Douglas Coupland: Generation A

Aua! Douglas Couplands ‚Generation A‘ bereitet in mehrfacher Hinsicht Schmerzen

Eine Buchbesprechung von Rob Randall

Romane können auf unterschiedliche Weise weh tun: weil der Autor mit seinem literarischenFinger in einer persönlichen Wunde des Leser herumzubohren scheint. Oder: weil man mit den Figuren leidet. Oder auch – wie im Falle von Couplands berühmten Roman Generation X aus dem Jahre 1992: weil der Text eine bitterböse Bestandsaufnahme der Wirklichkeit ist, die so richtig Unbehagen bereitet. In einigen Fällen jedoch verspürt man als Leser bei der Lektüre Schmerzen, weil ein Autor, der wirklich schreiben kann, einen einfach nur enttäuschenden Roman abliefert. Und auf Douglas Couplands Near-Future-Science-Fiction Generation A aus dem Jahr 2010 trifft das alles zu.

Eine vermeintlich düstere Zukunft

Couplands Welt des frühen 21. Jahrhunderts unterscheidet sich von der unsrigen gar nicht so stark, sie nur in verschiedener Hinsicht ärmer geworden: Nicht nur, dass die fossilen Brennstoffe zuende gehen und so boshaft dem durchschnittlichen Bewohner der ersten Welt seine heißgeliebten Urlaubsflügen auf die karibischen Inseln erschweren – auch die Bienen sind, als Vorhut vieler anderer Insektenspezies, aus mysteriösen Gründen verschwunden. Und das mit katastrophalen Folgen. Denn statt zu einem leckeren Apfelkuchen reichen die kleinen verschrumpelten Braeburns von künstlich befruchteten Bäumen nur noch zum teuren Apfelstrudel. Doch Gedanken um die Zukunft machen sich nur noch die wenigsten – unhippen – Menschen: Denn alle anderen sind einer Lifestyle-Droge namens Solon verfallen. Weil das Phantastische an ihr ist,  dass sie nicht nur das persönliche Zeitempfinden beschleunigt, sondern auch den sorglosen Abhängigen in einem seligen Gegenwartsrausch vereinzelt. Für die Eliten hebt der Flieger trotzdem immer noch ab.

Wie lange willst du in Genf bleiben? Ich will wieder nach Paris, Papa. Hier ist es so langweilig wie ein Schlaganfall, der nicht mehr aufhört.

Auch wenn Couplands Vision durch diese nur marginalen Verschiebungen Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit beansprucht, muss man als (möglicherweise auch literarisch abgehärteter) Leser feststellen: Das hat man anderswo auch schon mal in bitterer Form gelesen – in Philip K. Dicks düsterem  Träumen Androiden von elektronischen Schafen? beispielsweise; oder auch, was die gesellschaftlichen Folgen des Drogenmissbrauchs betrifft, in Dan Simmons Thriller Flashback. Genauso ich-zentriert wie die Figuren erscheint dabei Couplands Gegenwartsanalyse, die hier nur im Gewande eines Science Fiction daherkommt. Der Text arbeitet sich wiedereinmal kritisch an den Bedürfnissen der dekadenten Industriegesellschaften ab. Millionenfaches Siechtum als Folge des Bienensterbens, des Nahrungs- und Treibstoffmangels, der Deindustrialisierung sucht man vergeblich. Wenn man dem Roman dabei nicht egozentrische Lückenhaftigkeit unterstellen will, so muss man zumindest von einer höchst merkwürdigen Perspektivierung sprechen, die sich natürlich aus der Zielsetzung des Romanes ergibt: Denn die erhobenen Vorwürfe richten sich wieder einmal an den zunehmend vereinzelten, bindungsunfähigen, mediengeilen und an diversen Süchten leidenen Jugendlichen der Industrienationen westlichen Zuschnitts. Nicht umsonst ist dem Roman deshalb auch ein bekanntes Zitat Kurt Vonneguts vorangestellt, in welchem sich dieser darüber lustig macht, dass seine Zuhörer so schnell bereit gewesen seien, das Etikett Generation X als ihr Markenzeichen zu akzeptieren – weswegen er sie jetzt lieber als Generation A bezeichne – die noch vieles vor sich habe.

Skurrile Ideen in enttäuschender Konstruktion

Die Geschichte des Romanes selbst ist enttäuschend. Dabei bietet der Roman sogar gleich 5 verschiedene an. Von jenen Hauptfiguren, die merkwürdigerweise von ausgestorben geglaubten Bienen gestochen und daraufhin in sterile medizinische Versuchsanstalten verschleppt werden, wo sie vom medialen Rummel um ihre Person überhaupt nichts mitbekommen. Die nach ihrer Entlassung nicht mehr zu ihrem bisherigen Leben zurückfinden und einander zu suchen beginnen. Die anfangen, sich nach einer Einladung eines zwielichtigen Wissenschaftlers auf einer kanadischen Insel Geschichten zu erzählen und so kaleidoskopartig die Defizite der Gesellschaft und die wahren Hintergründe des Bienensterbens aufdecken. Da muss man nicht, wie Coupland es in aller Bescheidenheit tut, auf Boccaccios Decamerone verweisen, um ein literarisches Vorbild für einen solchen Aufbau zu bemühen – die nicht für besondereren Einfallsreichtum sprechenden Ähnlichkeiten mit Generation X sind dazu viel zu auffällig.

Nach dem aufgrund von zahlreichen unterhaltsamen Momenten und einigen witzigen Sprachspielen noch passablen ersten Teil erwarten den Leser also die in ihrer Qualität höchst unterschiedlichen Erzählungen der Protagonisten, die letztendlich nur eines gemeinsam haben: Eine deutlich bemerkbare und unschön bemüht wirkende Skurrilität. Letztere ist Coupland übrigens auch schon für die vorhergendenden Kapitel anzukreiden. Anders ließe es sich nicht erklären, dass er einmal eine unter Tourette leidene Haupfigur bemüht, die einem neuseeländischen Baptistenprediger, in den sie zudem noch verliebt ist, ununterbrochen unflätige Worte an den Kopf werfen lässt, und zum anderen den Playboy des Teams nackt mit einem Mähdrescher riesige Genitalien in sein amerikanisches Maisfeld fahren lässt. Anstatt den ersten Teils des Romans mit diesen vermeintlich unterhaltsamen Ideen aufwerten zu wollen, hätte Coupland gut daran getan, seinem Text zum einen einen Spannungsverlauf zu verpassen, der den Namen verdient und zum anderen sich ein Ende auszudenken, dass nicht urplötzlich mit der unglaubwürdigen Vision eines utopischen Morgens dank Solon-Gegenmittel und Kollektivintelligenz über den Leser hereinbricht.

Geschmackssache dürfte insgesamt der leicht gekünstelt wirkende lockere Umgangston des Textes sein, der sich nicht zuletzt aus der konsequent durchgehaltenen Ich-Form (bei kapitelweise wechselnder Perspektivierung) ergibt und der dank der insgesamt überzeugenden Übersetzung mir persönlich Spaß gemacht hat (Eine Anmerkung am Rande: Ein Patzer hat es allerdings in meine Top-Ten der Übersetzungsfehler geschafft. Das Essen saugt.).

Fazit

Douglas Coupland, dessen Erzählung Player One mir wirklich gut gefallen hat, hat sich selbst mit seinem Roman Generation A, der sowohl aus erzähltechnischer Sicht als auch mit Blick auf die literarischen Einfälle enttäuschend genannt werden muss, keinen Gefallen getan.

Philip Kindred Dick: Träumen Androiden von elektronischen Schafen?

Philip Kindred Dicks Klassiker „Träumen Androiden von elektronischen Schafen?“ Eine Rezension von Rob Randall

Der Vergleich zwischen einem literarischen Werk und seiner Verfilmung ist so eine Sache: Meistens bleibt doch der Film hinter seinem literarischen Vorgänger zurück – gleich ob man den Roman zuerst liest oder den Film als erstes schaut. Für den 1968 erschienenen Roman Träumen Androiden von elektronischen Schafen und den 1982 veröffentlichten Film Blade Runner gilt dieses aber nicht – zu sehr unterscheiden sie sich voneinander; möglicherweise ist das auch einer der Gründ dafür, dass der Film einen anderen Namen trägt als seine literarische Vorlage (neben der Tatsache, dass der Romantitel wahrscheinlich als Name des Kinofilms wenig Publikum angezogen hätte). Vielleicht ist aber auch gerade die eigene Natur des Filmes der Grund dafür, dass er so gut ist (er ist mein Lieblingsfilm). Tatsächlich sehe ich mich aufgrund der Unterschiede und meiner Begeisterung für Blade Runner außerstande, den Roman an diesem zu messen.  Deshalb werde ich ihn im Folgenden „behandeln“, als gäbe es den Kinofilm nicht (Für den Inhalt des Filmes und seine Beurteilung siehe man hier: http://dukesmovieblog.wordpress.com/2008/09/06/kurz-reingeschaut-blade-runner-usa-1982/)

Man schreibt das Jahr 1992, der WWT, der World War Terminus hat die Erde verwüstet, radioaktiver Staub liegt über den Megastädten, in die sich diejenigen Menschen zurückgezogen haben, die noch nicht zu den Kolonien ausgewandert sind. Aber auch diese werden vermutlich später zu den Sternen aufbrechen, denn die Gefahr, durch die Strahlung irgendwann zu erkranken und dann zu einem aus der Gesellschaft ausgeschlossenen special – womöglich einem halbdebilen chickenhead – zu werden, ist zu groß. Um das Leben in den Kolonien zu vereinfachen, werden immer bessere Modelle von Androiden konstruiert, das letzte, Nexus 6, ist vom Menschen nicht mehr zu unterscheiden, wäre da nicht ein ebenfalls immer weiter verbesserter Empathietest. Tatsächlich sind die Androiden teilweise zudem mit falschen biografischen Informationen ausgestattet, so dass sie selbst nicht einmal wissen, dass sie keine Menschen sind.

„I’m not a cop“. He felt irritiable , now , although he hadn’t dialed for it. „You’re worse“, his wife said, her eyes still shut,“You’re a murderer, hired by the cops.“

Rich Deckard ist ein Kopfgeldjäger, der für das San Francisco Police Department arbeitet und der sich in seiner kalten Ehe zunehmend alleine, verlassen und  mit seinen Problemen von seiner Frau unverstanden fühlt. Deckards Aufgabe ist es, entlaufende Androiden „in den Ruhestand zu schicken“.  Seine Chance bietet sich, als der eigentliche Kopfgeldjäger des Distriktes von einem der sechs Exemplare des Modells Nexus 6, nach denen er auf der Jagd ist,schwer verwundet wird. Und Deckard braucht das Kopfgeld dringend, denn im Gegensatz zu seinen Nachbarn verfügt er als Statussymbol zu seinem Leidwesen nur über ein elektronisches Schaf – und die noch lebenden Überbleibsel der aufgrund der Strahlung weitgehend ausgestorbenen Tierwelt sind teuer. Er macht sich auf zur Zentrale der Rosen Company, dem Hersteller des Nexus 6, um die Funktionalität seines Test sicherzustellen. Dabei lernt er Rachel Rosen kennen, die – wie er beim Teyst entdeckt – ein Nexus 6 ist. Sie bietet ihm ihre Hilfe bei der Jagd an. Deckard lehnt zunächst ab.

Empathy toward an artificial construct? he asked himself. Something that only pretends to be alive? But Luba Luft had seemed genuinely alive…

Bei seinem Versuch, einen als Opernsängerin getarnten Androiden, Lola Luft, auszuschalten, wird Deckard verhaftet und in ein Polizeirevier gebracht, das ihm bisher unbekannt gewesen ist – zu seinem Entsetzen muss er entdecken, dass die entflohenen Androiden eine Organisation geschaffen haben, um miteinander in Kontakt bleiben zu können. Mit Hilfe eines weiteren menschlichen Kopfgeldjägers, den Deckard aber eigentlich für einen Andoiden gehalten hat, kann er entkommen und Lola Luft töten. Spätestens jetzt beginnt er an seiner Aufgabe zu zweifel, denn die Unterscheidung zwischen Mensch und Android ist kaum möglich: Der kalte Charakter des anderen Kopfgeldjägers lässt ihn nachdenklich werden.

Die andere Hauptfigur des Romans  ist J.R. Isidure, ein chickenhead, der zufälligerweise in dem abbruchreifen Appartmenthaus wohnt, in dem die letzten drei gesuchten Nexus-6-Modelle Unterschlupf suchen. Er beschließt ihnen zu helfen.

Do Androids dream, Rick asked himself.

Bevor es zum Showdon in dem leeren Apartementhaus bei J.R. Isildure kommt, ruft Rick Deckard Rachel Rosen an und bittet sie ihm zu helfen – tatsächlich zweifelt er nämlich daran, ob er noch in der Lage sein wird, die Androiden zu töten, denn er beginnt Mitgefühl für seine „Opfer“ zu entwickeln. Auch der vorhergehende Kauf des so lang erträumten Haustieres vom schon ausgezahlten Kopfgeld hat seine Stimmung nicht verbessert. Rachel und er verbringen die Nacht miteinander, doch ist im Gegensatz zu Rick von Rachels Seite aus weniger Gefühl als vielmehr Berechnung dabei, dass sie mit ihm schläft – sie will die anderen Androiden vor ihm schützen, ihn emotional destabilisieren, sodass er seiner Aufgabe nicht mehr nachgehen kann.

„If I could legally marry you, I would“ […] And in two years he thought, you’ll wear out and die. Because we never solved the problem of cell replacement, as you pointed out. So I guess it doesn’t matter anyhow.

Wie auch der Film stellt der Roman gelungen die immer noch unbeantwortete Frage danach, was den Menschen eigentlich ausmacht, was ihn von der Maschine – und sei sie noch so hoch entwickelt – unterscheidet. Die Antwort des Romans ist das Mitleid, die Zuneigung und die Aufopferungsfähigkeit für andere, sie machen den Unterschied aus, gerade weil die Grenzen zwischen Mensch und Android  zu verschwimmen beginnen, wenn bounty hunter vorschlagen, erst mit der Beute zu schlafen, bevor man sie tötet, wenn auch Rick Deckard eigennützig Rachel Rosen in sein Hotelzimmer bittet, um später emotionslos über ihre nur noch kurze Lebensspanne zu reflektieren und wenn die menschlichen Figuren (I was in an 382 mood) ihre Gefühle für den jeweiligen Tag elektronisch steuern, die Androiden jedoch (möglicherweise) in ihrem Sklavendasein von der Freiheit oder eigenen elektronischen Schafen träumen…