Paul Gurks: Tuzub 37

Zählen zu den weitgehend vergessenen Texten muss man die schon 1935 veröffentlichte Dystopie TUZUB 37. Der Mythos von der Grauen Menschheit oder von der Zahl 1. Sowohl über den Roman selbst als auch über ihren Verfasser Paul Gurk lassen sich nur recht wenige Informationen finden. Und nach der Lektüre kommt man nicht umhin festzustellen: Das erscheint verblüffend und nachvollziehbar zugleich.

Eine der ersten Öko-Dystopien

Gurks Roman schildert eine ferne Zukunft, von der sich nicht sagen lässt, wie weit sie zeitlich von uns entfernt ist. Ebenso wenig kann man als Leser genau sagen, über welchen Zeitraum sich die Handlung eigentlich erstreckt. Die Menschheit hat sich in ihrem Fortschrittswillen die Erde mit wenigen Ausnahmen untertan gemacht. Abgesehen vom Meer, dem Himalaya und einem mit elektrischem Stacheldraht umzäunten Schaugefängnis der letzten lebenden Wesen ist die Erde gänzlich plan, grau, mit einem elektrischen Leitungsnetz überzogen und dort, wo keine Hoch- und Höherhäuser emporwachsen, von einer in Monokultur gezogenen Nutzpflanze bedeckt. Notwendig ist Nahrung nur noch deshalb, weil es noch nicht gelungen ist, das Menschliche zur Gänze aus den Maschinenmenschen herauszukonstruieren.

Dieses ist aber der anvisierte nächste Schritt der anhand eines utopischen Gesellschaftsplanes ausgerichteten Grauen Menschheit: Jegliche Unterschiede und Planabweichungen werden dafür ausgemerzt – nicht nur in der Landschaft. Letztes Ziel ist der vollständig anorganische und uniforme Mensch bzw. die Maschine – symbolisiert in der Zahl 1. Der Leser begleitet die Menschheit, die diese Bezeichnung bald zu Recht nicht mehr tragen will, bei der Verhaftung des überraschend aufgefundenen letzten Dichters, der Abschrottung der Maschinenmenschen zur Menschenmaschine und bei ihren wiederholten Angriffen auf das nur mit Mühe einzuebnende Meer und den störrischen Himalaya (Quadrat 37) mithilfe riesiger Maschinenmaschinen. Letztere produzieren jedoch derartig viele Abgase, dass zwecks Angsaugen von Luft aus dem Äußeren Oben ein riesiger Turm in Quadrat 37 errichtet werden soll: Der TUrm ZU B 37. Bei diesem letzten maßlosen Versuch, der noch als biblische Anspielung in seiner Gigantomanie die technischen Visonen anderer Schriftsteller der 20er und 30er Jahre kritisch spiegelt – genannt sei hier nur der berühmte Hans Dominik -,  findet die “Menschheit” ihr jähes Ende.

Wenn alle 1 sind: Vergebliche Suche nach dem Helden

Konsequenterweise weist der Roman aufgrund der erreichten Uniformität auch keinen eigentlichen Protagonisten mehr auf: Zu weit ist die Uniformität der Menschheit gediehen. Nur Unplanmäßiges ermöglicht als Unfall noch dort Individualität, wo  der Mensch sofort abgeschrottet wird, wenn er zum Himmel blickt. Oder jenseits der 2-stündigen Erholungsphase wacht (1). Der letzte Dichter, Ergebnis der ungesetzlichen Lektüre des vorletzten Buches, wird schnell entsorgt. R Nr. 127 475, der aufgrund eines Ungeschicks des Menschenklempners sich später seiner selbst bewusst wird (2), stößt zwar noch den Plan zum Bau des TUZUB 37 an, verstirbt aber bald. Das Leitungsgremium der Grauen Menschheit, bestehend aus den Schreibern Hirn, Auge, Ohr, Mund, linke Hand, rechte Hand, Magen, linker Fuß und rechter Fuß, weist keine individuellen Züge jenseits der Funktionsbezeichnungen mehr auf. Wie oft die einzelnen Schreiber im Verlaufe der Handlung abgeschrottet werden, lässt sich nicht mehr feststellen.

Sympathien kann der Leser nur zu den beiden Erstgenannten hegen. Menschlicher als die Menschen selbst erscheinen jene Wesenheiten, die Gurk in expressionistischer Manier aber ausnahmsweise so gar nicht expressionistischer Sprache selbst zu Wort kommen lässt: Die Quelle, die über ihr Versiegen mit der letzten Blume spricht, das Meer, das sich gegen den Ansturm und die Fesseln der Grauen zu widersetzen versucht, die Dämonen der Berge, welche die Maschinen unter sich begraben wollen, die Luft, die über allem thront. Was heute sprachlich manchmal nah an der Grenze zum Kitsch erscheint, könnte der erste deutschsprachige Aufschrei der Natur angesichts ihrer planmäßigen Zerstörung sein.

Eine Anti-Utopie aus der Zeit der NS-Diktatur

Es verblüfft, dass der Roman von Gurk, der 1934 Mitglied der Reichsschriftumskammer geworden war (3), überhaupt im Berliner Holle-Verlag erscheinen konnte. Obwohl Welt und Gesellschaft – auch durch die Verwendung von SF-Elementen – hochgradig verfremdet sind, wendet er sich doch sehr deutlich nicht nur gegen die allgemein verbreitete Fortschritts- und Technikgläubigkeit, sondern auch  – und das nicht nur en passent – gegen zentrale Ideologeme des Nationalsozialismus: Kritik äußert Gurk an der Uniformität bzw. dem unkritischen Aufgehens des  Individuums in der tumben Masse sowie an der inhumanen Verabsolutierung des Zweckes: Vom utilitaristischen Abschrotten aller Grauen, die das fünzigste Lebensjahr erreicht haben oder einfach nur technisch überholt sind, zur “Vernichtung lebensunwerten Lebens” scheint es gedanklich nicht weit. Satirisch überzeichnet Gurk dabei auch die zeitgenössische systemtypischen Riten: Immer wieder “zuckt” der Arm der Grauen Menschen als “Parodie auf den Hitergruß” (4) nach oben. Und wenn die Weltbevölkerung in endlosen Kolonnen zum Versammlungsplatz zieht, um sich und die Zahl 1 zu feiern, erinnert das nicht wenig an die in den 30er Jahren inszenierten Massenveranstaltungen der NSDAP:

Die Züge marschieren von allen Seiten heran, endlos, zwei Stunden. Viereck auf Viereck preßt sich in das Versammlungsfeld und stampft sich ineinander. Als die riesige Fläche nur ein einzelnes dampfendes Grau ist, steht eine volle Minute alles schweigend, fühlt sich als grau, als Macht der Gleichmäßigkeit, ehrt sich selbst und klotzt dann zu den Tribünen. Sprechchöre erscheinen. Sie werden durch Lautsprecher verhundertfacht und rasseln exakt in der Sprache der Buchstaben und Ziffern die Verehrung des Mähdreschers. (S.40)

Expressionistischer Nachhall

Gurk, der zu Beginn der 30er Jahre durchaus Sympathien für den Nationalsozialismus hegte, bedient sich in seinem Roman, der eine Abkehr vom Nationalsozialismus darstellt, gekonnt jener literarischen Mittel, die ihm die ersten Jahrzehnte der Moderne zur Verfügung stellen: Elliptisch mäandern die Sätze vor sich hin und reißen den Leser mit. In Vergleichen, Vermenschlichungen und Verdinglichungen hebt Gurk die Grenze zwischen dem Belebten und Unbelebten, Mensch Tier, Pflanze und Ding sprachlich auf:

Unabsehbare Züge von Schleppwagen gleiten auf Übererdlinien an den Hochschienen bis an die Küsten und kippen sich aus. Es ist, als ob jeder der Wagen aus Leichtmetall rasselnd lache und grinse, wenn er sich dreht und ein Maul aufreißt, um geborstenes, zerbrochenes, gemahlenes Gestein, zerkrümelte Erde und getrockneten Schlamm auszuspeien.

Und in der militaristisch gefärbten Imitation deutscher Amts- und Bürokratensprache, häufig durchsetzt mit technischen Neologismen, steigert Gurk das Bekannte bis zum Grotesken als sprachliches Abbild der Herrschaft und einer unmenschlichen Verabsolutierung des Zwecks:

Nach zwei Stunden spricht Auge: “Es sind Meldungen gekommen. Verbrecher sind zu bestrafen. In Sektor Y, Hochstadt 19, unterbrach ein Grauer die Schicht und sah hinauf in den Himmel.” Rechter Fuß spricht: “Es gibt keinen Himmel. Es gibt nur einen Rauch der Erde. Der Verbrecher ist durch mich zu bestrafen. Seine Schuld geschah in meinem Sektor… Ich stampfe auf. – Er ist durch Säure in das Reich des Anorganischen zu überführen.” Ohr spricht: Im Sektor Q, Hochstadt 5, betrachtete ein Grauer über Zeitmaß hinaus Funkensprühen im Wachstumsnetz, flüsterte dazu schaukelnd und versäumte die Schicht…”

Ein solcher, an den literarischen Avantgarden der Moderne orientierter Text steht auch heute noch zu unseren Lesegewohnheiten quer. Zu ungewohnt ist, wie Gurk schreibt. Und somit stellt der Roman, wenn man ihm als Leser gerecht werden will, sprachlich und inhaltlich durchaus eine kleine Herausforderung dar. Aber nicht, weil man sich durch ihn quälen müsste – im Gegenteil: Immer wieder muss man sich als Leser selbst bremsen, um von der oft bis ans Lyrische gestalteten Sprache auf Weg der Grauen Menschheit zum Endziel nicht einfach mitgerissen zu werden.

 Fazit

Paul Gurks 1935 erschienene Dystopie ist ein bemerkenswertes Stück deutscher Literatur – inhaltlich wie sprachlich. Sie ist trotz ihres schon fortgeschrittenen Alters nicht nur etwas für die literaturwissenschaftlich Interessierten, sondern für jeden, der einmal einen Text jenseits der bekannten Muster und Schemata des Genres lesen möchte. Einlassen muss man sich dabei allerdings auf die oft ungewohnte Sprache von TUZUB 37, welche die Lektüre aber dann zu einem echten Genuss macht.

(1) Hier zeigt sich auch die Intensität der Gurk’schen Zeichnung: Besitzt D-503 in Samjatins Wir noch eine 2-stündige “Freizeit”, von welcher der Staat hofft, dass sie einst abgeschafft werden kann, so muss R Nr. 127 475 schon einen 2-stündigen Zwangsschlaf halten. 

(2) Dieses Motiv, das dazu dient, einen potentiellen Außenseiter in einem uniformen Gesellschaftssystem literarisch zu legitimieren, findet sich 3 Jahre zuvor erstmals in Huxleys BNW. Einer Liebelei als Katalysator des Entfremdungsprozesses vom System bedarf es deshalb auch nicht.

(3) Klaus Geus, Zwischen Widerstand und Anpassung. Die Kritik am Nationalsozialismus in Paul Gurks dystopischem Roman TUZUB 37, in: Marco Frenschowski [Hg.], Helena Frenschowski [Hg.], Festschrift für Kalju Kirde zum 75. Geburtstag, Kerpen, 1999, S.105-114, S. 113.

(4)  Klaus Geus, Zwischen Widerstand und Anpassung, S. 113.

Jürgen Domian: Der Tag, an dem die Sonne verschwand

Schon seit Jahren talkt Jürgen Domian in seiner nach ihm benannten Sendung zu den verschiedensten Themen mit all jenen, die irgendetwas zu sagen oder zu berichten haben. Und so verschieden die Lebensbeichten, die Schicksalschläge und Werdegänge sind, die auf den Hörer von einslive oder den Zuschauer des WDR niedergehen, so zeichnen nicht wenige zwei gemeinsame Merkmale aus: Viele der bedrückenden Geschichten, die die Menschen dort in ihrer Anonymität erzählen, sind geeignet, den Zuhörer frösteln zu lassen; wenn sie nicht gleich – und das gilt auch für die weniger niederschmetternden Erzählungen – das kalte Grausen heraufbeschwören.

Und nicht wenige der bitteren Lebensgeschichten haben irgendetwas mit Verlust zu tun: dem Verlust von geliebten Partnern, der Familie, Freunden – oder auch gleich des ganzen bisherigen Lebens. Und mit jener Aufgabe, die der Mensch letztendlich nur alleine und für sich selbst bewältigen kann: Der Verarbeitung des Geschehenen. Da verwundert es nicht, dass sich Jürgen Domians 2009 erschienener Roman vorwiegend diesem Thema widmet.

Und welches Genre böte sich da nicht besser an als jener hochreflexive Grenzgänger zwischen Katastrophenroman und Postapokalypse, in dem nicht nur der Verlust selbst Program ist, sondern der den Protagonisten in seiner Vereinsamung auch auf sich und sein Leben als Letztes zurückwirft: Das Genre des Letzten Menschen (1).

Der Tag, an dem die Sonne verschwand in der Kritik

Dieser Wahl des Genres und der damit einhergehenden höchst paradoxen Erzählsituation ist auch die Form des Romans geschuldet. Denn Der Tag an dem die Sonne verschwand ist eine zwischen Ereignisbericht und Autobiografie oszilierende Chronik, ein Tagebuch, das sich nur noch an einen hypothetischen, wenn auch erhofften, Leser wenden kann. Es erscheint insofern auch ungerecht, wenn dem von Feuilleton weitgehend unbeachteten Roman in Netzrezensionen vorgeworfen wird, er zeichne sich durch Handlungsarmut und die wenig packende Schilderung einer Lebensgeschichte aus. Ungerecht sind solche Beurteilungen nicht deshalb, weil die Feststellungen unzutreffend wären – denn wer ‘Aktion’ in Der Tag an dem die Sonne verschwand sucht, sucht diese tatsächlich vergebens -, ungerecht erscheinen sie vielmehr, weil die sich hier artikulierende deutlich enttäuschte Leseerwartung der Zielsetzung des Romans selbst nicht gerecht wird.

Schon das im Mysteriösen verbleibende Szenario deutet hierauf hin: Denn die Katastrophe, das Verschwinden aller anderen Menschen, steht zwar im Zentrum, verweist aber mit ihren rätselhaften Begleiterscheinungen – wie der plötzlich hereinbrechenden monatelangen Dunkelheit, dem Schneefall und dem aufziehenden Nebel, welcher vor dem Fenster der Eremitage unserer männlichen Hauptfigur aufzieht, – zeichenhaft auf jenen, durch einen Autounfall schon längst erlittenen Verlust: den der geliebten Marie – denn diese kann der Held auch nach langer Zeit nicht loslassen; immer wieder belasten ihn Schuldgefühle angesichts seines damaligen Verhaltens.

Während sich in Haushofers Roman Die Wand die schon vor der eigentlichen Katastrophe gewählte Selbstisolation in einer in ihren Ursprüngen ebenfalls unerklärt bleibenden Mauer manifestiert, bekommt Domians Held die Katastrophe, die er – man möge die Formulierung entschuldigen – “verdient”. Das Szenario extremisiert und veräußerlicht somit das Innenleben des Helden – und ist deshalb hier auch zeichenhaft zu lesen. Eine weitergehende, womöglich sogar wissenschaftliche, Ausgestaltung der Hintergründe des Szenarios, wie so hier und dort  – und übrigens auch in den Besprechungen ähnlicher Romane des Genres – gefordert wird, würden dem nur zuwiderlaufen. Konsequent und folgerichtig hat Jürgen Domian hier gearbeitet. Wer einen postapokalyptischen SF-Abenteuerroman lesen will, der sollte von Der Tag, an dem die Sonne verschwand, die Finger lassen.

Der Weg hinaus aus der Isolation

Wenn man so als Zentrum des Romans die Beschäftigung des Protagonisten mit den erlittenen Verlusten ausmacht, stellt sich die Frage, wie gut es Jürgen Domian eigentlich gelungen ist, das Innenleben seines Helden zu gestalten. Deutlich schöpft hierbei aus den Erfahrungen, die er in seiner Sendung sammeln konnte. Die Entwicklungsschritte des Helden aus seiner erst selbstgewählten und später erzwungenen Isolation sind dementsprechend überzeugend und nachvollziehbar, bieten allerdings  – abgesehen von der damit einhergehenden Schilderung sexueller Episoden – doch wenig Überraschendes. Hier und da wünscht man sich, dass der Held, auf dessen Reflexionen der Leser einfach zu stark angewiesen bleibt, sein Leben etwas deutlicher und tiefer durchblicken würde. Aber welcher von Verlust in Leben und Psyche deformierte Mensch könnte das schon in einer solchen Situation?

Die mangelnde Reflexionsfähigkeit des Helden stört aber trotzdem – vor allem auch deshalb, weil sich der Roman – seiner Zielsetzung gemäß – eher dem Modus des “Telling” als dem des “Showing” bedient. Der Horizont, der sich dem Leser öffnet, geht somit leider kaum über den des Protagonisten heraus. Hinzu kommt die weitgehend einfache Sprache der überwiegend berichtenden Tagebucheinträge. Das alles kann enttäuschend sein – und dürfte vornehmlich all jene Leser ansprechen, die selbst große Verluste verarbeiten mussten oder noch müssen: Auch deshalb schließt der Roman mit einem gelungenen Ende, das eben nicht offen ist, wie manche Netzkritiken behaupten, sondern den mitleidenden Leser auffordert, sich vom Vergangenen und dem eigenen Rückzug zu verabschieden und neu in die Zukunft und auf die Welt zu blicken – gleich, ob da draußen noch jemand auf ihn wartet.

Fazit

Jürgen Domians Roman bietet zwar ein mysteriöses Szenario, dieses bleibt jedoch zeichenhafter Hintergrund der Persönlichkeitsentwicklung des Helden, die im Zentrum der Betrachtung steht. Obwohl Der Tag, an dem die Sonne verschwand konsequent konstruiert ist, überzeugt der Text nicht ganz: Zu stark muss der untätige Leser den geistigen Fußstapfen folgen, die der verzweifelte dahintippelnde Held im winterlichen Köln hinterlässt.

(1) Zur Konstitution des Genres durch die vom Motiv des Letzten Menschen bedingten narrativen Programme siehe: Judith Schoßböck, Letzte Menschen. Postapokalyptische Narrative und Identitäten in der Neueren Literatur nach 1945, Bochum, 2012. Behandelt wird in dieser Monografie auch Jürgen Domians Roman.

Gregor Spörri: The Lost God

Unter der Menge der in den letzten Monaten erschienen Weltuntergangsromane sticht ein Roman hervor: Der literarische Erstling des Schweizers Gregor Spörri, dessen Titel The Lost God. Tag der Verdammnis schon auf den ersten Blick für den Fortbestand der Menschheit nichts Gutes verheißt. Es ist allerdings weniger der Titel als der Aufhänger, den Autor und Verlag gewählt haben, um den Roman an den Leser zu bringen: Denn den Ausgangspunkt des Textes bildet der Fund eines mysteriösen – weil riesenhaften und bestimmt nicht menschlichen  – Fingers durch Gregor Spörri in Ägypten.

Um was es sich bei dem von Spörri entdeckten, abfotografierten und später wieder verschwundenen sogenannten “Relikt von Bir Hooker” handelt, vermag ich nicht zu sagen. Für viele dürfte die Abbildung auf der Innenseite des Schutzumschlages den Roman auf den zweiten Blick besonders interessant machen – wird damit doch der Anspruch erhoben, einen geheimnisvollen, aber vermeintlich “realen” Aspekt unserer Vergangenheit aus einer bitteren Gegenwart in eine entsetzliche Zukunft fortzudenken.

Überzeugend: Der Untergang (fremdverschuldet)

Ausgehend vom Fund des “Reliktes von Bir Hooker” im Jahre 1988 lässt Spörri seine Astronomen Jahrzehnte später seltsame Objekte in Erdnähe und -orbit entdecken, die nach vielem Rätselraten und Hin und Her zuletzt als Vorzeichen eines “zweiten Besuchs” kosmischer Vandalen gedeutet werden. In grausig gehaltenen Szenen, bei denen der Autor nicht mit Schockeffekten geizt, beschreibt Spörri die “Landungen” von mehr als einem Dutzend Fluggeräten, die bei ihrem Niedergang Schneisen der Verwüstung auf allen Kontinenten hinterlassen. Aus der Perspektive zahlreicher Figuren erzählt, ergibt sich so ein oft spannendes Kaleidoskop des Schreckens… und des Sterbens – aber leider auch unter den Protagonisten, denn Spörri hat keine Hemmungen, gerade recht umfangreich eingeführte Figuren gleich wieder zu das Zeitliche segnen zu lassen.

Mit den Überlebenden jedoch mutmaßt der gefesselte Leser über die Funktion der Fluggeräte – und ist am Ende zuletzt genauso schockiert über die Wahrheit wie die Figuren selbst. Denn Spörri entwirft hier ein in seinen Dimensionen geradezu gigantisches Szenario, das er mit einem über alle Erwartungen hinaus düstere Ende verknüpft, welches The Lost God in positivem Sinne von der Masse der Weltuntergangsromane unterscheidet – auch wenn hier und da literarische sowie cineastische Vorbilder nicht nur angedeutet werden, sondern auch bemerkbar sind. Spörri hat mit den hier angestrebten Schockeffekten, die leicht ins Groteske abrutschen können, recht hoch gepokert – und meiner Einschätzung nach gewonnen. Das nenne ich mal ein Ende!

Fragwürdig: Der Untergang (selbstverschuldet)

Der Autor will aber, wie schon der Aufhänger des “Reliktes von Bir Hooker” vermuten lässt, mehr als nur eine unterhaltsame und spannende Geschichte erzählen. The Lost God soll auch eine Bestandsaufnahme unserer Gegenwart sein – mit all ihren Mängeln, Widersprüchen und uns manchmal unbegreiflichen Vorgängen. Das Spektrum, über das Spörri seine zahlreichen Figuren häufig ermüdend referieren und diskutieren lässt, reicht von der Zerstörung des Regenwaldes über die “Klimalüge”, die wirtschaftlichen Verstrickungen der Industriestaaten und der Kunstbranche bis zu dem nicht immer unproblematischen Miteinander der Religionen – bzw. Kulturen und der Prä-Astronautik; gängige Verschwörungstheorien häufig und bekannte Ressentiments manchmal mit eingeschlossen. Falls es hier einen mutmaßlichen Zusammenhang zwischen den diskutierten Themen geben sollte, ist er mir zumindest entgangen (Aber ich halte das Roswell-Ufo ja auch für einen schnöden Spionageballon).

Während an einigen Stellen die Ausführungen noch funktional zum Plot beitragen, stehen sie an anderen Stellen geradezu quer dazu. So muss der Leser miterleben, wie sich ein australischer Fernsehmoderator und ein General ebensolcher Nationalität nach der größten Entdeckung der Menschheit während der anberaumten Sondersendung vor allem nicht mit den gelandeten Raumfahrzeugen und den darin möglicherweise befindlichen Invasoren auseinandersetzen, sondern hauptsächlich mit der Frage, ob der Islam eine “reformierbare” Religion und/oder eine Gefahr für das Abendland (ehemalige britische Gefangenenkolonien im Orient mit eingeschlossen) ist. Nicht erst hier kann sich dem Leser die Vermutung aufdrängen, dass Spörri der Versuchung erlegen ist, seine Figuren zum Sprachrohr seiner selbst zu machen – anstatt den den Plot für sich selbst sprechen zu lassen.

Als Rezensent will man der Versuchung, sich zu den von den Figuren vorgetragenen und im Text jeweils als “zutreffend” markierten Positionen  inhaltlich zu äußern, nicht erliegen  – man muss aber konstatieren, dass The Lost God aufgrund der ‘Exkurse’ –  die gar nicht so stören würden, wenn sie nicht aufgrund ihres Umfanges so häufig im Vordergrund stünden – vielmehr verliert als gewinnt.

Meine Versuche, beide Aspekte des Romans interpretatorisch auf einen Nenner zu bringen, liefen jedenfalls ins Leere. Andere Rezensenten waren da aber erfolgreicher (siehe hierzu die Rezension von Thompsen auf Blackfear.de.

Fazit

Gregor Spörris möchte mit seinem Roman The Lost God. Tag der Verdammnis für meinen Geschmack zuviel. Während er einerseits ein durchaus spannendes und interessantes – weil auch gewagtes – Endzeitszenario entwirft, belehrt der Roman andererseits mittels seiner Figuren den Leser zu vordergründig über die vermeintliche Hintergründe unserer Welt. Und dieser Eindruck verblasst auch nicht, nachdem man schmunzelnd Erich von Däniken im Sonnenuntergang der Menschheit beim Genuss seines letzten exquisiten Weines erleben durfte.

Robert Silverberg: Die Stadt unter dem Eis

Meine Besprechung von Robert Silverbergs Jugendroman Die Stadt unter dem Eis wird nicht lang werden – denn ich möchte nicht mehr Zeit darauf verwenden als auf die Lektüre des 192-Seiten-Textes selbst. Vermutlich hat auch Silverberg selbst nicht allzu lange gebraucht, um die Geschichte zu Papier zu bringen.

Ganz in der Tradition der Abenteuergeschichte schickt Silverberg eine Handvoll New Yorker Helden im 26. Jahrhundert hinaus aufs Eis, um Kontakt mit London aufzunehmen. Wobei “London” und “New York” nicht mehr die Städte sind, die wir darunter verstehen: Denn seit dem 22. Jahrhundert hält eine neue Eiszeit die Erde fest in ihrer Gletscherhand, weswegen sich die Menschen auch tief eingegraben haben. Allzu viel über das Leben in den dichtbevölkerten Höhlen erfährt der Leser aber nicht – denn Silverbergs Protagonisten werden schon auf Seite 10 wegen einer zutiefst verbotenen Kontaktaufnahme mit der Außenwelt verbannt. Hinaus in eine Eiswüste, die trotz fortschreitender Erwärmung immer noch lebensfeindlich ist. Und obwohl sie zahlreichen mehr oder minder glücklich verlaufenden Begegnungen mit den Überlebenden der Eiswelt überstehen müssen, erreichen sie zuletzt jenen unterirdischen Ort, an dem die Nachfahren der britischen Hauptstadtbewohner ihr Leben glücklich verbringen. Aber auch dieses Treffen verläuft nicht ohne Komplikationen – weshalb sie zuletzt sogar am warmen Äquator landen und dabei mithelfen können, die Überlebenden der nördlichen Hemisphäre auf die Zeit nach der Eiszeit vorzubreiten.

Und darin steckt wohl auch die tiefere Botschaft des Textes: Dem Wagemutigen steht die Welt offen –  und falsch ist es, sich mit dem zufrieden zu geben, was du hast. Das ist Falsch-Denk im Sinne der 50er-Jahre-Schreibe – und widerspricht so ganz dem amerikanischen Frontier-Gedanken, dem auch Silverberg sich nicht entziehen kann. Tief verbunden erscheinen in diesem Weltbild Degeneration und Verfall sowie Zufriedenheit und Sich-Begnügen – eine Sicht auf die Dinge, die sich übrigens auch in Romanen deutscher Autoren, z.B. Scheers Die Großen in der Tiefe finden lässt.

Da ist es dann auch müßig, nachzufragen, weshalb die Gruppe überhaupt London, das immer wieder als unerreichbar charakterisiert wird, eigentlich erreichen will… wenn ich eine der Hauptfiguren gewesen wäre, ich hätte mir ein anderes, sinnvoller erscheinendes Ziel gesetzt. Den kuscheligen Äquator zum Beispiel. Deutlich wird in dieser logischen Lücke: Der Wert des Zieles London besteht weniger in einem tatsächlichen, denn einem symbolischen: Der Herausforderung an sich, der sich der Mensch im Sinne der amerikanischen 50-Jahre-SF-Denk nicht entziehen darf.

So verhaftet der Roman dem Zeitgeist auch erscheint: Die Figurenzeichnung  – wenn man das überhaupt so nennen kann – dürfte sich selbst außerhalb dessen bewegen, was der Leser 1963 gewohnt war. Die Figuren werden nur mit einem einzigen Merkmal versehen, das sie von den anderen zu unterscheiden vermag. Einer kann Erste Hilfe leisten, ein anderer ist Biologe – und unser junger Held, mit dessen Augen das Erlebte geschildert wird, kann Judo. Noch holzschnittartiger geht es kaum.

Fazit

Gott sei Dank dauert die Lektüre von Robert Silverbergs Die Stadt unter dem Eis nicht so lange, dass der Leser sich Gedanken darum machen muss, wieso noch 1963 ein Autor seine Helden mit atomar angetriebenen Pistolen und Gewehren im Eis herumstrahlen lässt – und wieso die New Yorker Pistolen einen Meter, die Londoner Gewehre aber nur eine Hand lang sind: Unfreiwilliger Pulp für Jugendliche von Gestern – aber vom Feinsten.

Leif Randt: Schimmernder Dunst über Coby County

Trotz kräftigem Blätterrauschen im Feuilleton ist er 2011 unbemerkt an mir vorbeigegangen: Leif Randts Roman Schimmernder Dunst über Coby County – obwohl der Autor auf den Tagen der Deutschen Literatur für seinen Text mit dem Ernst-Willner-Preis ausgezeichnet wurde.

Aufmerksam auf den Roman wurde ich erst, als er in einem Radiospecial zu den neuesten Dystopien am Rande erwähnt wurde: weil er mit dystopischen Elementen spiele – um ein kritisches Bild unserer Welt zu geben. Deshalb ist Coby County auch ein fiktiver Ort im Nirgendwo, der als ein übersteigertes Abbild unserer utopischen Wunschträume daherkommt: Malerisch am Meer gelegen, leben die Einwohner dort, wo andere Urlaub machen. Wer würde hier nicht gerne sein Geld mit der Leitung eines gutgehenden Hotels oder der Betreuung von erfolgreichen Schriftstellern verdienen? Ein klein wenig erinnert Coby County deshalb auch an Ursa Minor Beta, weil hier ebenfalls eigentlich fast immer Samstagnachmittag ist, kurz bevor die Strandbars schließen.

Als Mikrokosmos bildet Coby County unsere persönlichen Traumwelten als Menschen des 21. Jahrhunderts ab: Man lebt, man genießt – kurz: man konsumiert. Man belastet sich nicht. In so einer perfekten Welt sollte bzw. kann eigentlich nicht viel passieren – vom Highlight des Jahres, dem “Spring Break” Coby Countys einmal abgesehen. Da überrascht es, wenn das Schicksal den Protagonisten dann doch so hart trifft: Erst verlässt sein bester Freund die Stadt, dann seine Freundin ihn persönlich. Kurz darauf ist er arbeitslos. Und dann orakelt auch noch jemand über ein Unglück, das über die Stadt hereinbrechen soll. Was läuft nur so verkehrt in Coby County?

Was läuft denn nun verkehrt in Coby County?

Auch der junge Held des Romans stellt sich diese Frage. Aber eigentlich auch nicht. Besser: Er ahnt, dass irgendetwas nicht so ist, wie es sein sollte. Ihm gelingt es aber nicht, die Frage richtig zu stellen. Er will das in seinen Innersten auch gar nicht, geschweige denn die Antwort formulieren – und vielleicht kann er es auch gar nicht. Außerdem: Seine Freundin ist ersetzbar, die Kündigung nur angedeutet – und sein bester Freund kehrt ja auch wieder zurück, als er selbst sich gerade dazu entschlossen hat, diesem ins zeitweilige Exil zu folgen. Weil es als Option erscheint, da alles gerade nicht so läuft, wie es sollte. Irgendwie. Warum auch immer. Zum Glück entpuppt sich das meteologische Donnerwetter, das auch zeichenhaft als historisches gelesen werden kann, als ein schwacher Wintersturm, den man mit seinen Freunden durchfeiern kann; und der subversive Untergrund der Stadt als Tanzvergnügen. Wer will da noch weiterfragen, warum Tage zuvor nur die zu verschmerzenden Gebäude niedergebrannt sind – und sich die Schöne Neue Welt versauen?

“Ich speichere mein Dokument als Carla.doc”

Wenn der Erzähler des Romans die Frage nicht richtig stellen und keine Antwort geben kann, so muss der Leser für ihn einspringen. Das ist anstrengend – aber gut gemacht. Das muss man nicht wollen – sollte man aber: Weil sonst die Nähe zu diesem “Helden”, der im Text alleine für uns Leser lebt, noch größer würde. Gut, das kann einem auch egal sein. Vielleicht bleibt der Sturm ja aus. Party on. Vielleicht findet man da ja auch den/die nächste/n Lebensabschnittsgefährten.

Weil ich annehme, dass ich energie- und kraftlos bin, warte ich schweigend auf den Hauslift. Als sich die Tür öffnet, sehe ich mich im Spiegel und komme mir breiter und aufgedunsener vor als noch am Morgen. Ich stehe nun also in meinen Frühjahrstextilien da, in dieser ziemlich kurzen Hose und dem weißen Poloshirt, fahre mit dem Lift in den dritten Stock und halte eine Pizzaschachtel auf dem Arm. Seit Carlas SMS sind erst fünfzig Minuten vergangen, doch ich stehe nicht mehr unter Schock und empfinde keine Trauer.

Verständlich. Denn immerhin hat sich Carla die Mühe gemacht, ihm noch eine SMS zu schreiben. Der bewusst oberflächlich gehaltene Ton des Romanes, der manchmal an den von Christian Krachts Faserland erinnert, ist doppelbödig wie die ganze Stadt. Immer wieder stolpert der Leser in seine und ihre Fallen. Und nicht immer macht Randt es dem Leser so einfach wie hier. Dort deprimieren die Bewohner von Coby County dann aber doppelt.

So manches erscheint irgendwie doppelt. Dass dabei hin und wieder einige Momente an Elemente bekannter Popromane erinnern, die ebenfalls die glitzernde Oberflächlichkeit ihrer Gegenwart geißeln – z.B. wenn die der Protagonist nicht mehr entscheiden kann, ob die blonde weibliche Servicekraft mit dem bezaubernden Lächeln, die vor ihm steht, die gleiche ist, die er so gerne mag – überrascht nicht. Denn irgendwie war irgendwie schon einmal da – und alles ist austauschbar. Wie die Servicekraft, das Restaurant oder die eigene Freundin:

CarlaZwei meldet sich zuerst, was sie für mich zusätzlich auszeichnet. Andere Mädchen folgen ja noch diesem Spiel, das man aus alten Telenovelas kennt, dem zufolge sich zuererst der Junge melden muss. Da wir uns bisher nur etwa achtzig Minuten geküsst haben, kommt mir alles noch maximal aufregend vor.

Ich wünschte, der Held hätte die Stadt verlassen, der Sturm sie auseinandergenommen oder die Wahl des Bürgermeisters sich als Betrug entpuppt. Oder der Untergrund wenigstens als politische Organisiation – so wie es sein sollte. Irgendwie. Aber das geschieht nicht. Nicht in Coby County. Nichts geschieht. Und das mehrfach – draußen windet es aber… noch einen Cocktail vielleicht?

R. C. Sheriff: Der Mond fällt auf Europa

Der Untergang der westlichen Zivilisation ist nicht zwangsläufig eine todernste Angelegenheit – den Beweis dafür erbringt R. C. Sherriffs Roman Der Mond fällt auf Europa, der 1939 unter dem Titel An Ordinary Man erstmals erschien. Und das hat nicht wenig mit jenem “Durchschnittsmenschen” zu tun, dessen sehr persönlich gefärbte Schilderung in einer ausgebuddelten Thermoskanne gefunden wird. Sie ist so sogar so subjektiv gehalten, dass sich die abessinischen Gelehrten des 29. Jahrhunderts eines editorischen Seitenhiebs auf den Verfasser des sogenannten Hopkins-Manuskripts nicht enthalten können.

Zur Verteidigung Edgars

Das Unverständnis der Historiker der Zukunft dürfte vor allem auf zwei Dinge zurückzuführen sein: Zum einen verfügen sie über nicht genügend Kenntnisse über die Feinheiten der britischen Hühnerzucht, um Edgar Hopkins Verdienste auf diesem Felde ausreichend würdigen zu können, zum anderen wissen sie offenbar auch nicht, dass der Ich-Erzähler – wie übrigens viele andere Bewohner des kleinen Dörfchens Beadle auch – keine ungewöhnliche Erscheinung in der angelsächsischen Literatur ist. Zugegeben: Dieses höchst britische Unikum ist nicht nur recht eigenbrötlerisch, sondern neigt auch zur Profilierungssucht. Paradoxerweise dürfte gerade letzteres auch der Grund dafür sein, dass Edgar Hopkins sein Wissen vom  bevorstehenden Untergang nicht sofort hinausposaunt, sondern sich vielmehr an seiner neuen Rolle als Geheimnisträger erfreut, die ihm als zahlendem Mitglied der Königlich Britischen Mondgesellschaft zuteil geworden ist. Ja sicher: Ihm gehen als ehemaligem Schulmeister auch jene Feinheiten ab, die jahrhundertelanger Herausbildung bedürfen und die man an Sir Pelham Grenville Wodehouses Figuren so schnell liebgewinnt – dafür ist er aber ein zutiefst ehrlicher Mann, der sich wirklich um seine Mitmenschen sorgt, wenn er seine Eremitage erst einmal verlässt:

Wir waren immer ein freundliches, friedliches Dörfchen gewesen, aber ich hatte bisher nie ein so festes Band der Kameradschaft verspürt… Die Männer riefen einander bei ihren Spitznamen, und ich war fast versucht, John Briggs, dem Zimmermann, zu sagen, dass ich Edgar hieße. Nach längerer Überlegung beschloss ich, es zu unterlassen, denn wenn am 3. Mai nichts Schlimmes passierte, würde es ihm schwerfallen, zu dem pflichtgemäßen ‘Sir’ zurückzukehren.

Und als die Nachricht, dass der Mond aus unbestimmten Grund auf die Erde stürzt, im Königreich endlich bekannt wird, fängt sich Edgar doch recht schnell wieder, obwohl er von den Verantwortlichen nicht – wie eigentlich monatelang erwartet – zu gehobenen Aufgaben beim örtlichen Bunkerbau herangezogen wird, sondern diese ihm nur eine schnöde Schubkarre – wie oben deutlich wird –  in die Hand drücken. Er nimmt es keinem von ihnen persönlich übel (vom Wichtigtuer Dr. Hax einmal abgesehen) und fügt sich sehr schnell in seine neue Bestimmung. Und er erhält sich trotz des drohenden Endes nicht nur seine positive Einstellung, sondern sorgt sich auch noch Jahre später, als er hungernd, frierend und krank im zerstörten London dahinvegetiert, um seine künftigen Leser:

Ich verbrachte den Abend mit der Vorbereitung einer kleinen Rede, zu der man mich auffordern würde, wenn meine preisgekönte Wyandotte-Henne Broodie zum 50. Male ihren Preis erhielt. Ich habe Broodie bisher in meiner Geschichte kaum erwähnt: Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihren Namen zurückzuhalten und erst an dieser Stelle ihren Ruhm zu verkünden; ich tat dies, um meine Leser zu überraschen, die vielleicht schon jetzt glauben, mit jedem Zweig meines Erfolges als Hühnerzüchter vertraut zu sein.

Gut, auch mir scheint es, als würde ihn der Tod seiner Mitbürger im Bunker, den er selbst nicht aufgesucht hat, weniger schockieren als die Tatsache, dass auf seiner Wiese ein riesiger Luxusliner liegt – da würde ich von meiner Regierung aber auch die sofortige Entfernung ihres Mülls im Rahmen der Aufräumarbeiten verlangen.

Als Leser erfährt man also – anders als die abessinischen Herausgeber behaupten – eine ganze Menge über England, vor und nach dem Untergang – aber eben aus einer spezifisch kleinbürgerlichen Sicht, die manche auch “kleinkariert” [1] nennen würden.

Zur Anklage Sherriffs

Die Geschichte, die uns Edgar erzählt, hat es seinerzeit sogar in das deutsche Feuilleton geschafft. In der Zeit wurde 1955 zurecht festgestellt, dass der Autor sich, nachdem er gezeigt habe, dass er “gagsicher” wisse, “was im Parkett lande” im zweiten Teil als “Zivilisationskritiker” offenbare. Dort werde die Geschichte endlich “diskutabel” – aber “bleiern”. Richtig ist: Sherriff wollte mehr als unterhaltsamen Klamauk erzählen. Aus diesem Grunde lässt er den überlebenden Europäern auch nur wenige glückliche Monate des gelingenden Wiederaufbaus, bevor sich ihre Armeen um die in den Überresten des Mondes entdeckten Rohstoffe gegenseitig zerfleischen, um dann den (offensichtlich immer) rachsüchtigen Orientalen anheim zu fallen, welche das zerstrittene Europa (schon wieder einmal) in einem wütenden Sturmlauf überrennen.

Deutlich hört man hier eine Warnung vom Vorabend des Zweiten Weltkrieges heraus. Dass hierzu noch einmal die asiatische Gefahr heraufbeschworen wird, wäre nicht nötig gewesen. Die Absicht, vor einem europäischen Bürgerkrieg zu warnen, ist zwar lobenswert, aber der Ruf kann angesichts der Gestaltung des ersten Teiles den Leser kaum noch wirksam erreichen, zumal sich der Text gegen Ende immer stärker in der reinen Schilderung von Abläufen verliert. “Bleiern” ist das noch nicht – dafür ist Sherriffs Stil auch viel zu gut. Mit jener Form des Erzählen geht aber der Verlust der gestalterischen Einheit einher – dem humorvollen lockeren Erzählen zu Beginn steht der zunehmend ernster werdende Ton des Schlusses gegenüber, der den Leser kaum noch erreichen dürfte.

Dass für den anvisierten Zweck des zweiten Teils wissenschaftlichen Erkenntnisse – auch der damaligen Zeit – gehörig ausgeblendet werden müssen, kann der aufgeklärte Leser von heute noch eher verschmerzen.

Fazit

So sehr man über den ersten Teil dieses Science Fiction Romans  – insbesondere wegen der gelungenen Hauptfigur – lachen und schmunzeln kann, so wenig überzeugend gerät der zweite Teil, der in seiner Absicht den Leser nicht mehr erreicht. Trotzdessen gehört Sherriffs Roman mit Sicherheit zu den besseren und lesenswerten des Genres – weil die letzten 100 Seiten die Wirkung der vorhergehenden 400 nur noch wenig schmälern können.

[1] So geschehen in: Alpers, Fuchs, Hahn [Hg.], Reclams Science Fiction Führer, Stuttgart, 1982.

Sterling Noel: Eiszeit

In den späten 50er und frühen 60er Jahren erschien eine ganze Reihe Romane, in denen die Autoren das Bild einer neuen Eiszeit ausmalten – schließlich deuteten die damaligen Klimadaten auch eher auf eine Abkühlung denn auf eine Erwärmung des Planeten hin: So nahmen sich über 10 Jahre unter anderem der berühmte britische Autor John Christopher mit World in Winter (1962), Edmond Hamilton mit SOS – Die Erde erkaltet (1952) und Douglas R. Mason mit Stadt unter Glas (1966) dieses frostigen Szenarios an. Und mittendrin in dieser Reihe abgekühlter Literatur findet sich auch Sterling Noels mit 150 Seiten recht kurzer Roman Die fünfte Eiszeit aus dem Jahre 1959.

Ein Bericht aus dem Jahre 2203

Der Roman, den Noel als eine nachträgliche Schilderung der Ereignisse aus der Perspektive eines Augenzeugen entworfen hat, lässt schon von Beginn an keinen Zweifel daran aufkommen, dass die hereinbrechende Katastrophe nicht den Untergang der Menschheit – oder auch nur der Zivilisation bedeutet.

Denn zeit- und genretypisch wissen die Helden des Romans nicht nur recht frühzeitig darüber Bescheid, dass die Erde ein Feld kosmischen Staubes, welches die Sonneneinstrahlung reduziert, durchquert bzw. lange durchqueren wird, sondern es gelingt ihnen auch mittels diverser technischer Hilfsmittel, so lange unter den Eismassen in ihrer Behausung zu überleben, bis die eigens unter der Leitung eines hervorragenden Wissenschaftlers entworfenen Schneemobile fertig sind, womit der Plot des Romans in seiner Konzeption nicht wenig dem von Edwin Balmers und Philip Wylies Klassiker When Worlds collide ähnelt – unbelehrbare Politiker, die nicht auf das wissenschaftliche Genie hören wollen, mit eingeschlossen .

Drama und Amouren

Bis der Exodus in die wärmeren Äquatorregionen beginnen kann, vergeht also eine gewisse Weile – und so versucht Noel den Leser im ersten Teil des Romanes mit einigen abenteuerlichen Episoden und zwischenmenschlichen Dramen zu unterhalten: Mal muss in ein Nachbargebäude vorgedrungen werden, mal ein durchgedrehter Leidensgenosse unter Kontrolle gebracht werden. Vor allem setzt Sterling aber auf die erotischen Anziehungskräfte einer dunkelhaarigen und -äugigen Femme Fatale, die aufgrund ihrer hormonellen Ausstattung mitten in der Apokalypse keine andere Bestimmung findet, als jedem männlichen Wesen nachzustellen, das sie im Luxusiglu finden kann (Dieses inakzeptable Verhalten ist natürlich dann auch der Grund dafür, dass Noel sie das gelobte Land im Süden nicht erreichen lässt). Gott sei Dank gelingt es den meisten männlichen Expeditionsteilnehmern in spe aber, sich ihrer Attraktion zu entziehen – weshalb die Gemeinschaft  – wenn auch nicht ohne Opfer – denn auch durch das unter mehreren Dutzend Metern Eis begrabene Amerika in Richtung Küste durchqueren kann. Wer weiß… heutigen Helden, die zudem nicht wie die Noels über ein gewissen Maß an Kenntnissen in Küchenpsychologie verfügen, wäre das vielleicht nicht mehr gelungen.

Nach dem Aufbruch tritt naturgemäß das Abenteuer ein wenig stärker in den Vordergrund: Mal wollen die Helden doch noch anderen Menschen helfen, mal dringen sie in die (jetzt) unterirdischen Tiefen der Städet vor, mal verschwindet  ein Eismobil. Das unterhält durchaus – ist allerdings auch nicht sehr einfallsreich.

Fazit

Noels Roman Die fünfte Eiszeit ist nicht nur in vieler Hinsicht ein typischer Roman der 50er Jahre, sondern er bietet auch zu wenig kreative Einfälle, als dass man ihn aus der Menge der Werke besonders hervorheben könnte; weil Die fünfte Eiszeit handwerklich ganz ordentlich gemacht ist, unterhält der Roman durchaus, schmunzeln muss der heutige Leser aufgrund der zeitgenössischen Figurengestaltung aber dennoch.