Richard Matheson: Ich bin Legende

Man muss den Roman Ich bin Legende schon zu den Klassikern der phantastischen Literatur zählen. Denn der amerikanische Autor Richard Matheson erneuerte 1954 mit diesem nicht nur das deutlich in die Jahre gekommene Bild des Vampirs, sondern übte auch starken Einfluss auf eine ganze Reihe von Autoren und Regisseuren aus: Mit George Romero sei hier nur einer genannt, der sich durch Mathesons Werk inspirieren ließ – in diesem Falle zu seinem Zombiefilm Die Nacht der Lebenden Toten.

Gelingen konnte dieses Matheson vor allem, weil er in I am Legend bekannte Motive des Horrorgenres überzeugend mit Elementen des Science Fiction mischt. Der einzig verbliebene und deshalb auch vereinsamte Vertreter der Menschheitdurchstreift nicht wie in Shelleys Verney der letzte Mensch oder Shiels Die purpurne Wolke eine verlassene Welt, sondern muss sich in seinem Haus, das jede Nacht von Untoten belagert wird, verschanzen. Letztere gelangen nicht wie Hodgsons übernatürliche swine-things in The House on the Borderland durch einen phantastischen Riss in die moderne Welt, sondern als mutmaßliche Folge eines angedeuteten Krieges, als Folge radioaktiver Strahlung, welche Insekten so hat mutieren lassen, dass sie nun einen Krankheitserreger verbreiten, der die Menschen in Vampire verwandelt.

Der Protagonist Robert Neville verbringt seine Zeit am Tage deshalb auch nicht nur damit, auf Beutezug zu gehen, um sich mit allem zu versorgen, was man zum Überleben benötigt (z.B. auch Whisky), oder die Untoten, allen voran seinen ehemaligen Freund und Nachbarn, aufzuspüren, sondern auch mit wissenschaftlichen Nachforschungen anzustellen, welche in der Entdeckung des Erregers und der Unterscheidung von psychischen und physiologischen Aspekten des Vampirismus gipfeln. Vergleicht einmal unter diesen drei (bzw. mit dem Whisky vier) Gesichtspunkten einen neueren Zombieroman wie J. L. Bournes Tagebuch der Apokalypse mit Mathesons Text, wird deutlich, wie viel ihm auch heutige Autoren noch zu verdanken haben.

Fluktuierende Tiefe

Aber nicht nur unter dem literaturhistorischen Blick zeichnet sich der Roman aus – Matheson legt es drauf an, durch die Markierungen seiner Figuren Konflikte zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen im Bewusstsein des Lesers aufzurufen:

Schreiende weiße Gesichter flogen an den Fenstern vorbei. Ihre Schreie drehten ihm den Magen um… Er blickte über die Schulter und sah, wie sie aufholten, wie ihre fahl weißen Gesichter sich auf den Wagen, auf IHN richteten

Allerdings verweigert sich der Text immer wieder, wie Jakob Schmidt in seiner Untersuchung Untot in Amerika. Das Gesellschaftlich Imaginäre des Lynchmords und das Motiv der Massen-Untoten* überzeugend zeigt, einer eindeutigen Gleichsetzung von Figuren mit Bevölkerungsgruppen der realen Welt des Lesers. Denn eigentlich sei die Hauptfigur ein Weißer (noch dazu explizit deutsch-britischer Abstammung). Und immer wieder werde das Verhältnis von Neville und Vampiren zur Kippfigur: So fragt sich der Protagonist in einem inneren Monolog:

Weshalb kann der Vampir nicht leben, wo es ihm gefällt? Warum muss er sich in Verstecken verkriechen, wo keiner ihn finden kann? Weshalb wollt ihr ihn vernichten? Seht ihr, ihr habt den Unschuldigen zum gehetzten Tier gemacht. Es gibt keine Möglichkeit, für seinen Unterhalt zu sorgen, für eine anständige Ausbildung, er hat kein Stimmrecht. Kein Wunder, dass er zum nächtlichen Raubtier wird.

Das lässt sich nicht nur als ironisierende Anspielung des Verhältnisses von Schwarzen und Weißen in den U.S.A. der Rassentrennung lesen, sondern auch als eine Analyse der Vampire aus der Sicht der “normalen Menschen” – oder auch als Analyse der Situation Nevilles, denn dieser jagt die Vampire am Tage:

Nach seiner Brotzeit ging er von Haus zu Haus und führte alle Pfähle ihrer Bestimmung zu. Es waren 57 gewesen.

Bei seinem Feldzug geht der Held des Romanes trotz aller wissenschaftlichen Anstengungen aber nicht – wie es noch auf den ersten Seiten auf den Leser den Eindruck macht – ohne Emotionen zu Werke. Nicht nur, dass er den Anführer des Mobs, der jede Nacht vor seinem Haus lauert, persönlich kennt und sucht, nicht nur, dass er sich zu seiner eigenene Sicherheit selbst verwehren muss, die sich vor seinem Haus in aufreizende Posen werfenden Vampirfrauen zu betrachten – immer wieder sucht er vor allem letztere in ihren Schlafstätten auf und massakriert sie. Und in seinen dunklen Stunden lässt er sich vollaufen:

Ich bin ein Tier, dachte er. Ein dummes, hirnloses Tier.

Von der Einsamkeit der Postapokalypse

Überhaupt beeindruckt der Roman immer wieder durch die Tiefe der Darstellung von Nevilles inneren Konflikten, seinen Hoffnungen und seinen Schwächen – und der Veränderung, die er als Mensch in seiner ingesamt drei Jahre währenden Einsamkeit erfährt. Und die ihn letztlich selbst in einer letzten Kippbewegung zur Schreckgestalt einer heraufziehenden neuen Gesellschaft macht – und deren Legende.

Wer die Verfilmungen des Romanes – die erste mit Vincent Price, die zweite mit Charlton Heston oder auch die neueste mit Will Smith – kennt, weiß, dass Neville hin und wieder aber doch nicht so ganz alleine ist: Im Roman entdeckt er einen Hund, dem es als einzigem seiner Art ebenfalls gelungen ist, zu überleben. Wochenlang bemüht er sich, das traumatisierte Tier, welches ihm nicht zu fangen gelingt, an sich zu gewöhnen. Er füttert es liebevoll, nähert sich ihm langsam an – doch die Unterbrechung des monotonen und einsamen Alltags des Protagonisten dauert – im Gegensatz zur neuesten Filmhandlung – nur kurze Zeit; wenige Tage später stirbt der Hund in seinen Armen. Beim Lesen dieser Seiten muss mit Sicherheit selbst eingefleischteste Fan des Horrorgenres schlucken.

Fazit

Richard Mathesons ist mit I am Legend ein großartiger und eindringlicher Roman gelungen, der sich weit jenseits aller Klischees und Stereotypen seiner Zeit bewegt. Auch diejenigen, die mit den Verfilmungen vertraut sind, sollten ihn einmal wieder lesen – denn er ist zurecht ein moderner Klassiker.

*Jakob Schmidt: Untot in Amerika. Das Gesellschaftlich Imaginäre des Lynchmords und das Motiv der Massen-Untoten*, in: Franz Rottensteiner [Hg.] Quarber Merkur, Folge 116Giessen, 2011, S. S. 11-68.

Matthias Horx: Glückliche Reise

Denjenigen von euch, die sich schon länger mit dem Thema auseinandersetzen, wird das Jahr 1983 schon als das Jahr bekannt sein, in dem die meisten deutschen literarischen Auseinandersetzungen mit dem Atomtod – und der Zeit danach – erschienen. Neben Anton Guhas Ende, Dieter Königs Feuerblumen und Udo Rabschs Julius oder der Schwarze Sommer gehört auch Matthias Horx‘ Glückliche Reise. Roman zwischen den Welten zu diesen Romanen.

Rituelle Umkreisungen

Aufbau und Inhalt des Romans machen deutlich, wie schwierig es Anfang der 80er Jahre gewesen sein muss, einen intelektuellen Beitrag zum Nuklearkrieg-Diskurs zu leisten – denn das will der Text sein. Eingeteilt ist der Text in 3 Kreisläufe: Die 12 Kapitel aus Grünes Land wechseln streng zwischen auktorialem Er- und personalem Ich-Erzähler, wobei dieses für den vorgeschalteten Prolog und das 13. Kapitel nicht gilt. Der Kreislauf Dunkle Stadt ist in 4 Sequenzen geteilt: Randbezirk, Frohes Fest, Ganz tief unten und Das Projekt. Die Kapitelzahlen nehmen hier linear ab: 12, 8, 4, 0. Der auf das Ende zustrebende Kreislauf Zone zählt in 21 Kapiteln einen 24-tägigen Countdown bis zum erneuten Start einer Atomrakete herunter. Auch wenn diese Struktur, wie Hans Krah feststellt, wenig funktional und aufgesetzt* erscheinen mag – diese angestrengt wirkende Ritualisierung von Erzähl- und Zeitstrukturen postuliert nicht nur Offenheit und Distanz, sondern ist bestrebt den hier thematisierten Kern des utopischen Diskurses formal abzusichern: Denn im Zentrum der Umkreisung steht neben der eigentlichen utopischen Aporie die Frage, wie die ewige Wiederkehr des Verhängnisses, die so auch durch die äußere Form des Textes nahegelegt wird, verhindert werden kann.**

Zwei Welten

Die Handlung des Romanes setzt 2016, 18 Jahre nach dem Atomkrieg, ein. Während im einen (ländlichen) Teil des Landes Forschung und Entwicklung von Technik von einflussreichen transformatorischen Orden mit zahlreichen Tabus belegt sind, scheinen im anderen (städtisch geprägten Teil) Bemühungen getroffen zu werden, an die technologische Vorkriegsmarke anzuknüpfen. Der Protagonist Jonathan, der sich im ersten Kreislauf schon aufgrund aufgrund des Baues einer Flugmaschine fanatischen Anfeindungen seitens der ansässigen Bevölkerung ausgesetzt sieht, überschreitet nach Hinweisen einer Angehörigen des Ordens im zweiten Teil die Grenze zum städtischen Bereich und verdingt sich als Arbeiter unter menschenunwürdigen Verhältnissen in den neuentstandenen Fabriken. Als er feststellt, dass die Herrschenden offensichtlich an einem Raumschiff namens Terra 2 arbeiten, wird er enttarnt. Mit einigen strahlengeschädigten jungen Schildkröten – Angehörigen einer Gruppe aus dem Grenzbereich, die er bei seinem Übertritt in die Fabrikzone kennen gelernt hat und ihn nun befreien konnten – sowie seiner Freundin aus dem transformatorischen Orden macht er sich in einem gepanzerten Fahrzeug in die stark verstrahlte Zone auf, um von dort aus mittels einer Atomrakete den Bau bzw. Start von Terra 2 zu verhindern – und die technologischen Entwicklungen der Fabrikzone insgesamt zu stoppen.

*Hans Krah, Weltuntergangsszenarien und Zukunftsentwürfe. Narrationen vom >Ende< in Film und Literatur, Kiel, 2004, S. 323.

Herbert Rosendorfer: Die Goldenen Heiligen oder Columbus entdeckt Europa

In Herbert Rosendorfers umfangreichen Werk finden sich neben Kurzgeschichten, Erzählungen, Fernsehspielen und Libretti auch eine ganze Reihe phantastische Romane – und unter diesen auch die im Kolumbusjahr 1992 erschienen Parabel Die Goldenen Heiligen oder Columbus entdeckt Europa.

Glaubt man zu Beginn der Lektüre noch, es hier mit einem Werk zu tun zu haben, das vor allem als humorvolle – und vor allem unterhaltsame – Spitze gegen die Eigenheiten der zeitgenössischen deutschen Gesellschaft  gedacht ist, so muss man bald feststellen: Die Geschichte der Entdeckung unserer Welt durch die höchst fremdartigen Außeriridischen erzählt bitterböse vom Untergang der indigenen Kulturen infolge der europäischen Expansion:

Die Eroberung der Welt

Denn wie einst die Azteken vor der Ankunft der Spanier (so legen zumindest einige historische Quellen nahe), so erwarten auch die Deutschen in Rosendorfers Roman den Anbruch einen neuen Ära: In diesem Falle das Wassermannzeitalter. Und allen vorneweg die Mutter des auktorialen Ich-Erzählers, welche als selbsternannte Esoterik-Expertin in den Außeridischen, die 1992 in der süddeutschen  Provinz landen und schon bald die Goldenen Heiligen genannt werden, in göttlichem Auftrag gesendete Wesen erblicken will. Auf der Suche nach einer “Botschaft” reist sie an die verschiedenen Landungsstellen, die in den nächsten Jahren bekannt werden. Kritik wird, obwohl es erste “Verluste” bei gewaltsamen Zusammenstößen und aufgrund von offensichtlichen Entführungen gibt, nicht zugelassen. Der öffentlichen Meinung zum Trotz können sich aber immerhin wenigstens ein paar Betroffene zu einer abweichenden Meinung durchringen – auch wenn diese ebenfalls kaum differenziert erscheinen:

Unglücksfälle wie am Monte Fusa waren in Vyskov nicht zu verzeichnen. Die Goldenen Heiligen sandten nur einmal einen Strahl aus, der drei Kilometer weit ausfuhr und beim Zurückschnellen einen Vogelbauer mit drei Wellensittichen erfasste, der einer gewissen Witwe Krtkova gehörten. Auch die Wellensittiche – sie hießen Borivoy, Dalibor und Simson, gab die Krtkova im Fernsehen bekannt, die Tränen mit der Kittelschürze abwischend – nahmen die Goldenen Heiligen nebst Vogelbauer mit. “Das können keine guten Menschen sein”, sagte die Witwe. Das Fernsehen – und zwar jede Anstalt, die die Witwe interviewte – schenkte ihr drei neue Wellensittiche, [sodass] die Witwe Krtkova im Frühjahr 1995 über vierhundertfünfundsechzig Wellensittiche verfügte.

Wer allerdings mit der europäischen Expansion in 15. und 16. Jahrhundert (nicht nur in Südamerika) vertraut ist, der weiß: Den noch vorsichtigen Erkundungsfahrten schlossen sich schon wenige Jahre später die Gründungen erster Siedlungen an, denen dann die schrittweise Inbesitznahme – einschließlich des Zusammenbruchs der indigenen Gesellschaften folgte. Gleiches geschieht auch hier: Schon wenige Jahrzehnte nach dem ersten Kontakt ist die menschliche Zivilisation am Ende. Für die aus blauen Glasperlen bestehenden Vierpass liefern die letzten menschlichen Siedlungen Holzschuhe an die Invasoren, die in immer größerer Zahl die Erde “bedecken”; die Bewohner der ummauerten und auf mittelalterliches Niveau herabgesunkenen Städte siechen aufgrund von Hunger, Krankheiten und der schädlichen Wirkung abhängig machender außerirdischer Apparaturen langsam dahin; Kollaboration aus Eigennutz verhindert den durchaus noch möglichen erfolgreichen Widerstand. Und auch das Ende ist bekannt: In Reservaten und Zoos schwinden die spärlichen Reste der eroberten Kulturen unter zuletzt doch noch interessiertem Blick – dieses Mal keinem menschlichen – dahin.

Beurteilung

Eine junge Frau, mit nichts als Birkenstock-Sandalen bekleidet, brach durch das Gebüsch auf die Straße und lief, schrecklich klappernd, in Richtung Paderborn. Monsignore Altmögen glaubte zunächst an eine zölibatäre Zwangsvision.

Man muss zugeben: Mit dem (immer noch) grassierenden Esoterikwahn und den (noch verbliebenen) religiösen Institutionen hat sich Rosendorfer sehr leichte Ziele für seinen Spott ausgesucht (selbst wenn es diese ihn möglicherweise selbst zu verschulden haben). Dafür ist dieser allerdings bestechend poinitiert und sehr amüsant geraten. Aber der Roman ist nicht wegen seinen an diesem Punkte vorgetragenen gesellschaftskritischen und eloquenten Attacken lesenswert, sondern aufgrund seiner gar nicht oberflächlichen parabolischen Darstellung der historischen Vorgänge. So mag zwar der Handel mit den völlig unnützen Vierpass bzw. Holzpantinen zuerst geradezu lächerlich erscheinen, bei genauerer Betrachtung stellt er sich aber nur als groteske Überzeichnungen der historischen “Erstkontakte” dar. So berichtet Columbus beispielsweise in seinem Bordbuch:

Sie nahmen sogar zerbrochene Faßreifen und gaben dafür wie Blödsinnige alles, was ihnen gehörte, so daß dieser Tauschhandel mir zuletzt unredlich erschien und ich ihn verbot. Ich gab ihnen tausend hübsche Kleinigkeiten…

So wie es dem überlegenen europäischen “Gutmenschen” Kolumbus selbst in seiner schönfärbenden Selbstdarstellung nicht gelingt, den Seltenheitswert der (zudem noch!) metallenen Fassreifen für die Bewohner einer karibischen Insel zu erfassen, begreift der menschliche Leser bis zum Schluss nicht, warum die Eroberer verdammt noch mal so wild auf die schnöden Holzpantoffeln sind. Impliziert wird, dass auch aus der nicht dargestellten Perspektive der “Besucher” die Menschen “Blödsinnige” bzw. Primitive sind, die sich mit blauen Glaskugeln – “hübschen Kleinigkeiten” (die ebenfalls Seltenheitswert besitzen) – abfinden lassen. Das ist gar nicht schlecht gelungen – zumal sich die hier problematisierte Fremdwahrnehmung immer wieder auch in die andere Richtung lesen lässt.

Ein bisschen zu überdeutlich gerät der Roman gegen Ende hin, als auch noch die Vorgeschichte der außerirdischen Entdeckungsfahrt explizit mit der Vorspiel der Kolumbusfahrt gleichgesetzt wird – wohl auch in der Absicht, das auch der letzte Leser den Bezug noch begreife. Dieses kann dem 280-Seiten-Roman insgesamt aber kaum noch schaden.

Fazit

Rosendorfer gelingt es in Die Goldenen Heiligen witzige – und teilweise leichte – Unterhaltung mit tödlichem und tiefen Ernst zu verbinden, ohne dass der empfindsame Leser angesichts dieser grotesken Kombination bestürzt schlucken müsste (Es sei denn, er wartet auf den 21.12.2012). Überzeugend werden vor allem die historischen Vorgänge in einer phantastische Begegenung der Menschheit mit Außerirdischen – bzw. genau umgekehrt – gespiegelt. Ein durchaus empfehlenswerter Roman.

H. G. Well: Der Luftkrieg

H. G. Wells, der amerikanische Altmeister des Science Fiction, entwarf mit Der Luftkrieg schon 1908 das literarische Szenario eines vernichtenden Weltkrieges, das seiner Zeit weit voraus war: Nicht unbedingt nur deshalb, weil es 6 Jahre später tatsächlich zu einem militärischen Konflikt mit dem deutschen Reich kommen sollte – sondern vor allem aufgrund der von ihm beschriebenen Kriegsführung. Denn in Wells Vision entscheidet nicht mehr die Stärke der britischen See- oder der deutschen Landstreitkäfte über Sieg und Niederlage, ausschlaggebend für den Sieg ist alleine die technische Vervollkommnung der allen anderen Waffengattungen weit überlegenen Luftwaffe.

Was 5 Jahre nach dem ersten Motorflug der Gebrüder Wright zu Beginn noch vornehmlich als Warnung vor der aeronautischen Bestrebungen des Deutschen Reiches oder vor der Gelben Gefahr gelesen werden kann, gerät angesichts der dramatischen Folgen des Krieges zuletzt zur  Klage über die von den westlichen Nationen gegeneinander gerichteten Hochrüstung: Dementsprechend deutlich resümiert Wells auktorialer Erzähler abschließend im Rückblick auch, dass die Selbsterfleischung der unvergleichlich hoch entwickelten westlichen Staaten letztendlich in einen nie gekannten zivilisatorischen Absturz gemündet habe. Das unglaubliche Potential der Technik sei aufgrund nationalistischer Verirrungen nicht sinnvoll genutzt worden – Die Erfolge der letzten Jahrhunderte – in Wells warnender Vision- dahin. Alle.

Eine Welt gegen die Wand geflogen

Dabei beginnt die abenteuerliche Geschichte des höchst durchschnittlichen und immer wieder von Erzähler mit witzigen Bemerkungen bedachten Protagonisten Bert Smallways höcht optimistisch. Wie so viele seiner Mitmenschen teilt Bert die Begeisterung für Errungenschaften der modernen Technik, die sich gegenständlich in seinem geliebten Motorrad oder der vor seiner Haustür errichteten Londoner Hochbahn manifesteren. Und wenn Fortschritt vor allem als “Beschleunigung der Fortbewegung” verstanden wird, verwundert es auch nicht, dass er mit aller Welt gebannt darauf wartet, dass der erste Erfinder sein steuerfähiges Fluggerät präsentiert.

Der euphorische Fortschrittsoptimismus wird zu Beginn allerdings so lange enttäuscht, dass kaum noch einer an den Erfolg des sehr praktisch veranlagten Erfinders Mr. Butteridge glauben mag, als letzterer endlich die Konstruktion eines sogar recht schnellen und wendigen Flugzeugs verkündet. Leider will der vornehmlich an Geld und Ruhm interessierte Mr. Butteridge die Pläne nur demjenigen überlassen, der ihn dafür fürstlich entlohnt. Sein vielversprechendes Vorhaben, die Pläne an das deutsche Reich zu verkaufen werden aber von Bert vereitelt: Aufgrund eines Missgeschicks hebt er mit dem Ballon des Erfinders, in dem sich auch die Konstruktionszeichnungen befinden, ab und wird später von der deutschen Luftflotte aufgegriffen, die sich gerade auf dem Weg in die U.S.A. befindet, um mit einem Überraschungsangriff auf New York den Krieg zu eröffnen. Obwohl die deutschen Offiziere nach einiger Zeit erkennen müssen, dass es sich bei Bert leider nicht um den hochgeschätzten Erfinder Butteridge handelt, sondern um einen wenig intelligenten Londoner Fahrradmechaniker, werfen sie ihn freundlicherweise nicht von Bord.

Als hart arbeitendes Mitglied der Besatzung erlebt der mit der Situation teilweise stark überforderte Protagonist nun die gewaltigen Luftschlachten über der amerikanischen Metropole sowie die entsetzlichen Verluste, welche die deutschen Bomben unter der unbeugsamen Bevölkerung anrichten. Als die heimlich konstruierte chinesische Luftflotte in die weltweiten Kämpfe eingreift, wird auch Bert Zeppelin abgeschossen. Trotz chinesischen und deutschen Soldaten gelingt es ihm von der Insel, auf welcher er “gestrandet” ist, zu entkommen. Während der Begegnung mit den ersten Amerikanern erkennt er den Wert jener Konstruktionspläne, welche er immer noch bei sich führt. Obwohl sie dem amrikanischen Präsidenten übergegeben werden, vermag Berts Einsatz die westliche Welt nicht mehr zu retten: Während er nach einer monatelangen Odyssee endlich in seine zerstörte Heimat zurückkehren und seine geliebte Edna kann, tobt der Krieg unentschieden weiter. Unbeachtet von den Menschen, die auf mittelalterlichem Niveau gegen Hunger, Pest und Übergriffe um ihr Leben kämpfen, ringen irgendwo die Mächtigen weiter um die Weltherrschaft.

Angriff auf New York

Zugegeben: Natürlich erscheinen uns heutigen Lesern die technischen Details der Luftschiffe, die erst im Laufe der Geschichte moderner wirkenden Flugzeugen weichen, genauso antiquiert wie die Art und Weise, in welcher die Zeppeline als “Schlachtschiffe der Luft” einander Richtung Erdboden schicken. Und auch die Vorstellung, dass sie als “Basisstationen” Schwärme von bewaffneten Lilienthal’schen Fluggleitern hinter sich her ziehen, ist – vorsichtig formuliert – äußerst gewagt. Allerdings wirken die Beschreibungen der verheerenden Bomben- und Granatenangriffe auf amerikanische bzw. europäische Großstädte mit Blick auf die Zerstörungen während des Zweiten Weltkrieges geradezu prophetisch. Denn schon im ersten Weltkrieg bombardierten Zeppeline strategisch wichtige Gebäude der Kriegsgegner und flogen deutsche Gotha-Bomber Angriffe gegen London, denen hunderte Menschen zum Opfer fielen*. Selbst die strategischen Folgen der zukünftigen Kriegstechnik antizipiert Wells, wenn er explizit betont, dass die Luftüberlegenheit zur endgültigen Bezwingung eines Gegners nicht ausreiche, weshalb auch der deutsche Angriff  – trotz der angerichteten Zerstörungen – gegen New York auch nicht von Erfolg gekrönt ist. Richtig erkennt er den Wert der Luftwaffe in ihrer Verwendung als Terrorinstrument und als Unterstützung der Landstreitkräfte – auf sich allein gestellt führen sie im Roman letztendlich zu einer (bei Wells insgesamt zu stark überzeichneten) Verewigung des Krieges.

Es ist dementsprechend nachvollziehbar, dass Wells die Beschreibung der Luftschlachten breit anlegt, findet sich hier doch das eigentlich Neue des Romans. Allerdings beginnen diese Ausführugnen aufgrund ihres Wiederholungscharakters den heutigen Leser gegen Ende nicht nur ein wenig zu ermüden. Genießen kann man dabei aber immer noch die Ästhetik der gelungenen Beschreibungen – vor allen Dingen auch der veralteten technischen Details – aber immer noch; denn Wells Stil ist nicht nur ästhetisch und schön, sondern auch präzise, genau – und häufig sehr unterhaltsam.

Boshafte Erzählhaltung

Scheinbar geradezu konterkariert werden die entsetzlichen Vorgänge des Romanes durch die eigenwillige – und vor allem mit Blick auf den symphatischen Protagonisten manchmal höchst spöttische Haltung des Erzählers. In geradezu boshaften, aber unterhaltsamen Seitenhieben wird desöfteren nicht nur Bert Smallways tumbe Naivität gegeißelt, sondern auch seine Rolle in der ganzen Geschichte wenig schmeichelnd bewertet:

Bert saß im Hintergrund – man hatte inzwischen seinen Wert inzwischen ziemlich richtig abgeschätzt… und hörte zu. Und während die anderen redeten, zogen an seinem schwankenden Geist seltsame ungeheuerliche Vorstellungen vorüber… Vorstellungen von einer hereingebrochenen Krise ganzer Nationen, die sich in wildem Tumult vorwärts wälzten, von vernichteten Weltteilen, von Hungersnot und unermesslicher Verwüstung

Tatsächlich ist Bert alles andere als ein Held. Als Durchschnittsmensch wird er von den Beschlüssen der Großen und Mächtigen, welche selbst allerdings auch nur vermeinen, die weltgeschichtlichen Ereignisse in ihrem Sinne lenken zu können, bestimmt. Man fühlt einfach mit ihm mit. Zum anderen ist er Opfer globalen Entwicklungen, die nicht nur seine intellektuellen Fähigkeiten herausfordern, sondern – so wünscht zumindest Wells – auch die des Leser. Vielleicht zu deutlich schließt der Roman dann auch:

Irgendwer hätte irgendwo irgend etwas verhindern müssen. Aber wer oder wie oder warum – das lag alles jenseits seines Horizontes.

Fazit

Wells Der Luftkrieg ist trotz seines Alters ein immer noch sehr lesenswerter Roman: zum einen nimmt diese dunkle Warnung viele spätere Entwicklungen des 20. Jahrhunderts vorweg, zum anderen ist Wells Erzählstil nicht nur geschliffen, sondern sehr häufig auch einfach witzig. Dass der heutige Leser sich stellenweise durch manche Länge kämpfen muss, ist nicht dem Autor, sondern schon dem Alter des Romanes, der mir dennoch sehr viel Spaß gemancht hat, anzulasten.

*Christopher Cole/E.F. Cheesman, The Air Defence of Great Britain 1914-1918, London 1984; Walter Raleigh/H.A. Jones, The War in the Air, vol. V, Oxford 1934, S. 20ff.

James Dashner: Im Labyrinth

Es gibt Rezensionen, die sind unmöglich: Nicht, weil sie eloquent an einem Buch vorbei geschrieben sind  – auch das kommt gelegentlich vor -, sondern weil sie als Text, wie der hier vorliegende über James Dashners Jugendroman Die Auserwählten – Im Labyrinth, mit jedem Wort das Eigentliche unberührt lassen müssen, wenn sie dem Werk nicht seine rätselhafte Atmosphäre rauben wollen. Denn gerade diese macht den Roman aus.

Natürlich ahnen sowohl der jugendliche als auch erwachsene Leser deutlich , dass mit der Welt, die der Autor aus Georgia da entwirft, etwas nicht stimmen kann. Dass sie auch in der literarischen Fiktion nicht ‘real’  sein kann. Zu deutlich sind die Hinweise, wenn sich der 15-jährige Protagonist ohne Erinnerung an seine Vergangenheit im Zentrum eines riesigen Labyrinthes wiederfindet, dessen Wände nicht nur ihn und vier Dutzend seiner Altersgenossen jede Nacht auf der schützenden Lichtung einschließen, sondern auch den Weg zu einem potentiellen Ausgang verändern. Selbst wenn damit noch nicht viel verraten erscheint, beginnt man doch, dem Rätselraten des zwar verblüfften, aber insgesamt seltsam wenig verwirrten Protagonisten, vorzugreifen – auch wenn dieser schon von Beginn an weiß, dass er einer jener 8 Läufer werden muss, die jeden Tag aufs neue für die gut organisierte Gemeinschaft den Irrgarten auf der Suche nach einem Fluchtweg  durchstreifen und dabei den gefährlichen Griewern auszuweichen versuchen.

Sagt man aber nicht schon viel zuviel, wenn man feststellt, dass der spannende Roman natürlich nicht in das Genre der Fantasy gehört, sondern in das des Science Fiction? Weil mit der Hauptfigur, aus dessen Sicht der 480-Seiten-Roman erzählt wird, ununterbrochen der Leser nach einer rationalen und wissenschaftlichen Erklärung dafür sucht, dass die Schöpfer die Jungen mittels der Käferklingen, kleinen Maschinen, beobachten, jeden Tag ihre Gefangenen von einer merkwürdig künstlich wirkende Sonne vom regen- und wolkenlosen Himmel bescheinen lassen und zudem an der Klippe ihre Griewer, Mischungen aus Tier und Maschine, im Nichts verschwinden können? Und sogar um einen dystopischen Science Fiction, weil die von den Griewern verletzten Opfer angesichts ihrer teilweise wiedergewonnen entsetzlichen Erinnerungen an die “Welt da draußen” und geheimnisvollen “Brand” innerlich verstocken?

Vielleicht wäre es  besser, sich in der Besprechung eines solchen Jugendromanes einfach auf die Elemente der Handlung zu konzentrieren, die zu jedem gelungenen Vertreter des Genres gehören: Die Suche eines jungen Menschen nach sich selbst, seiner Bestimmung und seinem Platz in einer Gemeinschaft sowie die Frage nach dem Sinn des Daseins. Ersteres vorgeführt in der Übernahme des amüsanten jugendsprachlichen Wortschatzes durch den Frischling, zweiteres versinnbildlicht im klonck Labyrinth. Das beginnende Interesse an einem fremdenartigen Mädchen, das in merkwürdig enger Verbindung zum eignen Dasein steht – und das ein Ende der bisher bekannten Jungenwelt einläutet. Mit dessen Erscheinen es heißt: Alles wird anders werden.

An einem kommt man aber trotz aller neugierig machenden Verklausulierungen als Rezensent einfach nicht vorbei: An der Kritik des Missglückten: Hier am erzähltechnischen Patzer, wenn die Reflektorfigur gegen Ende plötzlich deus-ex-machina visonär die Lösung aller Rätsel findet, jene aber dem Leser unerwartet auktorial vorenthalten wird. Und der nicht glücklichen Entscheidung des 39-jährigen Autors, dem eigentlich gelungenen Showdown, der die spannende Handlung dieses Pageturners abschließen sollte, eine weitere Reihe von kleinen Abenteuern anzufügen, die in den zweiten Band überleiten, welcher im Englischen auch schon erschienen ist.

Fazit

Als Lösung bleibt eigentlich da nur, sich am Ende von der Sache selbst zu lösen auf das eigene Empfinden zurückzuziehen, indem man feststellt: Der erste Teil von James Dashners Trilogie Die Auserwählten ist so spannend und rätselhaft, dass selbst seine strukturellen Schwächen am Ende kaum zu Buche schlagen. Und letztendlich: Auf die deutsche Fortsetzung aus dem Chicken House Verlag zu warten.

Mike Lancaster: 0.4 Eine perfekte neue Welt

Unter den zahlreichen dystopieverdächtigen Neuerscheinungen dieses Jahres findet sich auch der Debütroman des britischen Autors Mike Lancaster. Dystopieverdächtig erscheint er deshalb, weil sowohl der deutsche als auch der englische Untertitel eine Verbindung zu Aldous Huxleys Anti-Utopie Brave New World nahelegen. Wer nun aber erwartet, eine weitere jugendliche Variante der Dystopie nach klassischem Strickmuster geboten zu bekommen, einen Roman also, in dem sich ein pubertierender jugendlicher Held (bzw. wie im diesjährigen Falle: Heldin) einer totalitären Fremdbestimmung (auch von seitens der Eltern, genauer: des Vaters) erwehren muss, – der wird enttäuscht werden. Denn Lancasters Romanvorhaben ist viel ambitionierter.


Der Inhalt

Die eigentliche Handlung des Romanes, die laut Herausgeberfiktion das Transkript von drei Tonbandkassetten darstellt, spielt in der beschaulichen Kleinstadt Millgrove. Der 15-jährige Kyle Straker berichtet, wie er sich mit seiner Freundin Lilly sowie seiner Lehrerin Kate O\’Donnell und dem mehr oder minder bauchsprechenden Mr. Peterson während des alljährlichen, vor allem von den jüngeren Beteiligten gefürchteten, Talentwettbewerbes der Kleinstadt von einem seiner Schulkameraden habe hypnotisieren lassen. Als die vier Beteiligten wieder zu sich kommen seien, habe nicht nur Mr. Peterson einen Nervenzusammenbruch erlitten, sondern alle anderen Menschen seien erstarrt gewesen. Alle technischen Geräte hätten nicht mehr funktioniert – darunter auch die Telefone. Was man bisher nur von Windows-Rechnern kannte, findet man, laut Kyle, nun auch bei iMacs: Sie zeigten merkwürdige Schriftzeichen, die kaum irdischen Ursprunges sein können. Als die Bevölkerung der Stadt sich wieder zu regen beginnt, wollen Kyle und Lilly erkennen, dass sich die restliche Bevölkerung von Millgrove verändert hat – und eine Aussschaltung der sogenannten 0.4 anstrebe. Mit Kate O\’Donnell und dem sich langsam wieder erholenden Mr. Peterson versuchen sie, aus der Stadt zu flüchten – doch vor dem, was die Welt mit einem Schlag verändert hat, gibt es kein Entkommen.


Rätselhafter Herausgeber


\r\nWie man schon an der Wiedergabe des Inhaltes merken dürfte, relativiert die Herausgeberfiktion selbst die geschilderten Ereignisse und thematisiert immer wieder in vermeintlich wissenschaftlicher Manier – aber höchst humorvoll und unterhaltsam – deren möglichen Wahrheitsgehalt. Dementsprechend werden die teilweise unvollständigen und sehr umgangssprachlichen Aufzeichnungen immer wieder von Anmerkungen unterbrochen, die einen Veröffentlichungszeitpunkt weit in der Zukunft nahelegen. Hieraus erklärt sich auch, warum schon auf der ersten Seite des Romanes eine Hinweis gegeben wird, wie mit einem so veralteten Medium wie einem Buch umzugehen sei. Fraglich ist, inwieweit die jüngeren Vertreter der vom Verlag breit anvisierten Altersgruppe (12-17 Jahre) mit einem solchen Erzählstruktur jenseits ihres Rätselcharakters umgehen können – zumal sich eine ganze Reihe humorvoller Anspielungen in den Kommentare nur den älteren Lesern erschließen dürften. Mit Blick auf das Ende des Romanes – das ich hier nicht verraten will, aber andeuten muss – ist der Ansatz aber in sich durchaus schlüssig.

Eine bunte Mischung

Der Roman wartet mit einer ganzen Reihe von Elementen unterschiedlicher Genres auf, die hier auf interessante Weise miteinander kombiniert werden. Mystery-Elemente (wie die Hypnose und paranormal wirkende Wesen) finden sich ebenso wie Szenen, die an bekannte Alien-Invasionsfilme erinnern. Dieses würde aber natürlich noch nicht den vom Oetinger-Verlag gewählten Titel Perfekte neue Welt erklären – wenn nicht das Ende auch noch in Richtung Utopie weisen und zudem auch noch die dystopische Stoßrichtung von Filmen wie Matrix und 13th Floor verfolgen würde.
Dabei muss man einfach feststellen: Eine Handlung, die in derartiger Weise verschiedene Genres inhaltlich und strukturell miteinander verknüpft und immer wieder Schwenks vollführen muss, bedarf ein wenig mehr des Raumes als hier den vom Autor zu knapp bemessenen 270 Seiten – zumal diese ja auch noch zu einem gewissen Teil aus Anmerkungen und Fußnoten bestehen. Darunter leidet nicht nur die Glaubwürdigkeit des von Kyle Geschilderten selbst – so zum Beispiel, wenn plötzlich Tentakel aus seinen alten Freunden wachsen oder sich Verfolger nähern, die nicht aus dieser Welt zu sein scheinen -, sondern auch die Charakterzeichnung der vier Hauptfiguren. Natürlich ließe sich hier theoretisch rechtfertigend ins Felde führen, dass es sich bei der Erzählung um die Niederschrift eines Tonbandes handele – was aber nichts daran ändert, dass die Kürze des Textes keinen Raum für Tiefe in der Figurengestaltung lässt. Um es kurz zu sagen: Lancasters wirklich interessantes Konzept hätte, um seine volle Wirkung entfalten zu können, in seiner Umsetzung viel mehr Raum gebraucht – und dann wäre vermutlich ein wirklich guter Science Fiction aus ihm geworden. Jetzt überwiegt beim – vermutlich aber nur älteren – Leser hingegen das Gefühl, dass es Lancaster nicht gelungen ist, die verschiedenen Teile seines Werkes in befriedigender Weise miteinander zu verbinden. Und das ist wirklich schade.


Fazit


Der wirklich interessante Ansatz Mike Lancasters kann seine Wirkung aufgrund des geringen Umfanges des Romanes leider nicht entfalten. Das Ergebnis ist ein zu kurzer – aber durchaus auch kurzweiliger – und lobenswert gewaltfreier Roman für die eher jüngeren Leser, selbst wenn diese so manche Anspielung nicht vertehen dürften. Seine Handlung ist zwar durchaus immer wieder spannend, der älteren Leserschaft jedoch dürfte er jener Momente ermangeln, welche SF-Romane benötigen, um eine Akzeptanz der fiktionalen Welt auf seiten des Lesers zu produzieren. Insofern erscheint mir die Altersempfehlung auch etwas zu großzügig zu sein.

Daniel Höra: Das Ende der Welt

Postapokalyptische Romane, die in den U.S.A. spielen, gibt es wie Sand am Meer nach einer richtig fiesen Klimakatastrophe. Beispiele aus heimischen Landen hingegen – zumal solche, die nach dem Ende des Kalten Krieges und der Atomkriegsangst der 80er Jahre entstanden sind – finden sich hingegen viel seltener. Mit seiner diesjährigen Veröffentlichung Das Ende der Welt im Bloomsbury-Verlag hat der in Berlin lebende Autor Daniel Höra nun die Jugendbuchlandschaft hierzulande um einen wirklich düsteren Vertreter des Genres bereichert.

Das, was von diesem (unserem) Lande in Höras dystopischer Vision nach einer namenlosen Katastrophe übrig ist, verdient kaum noch die Bezeichnung “Staat”. In den verwanzten nund heruntergekommenen Großstädten verschanzen sich die Menschen gegen die Gesetzlosigkeit, die in den undurchdringlichen Wäldern und auf dem Lande herrscht. Rebellen und Terroristen treiben ihr Unwesen. In der Hauptstadt Berlin herrscht eine als dekadent apostrophierte Senatorenkaste (die ein wenig an die Senatorenschicht im kaiserlichen Rom erinnert), über die in Armut und Elend lebenden Zefs im ganzen Lande, gestützt auf eine Soldatenkaste, deren Angehörige schon in frühester Kindheit ausgewählt werden. Zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen herrschen Abscheu, Misstrauen und Hass.

Auch der 15-jährige Soldat Kjell hegt solche Vorbehalte gegenüber den Zefs und der politischen Elite des Landes. Als er mit seiner Einheit jedoch nach Berlin verlegt und in eine politische Intrige verwickelt wird, bei welcher es um nicht weniger geht als der Frage, welchen Weg Deutschland in Zukunft nehmen soll, sieht er sich nicht nur von allen seinen Freunden verraten, sondern gerät auch in große Gefahr. Gemeinsam mit Leela, der Tochter des abgesetzten Kanzlers Amandus begibt er sich auch eine abenteuerliche Flucht vor seinen ehemaligen Kameraden und Häschern des neuen Machthabers General Cato durch die norddeutschen Niederungen.

Düsteres Szenario

Schon zu Beginn trumpft Höras Postapokalypse mit den düstersten Beschreibungen auf, um dem Szenario eine insgesamt gelungene trostlose Grundstimmung zu verleihen: Auf dem Lande rückt unter einem giftig-gelben Himmel Kindersoldat Kjell mit seinen erwachsenen Kameraden in neblig sumpfigen Wäldern zu einer brutalen Strafaktion gegen die in Schuldknechtschaft dahinvegetierenden Zefs aus. In Berlin kaserniert bedrücken die trostlosen Zustände selbst den Protagonisten – obwohl er sich eines Kommentars enthält:

In den Straßen türmten sich die Müllhaufen. Ratten wuselten scharenweise darauf herum und verteidigten sie gegen hungrige Zefs. Manchmal war es umgekehrt. Verwesende Hundekadaver säumten die Ecken. Unter einer Plane ragten die Füße eines Toten hervor, der kurz zuvor von einer Pferdebahn zerquetscht worden war. Nicht weit von unserem Quartier entfernt stand ein alter Turm, der wie ein riesiger Schlagstock aussah.

Vergleicht man Höras Beschreibungen postapokalyptischer Landschaften und Städte mit denen anderer Jugendromane, so schneiden erstere sehr gut ab. Während in Pfeffers Die Verlorenen von New York dutzende Male die gleichen Bilder bemüht werden, wiederholen sich Szenerien bei Höra nicht. Ferner schießen die sprachlichen Bilder – wie im oben zitierten Beispiel – nie über das Ziel hinaus, sondern treffen den Kern. Auch wenn man der Umgebungsbeschreibung noch deutlich anmerkt, welche Wirkung bei der jungen Leserschaft letztendlich intendiert ist, trägt vor allem der neutral konstatierende Ton des Ich-Erzählers dazu bei, dass sich letzteres nicht unangenehm in den Vordergrund schiebt. Stilistisch kann man bei einem Jugendroman kaum mehr verlangen.

Spannende Mischung

Auch Höras Mischung aus spannender Verfolgungsjagd, politischer Intrige und verhaltenem amourösen Abenteuer kann überzeugen. Obwohl die Flucht vor den Schergen General Catos weite Teilen des Romans bestimmt, gerät die Handlung dennoch nicht flach – ein Problem, an dem die meisten Romane, welche auf dieses spannungsfördernde Moment setzen, leiden. Tiefe verleiht der Handlung dabei nicht nur das Rätselraten um die (möglicherweise) in die Intrige verwickelten Figuren, sondern ebenfalls die Folgen, die sich daraus für Kjells Persönlichkeitsentwicklung ergeben. Auch der Charakter seiner Begleiterin Leela fordert Kjell diverse Male dazu heraus, über seine Weltsicht zu nachzudenken – und diese zu revidieren. Damit entwickelt sich Kjell trotz aller Defizite vor allem im letzten Drittel zu einer Persönlichkeit, mit der sich der jugendliche Leser identifizieren kann – und Am Ende der Welt selbst letztendlich zu einem Entwicklungsroman.

Eine gelungene Hauptfigur

Zu Anfang dürfte dem Leser die Identifikation mit dem Ich-Erzähler allerdings kaum gelingen. Höra entwirft ihn – mit Blick auf dessen Lebensgeschichte höchst glaubwürdig – als in seinem Horizont doch stark beschränkten jungen Menschen – und das nicht ohne Humor. Trotz seiner kämpferischen Fähigkeiten droht der Protagonist damit an keiner Stelle zum Superhelden zu geraten. Als Kindersoldat sind Kjells Welterklärungen und Wertvorstellungen vielmehr stark durch die seit Jahren genossene spartanische Konditionierung geprägt. Damit dürfte er bei einigen der jungen Leser zu Beginn auf Ablehnung stoßen – diese aber auch dazu veranlassen, in Distanz zur Figur darüber nachzudenken, wie Kjell zu seinen Ansichten gekommen ist. Erst langsam, wenn in zunehmenden Maße Kjells Wertesystem ins Wanken kommt und dieser – teilweise vergeblich – gegen seine Prägung ankämpft, leidet und fiebert man mit ihm mit – und verzeiht ihm, dass er zuvor in überheblicher Weise beispielsweise Leelas Ausführungen über Fernsehgeräte abgelehnt und diese rätselhaften Geräte selbstsicher ins Reich der Mythen verwiesen hat. Höras Hauptfigur ist damit mit Sicherheit eines nicht: stereotyp.

Höras Ende der Welt: Zweimal kein Schluss

Verwundert blickt man aber als Leser am Schluss des Romanes zurück und fragt sich: “Wieso trägt der Roman einen solchen Titel?” Denn weniger als Das Ende der Welt selbst wird hier der Kampf um einen Neubeginn, persönlich wie gesellschaftlich, thematisiert. Vielleicht träfe Am Ende der Welt oder besser noch: Nach dem Ende den Inhalt genauer. Unter letzterem ist dieses Jahr aber schon ein Roman von Alden Bell erschienen, der eine ebensogute Mischung bietet – wenn auch nicht gerade für die jüngere Leserschaft.

Gestört hat mich persönlich auch, dass das Ende des Romanes keines ist, sondern dass überflüssigerweise auch noch eine kurze Herausgeberfiktion (Kjell, der 34.) einschließlich eines kleinen Wörterbuches angeschlossen wird. Auch wenn vor allem letzteres immer wieder schmunzeln lässt, erschließt sich mir seine Funktion als humoristisches Add-On für den Roman nicht.

Fazit

Ich kann Daniel Höras postapokalyptisches Jugendbuch Das Ende der Welt wirklich nur empfehlen: Neben düsteren Beschreibungen kommt das Buch mit einer so gar nicht stereotypen Hauptfigur daher, deren Charakterzüge den jugendlichen Leser durchaus ins Grübeln bringen dürften. Und vor allem: Spannend ist die Handlung von der ersten bis zu letzten Seite.

Susan Beth Pfeffer: Die Verlorenen von New York

Als 2006 die amerikanische Autorin Susan Beth Pfeffer ihren apokalyptischen Roman Die Welt wie wir sie kannten  veröffentlichte, waren die meisten Rezensenten dieseits und jeneits des Atlantiks voll des Lobes: Die Geschichte präsentiere mit der 16-jährigen Miranda eine sympathische Hauptfigur, die so gar keine typische Heldin sei und zeige inmitten eines düsteren und bedrückenden Szenarios den Wert der Familie – so dürfte der Tenor ungefähr lauten, wenn man ihn kurz und knapp zusammenfassen will.

Ähnliches ließe sich wohl aber auch über den Nachfolgeband Die Verlorenen von New York sagen: denn obwohl diesmal ein 17-jähriger Sohn von puertoricanischen Einwanderern im Zentrum der Handlung steht und Pfeffer die Handlung aus dem ländlichen Raum in ihre Heimatstadt am Hudson verlegt, ähnelt sich die Handlung die  beiden Werke durchaus – und dass nicht nur, weil in beiden Romanen ein Asteroid den Mond aus seiner Umlaufbahn wirft.

Städtisches Familienleben

Während in Die Welt wie wir sie kannten Mirandas Mutter das Überleben der Familie sicher stellen muss – und insofern die eigentliche – und manchmal nicht sehr glaubwürdige – ‘Heldin’ ist, fällt in Die Verlorenen von New York dem Protagonisten des Romanes, Alex Morales, diese Aufgabe zu; denn er und seine Schwestern Bri und Juli warten nach einem verheerenden Tsunami – nicht wie Miranda auf einen Bruder, obwohl sie diesen auch noch vermissen – auf die Rückkehr ihrer Eltern. Während Alex‘ den Verlust nach und nach akzeptieren bzw. realisieren kann, ist dieses bei Bri bis zuletzt nicht der Fall. Es ist dieser Glaube an die Rückkehr der Vermissten, der die drei höchst unterschiedlichen Geschwister in einer Stadt verharren lässt, die nicht nur zunehmend leerer, sondern auch immer lebensfeindlicher wird: Und so muss der intelligente und selbstkritische Alex inmitten einer Welt aus Hunger, Seuchen und Gesetzlosigkeit für die Überlebenden seiner Familie sorgen – und wie Miranda wächst er mit den Herausforderungen. Die größte dabei ist – wer kennt das nicht –  nicht selten die eigene Familie. Ihr  Funktionieren aber, so die Grundaussage beider Romane, ist von überragendem Wert – und letzteren führt Pfeffer nun auch immer wieder vor, wenn sich die kleinste Zelle der Gesellschaft als funktionierende Lebensversicherung des Individuums in Zeiten der Not beweist.

Bedrückende Untergangsstimmung

Und so dominieren abermals die zwischenmenschlichen Konflikte die Handlung des Romans – wenn auch nur streckenweise: Denn hier zeichnet Pfeffer sehr viel deutlicher – wenn auch immer noch verhalten und dem Alter der anvisierten Leserschaft angemessen – ein Bild des Untergangs. Während in Die Welt wie wir sie kannten nur verschämt eine auf Linnen “schlafende” Tote präsentiert wurde, pflastern nun verwesende Leichen mit potentieller Beute am Leib den frostigen Asphalt der amerikanischen Metropole. Dementsprechend düster gerät die Stimmung auch, obwohl sie – das darf man nicht verschweigen – an die Atmosphäre der Endzeitliteratur für Erwachsene nicht heranreicht: Während ein kleiner Hungeraufstand präsentiert wird, sucht man umfangreiche Plünderungen vergebens. Aber noch anderes verblüfft: So befindet sich der Erzähler zwar im Besitz einer Pistole, die er beim Leichen-Shopping zusammen mit seinem besten Freund erbeutet hat, aber benutzen kann er sie, als er sie dann tatsächlich braucht, nicht – stattdessen wird mit einem Konservendosenwurf der überraschend rückzugswillige Angreifer in die Flucht geschlagen. Der spannenden Handlung aber tut das keinen Abbruch – dafür kämen als Kandidaten eher die zunehmend nervigen Streitereien der Geschwister in Frage.

Die Katholische Kirche im Zeichen Apokalypse

Obwohl er manchmal Überhand nimmt, erfüllt der familiäre Zwist seinen Zweck. Besser als in Die Welt wie wir sie kannten ist Pfeffer in Die Verlorenen von New York die Zeichnung glaubwürdiger Figuren gelungen. Leider hat sie diese aber mit einem Charakterzug versehen, der sich vor allem in den ersten Kapitel unangenehm in den Vordergrund schiebt – allerdings dürfte diese Einschätzung nicht nur Geschmackssache, sondern vor allen Dingen eine Glaubensfrage sein: Da die drei Figuren AlexBria und Juli einem hochkatholischen Milieu entstammen, werden nicht nur ununterbrochen Gebete gesprochen und Rosenkränze gedreht, sondern auch groteske Tischgespräche über die Funktionen von Heiligen geführt. Und da die drei auch noch von zornig wirkenden, aber innerlich sanften Geistlichen geführte Schulen besuchen, beteiligt sich an derartigen Diskussionen auch noch das soziale Umfeld, das die Gedanken der willigen Jugendlichen hin und wieder auf eine zukünftige Karriereplanung als Nonne oder Priester lenkt. Zur Familie als einzig verlässlicher gesellschaftlicher Instanz aus Die Welt wie wir sie kannten gesellt sich hier nun also die katholische Kirche als jene Einrichtung, welche sich als letzte von ihren caritativen Aufgaben aus der vom Staat zum Untergang verurteilten Stadt zurückzieht und zahlreiche Kinder in ihre ländliche Obhut nimmt (während in den Auffanglagern des Staates schreckliche Zustände herrschen).

Fazit

Pfeffers Die Verlorenen von New York ist trotz manchmal überhand nehmenden Familienzwistes ein spannend zu lesender altersangemessener Weltuntergangsroman für Jugendliche ab 14 Jahren, inmitten dessen düsterer Atmosphäre leider dröhnend die Werbetrommel für eine religöse Gemeinschaft gerührt wird.

Welt in Flammen. Der Dritte Weltkrieg – Schauplatz Europa

John Hacketts Welt in Flammen aus dem Jahre 1982 bietet eine aktualisierte und um die globale Perspektive erweiterte Variante des schon in Der Dritte Weltkrieg entworfenen Szenarios: Wieder überfällt die U.d.S.S.R. am 4. August 1985 hinterrücks die Mitgliedsstaaten der N.A.T.O.; wieder gelingt es den Streitkräften des westlichen Verteidigungsbündnis unter Einschluss des französischen Militärs nur knapp, den Vormarsch der russischen Dampfwalze vor der niederländischen Grenze zu stoppen; und wieder explodieren über Birmingham und Minsk Nuklearsprengköpfe, woraufhin das kommunistische Reich an seinen Nationalitätengrenzen zerbricht.

Neu ist: Das Buch ist noch unlesbarer als sein Vorgänger. Dieser hatte zwar ebenfalls deutlich, aber wenigstens semi-literarisch verkleidet, die Forderung nach einer stärkeren konventionellen Rüstung gestellt – nun ergeht sich Hackett aber kapitelweise über den Rüstungsstand der verschiedensten Waffensysteme auf beiden Seiten (zu Wasser, zu Lande und in der Luft), um dann festzustellen: Hätte man von diesem Panzer oder jenem Geschütz, Flugzeug, Minenräumer 1000 mehr gekauft, hätte der sowjetische Angriff schneller gestoppt werden können. Dabei verfolgt Hackett immer die gleichen Argumentationsstrategien: Dumm und ahnungslos sind die einen, die keine weiteren Milliarden locker machen wollten – aus sowjetischen Kassen finanziert hingegen die anderen, die im Zuge der Friedensbewegung gegen den Rüstungswettlauf – und vor allem die Nachrüstung – protestieren.
An noch weniger Stellen als in Der Dritte Weltkrieg montiert Hackett literarisierte Augenzeugenberichte, Briefe oder Schlachten ein, diesmal ergänzt um die sowjetische Perspektive. Und auch da überschreitet das Gebotene, wie auch der vom umsichtigen Bertelsmann-Verlag beigelegte Kommentar eines damaligen Vertreters der Friedensbewegung richtig feststellt, schnell die Schmerzgrenze: Ohne sich auch nur die Mühe zu machen, auf \“Kollateralschäden\“ einzugehen, wird der erfolgreiche Einsatz von B-52-Bombern, die mal eben 40 Quadratkilometer bundesdeutschen Boden mitsamt der darauf aufmarschierten Roten Armee (und der ansässigen Bevölkerung) umpflügen, gefeiert; dafür ist den Soldaten des teuflischen Aggressors das Rote Kreuz gänzlich unbekannt – obwohl an anderer Stelle explizit darauf hingewiesen wird, dass jeden Tag 40 Millionen Russen sehnsüchtig BBC und Deutsche Welle hören; da werden von KGB-Sperrregimentern bewachte Strafbatallione in stalinistischer Manier an der Front verheizt, während an anderer Stelle Panzerfahrzeuge durch die mit Flüchtlingen gefüllten Straßen rasen. Und hier finden die zivilen Opfer natürlich Beachtung.

Fazit

Selten habe ich mich derartig durch ein Buch kämpfen müssen wie durch Hacketts Welt in Flammen. Selbst wenn man von den eindeutigen Intentionen des Autors und der klischeehaften Darstellung des ideologischen Gegners absieht – die literarische Schmerzgrenze der meisten Leser dürfte hier weit überschritten sein.

Douglas Keeney: Der Jüngste Tag. Das offizielle Atomkrieg-Szenario der US-Regierung

Die Veröffentlichung der 1958 von der US-Regierung zusammengestellten Geheimstudie, kurz Emergency Plans Book genannt, durch L. Douglas Keeney im Jahre 2oo2 bietet einen Einblick in die Atomkriegsplanungen der Eisenhower-Regierung. Dieses deprimierende Dokument, das im Orginal nur für kurze Zeit der Öffentlichkeit zugänglich war, unternimmt es, ausgehend von einem angenommenen massiven sowjetischen Erstschlag, die Lage in den U.S.A. zu prognostizieren.

Obwohl die Veröffentlichung aus dem Siegler-Verlag gut 125 Seiten umfasst, macht der Text der geheimen Untersuchung selbst davon nur gut 40 Seiten aus. Denn ergänzt wird der Text der Orginalquelle durch Anmerkungen von Keeney in der gleichen Länge. Beidem vorgeschaltet wird zudem neben einem kurzen Vorwort des Übersetzers und einem umfassenderen des zweiten Herausgebers Stephen Schwartz eine Einleitung von Douglas Keeney – weswegen der Entstehungskontext der Quelle zwar gut deutlich wird – allerdings auch eine ganze Reihe inhaltlicher Redundanzen zu bemerken ist.

Zu Beginn überrascht das, was Keeney da aus den Anfangszeiten des Kalten Krieges zu Tage gefördert hat, kaum: Die amerikanischen Verfasser gehen von einer den U.S.A. technologisch ebenbürtigen, wenn nicht sogar überlegenen U.d.S.S.R. aus; Abfangversuche seitens der Air Force gelingen nur zum Teil; angegriffen werden militärische, industrielle und Bevölkerungszentren. Das Ergebnis im schlechtesten Falle: 25 Millionen Tote und 25 Millionen Verletzte. So realistisch die Planspiele auf den ersten Blick auch klingen – sobald es an die Frage des Überlebens geht, erscheinen die Ausführungen verblüffend paradox. Auf die optimistische Einschätzung, dass die Wiederherstellung [der] Wirtschaft… möglich und notwendig sei, da neben 100 Millionen Menschen riesige Materialressourcen bestehen blieben, folgen zahlreiche weitere, die erstere geradezu ad absurdum führen: Der Regierung entgleite die Kontrolle über weite Teile des Landes, die Gesellschaft zerbreche in lokale Gruppen, die sozialen Standards und Werte würden zerstört und die normalen Produktionsprozesse gänzlich unterbrochen. Dennoch unterscheidet die Untersuchung im nächsten Abschnitt nicht nur Überlebensphase von Aufbauphase, sondern plant das, was angesichts der zuvor geschilderten Verhältnisse kaum noch möglich erscheint: Viele Gebiete sind von derartiger Bedeutung, dass Dekontaminierungsmaßnahmen vorgenommen werden müssen, ohne darauf zu warten, dass die radioaktive Verstrahlung von alleine  nachlässt. Wie allerdings dieses engagierte Vorhaben angesichts der völlig zerstörten sozialen, ökonomischen und administrativen Strukturen umgesetzt werden soll, darüber schweigt sich die Studie zur Gänze aus. Offensichtlich wird es einfach geschehen – weil es geschehen muss. Ansonsten hätte diese hilflos wirkende Studie, die den nuklearen Schrecken zum Ausgang einer Zukunft zu machen versucht, ihren Sinn auch insgesamt verfehlt.

Deshalb erscheint es auch ärgerlich, wenn der Herausgeber, dessen Anmerkungen zwischen redundanter Textparaphrase und wenig tiefgehender Erläuterung hin und her oszillieren, mit Blick auf die durch die Quelle antizipierte Hungerkatastrophe unkritisch ergänzt: Das Waschen der Nahrung kann helfen, und daher wird die Regierung vermutlich Informationen verbreiten, wie man Nahrung säubern kann. Es ist gleichzeitig wahrscheinlich, dass das Militär bald Nahrung über die [sic!] betroffenen Gebiete mit Fallschirm abwirft. Dass die Anmerkungen dem Thema überwiegend nicht gerecht werden, machen auch die zahlreichen Ausführungen zum 11. September 2001, in dessen Schatten das Buch auch erschienen ist, immer wieder deutlich. So bemerkt Keeney zwar durchaus, dass selbst die Verfasser an der wichtigsten Voraussetzung ihrer optimistischen Zukunftspläne zweifeln, nämlich der Möglichkeit, die Menschen zu  motivieren, zieht aber hier völlig unpassend die Parallele: Dies war nach New York nicht der Fall. Nachdem die Twin Towers eingestürzt waren, strömten Amerikaner aus allen Teilen des Landes nach New York, um zu helfen. Dieser Vergleich wird der Sache nun wirklich nicht gerecht.

Fazit

Das Emergency Plans Book bedrückt den Leser vor allem aufgrund der verborgenen Hilflosigkeit seiner Verfasser, welche versuchen das nukleare Ende von einem optimistischen Ansatz her zum Ausgangspunkt einer neuen Zukunft zu machen. Höchst ärgerlich ist der umfangreiche Kommentar des Herausgebers, der nicht nur an der Oberfläche der Quelle verbleibt, sondern diese auch insgesamt viel zu unkritisch behandelt.