Trotz kräftigem Blätterrauschen im Feuilleton ist er 2011 unbemerkt an mir vorbeigegangen: Leif Randts Roman Schimmernder Dunst über Coby County – obwohl der Autor auf den Tagen der Deutschen Literatur für seinen Text mit dem Ernst-Willner-Preis ausgezeichnet wurde.

Aufmerksam auf den Roman wurde ich erst, als er in einem Radiospecial zu den neuesten Dystopien am Rande erwähnt wurde: weil er mit dystopischen Elementen spiele – um ein kritisches Bild unserer Welt zu geben. Deshalb ist Coby County auch ein fiktiver Ort im Nirgendwo, der als ein übersteigertes Abbild unserer utopischen Wunschträume daherkommt: Malerisch am Meer gelegen, leben die Einwohner dort, wo andere Urlaub machen. Wer würde hier nicht gerne sein Geld mit der Leitung eines gutgehenden Hotels oder der Betreuung von erfolgreichen Schriftstellern verdienen? Ein klein wenig erinnert Coby County deshalb auch an Ursa Minor Beta, weil hier ebenfalls eigentlich fast immer Samstagnachmittag ist, kurz bevor die Strandbars schließen.

Als Mikrokosmos bildet Coby County unsere persönlichen Traumwelten als Menschen des 21. Jahrhunderts ab: Man lebt, man genießt – kurz: man konsumiert. Man belastet sich nicht. In so einer perfekten Welt sollte bzw. kann eigentlich nicht viel passieren – vom Highlight des Jahres, dem “Spring Break” Coby Countys einmal abgesehen. Da überrascht es, wenn das Schicksal den Protagonisten dann doch so hart trifft: Erst verlässt sein bester Freund die Stadt, dann seine Freundin ihn persönlich. Kurz darauf ist er arbeitslos. Und dann orakelt auch noch jemand über ein Unglück, das über die Stadt hereinbrechen soll. Was läuft nur so verkehrt in Coby County?

Was läuft denn nun verkehrt in Coby County?

Auch der junge Held des Romans stellt sich diese Frage. Aber eigentlich auch nicht. Besser: Er ahnt, dass irgendetwas nicht so ist, wie es sein sollte. Ihm gelingt es aber nicht, die Frage richtig zu stellen. Er will das in seinen Innersten auch gar nicht, geschweige denn die Antwort formulieren – und vielleicht kann er es auch gar nicht. Außerdem: Seine Freundin ist ersetzbar, die Kündigung nur angedeutet – und sein bester Freund kehrt ja auch wieder zurück, als er selbst sich gerade dazu entschlossen hat, diesem ins zeitweilige Exil zu folgen. Weil es als Option erscheint, da alles gerade nicht so läuft, wie es sollte. Irgendwie. Warum auch immer. Zum Glück entpuppt sich das meteologische Donnerwetter, das auch zeichenhaft als historisches gelesen werden kann, als ein schwacher Wintersturm, den man mit seinen Freunden durchfeiern kann; und der subversive Untergrund der Stadt als Tanzvergnügen. Wer will da noch weiterfragen, warum Tage zuvor nur die zu verschmerzenden Gebäude niedergebrannt sind – und sich die Schöne Neue Welt versauen?

“Ich speichere mein Dokument als Carla.doc”

Wenn der Erzähler des Romans die Frage nicht richtig stellen und keine Antwort geben kann, so muss der Leser für ihn einspringen. Das ist anstrengend – aber gut gemacht. Das muss man nicht wollen – sollte man aber: Weil sonst die Nähe zu diesem “Helden”, der im Text alleine für uns Leser lebt, noch größer würde. Gut, das kann einem auch egal sein. Vielleicht bleibt der Sturm ja aus. Party on. Vielleicht findet man da ja auch den/die nächste/n Lebensabschnittsgefährten.

Weil ich annehme, dass ich energie- und kraftlos bin, warte ich schweigend auf den Hauslift. Als sich die Tür öffnet, sehe ich mich im Spiegel und komme mir breiter und aufgedunsener vor als noch am Morgen. Ich stehe nun also in meinen Frühjahrstextilien da, in dieser ziemlich kurzen Hose und dem weißen Poloshirt, fahre mit dem Lift in den dritten Stock und halte eine Pizzaschachtel auf dem Arm. Seit Carlas SMS sind erst fünfzig Minuten vergangen, doch ich stehe nicht mehr unter Schock und empfinde keine Trauer.

Verständlich. Denn immerhin hat sich Carla die Mühe gemacht, ihm noch eine SMS zu schreiben. Der bewusst oberflächlich gehaltene Ton des Romanes, der manchmal an den von Christian Krachts Faserland erinnert, ist doppelbödig wie die ganze Stadt. Immer wieder stolpert der Leser in seine und ihre Fallen. Und nicht immer macht Randt es dem Leser so einfach wie hier. Dort deprimieren die Bewohner von Coby County dann aber doppelt.

So manches erscheint irgendwie doppelt. Dass dabei hin und wieder einige Momente an Elemente bekannter Popromane erinnern, die ebenfalls die glitzernde Oberflächlichkeit ihrer Gegenwart geißeln – z.B. wenn die der Protagonist nicht mehr entscheiden kann, ob die blonde weibliche Servicekraft mit dem bezaubernden Lächeln, die vor ihm steht, die gleiche ist, die er so gerne mag – überrascht nicht. Denn irgendwie war irgendwie schon einmal da – und alles ist austauschbar. Wie die Servicekraft, das Restaurant oder die eigene Freundin:

CarlaZwei meldet sich zuerst, was sie für mich zusätzlich auszeichnet. Andere Mädchen folgen ja noch diesem Spiel, das man aus alten Telenovelas kennt, dem zufolge sich zuererst der Junge melden muss. Da wir uns bisher nur etwa achtzig Minuten geküsst haben, kommt mir alles noch maximal aufregend vor.

Ich wünschte, der Held hätte die Stadt verlassen, der Sturm sie auseinandergenommen oder die Wahl des Bürgermeisters sich als Betrug entpuppt. Oder der Untergrund wenigstens als politische Organisiation – so wie es sein sollte. Irgendwie. Aber das geschieht nicht. Nicht in Coby County. Nichts geschieht. Und das mehrfach – draußen windet es aber… noch einen Cocktail vielleicht?

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