Patrick Lee: Dystopia

Rätselhaftes Unheil: Patrick Lees Roman „Dystopia“

Eine Rezension von Rob Randall

In seiner Travis-Chase-Trilogie lässt der amerikanische Autor Patrick Lee seinen Helden eine Reihe spannend erzählter Abenteuer bestehen, in deren Zentrum jene außerirdische Artefakte stehen, mit deren Erforschung sich die Organisation „Tangent“ beschäftigt. „Dystopia“ ist zwar der zweite Teil dieser Trilogie, er lässt sich aber auch lesen, ohne den Vorgänger „Die Pforte“ gelesen zu haben.

Atemberaubendes Tempo: Der Inhalt der ersten 26 Seiten

In dem 2012 auf Deutsch erschienen Roman verschwendet Patrick Lee nun wirklich keine Zeit, um zur Sache zu kommen. Schon auf den ersten Seiten massakriert ein im Auftrag des US-Präsidenten agierendes Killer-Kommando die Insassen eines Autokonvois im Herzen der Hauptstadt. Nur die Forscherin und Angehörige der Organisation Tangent Paige Campbell wird gefangen genommen. Wenige Minuten zuvor hatte sie gerade den Präsidenten über zwei Dinge in Kenntnis gesetzt: Erstens, dass Tangent im Besitz eines außerirdischen Gerätes ist, das ein Portal in eine ca. 70 Jahre entfernte Zukunft öffnen kann. Und zweitens: Dass die Erde dort menschenleer scheint, was darauf hindeutet, dass eine Katastrophe die Menschheit getroffen haben muss. Paiges Campbells Mitarbeiterin Bethany wendet sich darauf hin an den unter falscher Identität lebenden Agenten Travis Chase und bittet ihn bei der Rettung ihrer Chefin und Freundin um Hilfe.

Soviel zum Inhalt der ersten 26 Seiten der Geschichte, die Lee durchweg in einem geradezu atemberaubenden Tempo erzählt. Das Duo Travis und Bethany ist die restlichen ca. 390 Seiten nicht nur bemüht, Paige Campbell aus den Händen ihrer Entführer zu retten, sondern auch herauszufinden, welche Katastrophe genau die Menschheit scheinbar ausgelöscht hat und inwiefern der Präsident in die Angelegenheit verstrickt ist. Dabei bewegen sich Lees Helden immer wieder in spannenden actiongeladenen Szenen um sich feuernd von einer Zeitebene in die andere.

Starke Helden – schwache Figuren

So fesselnd sich dieser Page-Turner auch liest – etwas mehr Zeit hätte Lee auf die Gestaltung der Figuren verwenden sollen. Sie alle bleiben blass und fast stereotyp. Das betrifft das Helden-Team wie auch seinen Gegenspieler, dessen Persönlichkeit und Motivation mir einfach nicht einleuchten und glaubwürdig erscheinen will. Aber die gleichen Schwächen weisen auch viele Action-Filme und -bücher auf.

Eindrucksvolles Setting – knapp erzählt

Durchaus eindrucksvoll hingegen ist das postapokalyptische Setting: Seien es die zerfallenden und unter den Schritte der Figuren quietschenden Hochhausgerippe oder der größte Autofriedhof der Welt im Herzen der Wüste, der Rätsel aufgibt. Aber auch hier beschränkt sich Lee beim atmosphärischen Beschreiben der Umgebung nur auf die wenigen dafür unbedingt notwendigen Zeilen – dann lässt er die Helden in die nächste Herausforderung stolpern. Ein paar Wörter mehr schenkt er dem Leser und der Geschichte nur, wenn es der Erzeugung von Spannung selbst dient. Ein solches Erzählen muss man mögen.

Gut gelöst: Das Problem mit den Zeitreisen

Die Helden und ihre Gegenspieler versuchen sich nicht nur auf zwei verschiedenen Zeitebenen zu töten, sondern tun dieses auch. Durch den erzählerischen Kniff, dass die Artefakte nur die Zukunft der Erde zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme der Artefakte zeigen, entledigt sich Lee aller typischen Paradoxa, die sonst üblicherweise Filme und Romane über Zeitreisen auszeichnen. Das macht der Autor wirklich geschickt. Allerdings verheddert er sich am Ende während der Auflösung des Rätsels doch irgendwie in den verschiedenen Realitäten, wenn das Alter von angetroffenen Personen nicht mehr so richtig zu passen scheint. Oder ist dieses etwa ein neues Rätsel? Der Leser erfährt es nicht mehr, weil der Held zur Rettung seiner großen Liebe eilen muss.

Fazit

„Dystopia“ ist ein geschickt und atemlos erzählter, spannender Pageturner, dessen Autor Patrick Lee keine Zeit darauf verschwendet hat, dem Setting Atmosphäre oder den Figuren Tiefe über das Notwendigste hinaus zu verleihen.

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