Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess

Wider den Gesundheitsfaschismus

Was gab es nicht für eine Aufregung, als 2008 die verschiedenen Rauchverbote in der Bundesrepublik in Kraft traten. Es lag in der Natur der Sache, dass sich beinahe jeder Bürger des Landes gezwungen sah, Position zu beziehen. Während sich der nicht aktiv rauchende Bevölkerungsteil – ob er sich dessen nun bewusst war oder nicht – auf den zweiten Absatz des Artikels 2 des Grundgesetzes berief, in welchem es bekanntermaßen heißt: Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, pochten die Gegner des Rauchverbotes, die ihre Mitmenschen weiterhin uneingeschränkt an ihrem Vergnügen teilhaben lassen wollten, auf den ersten Absatz des selben Artikels, der mit dem so schönen Satz  Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, beginnt – aber dann ausgerechnet weiter ausführt: soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt. In dieser Diskussion, so sah es zumindest aus, ging es also um die Abwägung zweier Persönlichkeitsrechte und die Frage, welches von diesen höher zu bewerten sei. Wie man sich auch immer zu der Frage der Rauchverbote positioniert und die verschiedenen Lösungen der einzelnen Bundesländer bewertet haben mag, vermutlich wird einem dabei in der Hitze des Gefechtes entgangen sein, dass die Bundesregierung mit der Einführung des Rauchverbotes nur verbindlichen Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation folgte, welche sehr genau festlegen, in welchem Rahmen das Laster des Rauchens zu bekämpfen sei.

Wo ist denn da das Problem, könnte man fragen? Und was hat das mit der 2009 erschienen Novelle Corpus Delicti. Ein Prozess von Juli Zeh zu tun? Eine ganze Menge, möchte ich meinen. Denn wie die WHO bei der Planung ihrer Kampagnen, geht auch der totalitäre Staat in Zehs Text von einer höchst problematischen Definition von Gesundheit aus. Damit geht Zeh der Frage nach, was es bedeutet, wenn diese als ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankeit und Gebrechen aufgefasst wird [Quelle: Verfassung der Weltgesundheitsorganisation]. Wer besitzt bei der WHO aber nun eigentlich die Definitionshoheit darüber, was Gesundheit und damit das zu erreichende Ideal ist? Und wer legt den Weg fest, auf dem dieses zu erreichen ist? Wer gibt hunderten von Regierungen Empfehlungen an die Hand und wer gibt das Leitbild vor, auf das Millionen von Medizinern mehr oder weniger intensiv blicken? Kritikern zufolge  gibt es hier nur eine Antwort: Eine kleine, überwiegend weiße Schicht bürgerlicher Herkunft mit guter Schulbildung und Haftpflichtversicherung, die das Ideal ihres  (langweiligen und auf Sicherheit bedachten) Lebensstiles zu absolutieren beginnt.

Zudem lassen sich seit einiger Zeit, wenn man Petr Skrabanek folgen will, in der Medizin Entwicklungen ausmachen, die nachdenklich stimmen. In seinem Buch The Death of Humane Medicine and the Rise of Coercive (1994) [Quelle: Review von Danny Frederick] spricht dieser davon, dass Gesundheit zunehmend nicht nur als persönliches Gut, sondern – nicht zuletzt auch aus ökonomischen Gründen – als staatliche Aufgabe betrachtet würde, d.h. man könne die Ausformung einer staatlichen Ideologie (Healthism) beobachten. Zudem fänden sich immer mehr Anhänger des sogenannten Lifestylism, der Überzeugung, dass Krankheiten vor allem auf einen falschen Lebensstil zurückzuführen seienKombiniert man diese beiden Strömungen miteinander, so erhält man ein doch recht stabiles Grundgerüst für die Konstruktion eines totalitären Staates, der seinen Bewohnern zum Wohle der Gesundheit bis in alle Einzelheit vorschreibt, was sie zu tun und zu lassen haben.  Und genau in einem solchen Staat lebt die Hauptfigur von Juli Zehs Roman Corpus Delicti. Und diesem Gesundheitsfaschismus fällt sie zum Opfer, wie es sich für die Hauptfigur einer Dystopie nach klassischem Muster gehört.

Der Inhalt

Aber was ist normal? Einerseits alles, was der Fall ist, das Gegebene, Alltägliche. Andererseits aber bedeutet ‘normal’ etwas Normatives, also das Gewünschte. Auf diese Weise wird Normalität zu einem zweischneidigen Schwert. Man kann Menschen am Gegebenen messen und zu dem Ergebnis kommen, er sei normal, gesund und gut. Oder man erhebt das Gewünschte zum Maßstab und stellt fest, dass der Betreffende gescheitert sei. Ganz nach Belieben.

Die Protagonistin Mia Holl lebt in einem Staat, in dem die Gesundheit zum höchsten Gut erklärt worden ist. Und die Anstrengungen waren erfolgreich: Infektionskrankheiten gibt es nicht und die Umweltverschmutzung ist kein Thema mehr. Zudem ist die körperliche Verfassung der Einwohner hervorragend. Der Grund dafür: Alkohol, Zigaretten, Kaffee, Tee und alle anderen schädlichen Genussmittel sind nicht nur verboten, die Menschen konsumieren sie tatsächlich nicht mehr. Dafür sorgt ein ausgefeilter Kontroll- und Überwachungsapparat, der immer dann aktiv wird, wenn jemand entweder seine vorgeschriebenen Bewegungseinheiten nicht absolviert oder seine Bluttests nicht abgegeben hat. Ein implantierter RFID-Chip ermöglicht dabei jederzeit die Identifikation und Kontrolle des Individuums. Tatsächlich scheint der Staat nicht nur unfehlbar zu sein, wie er für sich selbst in Anspruch nimmt, sondern beinahe auch allwissend. Deshalb findet sich die Biologin Mia Holl, die nach dem Selbstmord ihres wegen Mordes angeklagten Bruders im Gefängnis unter depressiven Verstimmungen leidet, auch schon zu Beginn des Romans vor den Schranken eines Gerichtes wieder. Obwohl ihr Bruder durch Indizienbeweise überführt erscheint, zweifelt Mia an seiner Täterschaft. Das alleine macht sie schon zum Gegner der staatlichen Ideologie, die keine Kritik duldet. Immer deutlicher entwickelt sich der Journalist und Mitbegründer der Methode Kramer zu ihrem Gegenspieler, der sie von der Schuld ihres Bruders überzeugen versucht. Doch Mias Anwalt gelingt in einem weiteren Verfahren das für die Bewohner des Staates Unglaubliche: Er beweist die Unschuld ihres Bruder, womit die Fehlbarkeit des Staates offenbar wird. Das bringt aber den staatlichen Repräsentanten Kramer in Zugzwang, will er nicht zulassen, dass  sich die Grundlage des von ihm mitgestalteten Gemeinwesens in Nichts auflöst.

Beurteilung

Es liegt in ihrem Interesse, jede Form von Krankheit zu vermeiden. In dem Punkt decken sich ihre Interessen mit jenen der METHODE, und auf diese Übereinstimmung stützt sich unser gesamtes System. Es besteht eine enge Verbindung zwischen dem persönlichen und dem allgemeinen Wohl, die in solchen Fällen keinen Raum für Privatangelegenheiten lässt.

Juli Zeh liefert mit ihrer auktorial erzählten Novelle eine eindrucksvolle Analyse der Argumentationsstrukturen des Healthism, dessen Stimme in letzter Zeit nicht nur bei uns immer häufiger und immer lauter zu vernehmen ist. Insofern bezieht Zeh damit, wie sie es auch mit ihrer Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den biometrischen Reisepass getan hat, zu hochaktuellen Entwicklungen Position. Zeh zeigt, wie die eigentlich gut gemeinten Ziele der Weltverbesserer in ihrer Extrapolation zu einem utopischen Staat führen, welcher sich im Umgang mit seinen Gegnern letztendlich aber als totalitärer Unrechtsstaat offenbart.

Der Text selbst ist aus einem 2007 uraufgeführten Theaterstück hervorgegangen – und das merkt man ihm noch deutlich an: In positiver Hinsicht, weil die  stark verdichteten Dialoge die eigentliche Stärke der Novelle sind und in negativer Hinsicht, weil die recht sparsamen erzählerischen Sequenzen zwar nicht immer, aber doch häufig, wie ein wenig ansprechender Rahmen wirken, welcher letztenendes nur der Präsentation der Figurenrede dient: „Moritz zog sich den Mundschutz, der ihm um den Hals baumelte, als Stirnband ins Haar und nahm die Angel wieder auf. „In meinen Träumen sehe ich eine Stadt zum Leben, zitierte er. Wo die Eulen in geborstenen Dachstühlen wohnen. Wo laute Musik, Rauchskulpturen und das satte Klicken der Billardkugeln aus den oberen Stockwerken maroder Industrieanlagen dringen […] „Kindisch und grauenvoll, sagte Mia. „Der Dichter gehört eingesperrt“. „Schon geschehen“, sagte Moritz, „acht Monate wegen Volksverhetzung“.

In den Äußerungen der Figuren lassen sich machmal Perlen von Sätzen finden. Einige von ihnen bestechen nur durch ihren Wahrheitsgehalt, wie zum Beispiel der Gedanke Mias, als sie sich einem erneuten Vorwurf seitens ihres Gegenspielers ausgesetzt sieht: Es geht […] um die Tatsache, dass die Datenspur eines jeden Menschen Millionen von Einzelinformationen enthält, aus denen sich jedes beliebige Profil zusammensetzen lässt. Andere hingegen wirken zudem geradezu sentenzhaft und gehören in das persönliche Zitatenbuch: Das Leben ist ein Angebot, das man auch ablehnen kann. Und obwohl sich Zeh sich hier eines wenig amüsanten Themas angenommen hat, kann der Leser an vielen Stellen gar nicht anders als zu schmunzeln.

Fazit

Bei der Lektüre der Novelle Corpus delicti kann man sich nicht nur köstlich amüsieren, sondern auch den beeindruckenden sprachlichen Stil der Autorin genießen, was aber überwiegend leider ‘nur’ in den Dialogen und (inneren) Monologen der Figuren möglich ist. Trotzdem kann ich jedem nur raten, den 264 Seiten langen Text  aus dem btb-Verlag einmal zu lesen. Das behandelte Thema ist hochaktuell. Ich bin jedenfalls schon auf das Theaterstück, das ab Juni 2011 im Braunschweiger Staatstheater auf dem Programm stehtgespannt – die von mir bemängelten Teile der Erzählung werden dort ja fehlen. Aber jetzt zünde ich mir zum Kaffee erst mal eine an.

[Eine gute Übersicht zur Geschichte des ‚Gesundheitsfaschismus‘ bietet der umfangreiche Artikel Schlechte Angewohnheit, sie leben noch! des Novo Magazins]

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