Joe Haldeman: Der ewige Krieg

Eine Rezension von Rob Randall

“Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen” (Platon)

Schon ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher genügt: Und man kann sich des deprimierenden Eindruckes nicht erwehren, dass “der Krieg” eine Konstante der menschlichen Geschichte darstellt. Die Versuche, das historisch bekannte Grauen aus propagandistischen Gründen in neuem, sprachlich unbeflecktem Gewande zu verstecken oder zwecks Vortäuschen eines besseren rationalen Zugriffs fachsprachlich zu benennen, verfangen meistens nur kurz. Denn trotz aller Neubezeichnung und trotz allen technischen Fortschritts und Wandel der Kriegsführung: Krieg, Krieg ist immer gleich (Fallout 3, Prolog).

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Sakyo Komatsu: Der Tag der Auferstehung

Sakyo Komatsus Roman Der Tag der Auferstehung. Eine Buchbesprechung von Rob Randall

Zwei Buchreihen dominieren die Taschenbuchabteilung meines Bücherregals unübersehbar: Die erste ist die überwiegend in Regenbogenfarben fröhlich vor sich hinschillernde des Suhrkampverlages. Die andere: Ein monolithischer schwarzer Block von gut zwei Metern – und dabei besitze ich nur einen Bruchteil der mehrere tausend Titel umfassenden legendären Science Fiction & Fantasy Reihe aus dem Heyne Verlag. Ihr langjähriger Herausgeber Wolfgang Jeschke machte in den 70er und 80er Jahren durch diese nicht nur eine ganze Reihe junger deutscher SF-Autoren der breiten Öffentlichkeit bekannt, sondern auch erfolgreiche internationale SF dem Fan auf Deutsch zugänglich.

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Daniel Suarez: Kill Decision

Rezension von Daniel Suarez‘ Thriller Kill Decision. Eine Buchbesprechung von Rob Randall

Daniel Suarez dürfte manchem durch seine sehr erfolgreichen dystopischen Romane Daemon und Darknet bekannt sei. Sein drittes Buch wartet nun weder mit dystopischen Elementen auf noch ist es ein Katastrophenroman – und trotzdem konnte ich nicht davon lassen, ihn zu besprechen: Denn wieder einmal überzeugen Suarez‘ interessante Ideen.

Der Inhalt

Finstere Mächte haben in den U.S.A. durch Drohnenangriffe schon Dutzende Menschen getötet – allerdings sprechen die Behörden wie auch die Medien bisher nur von „Bombenattentaten“. Als eine mit amerikanischen Hoheitszeichen versehene Drohne eine religiöse Prozession im Irak angreift, wird deutlich, dass jemand den U.S.A. auch außenpolitisch an die Gurgel geht. Wer das ist, soll eine mehr als streng geheime Geheim-Sondereinheit klären. Deren charismatischer Leiter „Odin“ rettet sogleich auch die Hauptfigur des Romans vor einem weiteren hinterhältigen Angriff: Eine amerikanische Insektenforscherin, die das Verhalten von Weberameisen mittels Computermodelle simuliert. Immer auf der Flucht und immer auf der Suche nach den Schuldigen muss das Einsatzteam bald erkennen, dass es dem gesichtslosen Feind gelungen ist, vollständig autonome Drohnen zu entwickeln, die wie die besagten Ameisen agieren – also alles angreifen und töten, was sich ihnen nähert… oder worauf sie programmiert sind. Das Schicksal der Menschheit steht auf den Spiel.

Beurteilung

Wer einen actionreichen Thriller lesen möchte, den enttäuscht Kill Decision nicht. Suarez bombardiert nicht nur amerikanische Chefetagen, sondern auch den Leser mit gefährlichen Situationen, aus denen sich die Helden gerade noch so retten können. Da lesen sich dann auch die gut 500 Seiten flott und unterhaltsam weg.

Das hat allerdings auch seinen Preis: Wie in den meisten Thrillern bleiben die Figuren zwischen dem ganzen BummBummPaff blass. Die beinahe genretypische fehlende Tiefe der Charaktergestaltung kann man Suarez wohl also nicht ankreiden, dafür allerdings, dass seine Versuche, dem gegenzusteuern, geradezu kläglich scheitern. Um wenigstens den männlichen Helden auszugestalten, verlegt er sich darauf, ihn mit zwei Raben („Hugin“ und „Munin“) sowie einem Osama-bin-Laden-Bart auszustatten und ihm den Decknamen „Odin“ zu verpassen. Nun ja.

Im Gegensatz zum Leser dürfen Hugin und Munin die beiden Protagonisten dann auch beim Liebesspiel beobachten. Auch dieser oberflächlichen Liebesgeschichte hätte der Roman – für meinen Geschmack – nicht bedurft. Denn wenn schon die Charaktere keine Tiefe gewinnen, geht einem deren Beziehung bestimmt nicht ans Herz. Sie verkommt hier zur konventionellen Illustration – und spielt, nebenbei gesagt, auch keine Rolle mehr.

Die Stärke des Autoren Suarez‘ zeigt sich auch weniger in der Gestaltung des politischen als des technischen Szenarios: Die von Suarez thematisierten Entwicklungen existieren zum größten Teil schon. Die fiktionale Extrapolation scheint minimal – aber realistisch und bedrückend. Und das gilt nicht nur für die Vision autonom agierender und tötender Drohnen, sondern auch für die Mittel, die eingesetzt werden, um entweder das politische Leben im medialen zu manipulieren oder Menschen virtuell zu durchleuchten, zu orten und auszuschalten. Wem sich aufgrund der Veröffentlichungen im NSA-Skandal die Nackenhaare aufgestellt haben, den dürften die hier gezeigten Möglichkeiten weiter frösteln lassen. Da möchte man beinahe zusammen mit der Hauptfigur das Handy zur Sicherheit im Teich versenken.

Fazit

Daniel Suarez behandelt in seinen Thriller Kill Decision mit autonom tötenden Drohnen eine hochaktuelle Entwicklung, die in allernächster Zukunft bestimmt in ethischer Hinsicht als auch unter Sicherheitsaspekten diskutiert werden wird. Dabei kommt dank der von oben herabsurrenden Killer niemals Langeweile oder Monotonie auf. Und das sind zwei gute Gründe, dem Autoren seine Figuren zu verzeihen.

Peter Heller: Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte

Eine Rezension von Rob Randall

Peter Hellers Debütroman Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte ist einer der wenigen Endzeitromane, die es in den letzten Jahren ins Feuilleton geschafft haben. Der Grund hierfür: Heller erzählt jenseits der Genreschreiberei eine ergreifende Geschichte von Freundschaft, Liebe, Verlust und Einsamkeit.

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Upton Sinclair: Nach der Sintflut

Dass unsere Verlage heutzutage so ihre Probleme haben, wenn es darum geht, fremdsprachigen Romanen sinnvolle deutsche Titel zu verpassen, wissen wir. Ein Beispiel aus der jüngsten Literatur- und jetzt schon Filmgeschichte ist: Operation Zombie. Wer länger lebt ist später tot. Dahinter verbirgt sich nicht etwa die erheiternde Fortsetzung von Zombies im Kaufhaus, sondern vielmehr der gerade mit Brad Pitt verfilmte Roman World War Z. An oral history of the Zombie War.

Aber auch schon früher griffen die Verlage offensichtlich des öfteren mal daneben. Selbst solche berühmten und verdienstvollen wie der Malik-Verlag. Nicht nur, dass Upton Sinclairs Nach der Sintflut nicht – und auch im Ansatz nicht –  von irgendeiner “Sintflut” erzählt (sondern vielmehr von Radiumwellen, welche die Weltbevölkerung des Jahres 2000 in kleine Aschehäufchen verwandeln)… der Roman ist auch kein Katastrophenroman im eigentlichen Sinne – wie das, zugegeben: sehr hübsche, Cover aus dem Jahre 1925 nahelegt. (Ist das etwa Wasser, das da durch die Metropole schwappt?)

So mancher deutsche Leser wird seitdem bei der Lektüre leicht verwundert den Kopf geschüttelt haben: Denn The Millenium. A Comedy of the Year 2000 ist weniger ein spannender Roman denn eine spitze sozialistische Satire auf die kapitalistische Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts.

Aus diesem Grunde macht sich Upton Sinclair auch gar nicht die Mühe, die wissenschaftlichen Hintergründe der Katastrophe glaubwürdig zu konstruieren: Ein Wissenschaftler mit schwachem Nervenkostüm zerbricht eine Phiole mit einer neuen radioaktiven Substanz. Das muss reichen. Wichtiger ist vielmehr: Rechtzeitig gewarnt gelingt es einem guten Dutzend Personen, dem “Ende der Welt” in einem Flugzeug zu entkommen. Es überlebt: Die oberste Spitze der us-amerikanischen Finanzelite – einschließlich weniger Lakaien: Ein Exemplar des Klerus, eines der Journaille und eines des Proletariats.

Groteske Gestalten

Und wie es sich für ordentliche Gesellschaftssatiren jeglicher Couleur nun einmal gehört, sind die Figuren in The Millenium stark überzeichnet. Abgesehen von einem heldenhaften Liebespaar sind alle Figuren dekadent, degeneriert, dem Nächsten und sich selbst entfremdet. Lumley-Gotham, der pillenknabbernde und ob seiner Verpflichtungen unglückliche “Herr der Welt”, fürchtet sich beispielsweise ununterbrochen vor Anschlägen auf sein Leben.

Lumley-Gotham wandte sich an seinen Sohn: “Fühlst du dich ganz wohl?” “Ja, Vater.” “Dann kann ich wohl ruhig meine Tablette essen”, meinte der alte Mann und verschluckte sie.

Und wenn irgendetwas die einstige gesellschaftliche Position der bornierten Anwesenden hätte rechtfertigen können, so ist es bestimmt nicht deren Intelligenz, wie die Reaktionen der wieder glücklich auf dem Dach ihres Wolkenkratzers Gelandeten zeigen:

Aber schickt doch in die Stadt!” kreischte die alte Dame. “Mutter”, sprach Helen, “verstehst du denn nicht? Auch die Leute in der Stadt können tot sein.” “Alle Arbeiter!” schrie Eloise erschreckt. “Ich fürchte, ja.” “Das ist doch ungeheuerlich! Was in aller Welt sollen wir tun?” fragte Eloise. “Niemand wird uns bedienen”, jammerte Sarita. “Wir werden nichts zu essen bekommen”, stimmte Reggie ein. “Niemand wird uns bekochen!” klagte der Bischof. “Das ist doch ganz unmöglich, undenkbar”, meinte Eloise. “Wir würden ja wie die Wilden leben müssen.” Frau Lumley-Gotham kreischte hysterisch auf: “Ich dulde es nicht! dulde es nicht! Werde mich an die Regierung wenden.” Sie blickte auf den Reporter: “Herr de Puyster, können sie denn nichts in ihren Zeitungen veröffentlichen?”

Sinclair lässt auch im weiteren Verlauf wirklich keine Gelegenheit aus, um sich an den dicken Eliten abzuarbeiten. Nur mühsam erlernen die kaum (über-)lebensfähigen Gesellschaftsdamen, wie man Treppen hinabsteigt. Nur unter bitteren Tränen werden Kartoffelschälkompetenzen entwickelt. Erst nach und nach entdeckt man, dass man Geschirr auch mal spülen und nicht immer nur wegwerfen sollte. So manchem Leser mag das als Prosa vielleicht zu deutlich, zu direkt, zu vordergründig sein – Spaß macht es aber trotzdem; auch wenn man den Dialogen des Romans hier und da auch noch anmerken kann, dass der Roman auf einem 1907 verfassten (gleichnamigen) Theaterstück basiert.

Geschichte nach Lehrbuch

Der eigentliche Witz des Romanes ist aber, dass die Handvoll Menschheit in wenigen Wochen noch einmal die wichtigen Kapitel Menschheitsgeschichte – wohlgemerkt aus maxistischer Sicht – durchläuft. Die einstigen Eliten erkennen auf ihrem arbeitsreichen (Leidens-)Weg von der Sklaverei zum Feudalismus und zum Kapitalismus nach und nach den Mechanismus der Ausbeutung – und endlich einmal am eigenem Leibe. Denn einigen gewieften Überlebenden gelingt es schon von Beginn an, sich in den Besitz wichtiger Produktionsmittel zu versetzen.

Und weil dieser Roman zwar ausgesprochen unterhaltsam, aber dennoch streng auf Linie ist, steht am Ende natürlich eines: Das kommunistische Kollektiv – auf dem Lande – das kein Privateigentum mehr kennt. Und hier spürt man auch noch deutlich die Trauer des Autoren um seine eigene, von ihm persönlich finanzierte Kommune, die kurz vor der Abfassung des Theaterstücks einen Brand zum Opfer gefallen war und sich als gelebter Traum des Autoren (Orginalzitat Sinclairs: “Ich habe in der Zukunft gelebt”) buchstäblich in Rauch aufgelöst hatte.

Normalerweise liegen mir propagandistische Lehrwerke nicht. Jack Londons Die eiserne Ferse fand ich eher zum Gruseln. Aber der groteske und boshafte Witz, den Upton Sinclair hier zeigt, lässt einen vieles verschmerzen. Der Text ist nicht nur etwas für diejenigen, die sich mit der marxistische Geschichtstheorie und der Lehre von Basis und Überbau vertraut machen wollen.

Fazit

So plakativ Sinclair das Geschehen in The Millenium gestaltet und so vordergründig der aufklärerische Impetus dieses sozialistischen Lehrtextes auch ist: Es unterhält viel eher als die doch oft unerträglichen Lehrstücke B. Brechts. Ich habe mich – nachdem ich meine von Titel geweckte Erwartungshaltung geändert habe – jedenfalls doch noch köstlich amüsieren können. Und ich gebe es zu… vielleicht war ja doch noch ein wenig proletarische Schadenfreude mit dabei.