Robert Silverberg: Die Stadt unter dem Eis

Meine Besprechung von Robert Silverbergs Jugendroman Die Stadt unter dem Eis wird nicht lang werden – denn ich möchte nicht mehr Zeit darauf verwenden als auf die Lektüre des 192-Seiten-Textes selbst. Vermutlich hat auch Silverberg selbst nicht allzu lange gebraucht, um die Geschichte zu Papier zu bringen.

Ganz in der Tradition der Abenteuergeschichte schickt Silverberg eine Handvoll New Yorker Helden im 26. Jahrhundert hinaus aufs Eis, um Kontakt mit London aufzunehmen. Wobei “London” und “New York” nicht mehr die Städte sind, die wir darunter verstehen: Denn seit dem 22. Jahrhundert hält eine neue Eiszeit die Erde fest in ihrer Gletscherhand, weswegen sich die Menschen auch tief eingegraben haben. Allzu viel über das Leben in den dichtbevölkerten Höhlen erfährt der Leser aber nicht – denn Silverbergs Protagonisten werden schon auf Seite 10 wegen einer zutiefst verbotenen Kontaktaufnahme mit der Außenwelt verbannt. Hinaus in eine Eiswüste, die trotz fortschreitender Erwärmung immer noch lebensfeindlich ist. Und obwohl sie zahlreichen mehr oder minder glücklich verlaufenden Begegnungen mit den Überlebenden der Eiswelt überstehen müssen, erreichen sie zuletzt jenen unterirdischen Ort, an dem die Nachfahren der britischen Hauptstadtbewohner ihr Leben glücklich verbringen. Aber auch dieses Treffen verläuft nicht ohne Komplikationen – weshalb sie zuletzt sogar am warmen Äquator landen und dabei mithelfen können, die Überlebenden der nördlichen Hemisphäre auf die Zeit nach der Eiszeit vorzubreiten.

Und darin steckt wohl auch die tiefere Botschaft des Textes: Dem Wagemutigen steht die Welt offen –  und falsch ist es, sich mit dem zufrieden zu geben, was du hast. Das ist Falsch-Denk im Sinne der 50er-Jahre-Schreibe – und widerspricht so ganz dem amerikanischen Frontier-Gedanken, dem auch Silverberg sich nicht entziehen kann. Tief verbunden erscheinen in diesem Weltbild Degeneration und Verfall sowie Zufriedenheit und Sich-Begnügen – eine Sicht auf die Dinge, die sich übrigens auch in Romanen deutscher Autoren, z.B. Scheers Die Großen in der Tiefe finden lässt.

Da ist es dann auch müßig, nachzufragen, weshalb die Gruppe überhaupt London, das immer wieder als unerreichbar charakterisiert wird, eigentlich erreichen will… wenn ich eine der Hauptfiguren gewesen wäre, ich hätte mir ein anderes, sinnvoller erscheinendes Ziel gesetzt. Den kuscheligen Äquator zum Beispiel. Deutlich wird in dieser logischen Lücke: Der Wert des Zieles London besteht weniger in einem tatsächlichen, denn einem symbolischen: Der Herausforderung an sich, der sich der Mensch im Sinne der amerikanischen 50-Jahre-SF-Denk nicht entziehen darf.

So verhaftet der Roman dem Zeitgeist auch erscheint: Die Figurenzeichnung  – wenn man das überhaupt so nennen kann – dürfte sich selbst außerhalb dessen bewegen, was der Leser 1963 gewohnt war. Die Figuren werden nur mit einem einzigen Merkmal versehen, das sie von den anderen zu unterscheiden vermag. Einer kann Erste Hilfe leisten, ein anderer ist Biologe – und unser junger Held, mit dessen Augen das Erlebte geschildert wird, kann Judo. Noch holzschnittartiger geht es kaum.

Fazit

Gott sei Dank dauert die Lektüre von Robert Silverbergs Die Stadt unter dem Eis nicht so lange, dass der Leser sich Gedanken darum machen muss, wieso noch 1963 ein Autor seine Helden mit atomar angetriebenen Pistolen und Gewehren im Eis herumstrahlen lässt – und wieso die New Yorker Pistolen einen Meter, die Londoner Gewehre aber nur eine Hand lang sind: Unfreiwilliger Pulp für Jugendliche von Gestern – aber vom Feinsten.

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