Ulrich Harbecke: Invasion

Wer kennt die Muster des Genres nicht: Nerdige Wissenschaftler empfangen mysteriöse Piepser aus dem All. Die wenig später folgende frohe Botschaft, dass das Signal entschlüsselt wurde, lässt unter den Verantwortlichen der US-Regierung so viel Freude aufkommen, als hätten sich ihre Schwiegermütter alle gemeinsam zu einem nachmittäglichen Überraschungsbesuch angekündigt.

Und deshalb kommt es, wie es kommen muss: Alle sind in ihrem Weltbild erschüttert; die Falken in der US-Administration setzen sich durch. Einstufung: Top Secret. Die Wissenschaftler isolieren. Zusammenarbeit mit Chinesen und Russen. Vorbereitung auf den Tag X.

Natürlich haben sie da die Rechnung ohne ein paar widerborstige Individuen gemacht: Ein Reporter will sich mit fadenscheinigen Erklärungen nicht abspeisen lassen und ein Wissenschaftler wagt die Flucht. Gemeinsam wollen sie verhindern, dass der Erstkontakt in einer Katastrophe endet.

Denn wie wir alle wissen, kann dabei eine Menge schief gehen: Entweder spreizt der außerirdische Besucher die Finger und den US-Soldaten kribbeln dieselben am Abzug, oder – wie in diesem Fall – zerlegen die vermeintlichen Invasoren einen hinderlichen Stein am Landeplatz durch ihre überlegenen Energiestrahlen, wodurch sich die angestaute Anspannung des Empfangskomitees in einem Kugel- und Granatenhagel entlädt…

Wer nun aber an die Lektüre von Ulrich Harbeckes ‚Invasion‘ mit der Erwartung geht, es hier mit einem typischen Vertreter des SF-Genres ‚Invasionsroman‘ zu tun zu haben, wird positiv überrascht. Im Zentrum des Textes steht weniger die Bedrohung durch die Aliens selbst als der Umgang der Menschheit im Allgemeinen und der Staatsmaschinerie insbesondere mit dem Fremden, welches von letzterer als Chance genutzt wird, die „letzten Reste demokratischen Scheins“ zu beseitigen. Geradezu skizzenartig zeichnet Harbeckes auktorialer Erzähler dabei oft die Abläufe – als würden der Leser sowieso schon wissen, welchen Weg die Handlung einschlagen muss:

Hier eröffnet die Anonymität des Gegners unbegrenzte Möglichkeiten. Während es früher immerhin einiger Raffinesse bedurfte, um etwa die Chinesen den Amerikanern und diese den Chinesen als blutrünstige Ungeheuer vorzustellen, läuft nun niemand mehr Gefahr, auf sachlichen Widerstand zu stoßen. In Zeitungen und Illustrierten und Fachzeitschriften werden die abenteuerlichsten Spekulationen diskutiert […] Philosophen und Theologen mischen sich ein, um die Situation rasch in ihr altes Weltbild einzubauen, Astrologen und Hellseher und vor allem die vielen Clubs der Ufologen tauchen aus dem Sektendasein auf […] Eine wahre Springflut bizarrer Romane, Comics, Fernsehserien und Filme überschwemmt den Markt und spült die paranoiden Fantasien ihrer Autoren in jedes Kino und in jedes Wohnzimmer. Die Angst wird zum bestimmenden Zeitgefühl…

Und man kann nicht umhin, in dem bald 40 Jahre alten Text Ähnlichkeiten mit der jüngsten Vergangenheit zu entdecken: Die aufgrund der Bedrohung von außen erlassenen US-Gesetze erlauben die Totalüberwachung der Kommunikation und schränken die persönlichen Rechte der Bürger ein. Die Rüstungsmaschinerie beginnt auf Hochtouren zu laufen. Das „Wir-Gefühl“ „schaltet“ die Medien „gleich“. Die von diesen in Furcht paralysierte Bevölkerung kann dem keinen Widerstand mehr entgegen setzen. Das Bedrohungsszenario lässt Kritiker weitgehend verstummen und die kaum zu überwachenden Geheimdienste scheinen sich mit politischen Gegnern auf kreative Weise zu befassen.

Auch der gefangen genommene und gefolterte Besucher wird nur schemenhaft gezeichnet. Er bleibt, obwohl seine Flucht mit einer einfühlsamen Ärztin detailliert geschildert wird, dem Leser bis zum Ende fremd. Daran ändert auch sein menschliches Aussehen und sein freundliches  wie stoische Verhalten nichts. Das überzeugt.

Manchmal hätte für meinen Geschmack jedoch ein wenig mehr Narration dem nur gut 160 Seiten umfassenden Text  doch gut getan. So geraten durch dieses Verfahren die Charaktere insgesamt stark stereotyp – zumal sie sich weitgehend nicht selbst durch ihre Handlungen zeichnen, sondern der Erzähler dieses für sie oft übernimmt. Das Schablonenhafte der Figuren mag gut zur Aussage des Romans passen, mindert jedoch trotzdem den Lesespaß.

Für Harbeckes Roman ‚ Invasion‘ spricht eines aber ganz deutlich: Obwohl zuletzt nahegelegt wird, dass die nicht nur technisch, sondern auch in ihrer Selbstkontrolle weit fortgeschrittenen Fremden auf einen Gegenschlag verzichten, kommt beim Leser keine Erleichterung auf. Es bleibt ein dumpfes Gefühl des Unbehagens angesichts der nur allzu „natürlichen“ bzw. nur zu gut „bekannten“ Reaktionen der Bevölkerung und der Regierung auf eine potentielle Bedrohung, weil: nur zu menschlich.