Patrick A. Tilley: Die Amtrak Kriege – Wolkenkrieger

Der gelungene Auftakt der Amtrak-Reihe: Patrick A. Tilleys postapokalyptischer Roman „Die Wolkenkrieger“ . Eine Rezension von Rob Randall

Schon 1983 erschien „Wolkenkrieger“ als erster Roman der insgesamt 6 Bände umfassenden Amtrak-Serie, die in den vor langer Zeit durch einen Nuklearkrieg zerstörten Vereinigten Staaten spielt. Patrick A. Tilleys Roman reiht sich damit ein in eine ganze Serie von apokalyptischen bzw. postapokalyptischen Werken, die in diesem Jahr, in welchem der Widerstand gegen den Nato-Doppelbeschluss von 1979 seinen Höhepunkt erreichte, herauskam. [1]

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Brian Keene: Auferstehung

Eine Rezension von Rob Randall

Bisher habe nie ein Problem damit gehabt, einen Roman zuende zu lesen. Aber das diesen Monat neu erschienen Werk Auferstehung von Brian Keene [Aussage des Verlages: Brian Keene ist der neue Richard Laymon!] hat mir wirklich alles, aber auch alles abverlangt:

Ein Experiment mit einem Teilchenbeschleuniger hat ein unsichtbares Portal geöffnet, durch das Dämonen in unsere Welt eindringen können. Nach dem Tode eines Lebewesens nehmen sie  seinen Körper und seine Erinnerungen in Besitz. Es kommt wie es kommen musste: Schon nach kurzer Zeit tummeln sich mehr hungrige Zombies in den Straßen der amerikanischen Großstädte als lebende Menschen. Allerdings sind die lange ausgesperrten Dämonen nicht gerade wählerisch, was ihre neuen Körper betrifft. Dankbar nehmen sie sich auch Goldfischen (die daraufhin zu genitalfixierten Killern mutieren), Elchen (Rache ist Blutwurst!), Tauben (Autobesitzer wissen es schon: Die Masse machts!), Löwen (Vielleicht war es doch keine so gute Idee, sich im Zoo vor den Drogendealern verstecken zu wollen?) und so weiter und so weiter an. Kurz: Keene präsentiert eine untote Zombie-Menangerie. Die teilweise grotesken Szenen könnten vielleicht noch gefallen, wenn der Autor nur ein Fünkchen, ein kleines Fünkchen Humor zeigen würde. Vielleicht sollen die Äußerungen der cleveren Zombies lustig sein: Hat dir noch niemand gesagt, dass es gefährlich ist, Anhalter mitzunehmen?!?.

Die einzigen Beschreibungen, für die sich der Autor bei den rasanten Fahrten seiner unzähligen Protagonisten Zeit nimmt, sind die äußerst unappetitlichen: Detailliert werden die Formen von Eingeweiden oder Farben von vergammelnden Wunden entfaltet. Ausführlich wird geschildert, wie untote Babys in ihrem Kinderwagen exekutiert oder schon bei ihrer Flucht aus dem verwesenden Mutterleib vom eigenen Vater erschossen werden [Zitate erspare ich mir hier jetzt mal].

Überraschend fand ich auch die hohe Zahl der Figuren für einen Roman, der  ca. 400 Seiten umfasst – zugegeben: ein Großteil wird gleich wieder entsorgt, deshalb beschränke ich mich hier mal auf die zentralen, die allerdings schon aussagekräftig genug sind: Da wäre zum einen Jim, der in seinem Bunker von seinem Sohn, der bei seiner neu verheirateten Mutter lebt, einen Anruf enthält und sich daraufhin auf eine gefährliche Reise machen muss, der sich bald ein wenig zimperlicher Priester namens Martin anschließt, weil er meint, Gott hätte ihn dazu berufen. Ein anderer ist Baker, der am Experiment des Teilchenbeschleunigers mitgearbeitet hat, und der dem Angiff eines hungrigen Zierfisches nur  knapp entkommen ist. Er begegnet Wurm, einem geistig zurückgebliebenen Jungen, an dem er tiefsinnig seine Schuld abarbeiten will. Da wäre die drogenabhängige Frankie, die immerhin bei Troll eine unterirdische Entziehungskur macht, diesen aber nachher gegen den Bunten John tauschen muss, weil ersterer einer Horde Ratten zum Opfer fällt. Leider ist letzterer ein geistig verwirrter Obdachloser.  Außerdem ist da noch Skip, der in einer der marodierdenden Militäreinheiten dient, die sich sofort verselbstständigt haben, nachdem der Präsident vor laufenden Kameras seinem Pressesprecher in den Arm gebissen hatte. Und da in solchen Situationen der Mensch des Menschen Wolf ist, schrecken die verbliebenen hohen Militärs (die ja immer die Bösen sind) auch nicht vor der systematischen Versklavung der männlichen und systematischer Vergewaltigung der  weiblichen Zivilbevölkerung zurück. Aber Skip ist ein Guter und hat Skrupel und geht  deshalb nicht in den “Fleischwagen”. Diese verschiedenen Handlungsstränge laufen also nach und nach aufeinander zu, wobei Verluste – vor allem, weil die Zombies so verdammt schlau sind – nicht ausbleiben. Nicht nur manchmal ist das ein wenig deprimierend (und anstrengend). Kaum hat man sich die Namen der neuen Figuren eingeprägt, zack! Schon greifen hinterhältig Eichhörnchen an und dezimieren die fliehende Gruppe gnadenlos.

Fazit

Im Gegensatz zum witzigen Tagebuch der Apokalypse hat mir Auferstehung ganz und gar nicht gefallen – aber ich konnte auch ernst gemeinten Zombiefilmen bisher nie etwas abgewinnen. Wer aber gerne Horrorfilme guckt, in denen Nahaufnahmen von madenverseuchten klaffenden Wunden und explodierenden Schädeln das cineastische Highlight darstellen, der kann sich ja auch mal an Keenes literarischen Ekzessen in Auferstehung probieren. Ich habe drei Kreuze gemacht, als ich endlich durch war – zumal das Ende… naja.

Iva Procházková: Wir treffen uns wenn alle weg sind

Eine Rezension von Rob Randall

Wir treffen uns, wenn alle weg sind… es war der ungewöhnliche Titel des Buches, der mich auf den Roman von Iva Procházková aus dem Jahr 2007 aufmerksam werden ließ – denn der Name der tschechischen Autorin, die schon eine ganze Reihe deutscher Buchpreise mit ihren Jugendromanen einheimsen konnte, sagte mir leider wenig. Und auch das vorliegende Werk, das die Geschichte der Überlebenden einer Seuche erzählt, war, wie ich dem Klappentext entnehmen konnte, mehrfach prämiert worden: Zum einen 2009 mit dem Friedrich-Gerstäcker-Preis der Stadt Braunschweig und zum anderen mit dem Evangelischen Buchpreis 2008. Das erschien mir doch ein wenig ungewöhnlich.

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Philip Kindred Dick: Nach der Bombe

Eine Rezension von Rob Randall

BladerunnerMinority Report.Total RecallImpostor. Die Namen der Verfilmungen sagen den meisten irgendetwas,  aber der Name des Mannes, der hinter diesen Geschichten steht, ist außerhalb des Kreises der Science-Fiction Fans heute fast unbekannt, obwohl Philip K. Dick einer der bedeutendsten und einflussreichsten Autoren dieses Genres ist. Das Werk, das er bis zu seinem Tode 1982 schuf, umfasst dabei nicht weniger als ca. 120 Kurzgeschichten und über 40 Romane.

In seinem zwei Jahre nach der Kubakrise von 1962 veröffentlichten Roman Nach der Bombe versucht Dick die Angst vor der nuklearen Zerstörung der Zivilisation zu verarbeiten – mit einer stark grotesken Geschichte. Einer Geschichte, die genauso absurd erscheint wie die zur damaligen Zeit geltende amerikanische Verteidigungsdoktrin MAD (Mutal Assured Destruction), welche vorsah, dass die amerikanische Zweitschlagskapazität die UDSSR selbst bei einem gelungenen Erstschlag gegen die USA noch „aus den Ruinen heraus“ gänzlich vernichten konnte. Auf diese Weise sollte der „Frieden“ sichergestellt werden. Paradoxerweise hat die Doktrin – wider alle Erwartungen –  funktioniert.

In Nach der Bombe geht die Rechnung der Verantwortlichen jedoch nicht auf: Bluthgeld, ein an seiner Verantwortung für ein verheerendes Atomexperiment leidender und verrückt werdender Atompysiker schreibt sich selbst die übersinnliche Fähigkeit zu, den Weltkrieg zu entfesseln. Er selbst erlebt den Niedergang der Bomben aber voller Überraschung:

Er musste heute wirklich unglaublich unter Stress stehen, denn nun trat eine noch stärkere Veränderung der Sinneseindrücke ein, so wie er es noch nie erlebt hatte. Ein trüber Rauchschleier senkte sich herab, sodass die Häuser und Autos wie reglose, dunkle Klumpen ohne Farbe erschienen.

In einer erschreckend nüchternen und gelungenen Beschreibung der Detonationen und ihrer verheerenden Folgen wird auch das Schicksal der anderen Figuren geschildert. Hoopy, ein aufgrund des Bluthgeld’schen Experimentes ohne Arme und Beine, aber mit telekinetischen Kräften geborener „Phoko“ überlebt in dem Keller des TV-Reparaturservice einer amerikanischen Kleinstadt, für den er gerade angefangen hat zu arbeiten. Seinem schwarzen Kollegen Stuart gelingt gleiches unter Bergen anderer zufluchtsuchender Menschen in einem Zivilschutzkeller und es bewahrheitet sich später, was Hoopy ihm an diesem Tage noch in einer Vision prophezeit hat: Auf der anderen Seite des Lebens wird er rohe Ratten essen.

Sieben Jahre später erholt sich die Gesellschaft langsam wieder: Hoopy arbeitet auf dem Lande in der Gemeinde West Marin als genialer Techniker und Stuart als Vertreter für homöostatische Tierfallen. Und Geschick ist aufgrund der Mutationen nötig geworden, um Tiere zu fangen, denn die Fauna hat sich bedrohlich verändert: Katzen bilden jagende Rudel, Ratten beginnen Musikinstrumente zu beherrschen und Hunde geben – zwar verbal noch etwas ungelenk, aber kurz und knapp –  Auskunft darüber ab, wo sich ihr geliebtes Herrchen gerade befindet.

Eigentlich sollten wir sogar froh sein. Das Leben an sich ist etwas Gutes, selbst wenn es in verschiedenen Formen gerade vor mir steht.

Aber nicht nur die Tiere mutieren zu grotesken Gestalten, auch die Menschen verändern sich.  Dem jungen Mädchen Edie aus der Gemeinde, in der Hoopy untergekommen ist und in der Bluthgeld sich unter falschem Namen versteckt, gehört ihr Körper nicht alleine – in ihr gefangen lebt ihr ebenfalls mit paranormalen Fähigkeiten ausgestatteter Zwillingsbruder Billder seiner parasitären Existenz verbittert zu entkommen versucht:

Nimm eine Schnecke und halte sie ganz nah an mich hin, damit wir uns gegenseitig hören können.

Doch trotz allem: Die moderne Zivilisation geht nicht vollständig unter, auch wenn sie auf eine agrarische Existenz zurückgeworfen wird und Nachrichten von außerhalb nur noch schwer durchkommen. Zum Symbol des Überlebens wird dabei der Astronaut Dangerfield, der am Tage des Kriegsausbruchs eigentlich zum Mars fliegen sollte, nun aber seit sieben Jahren in seiner Kapsel die Erde umkreist und die Menschen mit seinen Sendungen unterhält:

„Sie können den Satelliten empfangen?“ Blaine wurde ganz aufgeregt. „Unser Radio funktioniert nicht mehr und unser Techniker  treibt sich irgendwo im Süden der Stadt herum, um nach Ersatzteilen für Kühlschränke zu suchen. Wahrscheinlich dauert es noch einen Monat, bis er zurückkommt.“

Techniker sind wichtig geworden zum Überleben der Gemeinschaften und was sich schon zu Beginn des Buches andeutet, geschieht endgültig: Hoopyentwickelt,um die Kränkungen und seine Behinderung zu kompensieren, Zügevon Größenwahn,mithilfe seiner übermenschlichen Kräfte mordet er und will die Kontrolle über die Menschen erlangen.

Dick möchte kaleidoskopartig verschiedene Schicksale von Opfern des nuklearen Holocaustes  und von Überlebenden  zeigen. Die verschiedenen Handlungsstränge kann er am Ende jedoch nicht mehr alle befriedigend – auch wenn sich die Mehrzahl der Figuren am gleichen Orte trifft – zusammenführen, so dass  Stuarts Bedeutung für den Roman schwindet. Ich habe dieses als ein Mangel empfunden: Einige Lebensläufe bleiben Facetten und tragen nichts mehr wirklich zum zentralen Plot um Hoopy bei.

Dick bietet dem Leser keine Identifikationsfigur: Es gibt keine Guten und Bösen. Die Menschen sind nach dem Tag „an dem die Bomben fielen“ noch genauso wie vor der Katastrophe: Stuart kann Behinderte – und damit auch Hoopy – nicht ausstehen, weil er durch sie an die Diskriminierung der Schwarzen erinnert wird,  Hoopy will aufgrund der erlittenen Kränkungen rachevoll die „Weltherrschaft“ und Edie entlässt ihren verzeifelt ans Tageslicht drängenden missgestalteten Buder nicht mitleidsvoll in eine Schnecke, wie verlangt, sondern kichernd in einen augenlosen Wurm.

Man muss sich also auf die einfallsreichen Visionen Dicks einlassen, damit einem dieses Buch überhaupt gefallen kann,  man muss die Folgen der Strahlungen und die wachsenden telekinetischen Kräfte akzeptieren – so grotesk und absurd sie auch erscheinen mögenSchließlich versucht Dick das Unfassbare und eigentlich Unvorstellbare aufs Papier zu bannen und in die Köpfe seiner Leser zu bringen; als Anklage auch gegen die Verantwortlichen in Militär und Wissenschaft, die er hier in Blutgeld personifiziert. Aber der Roman will auch angstvollen Stimmung des Kalten Krieges Hoffnung machen:  Es gibt, wenn auch nicht für alle, ein Nach der Bombe.