Patrick Lee: Dystopia

Rätselhaftes Unheil: Patrick Lees Roman „Dystopia“

Eine Rezension von Rob Randall

In seiner Travis-Chase-Trilogie lässt der amerikanische Autor Patrick Lee seinen Helden eine Reihe spannend erzählter Abenteuer bestehen, in deren Zentrum jene außerirdische Artefakte stehen, mit deren Erforschung sich die Organisation „Tangent“ beschäftigt. „Dystopia“ ist zwar der zweite Teil dieser Trilogie, er lässt sich aber auch lesen, ohne den Vorgänger „Die Pforte“ gelesen zu haben.

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Upton Sinclair: Nach der Sintflut

Dass unsere Verlage heutzutage so ihre Probleme haben, wenn es darum geht, fremdsprachigen Romanen sinnvolle deutsche Titel zu verpassen, wissen wir. Ein Beispiel aus der jüngsten Literatur- und jetzt schon Filmgeschichte ist: Operation Zombie. Wer länger lebt ist später tot. Dahinter verbirgt sich nicht etwa die erheiternde Fortsetzung von Zombies im Kaufhaus, sondern vielmehr der gerade mit Brad Pitt verfilmte Roman World War Z. An oral history of the Zombie War.

Aber auch schon früher griffen die Verlage offensichtlich des öfteren mal daneben. Selbst solche berühmten und verdienstvollen wie der Malik-Verlag. Nicht nur, dass Upton Sinclairs Nach der Sintflut nicht – und auch im Ansatz nicht –  von irgendeiner “Sintflut” erzählt (sondern vielmehr von Radiumwellen, welche die Weltbevölkerung des Jahres 2000 in kleine Aschehäufchen verwandeln)… der Roman ist auch kein Katastrophenroman im eigentlichen Sinne – wie das, zugegeben: sehr hübsche, Cover aus dem Jahre 1925 nahelegt. (Ist das etwa Wasser, das da durch die Metropole schwappt?)

So mancher deutsche Leser wird seitdem bei der Lektüre leicht verwundert den Kopf geschüttelt haben: Denn The Millenium. A Comedy of the Year 2000 ist weniger ein spannender Roman denn eine spitze sozialistische Satire auf die kapitalistische Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts.

Aus diesem Grunde macht sich Upton Sinclair auch gar nicht die Mühe, die wissenschaftlichen Hintergründe der Katastrophe glaubwürdig zu konstruieren: Ein Wissenschaftler mit schwachem Nervenkostüm zerbricht eine Phiole mit einer neuen radioaktiven Substanz. Das muss reichen. Wichtiger ist vielmehr: Rechtzeitig gewarnt gelingt es einem guten Dutzend Personen, dem “Ende der Welt” in einem Flugzeug zu entkommen. Es überlebt: Die oberste Spitze der us-amerikanischen Finanzelite – einschließlich weniger Lakaien: Ein Exemplar des Klerus, eines der Journaille und eines des Proletariats.

Groteske Gestalten

Und wie es sich für ordentliche Gesellschaftssatiren jeglicher Couleur nun einmal gehört, sind die Figuren in The Millenium stark überzeichnet. Abgesehen von einem heldenhaften Liebespaar sind alle Figuren dekadent, degeneriert, dem Nächsten und sich selbst entfremdet. Lumley-Gotham, der pillenknabbernde und ob seiner Verpflichtungen unglückliche “Herr der Welt”, fürchtet sich beispielsweise ununterbrochen vor Anschlägen auf sein Leben.

Lumley-Gotham wandte sich an seinen Sohn: “Fühlst du dich ganz wohl?” “Ja, Vater.” “Dann kann ich wohl ruhig meine Tablette essen”, meinte der alte Mann und verschluckte sie.

Und wenn irgendetwas die einstige gesellschaftliche Position der bornierten Anwesenden hätte rechtfertigen können, so ist es bestimmt nicht deren Intelligenz, wie die Reaktionen der wieder glücklich auf dem Dach ihres Wolkenkratzers Gelandeten zeigen:

Aber schickt doch in die Stadt!” kreischte die alte Dame. “Mutter”, sprach Helen, “verstehst du denn nicht? Auch die Leute in der Stadt können tot sein.” “Alle Arbeiter!” schrie Eloise erschreckt. “Ich fürchte, ja.” “Das ist doch ungeheuerlich! Was in aller Welt sollen wir tun?” fragte Eloise. “Niemand wird uns bedienen”, jammerte Sarita. “Wir werden nichts zu essen bekommen”, stimmte Reggie ein. “Niemand wird uns bekochen!” klagte der Bischof. “Das ist doch ganz unmöglich, undenkbar”, meinte Eloise. “Wir würden ja wie die Wilden leben müssen.” Frau Lumley-Gotham kreischte hysterisch auf: “Ich dulde es nicht! dulde es nicht! Werde mich an die Regierung wenden.” Sie blickte auf den Reporter: “Herr de Puyster, können sie denn nichts in ihren Zeitungen veröffentlichen?”

Sinclair lässt auch im weiteren Verlauf wirklich keine Gelegenheit aus, um sich an den dicken Eliten abzuarbeiten. Nur mühsam erlernen die kaum (über-)lebensfähigen Gesellschaftsdamen, wie man Treppen hinabsteigt. Nur unter bitteren Tränen werden Kartoffelschälkompetenzen entwickelt. Erst nach und nach entdeckt man, dass man Geschirr auch mal spülen und nicht immer nur wegwerfen sollte. So manchem Leser mag das als Prosa vielleicht zu deutlich, zu direkt, zu vordergründig sein – Spaß macht es aber trotzdem; auch wenn man den Dialogen des Romans hier und da auch noch anmerken kann, dass der Roman auf einem 1907 verfassten (gleichnamigen) Theaterstück basiert.

Geschichte nach Lehrbuch

Der eigentliche Witz des Romanes ist aber, dass die Handvoll Menschheit in wenigen Wochen noch einmal die wichtigen Kapitel Menschheitsgeschichte – wohlgemerkt aus maxistischer Sicht – durchläuft. Die einstigen Eliten erkennen auf ihrem arbeitsreichen (Leidens-)Weg von der Sklaverei zum Feudalismus und zum Kapitalismus nach und nach den Mechanismus der Ausbeutung – und endlich einmal am eigenem Leibe. Denn einigen gewieften Überlebenden gelingt es schon von Beginn an, sich in den Besitz wichtiger Produktionsmittel zu versetzen.

Und weil dieser Roman zwar ausgesprochen unterhaltsam, aber dennoch streng auf Linie ist, steht am Ende natürlich eines: Das kommunistische Kollektiv – auf dem Lande – das kein Privateigentum mehr kennt. Und hier spürt man auch noch deutlich die Trauer des Autoren um seine eigene, von ihm persönlich finanzierte Kommune, die kurz vor der Abfassung des Theaterstücks einen Brand zum Opfer gefallen war und sich als gelebter Traum des Autoren (Orginalzitat Sinclairs: “Ich habe in der Zukunft gelebt”) buchstäblich in Rauch aufgelöst hatte.

Normalerweise liegen mir propagandistische Lehrwerke nicht. Jack Londons Die eiserne Ferse fand ich eher zum Gruseln. Aber der groteske und boshafte Witz, den Upton Sinclair hier zeigt, lässt einen vieles verschmerzen. Der Text ist nicht nur etwas für diejenigen, die sich mit der marxistische Geschichtstheorie und der Lehre von Basis und Überbau vertraut machen wollen.

Fazit

So plakativ Sinclair das Geschehen in The Millenium gestaltet und so vordergründig der aufklärerische Impetus dieses sozialistischen Lehrtextes auch ist: Es unterhält viel eher als die doch oft unerträglichen Lehrstücke B. Brechts. Ich habe mich – nachdem ich meine von Titel geweckte Erwartungshaltung geändert habe – jedenfalls doch noch köstlich amüsieren können. Und ich gebe es zu… vielleicht war ja doch noch ein wenig proletarische Schadenfreude mit dabei.

Jeff Carlson: Plasma

Eine Rezension von Rob Randall

Der Roman Plasma ist der 2008 erschienene zweite Teil der Plague-Trilogie von Jeff Carlson. Nicht nur die Handlung von Plasma knüpft nahtlos an den Vorgänger Nano an – wie dieser ist er eine Mischung aus (post-)apokalyptischem Abenteuerroman und politischem Thriller:

In der ersten Hälfte des Romanes kämpfen sich die beiden Hauptfiguren zusammen mit dem Soldaten Newcombe durch die bekannten verseuchten Niederungen der U.S.A. (oder dem, was davon übrig ist). Gelingen kann ihnen dieses nur, weil sie durch den im ersten Teil erbeuteten Impf-Nano weitgehend immun gegen die Maschinenpest geworden sind. Ziel von Cam und Ruth ist es, den neuen Nano möglichst weit zu verbreiten, während Newcombe Ruth und ihre Ergebnisse so schnell wie möglich bei den Rebellen abliefern will. Cam und Ruth misstrauen diesen Plänen jedoch, denn sie befürchten, dass auch Rebellen die Rettung der Menschheit für sich behalten wollen. Doch das Unterfangen ist gefährlich: Ihnen sind zu Beginn vor allem die Bösewichte aus Leadville auf den Fersen. Das ändert sich aber bald, denn die amerikanische Regierung wird durch einen vernichtendenden Atomschlag ausgeschaltet. Allerdings müssen sie nun vor den russischen und chinesischen Soldaten fliehen, die zu zehntausenden eine Invasion der U.S.A. beginnen. Nachdem das Trio doch in der Stadt der Rebellen eingetroffen ist, macht sich Ruth nicht nur an die Untersuchung und Verbesserung des Impf-Nanos, sondern bereitet auch die „Schneeflocke“, eine schreckliche Massenvernichtungswaffe, zum Einsatz vor. Dabei entdeckt sie aber einen neuen rätselhaften Nanitentyp, dessen Ursprung sie auf einer weiteren gefährlichen Expedition finden muss – denn er könnte Teil eines umfassenden Vernichtungsplanes sein.

Endzeit und Langeweile?

Wie schon angedeutet, behält Carlson die bewährten Muster des ersten Romanes bei. Die beiden integeren Protagonisten stellen sich nicht nur der Herausforderung, die kümmerlichen Reste der Menscheit zu retten, sondern müssen auch die politischen Bösewichte, die immer  nur an das Wohl ihrer eigenen Kommune denken, in Schach halten. Waren dieses im ersten Roman die Machtpolitiker in Leadville, so sind es nun die egoistischen Rebellen in Grand Lake. Immer noch erschweren riesige Insektenschwärme, die seltsamerweise keine Nahrung zu benötigen scheinen,  die Reisen durch die verseuchten Gebiete. In zunehmenden Maße verliert nicht nur der Leser an Interesse, sondern die Nanos auch an Gefährlichkeit, selbst wenn der Autor anderes suggerieren will: Hat der Impf-Nano zu wenig Herausforderung durch seinen natürlichen Gegner, so kann er genauso versagen wie im dem Falle einer Überforderung. Deshalb könnte jetzt auch ein Aufenthalt in großer Höhe problematisch sein – das ist schlimm, besonders, weil es auch nicht in Ordnung ist, sich ständig in den Ebenen aufzuhalten. Sein höchst durchsichtiges Ziel, Spannung jenseits der eigentlichen Abenteuerhandlung, die sich liest wie die vieler anderer Romane, auf Teufel komm raus zu generieren, erreicht Carlson damit nicht. Dieses gilt auch für die Momente, in denen die Gruppe auf potentiell gefährliche Mitmenschen stößt – selbst wenn es sich hierbei um jugendliche Pfadfinder handelt.

Teenager-Liebe

Während Carlsons Plasma sonst also nichts Neues zu bieten hat, ist der Autor einerseits leider auf die ermüdende Idee gekommen, jede Gemeinschaft, die dem Leser in dem Roman begegnet, durch den offensichtlich psychoanalytisch hochbegabten Cam in gradezu visionärer – aber redundanter – Weise analysieren zu lassen, und andererseits eine ständig über ihre unsteten Gefühle zu Cam reflektierende Ruth zu präsentieren. Nicht selten möchte hier der Leser angesichts der pubertären Umkreisungen, welche die beiden über gut 400 Seiten praktizieren, ruften: Kondome hat sie doch schon mit rotem Kopf heimlich im Supermarkt eingesteckt – nun bringt es endlich hinter euch! Besonders grotesk wirkt die bürgerliche Zurückhaltung, welche Carlson uns hier in amerkanischer Manier präsentiert, weil zum einen der Ex-Kannibale Cam mit seinem vollautomatischen Gewehr sonst alles umnieten will, was Ruth gefährlich werden könnte, und zum anderen, weil diese sich mehr Gedanken über das Innenleben des Objektes ihrer Begierde macht als über die Folgen der hübschen Massenvernichtungswaffe, die sie freundlicherweise für die Rebellen (bzw. die Invasoren) bastelt. Vielleicht soll das aber auch bedeuten, dass die beiden zwischenmenschliche Defizite aufweisen – dafür schlagen sie sich aber sonst ganz gut im verbalen zwischenmenschlichen Überlebenskampf.

Überraschendes Ende

Einverstanden: Am Ende zeigt sich Ruth, die hier plötzlich zu nicht nachvollziehbarer Souveränität aufläuft, wieder als bewundernswerte Retterin der Welt, weil sie deus ex machina eine Lösung entwickelt, die eben nicht das ganze russische Volk tötet, das sich zu einer Kriegsmaschine entwickelt [hatte], die nichts anderes kannte als den Kampf oder die Vorbereitungen zum Kampf, sondern nur ein paar Zehntausend. Warum diese allerdings ausgerechnet das gelobte Land U.S.A. in Besitz nehmen will, erschließt sich mir – trotz der verzweifelten Erklärungsversuche des Autors – nicht. Hier werden eiskalt motivische Traditionslinien  des Kalten Krieges in hahnebüchend wirkenden Konstruktionen fortgeschrieben, die letztendlich in einem platten Ende gipfeln.

Auch dazu kann die Endzeit missbraucht werden.

Fazit

Jeff Carlsons einfallsloser Roman Plasma, der tatsächlich Finalist des Jahres 2008 für den Philip K. Dick Award gewesen ist, bedient (neben einigen bekannten Vorurteilen anderen Völkern gegenüber) eine ganze Reihe von genretypischen Stereotypen. Der Versuch, den Figuren mittels einer infantilen Liebesgeschichte und seichten ethischen Reflektionen Tiefgang zu verleihen, misslingt genauso wie das Bestreben, die Handlung jenseits des bekannten Abenteuerplots mit zusätzlicher Spannung aufzuwerten.

Aber: Irgendwie interessiert es mich schon, ob es Carlson wagt, Infekt, den dritten Teil der Trilogie, in ähnlicher Weise fortzuführen. Es ist zu befürchten, dass ich während eines Anflugs religiöser Opferbereitschaft das Buch doch noch erstehe.

Brian Keene: Auferstehung

Eine Rezension von Rob Randall

Bisher habe nie ein Problem damit gehabt, einen Roman zuende zu lesen. Aber das diesen Monat neu erschienen Werk Auferstehung von Brian Keene [Aussage des Verlages: Brian Keene ist der neue Richard Laymon!] hat mir wirklich alles, aber auch alles abverlangt:

Ein Experiment mit einem Teilchenbeschleuniger hat ein unsichtbares Portal geöffnet, durch das Dämonen in unsere Welt eindringen können. Nach dem Tode eines Lebewesens nehmen sie  seinen Körper und seine Erinnerungen in Besitz. Es kommt wie es kommen musste: Schon nach kurzer Zeit tummeln sich mehr hungrige Zombies in den Straßen der amerikanischen Großstädte als lebende Menschen. Allerdings sind die lange ausgesperrten Dämonen nicht gerade wählerisch, was ihre neuen Körper betrifft. Dankbar nehmen sie sich auch Goldfischen (die daraufhin zu genitalfixierten Killern mutieren), Elchen (Rache ist Blutwurst!), Tauben (Autobesitzer wissen es schon: Die Masse machts!), Löwen (Vielleicht war es doch keine so gute Idee, sich im Zoo vor den Drogendealern verstecken zu wollen?) und so weiter und so weiter an. Kurz: Keene präsentiert eine untote Zombie-Menangerie. Die teilweise grotesken Szenen könnten vielleicht noch gefallen, wenn der Autor nur ein Fünkchen, ein kleines Fünkchen Humor zeigen würde. Vielleicht sollen die Äußerungen der cleveren Zombies lustig sein: Hat dir noch niemand gesagt, dass es gefährlich ist, Anhalter mitzunehmen?!?.

Die einzigen Beschreibungen, für die sich der Autor bei den rasanten Fahrten seiner unzähligen Protagonisten Zeit nimmt, sind die äußerst unappetitlichen: Detailliert werden die Formen von Eingeweiden oder Farben von vergammelnden Wunden entfaltet. Ausführlich wird geschildert, wie untote Babys in ihrem Kinderwagen exekutiert oder schon bei ihrer Flucht aus dem verwesenden Mutterleib vom eigenen Vater erschossen werden [Zitate erspare ich mir hier jetzt mal].

Überraschend fand ich auch die hohe Zahl der Figuren für einen Roman, der  ca. 400 Seiten umfasst – zugegeben: ein Großteil wird gleich wieder entsorgt, deshalb beschränke ich mich hier mal auf die zentralen, die allerdings schon aussagekräftig genug sind: Da wäre zum einen Jim, der in seinem Bunker von seinem Sohn, der bei seiner neu verheirateten Mutter lebt, einen Anruf enthält und sich daraufhin auf eine gefährliche Reise machen muss, der sich bald ein wenig zimperlicher Priester namens Martin anschließt, weil er meint, Gott hätte ihn dazu berufen. Ein anderer ist Baker, der am Experiment des Teilchenbeschleunigers mitgearbeitet hat, und der dem Angiff eines hungrigen Zierfisches nur  knapp entkommen ist. Er begegnet Wurm, einem geistig zurückgebliebenen Jungen, an dem er tiefsinnig seine Schuld abarbeiten will. Da wäre die drogenabhängige Frankie, die immerhin bei Troll eine unterirdische Entziehungskur macht, diesen aber nachher gegen den Bunten John tauschen muss, weil ersterer einer Horde Ratten zum Opfer fällt. Leider ist letzterer ein geistig verwirrter Obdachloser.  Außerdem ist da noch Skip, der in einer der marodierdenden Militäreinheiten dient, die sich sofort verselbstständigt haben, nachdem der Präsident vor laufenden Kameras seinem Pressesprecher in den Arm gebissen hatte. Und da in solchen Situationen der Mensch des Menschen Wolf ist, schrecken die verbliebenen hohen Militärs (die ja immer die Bösen sind) auch nicht vor der systematischen Versklavung der männlichen und systematischer Vergewaltigung der  weiblichen Zivilbevölkerung zurück. Aber Skip ist ein Guter und hat Skrupel und geht  deshalb nicht in den “Fleischwagen”. Diese verschiedenen Handlungsstränge laufen also nach und nach aufeinander zu, wobei Verluste – vor allem, weil die Zombies so verdammt schlau sind – nicht ausbleiben. Nicht nur manchmal ist das ein wenig deprimierend (und anstrengend). Kaum hat man sich die Namen der neuen Figuren eingeprägt, zack! Schon greifen hinterhältig Eichhörnchen an und dezimieren die fliehende Gruppe gnadenlos.

Fazit

Im Gegensatz zum witzigen Tagebuch der Apokalypse hat mir Auferstehung ganz und gar nicht gefallen – aber ich konnte auch ernst gemeinten Zombiefilmen bisher nie etwas abgewinnen. Wer aber gerne Horrorfilme guckt, in denen Nahaufnahmen von madenverseuchten klaffenden Wunden und explodierenden Schädeln das cineastische Highlight darstellen, der kann sich ja auch mal an Keenes literarischen Ekzessen in Auferstehung probieren. Ich habe drei Kreuze gemacht, als ich endlich durch war – zumal das Ende… naja.

Jeff Carlson: Nano

Eine Rezension von Rob Randall

Auch wenn Richard Feynmans Rede There’s Plenty of Room at the Bottom, auf die häufig als Gründungsschrift der Nanotechnologie referiert wird, aus dem Jahr 1958 datiert, so sind deren Aussagen nicht weniger gültig: Die Miniaturisierung der Technik ist noch längst nicht an ein Ende gekommen. Und wie 1957 schon Ernst Jünger in seiner visionären Erzählung Gläserne Bienen deutlich machte, bergen bis ins Mikroskopische verkleinerte Maschinen – heute würde man sie in ihrer kleinsten Form Nanobots oder Naniten nennen – durchaus Gefahren. War es bei Jünger allerdings noch der mögliche (kriminelle) Einsatz von Kleinstrobotern, der die Phantasie beschäftigte, so warnte der Nanotechnologe Eric Drexler in seinem Buch Engines of Creation (1985) aufgrund der möglichen Entwicklung von sich selbst vervielfältigenden Maschinen vor der Gefahr einer unkontrollierbaren Ausbreitung und Aufzehrung der Welt. So weit wie Drexler, der in einem Grey Goo (Grauer Schleim) genannten Gedankenexperiment zu zeigen versuchte, dass innerhalb von 48 Stunden Nanobots unsere Welt vollständig vernichten könnten, geht der 2007 erschienene Roman Nano von Jeff Carlson aber nicht. Er gehört zu einer bisher dreiteiligen Reihe, die in einer von Nanobots “nur” verseuchten, für Menschen größtenteils unbewohnbar gewordenen Welt spielt: Nano (Plague Year, 2007), Plasma (Plague War, 2008) und Infekt (Plague Zone, 2009).

Inhalt

Nano ist zwar ein nach bekannten Mustern gestrickter Thriller,  dafür ist er aber solide gemacht. Wie so oft konzentriert sich die Handlung nicht alleine auf eine Hauptfigur, sondern wird personal aus der Perspektive zweier Figuren – in diesem Falle Cam und Ruth – erzählt. Dabei stehen die beiden Protagonisten zu Beginn in keinem ersichtlichen Zusammenhang – wenn man einmal davon absieht, dass der junge ehemalige Skilehrer Cam in mehreren tausend Metern Höhe mit anderen Flüchtlingen um sein Überleben kämpft, während die Wissenschaftlerin Ruth in der Endevour die Erde umkreist und versucht, mithilfe der Nanotechnologie ein Mittel gegen die tödlichen Nanobots zu finden, welche alle Menschen, so sie sich denn nicht in die Bergregionen der Erde retten konnten, grausam getötet haben.

Der sich teilweise schon kannibalistisch ernährenden Gemeinschaft um Cam eröffnet sich zu Beginn des Romans die verlockende Möglichkeit, zu einer anderen Gruppe zu stoßen, die (eigentlich nicht weit entfernt) unter besseren Bedingungen auf einem anderen Berggipfel Kaliforniens lebt. Hierzu muss sie aber innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums die dazwischenliegenden Täler durchqueren, was sich angesichts gruppeninterner Konflikte, hungriger Insekten und tödlichen Nanobots als kaum zu bewältigende Herausforderung erweist.

Ruth muss nach ihrer Rückkehr auf die Erde entsetzt feststellen, dass die provisorische Regierung der U.S.A. ihre bisherigen und auch zukünftigen Forschungsergebnisse nicht nutzen will, um die ganze Menschheit zu retten. Nicht nur, dass diese neue Nanobots als Massenvernichtungswaffen gegen “abtrünnige” US-Bürger einsetzt, sie will zudem auch ausschließlich ihre loyalen Anhänger mit einem möglichen Gegenmittel ausstatten – die Millionen anderen Überlebenden sollen einem langsamen Siechtum in ihren Enklaven überlassen werden. Noch ist die Rettung aber nicht gefunden. Ein Funkspruch aus Kalifornien macht aber Hoffnung: Ein an der Entwicklung der tödlichen Seuche beteiligter Wissenschaftler bietet für seine Aufnahme in das noch von der Regierung verwaltete Gebiet sein Wissen an. Ruth und eine ganze Reihe anderer Verschwörer sehen sich vor die Herausforderung gestellt, die Informationen des Mannes an sich und vor der Regierung in Sicherheit zu bringen.

Beurteilung

Die von Carlson geschilderte Katastrophe scheint im Bereich des Möglichen zu liegen und die geschilderten Lebensbedingungen der wenigen Überlebenden in den kalten Bergregionen wirken durchaus realistisch. Der einzige Schwachpunkt scheint mir hier das unrealistische Verhalten der überlebenden Tierwelt zu sein, aber vielleicht hat sich der Autor ja von dem Film Die Mörderameisen inspirieren lassen. Und wenn sich Ameisen schon so verhalten – warum nicht auch Mördermücken. Nun gut.

Carlson hat sich Mühe gegeben: Cam leidet an Gewissensbissen aufgrund der im Existenzkampf begangenen Morde und Ruth an einer unerwiderten Liebe. Vor allem Cam zeigt Schwächen und wirkt nicht wie der stereotype Held. Insofern gewinnen die Figuren wenigstens in Ansätzen zwischen den zahlreichen actiongeladenen Sequenzen Tiefe.  Und die Handlung macht dem Genre Thriller wirklich alle Ehre. Nicht nur, dass die Mitglieder der Gruppe um Cam sich zu massakrieren beginnen und zeitgleich in einer tödlichen Umwelt ums Überleben kämpfen müssen, Ruth hat es auch noch mit einer skrupellosen Regierung zu tun, deren Handeln wie ihr eigenes durchaus Verschwörungscharakter besitzt. Und natürlich kommt es auch hier zu zahllosen Schießereien: Nano ist also eine Mischung aus Verschwörungs-, Öko-, und Katastrophenthriller,  die durchaus zu fesseln vermag, wenn man diesen Genres zugeneigt ist, und kann innerhalb der durch die Gattung gezogenen Grenzen durchaus als gelungen bezeichnet werden.

Nachdem ich dieses Jahr gut zwei Dutzend Thriller gelesen habe, muss ich feststellen, dass sich bei mir langsam Ermüdungserscheinungen einstellen, weil das konventionelle Erzählen innerhalb der Genregrenzen – und sei es auch so handwerklich sauber gemacht wie in Nano – mich zu langweilen beginnt. Dazu tragen sowohl die einander immer ähnlichen Erzählmuster (siehe: Peter Schwindt: SchwarzfallKarl Olsberg: Schwarzer RegenKyle Mills: Global Warning) als auch die stereotypen Motive bei: Die gute Wissenschaftlerin oder der gute Wissenschaftler, die bzw. der eine rätselhafte Seuche besiegen will, sowie die böse unmoralische Regierung respektive deren Organe (siehe: Lori Andrews: EpidemieKyle Mills: Global Warning) und das uneinsichtige, allein durch Machtinteresse motivierte Verhalten der US-Regierung (siehe: Frank Herbert: Die weiße PestEric L. Harry: Gegenschlag). Das kann man aber Jeff Carlson nicht anlasten,  er bedient mit Nano die genrespezifischen Leseerwartungen des Publikums in kalkulierter Weise. Und weil er keine Experimente wagt, wird er dieses vermutlich auch mit dem Nachfolger Plasma auch nicht enttäuschen.