Sakyo Komatsu: Der Tag der Auferstehung

Sakyo Komatsus Roman Der Tag der Auferstehung. Eine Buchbesprechung von Rob Randall

Zwei Buchreihen dominieren die Taschenbuchabteilung meines Bücherregals unübersehbar: Die erste ist die überwiegend in Regenbogenfarben fröhlich vor sich hinschillernde des Suhrkampverlages. Die andere: Ein monolithischer schwarzer Block von gut zwei Metern – und dabei besitze ich nur einen Bruchteil der mehrere tausend Titel umfassenden legendären Science Fiction & Fantasy Reihe aus dem Heyne Verlag. Ihr langjähriger Herausgeber Wolfgang Jeschke machte in den 70er und 80er Jahren durch diese nicht nur eine ganze Reihe junger deutscher SF-Autoren der breiten Öffentlichkeit bekannt, sondern auch erfolgreiche internationale SF dem Fan auf Deutsch zugänglich.

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Jeff Carlson: Plasma

Eine Rezension von Rob Randall

Der Roman Plasma ist der 2008 erschienene zweite Teil der Plague-Trilogie von Jeff Carlson. Nicht nur die Handlung von Plasma knüpft nahtlos an den Vorgänger Nano an – wie dieser ist er eine Mischung aus (post-)apokalyptischem Abenteuerroman und politischem Thriller:

In der ersten Hälfte des Romanes kämpfen sich die beiden Hauptfiguren zusammen mit dem Soldaten Newcombe durch die bekannten verseuchten Niederungen der U.S.A. (oder dem, was davon übrig ist). Gelingen kann ihnen dieses nur, weil sie durch den im ersten Teil erbeuteten Impf-Nano weitgehend immun gegen die Maschinenpest geworden sind. Ziel von Cam und Ruth ist es, den neuen Nano möglichst weit zu verbreiten, während Newcombe Ruth und ihre Ergebnisse so schnell wie möglich bei den Rebellen abliefern will. Cam und Ruth misstrauen diesen Plänen jedoch, denn sie befürchten, dass auch Rebellen die Rettung der Menschheit für sich behalten wollen. Doch das Unterfangen ist gefährlich: Ihnen sind zu Beginn vor allem die Bösewichte aus Leadville auf den Fersen. Das ändert sich aber bald, denn die amerikanische Regierung wird durch einen vernichtendenden Atomschlag ausgeschaltet. Allerdings müssen sie nun vor den russischen und chinesischen Soldaten fliehen, die zu zehntausenden eine Invasion der U.S.A. beginnen. Nachdem das Trio doch in der Stadt der Rebellen eingetroffen ist, macht sich Ruth nicht nur an die Untersuchung und Verbesserung des Impf-Nanos, sondern bereitet auch die „Schneeflocke“, eine schreckliche Massenvernichtungswaffe, zum Einsatz vor. Dabei entdeckt sie aber einen neuen rätselhaften Nanitentyp, dessen Ursprung sie auf einer weiteren gefährlichen Expedition finden muss – denn er könnte Teil eines umfassenden Vernichtungsplanes sein.

Endzeit und Langeweile?

Wie schon angedeutet, behält Carlson die bewährten Muster des ersten Romanes bei. Die beiden integeren Protagonisten stellen sich nicht nur der Herausforderung, die kümmerlichen Reste der Menscheit zu retten, sondern müssen auch die politischen Bösewichte, die immer  nur an das Wohl ihrer eigenen Kommune denken, in Schach halten. Waren dieses im ersten Roman die Machtpolitiker in Leadville, so sind es nun die egoistischen Rebellen in Grand Lake. Immer noch erschweren riesige Insektenschwärme, die seltsamerweise keine Nahrung zu benötigen scheinen,  die Reisen durch die verseuchten Gebiete. In zunehmenden Maße verliert nicht nur der Leser an Interesse, sondern die Nanos auch an Gefährlichkeit, selbst wenn der Autor anderes suggerieren will: Hat der Impf-Nano zu wenig Herausforderung durch seinen natürlichen Gegner, so kann er genauso versagen wie im dem Falle einer Überforderung. Deshalb könnte jetzt auch ein Aufenthalt in großer Höhe problematisch sein – das ist schlimm, besonders, weil es auch nicht in Ordnung ist, sich ständig in den Ebenen aufzuhalten. Sein höchst durchsichtiges Ziel, Spannung jenseits der eigentlichen Abenteuerhandlung, die sich liest wie die vieler anderer Romane, auf Teufel komm raus zu generieren, erreicht Carlson damit nicht. Dieses gilt auch für die Momente, in denen die Gruppe auf potentiell gefährliche Mitmenschen stößt – selbst wenn es sich hierbei um jugendliche Pfadfinder handelt.

Teenager-Liebe

Während Carlsons Plasma sonst also nichts Neues zu bieten hat, ist der Autor einerseits leider auf die ermüdende Idee gekommen, jede Gemeinschaft, die dem Leser in dem Roman begegnet, durch den offensichtlich psychoanalytisch hochbegabten Cam in gradezu visionärer – aber redundanter – Weise analysieren zu lassen, und andererseits eine ständig über ihre unsteten Gefühle zu Cam reflektierende Ruth zu präsentieren. Nicht selten möchte hier der Leser angesichts der pubertären Umkreisungen, welche die beiden über gut 400 Seiten praktizieren, ruften: Kondome hat sie doch schon mit rotem Kopf heimlich im Supermarkt eingesteckt – nun bringt es endlich hinter euch! Besonders grotesk wirkt die bürgerliche Zurückhaltung, welche Carlson uns hier in amerkanischer Manier präsentiert, weil zum einen der Ex-Kannibale Cam mit seinem vollautomatischen Gewehr sonst alles umnieten will, was Ruth gefährlich werden könnte, und zum anderen, weil diese sich mehr Gedanken über das Innenleben des Objektes ihrer Begierde macht als über die Folgen der hübschen Massenvernichtungswaffe, die sie freundlicherweise für die Rebellen (bzw. die Invasoren) bastelt. Vielleicht soll das aber auch bedeuten, dass die beiden zwischenmenschliche Defizite aufweisen – dafür schlagen sie sich aber sonst ganz gut im verbalen zwischenmenschlichen Überlebenskampf.

Überraschendes Ende

Einverstanden: Am Ende zeigt sich Ruth, die hier plötzlich zu nicht nachvollziehbarer Souveränität aufläuft, wieder als bewundernswerte Retterin der Welt, weil sie deus ex machina eine Lösung entwickelt, die eben nicht das ganze russische Volk tötet, das sich zu einer Kriegsmaschine entwickelt [hatte], die nichts anderes kannte als den Kampf oder die Vorbereitungen zum Kampf, sondern nur ein paar Zehntausend. Warum diese allerdings ausgerechnet das gelobte Land U.S.A. in Besitz nehmen will, erschließt sich mir – trotz der verzweifelten Erklärungsversuche des Autors – nicht. Hier werden eiskalt motivische Traditionslinien  des Kalten Krieges in hahnebüchend wirkenden Konstruktionen fortgeschrieben, die letztendlich in einem platten Ende gipfeln.

Auch dazu kann die Endzeit missbraucht werden.

Fazit

Jeff Carlsons einfallsloser Roman Plasma, der tatsächlich Finalist des Jahres 2008 für den Philip K. Dick Award gewesen ist, bedient (neben einigen bekannten Vorurteilen anderen Völkern gegenüber) eine ganze Reihe von genretypischen Stereotypen. Der Versuch, den Figuren mittels einer infantilen Liebesgeschichte und seichten ethischen Reflektionen Tiefgang zu verleihen, misslingt genauso wie das Bestreben, die Handlung jenseits des bekannten Abenteuerplots mit zusätzlicher Spannung aufzuwerten.

Aber: Irgendwie interessiert es mich schon, ob es Carlson wagt, Infekt, den dritten Teil der Trilogie, in ähnlicher Weise fortzuführen. Es ist zu befürchten, dass ich während eines Anflugs religiöser Opferbereitschaft das Buch doch noch erstehe.

Jeff Carlson: Nano

Eine Rezension von Rob Randall

Auch wenn Richard Feynmans Rede There’s Plenty of Room at the Bottom, auf die häufig als Gründungsschrift der Nanotechnologie referiert wird, aus dem Jahr 1958 datiert, so sind deren Aussagen nicht weniger gültig: Die Miniaturisierung der Technik ist noch längst nicht an ein Ende gekommen. Und wie 1957 schon Ernst Jünger in seiner visionären Erzählung Gläserne Bienen deutlich machte, bergen bis ins Mikroskopische verkleinerte Maschinen – heute würde man sie in ihrer kleinsten Form Nanobots oder Naniten nennen – durchaus Gefahren. War es bei Jünger allerdings noch der mögliche (kriminelle) Einsatz von Kleinstrobotern, der die Phantasie beschäftigte, so warnte der Nanotechnologe Eric Drexler in seinem Buch Engines of Creation (1985) aufgrund der möglichen Entwicklung von sich selbst vervielfältigenden Maschinen vor der Gefahr einer unkontrollierbaren Ausbreitung und Aufzehrung der Welt. So weit wie Drexler, der in einem Grey Goo (Grauer Schleim) genannten Gedankenexperiment zu zeigen versuchte, dass innerhalb von 48 Stunden Nanobots unsere Welt vollständig vernichten könnten, geht der 2007 erschienene Roman Nano von Jeff Carlson aber nicht. Er gehört zu einer bisher dreiteiligen Reihe, die in einer von Nanobots “nur” verseuchten, für Menschen größtenteils unbewohnbar gewordenen Welt spielt: Nano (Plague Year, 2007), Plasma (Plague War, 2008) und Infekt (Plague Zone, 2009).

Inhalt

Nano ist zwar ein nach bekannten Mustern gestrickter Thriller,  dafür ist er aber solide gemacht. Wie so oft konzentriert sich die Handlung nicht alleine auf eine Hauptfigur, sondern wird personal aus der Perspektive zweier Figuren – in diesem Falle Cam und Ruth – erzählt. Dabei stehen die beiden Protagonisten zu Beginn in keinem ersichtlichen Zusammenhang – wenn man einmal davon absieht, dass der junge ehemalige Skilehrer Cam in mehreren tausend Metern Höhe mit anderen Flüchtlingen um sein Überleben kämpft, während die Wissenschaftlerin Ruth in der Endevour die Erde umkreist und versucht, mithilfe der Nanotechnologie ein Mittel gegen die tödlichen Nanobots zu finden, welche alle Menschen, so sie sich denn nicht in die Bergregionen der Erde retten konnten, grausam getötet haben.

Der sich teilweise schon kannibalistisch ernährenden Gemeinschaft um Cam eröffnet sich zu Beginn des Romans die verlockende Möglichkeit, zu einer anderen Gruppe zu stoßen, die (eigentlich nicht weit entfernt) unter besseren Bedingungen auf einem anderen Berggipfel Kaliforniens lebt. Hierzu muss sie aber innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums die dazwischenliegenden Täler durchqueren, was sich angesichts gruppeninterner Konflikte, hungriger Insekten und tödlichen Nanobots als kaum zu bewältigende Herausforderung erweist.

Ruth muss nach ihrer Rückkehr auf die Erde entsetzt feststellen, dass die provisorische Regierung der U.S.A. ihre bisherigen und auch zukünftigen Forschungsergebnisse nicht nutzen will, um die ganze Menschheit zu retten. Nicht nur, dass diese neue Nanobots als Massenvernichtungswaffen gegen “abtrünnige” US-Bürger einsetzt, sie will zudem auch ausschließlich ihre loyalen Anhänger mit einem möglichen Gegenmittel ausstatten – die Millionen anderen Überlebenden sollen einem langsamen Siechtum in ihren Enklaven überlassen werden. Noch ist die Rettung aber nicht gefunden. Ein Funkspruch aus Kalifornien macht aber Hoffnung: Ein an der Entwicklung der tödlichen Seuche beteiligter Wissenschaftler bietet für seine Aufnahme in das noch von der Regierung verwaltete Gebiet sein Wissen an. Ruth und eine ganze Reihe anderer Verschwörer sehen sich vor die Herausforderung gestellt, die Informationen des Mannes an sich und vor der Regierung in Sicherheit zu bringen.

Beurteilung

Die von Carlson geschilderte Katastrophe scheint im Bereich des Möglichen zu liegen und die geschilderten Lebensbedingungen der wenigen Überlebenden in den kalten Bergregionen wirken durchaus realistisch. Der einzige Schwachpunkt scheint mir hier das unrealistische Verhalten der überlebenden Tierwelt zu sein, aber vielleicht hat sich der Autor ja von dem Film Die Mörderameisen inspirieren lassen. Und wenn sich Ameisen schon so verhalten – warum nicht auch Mördermücken. Nun gut.

Carlson hat sich Mühe gegeben: Cam leidet an Gewissensbissen aufgrund der im Existenzkampf begangenen Morde und Ruth an einer unerwiderten Liebe. Vor allem Cam zeigt Schwächen und wirkt nicht wie der stereotype Held. Insofern gewinnen die Figuren wenigstens in Ansätzen zwischen den zahlreichen actiongeladenen Sequenzen Tiefe.  Und die Handlung macht dem Genre Thriller wirklich alle Ehre. Nicht nur, dass die Mitglieder der Gruppe um Cam sich zu massakrieren beginnen und zeitgleich in einer tödlichen Umwelt ums Überleben kämpfen müssen, Ruth hat es auch noch mit einer skrupellosen Regierung zu tun, deren Handeln wie ihr eigenes durchaus Verschwörungscharakter besitzt. Und natürlich kommt es auch hier zu zahllosen Schießereien: Nano ist also eine Mischung aus Verschwörungs-, Öko-, und Katastrophenthriller,  die durchaus zu fesseln vermag, wenn man diesen Genres zugeneigt ist, und kann innerhalb der durch die Gattung gezogenen Grenzen durchaus als gelungen bezeichnet werden.

Nachdem ich dieses Jahr gut zwei Dutzend Thriller gelesen habe, muss ich feststellen, dass sich bei mir langsam Ermüdungserscheinungen einstellen, weil das konventionelle Erzählen innerhalb der Genregrenzen – und sei es auch so handwerklich sauber gemacht wie in Nano – mich zu langweilen beginnt. Dazu tragen sowohl die einander immer ähnlichen Erzählmuster (siehe: Peter Schwindt: SchwarzfallKarl Olsberg: Schwarzer RegenKyle Mills: Global Warning) als auch die stereotypen Motive bei: Die gute Wissenschaftlerin oder der gute Wissenschaftler, die bzw. der eine rätselhafte Seuche besiegen will, sowie die böse unmoralische Regierung respektive deren Organe (siehe: Lori Andrews: EpidemieKyle Mills: Global Warning) und das uneinsichtige, allein durch Machtinteresse motivierte Verhalten der US-Regierung (siehe: Frank Herbert: Die weiße PestEric L. Harry: Gegenschlag). Das kann man aber Jeff Carlson nicht anlasten,  er bedient mit Nano die genrespezifischen Leseerwartungen des Publikums in kalkulierter Weise. Und weil er keine Experimente wagt, wird er dieses vermutlich auch mit dem Nachfolger Plasma auch nicht enttäuschen.