Sterling Noel: Eiszeit

In den späten 50er und frühen 60er Jahren erschien eine ganze Reihe Romane, in denen die Autoren das Bild einer neuen Eiszeit ausmalten – schließlich deuteten die damaligen Klimadaten auch eher auf eine Abkühlung denn auf eine Erwärmung des Planeten hin: So nahmen sich über 10 Jahre unter anderem der berühmte britische Autor John Christopher mit World in Winter (1962), Edmond Hamilton mit SOS – Die Erde erkaltet (1952) und Douglas R. Mason mit Stadt unter Glas (1966) dieses frostigen Szenarios an. Und mittendrin in dieser Reihe abgekühlter Literatur findet sich auch Sterling Noels mit 150 Seiten recht kurzer Roman Die fünfte Eiszeit aus dem Jahre 1959.

Ein Bericht aus dem Jahre 2203

Der Roman, den Noel als eine nachträgliche Schilderung der Ereignisse aus der Perspektive eines Augenzeugen entworfen hat, lässt schon von Beginn an keinen Zweifel daran aufkommen, dass die hereinbrechende Katastrophe nicht den Untergang der Menschheit – oder auch nur der Zivilisation bedeutet.

Denn zeit- und genretypisch wissen die Helden des Romans nicht nur recht frühzeitig darüber Bescheid, dass die Erde ein Feld kosmischen Staubes, welches die Sonneneinstrahlung reduziert, durchquert bzw. lange durchqueren wird, sondern es gelingt ihnen auch mittels diverser technischer Hilfsmittel, so lange unter den Eismassen in ihrer Behausung zu überleben, bis die eigens unter der Leitung eines hervorragenden Wissenschaftlers entworfenen Schneemobile fertig sind, womit der Plot des Romans in seiner Konzeption nicht wenig dem von Edwin Balmers und Philip Wylies Klassiker When Worlds collide ähnelt – unbelehrbare Politiker, die nicht auf das wissenschaftliche Genie hören wollen, mit eingeschlossen .

Drama und Amouren

Bis der Exodus in die wärmeren Äquatorregionen beginnen kann, vergeht also eine gewisse Weile – und so versucht Noel den Leser im ersten Teil des Romanes mit einigen abenteuerlichen Episoden und zwischenmenschlichen Dramen zu unterhalten: Mal muss in ein Nachbargebäude vorgedrungen werden, mal ein durchgedrehter Leidensgenosse unter Kontrolle gebracht werden. Vor allem setzt Sterling aber auf die erotischen Anziehungskräfte einer dunkelhaarigen und -äugigen Femme Fatale, die aufgrund ihrer hormonellen Ausstattung mitten in der Apokalypse keine andere Bestimmung findet, als jedem männlichen Wesen nachzustellen, das sie im Luxusiglu finden kann (Dieses inakzeptable Verhalten ist natürlich dann auch der Grund dafür, dass Noel sie das gelobte Land im Süden nicht erreichen lässt). Gott sei Dank gelingt es den meisten männlichen Expeditionsteilnehmern in spe aber, sich ihrer Attraktion zu entziehen – weshalb die Gemeinschaft  – wenn auch nicht ohne Opfer – denn auch durch das unter mehreren Dutzend Metern Eis begrabene Amerika in Richtung Küste durchqueren kann. Wer weiß… heutigen Helden, die zudem nicht wie die Noels über ein gewissen Maß an Kenntnissen in Küchenpsychologie verfügen, wäre das vielleicht nicht mehr gelungen.

Nach dem Aufbruch tritt naturgemäß das Abenteuer ein wenig stärker in den Vordergrund: Mal wollen die Helden doch noch anderen Menschen helfen, mal dringen sie in die (jetzt) unterirdischen Tiefen der Städet vor, mal verschwindet  ein Eismobil. Das unterhält durchaus – ist allerdings auch nicht sehr einfallsreich.

Fazit

Noels Roman Die fünfte Eiszeit ist nicht nur in vieler Hinsicht ein typischer Roman der 50er Jahre, sondern er bietet auch zu wenig kreative Einfälle, als dass man ihn aus der Menge der Werke besonders hervorheben könnte; weil Die fünfte Eiszeit handwerklich ganz ordentlich gemacht ist, unterhält der Roman durchaus, schmunzeln muss der heutige Leser aufgrund der zeitgenössischen Figurengestaltung aber dennoch.

John Wyndham: Wenn der Krake erwacht

John Wyndham ging es nicht anders als vielen seiner Zeitgenossen zu Beginn des Kalten Krieges: Ihm hatten es Ufos und Invasionen fremder Intelligenzen einfach angetan. Wie schon in Es geschah am Tage X (1957) machen sich dementsprechend auch in Wenn der Krake erwacht (1953) Außerirdische daran, unseren Planeten zu erobern – und wie in Die Triffids (1951) gelingt es der menschlichen Spezies gerade noch einmal, die Angreifer – die diesmal allerdings den Umweg über das Meer wählen – abzuwehren.

Wie in Es geschah am Tage X schildert der Ich-Erzähler retrospektiv die sich über mehrere Jahre erstreckenden Ereignisse. Allerdings gelingt es Wyndham diesmal in viel besserem Maße, den Leser an den Text zu fesseln. Grund dafür ist zum einen die geradezu Lovecraft’sche Erzählhaltung, die in beängstigend ruhigem und reflektiertem Ton die verhängnisvollste Ereignisse wiedergibt und schon in den ersten Sätzen des Romanes deutlich zu Tage tritt:

Es ist merkwürdig, aber praktisch alle Leute behaupten von sich, verlässliche Augenzeugen zu sein – und doch kursieren oft die unterschiedlichsten Versionen von ein und dem selben Vorfall Beinahe die einzigen Menschen, die ich kenne und die Wort für Wort darin übereinstimmen, was sie in jener Nacht des 15. Juli beobachtet haben, sind Phyllis und ich. Und da Phyllis zufälligerweise meine Frau ist, erklärten die Leute später – hinter unserem Rücken natürlich, wie es so ihre freundliche Art ist -, sie hätte sich von mir etwas einreden lassen; ein Gedanke, der allerdings nur jemandem kommen kann, der Phyllis nicht kennt. Folgende Tatsachen stehen fest: die Zeit, nämlich 23.15 Uhr; der Ort: 35° nördlicher Breite, ungefähr 24° westlicher Länge; das Schiff: Die Guinivere; Anlass und Gelegenheit: unsere Hochzeitsreise.

Ausgehend von den sich seit 1947 häufenden UFO-Sichtungen entwirft Wyndham ein schleichendes Invasionsszenario, das sich zwar explizit von Wells Krieg der Welten absetzen will, dennoch aber, wie zurecht angemerkt worden ist, stark an diesen berühmten Vorgänger erinnert. Und das nicht nur, weil die Invasoren, die sich zu Beginn noch mit Tauchglocken und Hochseeschiffen zufrieden geben, bald mittels gepanzerter Fahrzeuge und Biotechnik Jagd auf die schmackhaften Bewohner der tropischen Küstengegenden machen. Die Schilderung dieser nächtlichen Angriffe durch die Augen des Ich-Erzählers, der als Journalist vor Ort ist, gehört mit Sicherheit zu den stärksten Stellen des Romans und besitzt – nicht nur aufgrund des Alters des Textes – eine Menge Charme.

Eine schleichende Apokalypse

Streckenweise kriecht die Handlung des Romans allerdings genauso langsam ihrem Höhepunkt entgegen wie die rätselhaften Aliens ihrem Frühstück – und das obwohl vor allem die Amerikaner schnell mit energischen aber vergeblichen Maßnahmen zur Hand sind (und da der Roman in den 50ern verfasst wurde, versteht man darunter den Einsatz von Atombomben).  Unter der Untätigkeit und Borniertheit der englischen Behörden sowie der Bevölkerung leiden eben nicht nur der Protagonist und seine Frau, sondern auch nach und nach der Leser. Dieser Eindruck verstärkt sich zudem noch, wenn ein weiser Professor in geradezu prophetischer Weitsicht immer wieder die nächsten Schritte der Invasoren voraussagt, die Öffentlichkeit aber stets und immer wieder nicht auf den bemitleidenswerten Rufer in der Wüste hören will.

Wyndham entschädigt den Leser dafür später wieder mit einem bemerkenswert gelungenem Untergangsszenario  – und letzteres ist im wortwörtlichen Sinne zu verstehen. Denn wie in Der Schwarm beginnen die evolutionären Gegner der Menscheit am Klima herumzuspielen und schmelzen nach und nach mittels fortgeschrittener Technik (was in den 50ern Atomkraft bedeuten soll) die Polkappen ab. Im Vergleich mit Stephen Baxters Die letzte Flut beweist Wyndhams Text, dass man das trostlose Szenario eines langsam in den Fluten versinkenden Londons auch mit wenigen Worten, dafür aber eindringlich und fesselnd beschreiben kann.

Am Ende lacht dem Sieger das Leben

Dem Zeitgeist geschuldet ist (nach Millionen von Toten) natürlich das Happy-End, in welchem sich Deus-ex-Machina der Homo sapiens sapiens seiner zwei Adjektive im Kampf mit den Tiefseebewohnern doch noch als würdig erweist. Rätselnd bleibt der Leser nur hinsichtlich des (nicht nur deutschen) Titels zurück: Denn bezüglich des Aussehens des Feindes tappt er genauso im Dunkeln wie die Figuren. Dementspechend ist es nicht nur nachvollziehbar, sondern durchaus auch sinnvoll, dass die Neuauflage von The Kraken wakes unter dem Titel Die Kolonie im Meer erschienen ist. Auch wenn damit der vom Autor intendierte Bezug zu Alfred Tennysons Gedicht The Kraken verlorengeht.

Fazit

Wyndhams Roman Wenn der Krake erwacht wird durchaus zurecht als ein Klassiker des Science Fiction, (genauer: des Subgenres der Alieninvasion) bezeichnet, selbst wenn er hier und da ein paar kleine Schwächen aufweist. In den 60 Jahren, die seit seiner Entstehung vergangen sind, hat er kaum etwas von seinem Charme verloren. Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall.

John Wyndham: Es geschah am Tage X

Der erstmals 1957 erschienene Roman The Midwitch Cuckoos des britischen Autors John Wyndham ist ein gutes Beispiel dafür, wie man als Autor eine vielversprechende Idee, die durchaus geeignet ist, dem Leser wohlige Gruselschauer über den Rücken zu jagen, gekonnt kaputtschreiben kann.

Die Handlung des Romanes, der unter dem Titel Es geschah am Tage X in einer älteren, und unter dem Titel Kuckuckskinder nun seit wenigen Jahren in einer neuen Übersetzung vorliegt, dürften den meisten aufgrund ihrer Verfilmung als Das Dorf der Verdammten bekannt sein:

Der (eigentlich  vielversprechende) Inhalt

Rätselhafte Ereignisse hindern den Erzähler und seine Ehefrau daran, in ihren kleinen beschaulichen Wohnort Midwitch zurückzukehren, denn jenseits einer unsichtbaren und kreisförmig verlaufenden Barriere, deren Mittelpunkt ein seltsames Objekt bildet, schläft das Dorf einen Dornröschenschlaf. Der Erleichterung, als sich nach wenigen Stunden alles wieder zu normalisieren scheint, folgt Entsetzen, als man feststellen muss, dass sämtliche Frauen des Ortes schwanger sind.

Die 61 Kinder, die infolge des mysteriösen Ereignisses geboren werden, ähneln sich aufgrund ihrer blonden Haare und goldenen Augen nicht nur äußerlich erschreckend, sondern bilden offensichtlich auch zwei Kollektivintelligenzen: Eine männliche und eine weibliche. Zur Durchsetzung ihres Willens und ihrer Verteidigung machen die Kinder zudem hemmungslos von ihren erschreckenden psychischen Kräften Gebrauch. Die Ereignisse spitzen sich zu, als sich 9 Jahre später die doppelt so schnell reifenden Invasoren einem aufgebrachtem Mob von Einheimischen erwehren müssen und die Regierung der U.d.S.S.R. mittels Atomgranaten ein Dorf, in dem sich Ähnliches abgespielt hat, ausradiert. Da von der britischen Regierung kaum eine solch konsequente Lösung wie unter der kommunistischen Diktatur erwartet werden kann, schmuggelt der “Weise” von Midwitch, welcher aufgrund seiner Lehrtätigkeit das Vertrauen der Kinder genießt, eine Bombe in ihr Heim und sprengt sich mit ihnen in die Luft.

Vom gelungen Anfang…

An Wyndhams Roman, den man übrigens durchaus auch als literarischen Reflex auf die Paranoia vor einer kommunistischen Bedrohung in der McCarthy-Ära interpretieren kann, lässt sich gut die Verwandschaft von Aliens im Science Fiction mit den phantastischen Horror-Monstern und bedrohlichen Spukgestalten der Gothic-Novel erkennen. Zu Beginn schafft Wyndham mit seiner amüsanten Beschreibung der kleinen ländlichen Dorfgemeinde und ihrer Bewohner nebst dem aus der britischen Belletristik zur Genüge bekannten unterhaltsamen ironischem Unterton eine Atmosphäre der Normalität, die wenig später durch den Einbruch des Phantastischen jedoch grotesk konterkarriert wird – wodurch sich nicht nur bei den zeitgenössischen Lesern ‘Gruseln’ einstellen dürfte. Die auftretenden Kollektivintelligenzen erinnern – auch durch ihre Fähigkeiten – eher an einen unerwünschten Besuch aus dem Jenseits denn an den unser lebenden Verwandtschaft vom Mars. Genretypisch werden dementsprechend die Hintergründe der “Invasion” im Verlauf des Romanes auch konsequent nicht aufgeklärt – weil mehr als ein BIick hinter den Schleier die Wirkung des phantastischen “Risses” in unserer Welt, welche typischerweise auch nur durch den Einsatz eines herausragenden Helden gerettet werden kann, sofort zunichte machen würde.

… zum enttäuschenden Rest

So vielversprechend der Roman auch beginnt – spätestens nach dem ersten Drittel stellt sich beim Leser Ernüchterung ein. Da die ironische Erzählhaltung ihre Schuldigkeit getan hat, wird sie zugunsten teilweise kruder Dialoge, die nun den Text gänzlich zu dominieren beginnen, fallen gelassen. Weil der Einbruch des Phantastischen dauerhaft geworden ist, muss Wyndham nun beständig mit rätselhaften Erscheinungen nachlegen, wenn der Roman seine Wirkung auf den Leser nicht verfehlen will. Er tut es trotzdem – weil sich die vielversprechende Stimmung des Anfangs in der Unterhaltung der Figuren untereinander nicht mehr einstellen will. So wenig die zweite Hälfte des Textes schon alleine literarisch überzeugen kann, so wenig kann sie es im Vergleich mit dem Beginn des Romans. Angesichts des Stilbruches fragt man sich, wo die Ursache zu suchen ist: Ob Wyndham nach den ersten 50 Seiten bemerkt hat, dass ihm einfach nicht genügend Raum zu Verfügung steht? Ob er an dem Roman einfach die Lust verloren hat? Ob ihm aufgegangen ist, dass seine anfängliche Strategie auf Dauer nicht erfolgreich sein kann? Ob er seinen Stoff nicht meistern konnte? Und zuletzt: Ob vielleicht nicht doch ein konsequenterer Schwenk in Richtung SF den Roman gerettet hätte?

Fazit

Nach der Lektüre des spannenden Romanes Die Triffids wirkt Wyndhams Es geschah am Tage X nur noch enttäuschender. Trotz eines vielversprechenden Anfanges gelingt es dem Autor nicht, seinen Stoff in eine Form zu bringen, die überzeugen kann. Das Ergebnis ist selten genug: Die Verfilmung des Romanes aus den 60er Jahren ist besser als seine literarische Vorlage.

Ronald Wright: Die Schönheit jener fernen Stadt

Weitgehend unbemerkt erschien 2008 in Deutschland Ronald Wrights Roman Die Schönheit jener fernen Stadt, der als Fortsetzung von H. G. Wells berühmter Zeitmaschine im englischsprachigen Raum ein Jahr zuvor durchaus einige Erfolge verbuchen konnte.

Nun ist das Anknüpfen an eine derart berühmte Vorlage durchaus heikel. Nicht umsonst waren die ersten  Fortsetzungen von The Time Machine wie Egon Friedells Die Rückkehr der Zeitmaschine und Wilhelm Bastinés Die wiedergefundene Zeitmaschine eher humoristisch-satirischer Natur. Letzteres trifft auf Wrights Scientific Romance, obwohl auch hier die Zeitmaschine zurückkehrt und die Kommentare des Ich-Erzählers den Leser durchaus hin und wieder schmunzeln lassen, allerdings nicht zu.

Der Inhalt

Der Beginn des Romanes dürfte die meisten Leser zunächst einmal irritieren. Während Wells Protagonist vornehmlich Interesse an der Zukunft zeigt, besitzt für Wrights Helden David Lambert die Vergangenheit – nicht nur weil er Historiker und Wells-Experte ist, eine besondere Bedeutung: Dementsprechend berichtet er seinem alten Studienfreund Bird in jenem Brief, der den ersten – höchst sehnsuchtsvollen – Teil des Romanes bildet, zum einen von einer merkwürdigen Botschaft aus der Zukunft respektive Vergangenheit, die ihn in den Besitz der Zeitmaschine gebracht hat, und zum anderen arbeitet er auch die zunehmende Entfremdung zwischen sich, dem Adressaten und ihrer ehemaligen gemeinsamen Freundin Anita auf, die er trotz seiner Gefühle jahrelang aus den Augen verloren und von deren Tod durch die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit er nun erfahren hat. Ebenfalls infiziert will er in der Hoffnung auf Heilung in die Zukunft reisen.

Im Jahre 2500 angekommen findet David ein menschenleeres und von tropischischen Pflanzen und Tieren beherrschtes London vor. Die eindrucksvollen Beschreibungen der verwilderten Landschaft und der städtischen Ruinen sind dabei zunehmend von wachsenden Gefühlen der Einsamkeit geprägt, die auch die Bekanntschaft zu einem höchst friedlichen Panther nicht dauerhaft verhindern kann. Auf der Suche nach weiteren Überlebenden verlässt er die deprimierende Metropole und macht sich auf den Weg nach Norden – nicht ohne Plätze seiner Kindheit aufzusuchen und erste Hinweise auf die Ursachen des Unterganges der Zivilisation zu finden. Als er paradoxerweise an den Ufern von Loch Ness eine primitive Stammesgemeinschaft von dunkelhäutigen Schotten findet, erschließen sich ihm nach und nach die Gründe für das Ende der bekannten Welt: Der Creuzfeldt-Jakob-Krankheit folgten weitere Seuchen nach, die in Kombination mit einem drastischen Klimawandel den Untergang herbeigeführt haben, den auch die drastischen Maßnahmen eines Regimes nicht verhindern konnten. Eine Heimat findet David jedoch bei den letzten Menschen Englands nicht mehr – wie sie einst sieht er sich Anfeindungen und Intrigen ausgesetzt, die ihn zur erneuten Reise durch die Zeit veranlassen.

Durch die romantische Brille gesehen

Wrights Roman ist eine höchst bunte Mischung geworden – das wird nicht jedem Fan des Genres gefallen. Vor allem der erste, über weite Strecken sehr reflexive Teil zeigt, dass Wright einfach mehr wollte als ein weiteres postapokalyptisches Abenteuer zu erzählen. Die emotionale Tiefe des Werkes gründet sich vor allem auf diese ersten Seiten, die vor trotz humoriger Momente vor allem von der Sehnsucht betimmt werden.

Das anschließende Last-Man-Szenario lebt stark von seinen Beschreibungen, die trotz ihrer deutlichen romantischen Stilisierung eher zu den besseren des Genres gehören und jene trostlose Stimmung vermitteln, die man hier einfach erwartet; sie wiegen die naturgemäße Handlungsarmut dieses höchst atmosphärischen Abschnittes bei weitem auf.

Eher schwach sind die Abenteuer des Helden in den schottischen Bergen geraten. Die Versuche Wrights, durch groteske Details zu verbergen, dass das meiste einem doch irgendwie bekannt vorkommt, schlagen fehl – auch wenn sie nicht wenig zur Atmosphäre des Schlusses beitragen: Erfolgreich führt Wright vor, wie unsere vermeintlichen kulturellen und technologischen Errungenschaften genauso vergehen wie unsere absolut geglaubten Werte. Nach den letzten Seiten kehrt der Leser dementsprechend auch mit einem bedrückenden nihilistischen Gefühl von Verlorenheit angesichts der Zeit und der sinnentleerten Geschichte in seine eigenes Jahrhundert zurück. Das vermag durchaus nicht jeder Roman des Genres – und macht Die Schönheit jener fernen Stadt durchaus lesenswert.

Fazit

Ronald Wrights atmosphärischer und streckenweise etwas handlungsarmer Roman Die Schönheit jener fernen Stadt wird sicher kein Klassiker werden wie H. G. Wells Zeitmachine – aber er vermittelt insgesamt jene romantisch-düstere Stimmung, die man sich von einem postapokalyptischen Roman, der vom potentiell letzten Menschen und der Zeit nach unserer Zeit erzählt, wünscht. Die motivischen Seufzer der Romantik, die Wright hier noch einmal erklingen lässt, verfehlen ihre Wirkung auf den Leser auch im 21. Jahrhundert nicht.

Robert Silverberg: Die Jahre der Aliens

In 1997 seinem erschienenen Roman die Jahre der Aliens nimmt sich Robert Silverberg, wie schon der Titel vermuten lässt, eines klassischen Themas der Science Fiction an: Der Invasion der Erde durch eine fremde Spezies aus den Weiten des Alls.

Obwohl sich durchaus Parallelen, vor allem zum Schluss des Textes, zu Wells berühmten Krieg der Welten erkennen lassen, hat der mehrfach mit dem Hugo-, Nebula-, und Locus-Award ausgezeichnete amerikanische Autor nicht einfach nur einen weitere lesbare Variante eines schon hinreichend  bekannten Plots verfasst, sondern etwas durchaus eigenes geschaffen.

Übermächtige Aliens machen jeglichen Widerstand unmöglich

Zum einen sind die Aliens den Menschen haushoch überlegen; Gut, könnte man sagen, das gehört zum Genre des SF-Invasionsromans dazu, alle Autoren behaupten das. Es macht den Roman erst überhaupt möglich und hinreichend spannend. In Silverbergs Die Jahre der Aliens stimmt das aber endlich einmal wirklich: Gleich drei fremdartige Aliensspezies landen überall, greifen sich ein paar Geiseln, verweigern jegliche Kommunikation und schalten nach einem missglückten Angriff seitens irgendwelcher nationalen Armeen in Asien, Europa oder Asien weltweit jegliche Elektrik für einen Monat ab – und das wars auch schon mit der menschlichen Gesellschaft, wie wir sie kennen. Game over.

Ja? Ha!, könnte auch da der Experte sagen: Das sei doch immer so. Jetzt beginne doch die eigentliche Geschichte erst: Der Guerilla-Kampf der wagemutigen Helden gegen einen übermächtigen, fiesen und womöglich auch enorm hässlichen Gegner. Nicht so jedoch bei Silverberg. Die tonangebenden Aliens, welche irgendwie an Tintenfische erinnern, wirken nicht nur faszinierend schön auf die meisten Menschen, sondern sie machen jegliche Angriffe in ihrer Nähe durch telepathische Kräfte unmöglich. Und als doch einmal irgendwem irgendetwas gelingt, setzten die neuen Herrscher der Erde einen – vermutlich auf Nanotechnologie basierenden – vorbereiteten Erreger frei, der die Hälfte der Menschheit tötet (was angesichts der Zahl des Menschen auf diesem Planeten meiner Ansicht nach eine durchaus einleuchtende Strategie ist). Oder der Strom wird als erzieherische Maßnahme mal wieder abgestellt. Das ausbrechende Chaos genügt den meisten Menschen vollkommen, um sich mit der neuen Ordnung irgendwie zu arrangieren und als Quislinge in die Dienste der unnahbaren und bis zum Ende mysteriös bleibenden neuen Herren zu treten.

Eine amerikanische Musterfamilie vereint sich unter dem Banner der Freiheit

Recht eigen ist auch, dass Silverberg nicht durchgängig eine handvoll Helden ins Zentrum seines Romans stellt, sondern eine amerikanische Familie, die angesichts der Katastrophe auf der Familienranch wieder zueinander gefunden hat und sich selbst zunehmend als Kern des Widerstands und Keimzelle einer potentiellen neuen US-Gesellschaft versteht. Gut 55 Jahre begleitet der Leser die aufeinander folgenden Generationen, die sich immer wieder neu daran machen, irgendeinen Plan zu entwickeln, mittels dessen man den Gegner aus dem All endlich besiegen könnte, – und von seiner Durchführung dann doch lieber wieder abzusehen.

Silverbergs Mühe, eine WASP-Familie reinsten Wassers unter der Führung eines jeweiligen Clanoberhauptes zu entwerfen, wirkt dabei manchmal sehr befremdlich auf den deutschen Leser. Ich musste zumindest des öfteren an Bonanza denken, auch wenn Mr. Ben Cartwright hier (immer wieder übrigens) Anson Carmichael heißt. Zugute halten muss man angesichts der immer weiter zunehmenden Zahl an Figuren, dass es Silverberg gelingt, ihnen jenseits der republikanischen Familien-Stereotype jeweils eine  eigenständige Persönlichkeit zu verschaffen. Da den meisten Figuren allerdings das Betätigungsfeld und der Raum fehlt, in welchem sie sich in den Augen des Lesers profilieren könnten, greift er hierfür ununterbrochen auf die direkte Charakterisierung in längeren Passagen zurück, welche nicht nur häufig Redundanzen erzeugt (leider habe ich nicht mitgezählt, wie oft irgendeiner Figur die typischen äußeren Merkmale der Familie zugeschrieben werden), sondern auch das Lesevergnügen hin und wieder deutlich schmälern. Wenn allerdings Silverberg einem Mitglied der Familie endlich einmal den Platz verschafft aus dem Clan heraus- und hervorzutreten, dann überzeugt die Figur stark.

Ein Roman mit Anlauf

Bevor Silverbergs Erzählstrategie in Die Jahre der Aliens richtig funktionieren kann, braucht der Roman allerdings ein wenig Zeit. Natürlich harrt man als Leser des beginnenden Gegenschlags der Helden. Doch dieser erfolgt wider Erwarten nicht – oder zumindest nicht so, wie man es aus anderen Romanen des Genres kennt. Das Spiel mit den Rezeptionserwartungen des Lesers betreibt Silverberg also ziemlich geschickt – man muss sich aber darauf einlassen – schließlich muss nicht jeder Invasionsroman mit Schlachtszenen im Military-SF-Stil aufwarten. Zugute halten muss man Silverberg auch, dass das Ende des Romanes – auch wenn hier wieder wie Wells Der Krieg der Welten deus ex machina die Rettung daherkommt – dem Roman nichts von seiner Gesamtatmosphäre nimmt. Etwas, das Weber in Der Widerstand überhaupt nicht gelungen ist.

Ein wenig Anlauf hat übrigens offensichtlich auch der Übersetzer gebraucht: Vor allem zu Beginn des Romanes fallen eine ganze Reihe fragwürdige Formulierungen ins Auge; so heißt es, um nur ein Beispiel zu nennen, welches mir zufällig in Erinnerung geblieben ist, dass die Ranch schon seit Generationen im Familienbesitz von seiner [Ansons] Frau war, anstatt: seit Generationen im Besitz der Familie seiner Frau. 

Fazit

Silverbergs Roman Die Jahre der Aliens ist ein interessanter Vertreter des Genres, der zum einen ohne Spannungsverlust ruhiger daherkommt, als man es gewohnt ist, und zum anderen bekannte Erzählmuster gekonnt variiert. Noch besser hätte der Roman aber werden können, wenn Silverberg die Figurengestaltung, hin und wieder ein wenig anders angegangen wäre.

H. G. Wells: Der Stern der Vernichtung

Wells Erzählung Stern der Vernichtung aus dem Jahre 1897, die in der gleichnamigen Anthologie aus dem Heyne Verlag noch nicht einmal 9 ganze Seiten umfasst, entwirft – wohl zum ersten Mal in der Literatur – den Zusammenstoß zweier Planeten: Unserer Erde und einem glühenden Ball, der nach der Kollison des Neptun mit einem weiteren Himmelskörper entstanden ist.

Innerhalb weniger weniger Tage wird aus der anfänglichen Ruhe der Bevölkerung Entsetzen und Unruhe, denn jedem, der in den Himmel blickt, bemerkt, dass der Feuerball rapide wächst. Nachdem ein berühmter Mathematiker nicht nur einen Einschlag vorhergesagt hat, sondern für den Fall eines Vorbeifluges schwere Erdbeben, Stürme und Überschwemmungen, reagieren die Menschen in unterschiedlicher Weise. Während die einen beten oder in die Berge fliehen, versuchen andere, die Bedrohung zu ignorieren oder reden sich die potentielle Ungefährlichkeit des Objektes ein. Als der Planet, der sich offenbar auf dem Wege zur Sonne befindet, am Nachthimmel die Größe des Mondes erreicht hat, bewahrheiten sich die Voraussagen des Mathematikers: Das Eis an den Polen und der Schnee auf den Bergen schmilzt, Flutwellen verheeren die Ufer der Flüsse sowie die Küsten der Meere, Vulkane brechen aus, die Hitze wird in vielen Ländern unerträglich. Am nächsten Tage jedoch erkennen die Menschen, dass der die Erde passiert hat. Dennoch sind die Folgen katastrophal: Der Planet hat die Erde in eine Umlaufbahn gezogen, welche der Sonne näher ist. Damit verändert sich auch das Angesicht der Erde, auf der die Menschen nun bis zu den Polen leben.

Das bemerkenswerteste an dieser Erzählung, die sich aufgrund ihres nüchtern berichtenden Stiles liest wie das Skript zu einer Verfilmung, ist der Standort des allwissenden Erzählers, der zuletzt sogar höchst überraschend die Bemerkungen von außerirdischen Wissenschaftlern auf dem Mars zur Katastrophe auf der Erde wertend und sentenzhaft kommentiert. Denn in deren Augen erscheinen die dramatischen Veränderungen auf der Erde wenig schwerwiegend insofern, als der Abstand zu den Ereignissen deren Bedeutung deutlich relativiert. Der Erzähler steht so nicht nur außerhalb des von der Katastrophe betroffenen Raumes – was nicht von Anfang an deutlich ist -, sondern überblickt von seinem olympischen Erzählerstandpunkt sogar die Perspektiven der Bewohner zweier Planeten und kann deren Sichtsweisen mit einander in Beziehung setzen und kommentieren.

Auch zuvor bewegt sich der Text zwischen zwei Ebenen des Ereignisses:  Dem Himmelsschauspiel selbst bzw. den verheerenden Naturkatastrophen in dessen Folge, die eindringlich beschrieben werden, sowie den nachfolgenden Reaktionen der Menschen, die sehr differenziert dargestellt werden. Die Funktion beider Ebenen erfüllt sich in ihrer Orientierung hin auf den überraschenden und belehrenden Schluss der Erzählung, der letztendlich so auch die Haltung des Rezipienten selbst zum Thema macht.

Auch wenn die Anlage ganz geschickt gemacht ist, konnte mich die Poes Erzählung nicht überzeugen, da sie hauptsächlich von ihrer Konzentration auf das Ende lebt – dieses heutzutage aber wenig beeindruckt, sondern eher verwundert. Zugute halten kann man ihr aber, dass sie zum einen die Entdeckung eines 9. Planeten um 30 Jahre vorwegnimmt und zum anderen auch Ideenlieferant für Werke wie When Worlds collide von Philip Wylie und Edwin Balmer war, die den Zusammenstoß von Planeten mit Abenteuerelementen zu Romanen ausbauen.

Richard Matheson: Ich bin Legende

Man muss den Roman Ich bin Legende schon zu den Klassikern der phantastischen Literatur zählen. Denn der amerikanische Autor Richard Matheson erneuerte 1954 mit diesem nicht nur das deutlich in die Jahre gekommene Bild des Vampirs, sondern übte auch starken Einfluss auf eine ganze Reihe von Autoren und Regisseuren aus: Mit George Romero sei hier nur einer genannt, der sich durch Mathesons Werk inspirieren ließ – in diesem Falle zu seinem Zombiefilm Die Nacht der Lebenden Toten.

Gelingen konnte dieses Matheson vor allem, weil er in I am Legend bekannte Motive des Horrorgenres überzeugend mit Elementen des Science Fiction mischt. Der einzig verbliebene und deshalb auch vereinsamte Vertreter der Menschheitdurchstreift nicht wie in Shelleys Verney der letzte Mensch oder Shiels Die purpurne Wolke eine verlassene Welt, sondern muss sich in seinem Haus, das jede Nacht von Untoten belagert wird, verschanzen. Letztere gelangen nicht wie Hodgsons übernatürliche swine-things in The House on the Borderland durch einen phantastischen Riss in die moderne Welt, sondern als mutmaßliche Folge eines angedeuteten Krieges, als Folge radioaktiver Strahlung, welche Insekten so hat mutieren lassen, dass sie nun einen Krankheitserreger verbreiten, der die Menschen in Vampire verwandelt.

Der Protagonist Robert Neville verbringt seine Zeit am Tage deshalb auch nicht nur damit, auf Beutezug zu gehen, um sich mit allem zu versorgen, was man zum Überleben benötigt (z.B. auch Whisky), oder die Untoten, allen voran seinen ehemaligen Freund und Nachbarn, aufzuspüren, sondern auch mit wissenschaftlichen Nachforschungen anzustellen, welche in der Entdeckung des Erregers und der Unterscheidung von psychischen und physiologischen Aspekten des Vampirismus gipfeln. Vergleicht einmal unter diesen drei (bzw. mit dem Whisky vier) Gesichtspunkten einen neueren Zombieroman wie J. L. Bournes Tagebuch der Apokalypse mit Mathesons Text, wird deutlich, wie viel ihm auch heutige Autoren noch zu verdanken haben.

Fluktuierende Tiefe

Aber nicht nur unter dem literaturhistorischen Blick zeichnet sich der Roman aus – Matheson legt es drauf an, durch die Markierungen seiner Figuren Konflikte zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen im Bewusstsein des Lesers aufzurufen:

Schreiende weiße Gesichter flogen an den Fenstern vorbei. Ihre Schreie drehten ihm den Magen um… Er blickte über die Schulter und sah, wie sie aufholten, wie ihre fahl weißen Gesichter sich auf den Wagen, auf IHN richteten

Allerdings verweigert sich der Text immer wieder, wie Jakob Schmidt in seiner Untersuchung Untot in Amerika. Das Gesellschaftlich Imaginäre des Lynchmords und das Motiv der Massen-Untoten* überzeugend zeigt, einer eindeutigen Gleichsetzung von Figuren mit Bevölkerungsgruppen der realen Welt des Lesers. Denn eigentlich sei die Hauptfigur ein Weißer (noch dazu explizit deutsch-britischer Abstammung). Und immer wieder werde das Verhältnis von Neville und Vampiren zur Kippfigur: So fragt sich der Protagonist in einem inneren Monolog:

Weshalb kann der Vampir nicht leben, wo es ihm gefällt? Warum muss er sich in Verstecken verkriechen, wo keiner ihn finden kann? Weshalb wollt ihr ihn vernichten? Seht ihr, ihr habt den Unschuldigen zum gehetzten Tier gemacht. Es gibt keine Möglichkeit, für seinen Unterhalt zu sorgen, für eine anständige Ausbildung, er hat kein Stimmrecht. Kein Wunder, dass er zum nächtlichen Raubtier wird.

Das lässt sich nicht nur als ironisierende Anspielung des Verhältnisses von Schwarzen und Weißen in den U.S.A. der Rassentrennung lesen, sondern auch als eine Analyse der Vampire aus der Sicht der “normalen Menschen” – oder auch als Analyse der Situation Nevilles, denn dieser jagt die Vampire am Tage:

Nach seiner Brotzeit ging er von Haus zu Haus und führte alle Pfähle ihrer Bestimmung zu. Es waren 57 gewesen.

Bei seinem Feldzug geht der Held des Romanes trotz aller wissenschaftlichen Anstengungen aber nicht – wie es noch auf den ersten Seiten auf den Leser den Eindruck macht – ohne Emotionen zu Werke. Nicht nur, dass er den Anführer des Mobs, der jede Nacht vor seinem Haus lauert, persönlich kennt und sucht, nicht nur, dass er sich zu seiner eigenene Sicherheit selbst verwehren muss, die sich vor seinem Haus in aufreizende Posen werfenden Vampirfrauen zu betrachten – immer wieder sucht er vor allem letztere in ihren Schlafstätten auf und massakriert sie. Und in seinen dunklen Stunden lässt er sich vollaufen:

Ich bin ein Tier, dachte er. Ein dummes, hirnloses Tier.

Von der Einsamkeit der Postapokalypse

Überhaupt beeindruckt der Roman immer wieder durch die Tiefe der Darstellung von Nevilles inneren Konflikten, seinen Hoffnungen und seinen Schwächen – und der Veränderung, die er als Mensch in seiner ingesamt drei Jahre währenden Einsamkeit erfährt. Und die ihn letztlich selbst in einer letzten Kippbewegung zur Schreckgestalt einer heraufziehenden neuen Gesellschaft macht – und deren Legende.

Wer die Verfilmungen des Romanes – die erste mit Vincent Price, die zweite mit Charlton Heston oder auch die neueste mit Will Smith – kennt, weiß, dass Neville hin und wieder aber doch nicht so ganz alleine ist: Im Roman entdeckt er einen Hund, dem es als einzigem seiner Art ebenfalls gelungen ist, zu überleben. Wochenlang bemüht er sich, das traumatisierte Tier, welches ihm nicht zu fangen gelingt, an sich zu gewöhnen. Er füttert es liebevoll, nähert sich ihm langsam an – doch die Unterbrechung des monotonen und einsamen Alltags des Protagonisten dauert – im Gegensatz zur neuesten Filmhandlung – nur kurze Zeit; wenige Tage später stirbt der Hund in seinen Armen. Beim Lesen dieser Seiten muss mit Sicherheit selbst eingefleischteste Fan des Horrorgenres schlucken.

Fazit

Richard Mathesons ist mit I am Legend ein großartiger und eindringlicher Roman gelungen, der sich weit jenseits aller Klischees und Stereotypen seiner Zeit bewegt. Auch diejenigen, die mit den Verfilmungen vertraut sind, sollten ihn einmal wieder lesen – denn er ist zurecht ein moderner Klassiker.

*Jakob Schmidt: Untot in Amerika. Das Gesellschaftlich Imaginäre des Lynchmords und das Motiv der Massen-Untoten*, in: Franz Rottensteiner [Hg.] Quarber Merkur, Folge 116Giessen, 2011, S. S. 11-68.