Joe Haldeman: Der ewige Krieg

“Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen” (Platon)

Schon ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher genügt: Und man kann sich des deprimierenden Eindruckes nicht erwehren, dass “der Krieg” eine Konstante der menschlichen Geschichte darstellt. Die Versuche, das historisch bekannte Grauen aus propagandistischen Gründen in neuem, sprachlich unbeflecktem Gewande zu verstecken oder zwecks Vortäuschen eines besseren rationalen Zugriffs fachsprachlich zu benennen, verfangen meistens nur kurz. Denn trotz aller Neubezeichnung und trotz allen technischen Fortschritts und Wandel der Kriegsführung: Krieg, Krieg ist immer gleich (Fallout 3, Prolog).

Deshalb gelingt dem Vietnamveteranen Joe Halderman in seinem 1974 erschienen SF-Klassiker Der ewige bewaffnete Konflikt auch gleich zweierlei in bemerkenswerter Weise: Zum einen spiegelt der Text parabolisch das Spezifische des Vietnamkrieges und der Erfahrungen der dort eingesetzten Soldaten in der Zukunft,  zum anderen legt er das ewig gleiche Grauen des Krieges in einem scheinbar ewig währenden Kriege bloß.

“Leben ist eine Ansammlung von Zellen, die das gleiche Ziel haben”

Nachdem die Menschheit vor Kurzem die Fähigkeit zu schnellem interstellaren Reisen entdeckt hat – man “springt” von einem Schwarzen Loch zum anderen – ist es 1996 zu einem galaktischen Tonkin-Zwischenfall gekommen: Unbekannte Aliens, die bald darauf einfach nach dem Sternbild “Taurier” genannt werden, haben angeblich ohne Vorwarnung ein Siedlerschiff zerstört. Die zum Krieg rüstende Menschheit zieht  daraufhin geeignet erscheinende junge Männer und Frauen ein, um sie in den interstellaren Kampf zu schicken. Zu diesen gehört auch der Ich-Erzähler, der die unbarmherzige Ausbildung auf dem Pluto-Mond Charon überlebt und bald darauf am ersten Angriff auf einen Außenposten der Feinde teilnimmt. Die menschlichen Invasoren richten unter dem Einfluss von posthypnotischer Suggestion ein Blutbad an.

Bedrückend ist der Roman schon von Beginn an. Innerhalb der sich im Laufe des Romans immer weiter verselbständigenden Militärmaschinerie besitzt das Leben des einzelnen Soldaten keinen Wert. Und schon gar nicht das einer außerirdischen Lebensform, so rätselhaft sie auch sei. Selbst die Psyche der Soldaten wird konsequent manipuliert. Haldeman verrennt sich aber trotz aller Brutalität nicht in der Schilderung von vermeintlich fesselnden Kampfdetails, wie das in manchem Military-Fiction-Roman der Fall ist. Natürlich erlebt der Leser über weite Strecken spannende Kämpfe mit den Augen des Erzählers. Das Kampfgeschehen wird dabei allerdings oft so sachlich und reflektiert geschildert, dass man dem Ich-Erzähler einen Hang zum Sarkastischen konstatieren muss und zudem ein krasser Kontrast zwischen dem nach Blut lechzenden Protagonisten und der reflektierten bzw. aufgeräumten Erzählweise des Erzählers entsteht. Gelungen!

∆tbew  =  ∆tRuh (1 − v2/c)−1/2

Während die Soldaten in diesem Falle unter den (durchaus humanoid wirkenden) Tauriern ein Massaker anrichten können, weil diese offensichtlich nicht auf einen Kampf Mann gegen Mann vorbereitet sind, sind die Menschen in nächsten Kampf im Weltall den Tauriern technisch weit unterlegen. Der Grund hierfür ist ein physikalischer: Die Zeitdiletation. Als wäre es nicht schon genug, dass auf der Erde gut hundert Jahre während eines einzelnen Einsatzes vergehen -, gilt dieses natürlich auch für die außerirdische Kultur. Im Folgenden muss die kämpfende Truppe also jeweils damit rechnen, dass der ihnen gegenüberstehende Feind seit ihrer Abreise Jahrzehnte Zeit hatte, seine Militärtechnik und -Strategie zu verbessern.

Durch Haldemans grandiosen Einfall, die Annahmen der speziellen Relativitätstheorie zu Grundlage eines spezifischen Merkmals des interstellaren Krieges zu manchen, wird letzterer geradezu absurd. Der Sinn eines Einsatzziels – d.h. ein strategischer Erfolg, z.B. die Eroberung einer bestimmten Position im Stellungskrieg-  muss nun über hunderte von Jahren bestehen bleiben. Dafür ist bis zum Zeitpunkt der Rückkehr nicht sicher, inwieweit die Opfer der Soldaten durch den Erfolg überhaupt noch rechtfertigt werden können – denn jedes Mal, wenn die Soldaten aus einem Einsatz zurückkehren, haben sich die Kriegslage, die Technik und auch Gesellschaft dermaßen verändert, dass der Protagonist sich kaum an die neuen Verhältnisse gewöhnen kann.

Schon viele Rezensenten haben hierin zurecht eine Verarbeitung der persönlichen Erfahrungen Haldeman gesehen: Gerade im Dschungelkrieg war die Sinnhaftigkeit eines angeblichen Einzelerfolges dem einzelnen Soldaten nicht mehr ersichtlich, so z.B. wenn einzelne Positionen mit großen Verlusten erobert, dann aber sofort wieder aufgegeben wurden. Die in Vietnam Dienst leistenden Soldaten kehrten im Heimaturlaub – oder auch nach Ende ihres Dienstes – in eine amerikanische Gesellschaft zurück, die sich so stark verändert hatte, dass viele nicht mehr ihren Platz darin finden konnten. So ergeht es auch Haldemans Held. Er und seine Freundin finden nach ihrem so herbeigesehnten ersten Dienstzeitende eine Welt der “Zukunft” vor, die sich aufgrund der Kriegskosten in einen dystopischen Albtraum aus Armut, Arbeitslosigkeit und Verbrechen verwandelt hat. Trotz ihres durch Zinseszins deutlich angewachsenen Vermögens bzw. Soldes entschließen sie sich – wie auch viele ehemalige Vietnamveteranen in in den frühen 70er Jahren – doch letztendlich dazu eine zweite “Tour” zu machen.

Was die nun im Rang Aufgestiegenen zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen: Bei ihrer nächsten Rückkehr werden sie auf eine homosexuelle Menschheit stoßen, die Heterosexualität für eine Krankheit hält.

“Hast du für heute Nacht schon jemanden?”

Obwohl Haldemans Roman 1975 den Nebula und 1976 den Locus- und Hugo-Award gewann, gab es auch eine ganze Reihe Stimmen die den Roman ablehnten. Grund hierfür war nicht nur die Tatsache, dass Frauen und Männer in völlig “unrealistischer Weise” nebeneinander Dienst an der Waffe tun, sondern auch, dass Sex zwecks Abbau von Spannungen zum Dienstplan gehört. Dieses ermöglicht Haldeman auch, Zwischenmenschliches zu zeigen, das über die übliche Beziehung von “Kameraden” hinausgeht, und seinem Helden eine Heldin zu gönnen, die seine Liebe romantisch erwidert. Das kommt aber überhaupt nicht kitschig daher, sondern genau im richtigen Maße. Obwohl die Kriegsmaschinerie, die ihre Soldaten in Killer verwandelt, deren Leben und Tode nur Zahlen in einer über Jahrhunderte geführten Statistik sind, bewahren sich die Figuren ihr Menschsein.

Später muss der Ich-Erzähler, mittlerweile schon zum Offizier befördert und von seiner Freundin durch unterschiedliche Einsatzorte getrennt (was aufgrund der Zeitdiletation wohl eine Trennung für immer bedeutet), miterleben, wie seine Untergebenen ihn aufgrund seiner Heterosexualität ablehnen und gleichgeschlechtliche Beziehungen – auch mit tragischen und dramatischen Schlusspunkten – eingehen. Haldeman vollzieht hier also gleich in mehrfacher Weise einen gewagten Tabubruch, der nicht wenig durch die Ideen der Freien Liebe, die seinerzeit in den U.S.A. viel diskutiert wurden, beeinflusst sein dürfte.

“Wie sie in den Büchern sehen dürften, ist der Krieg vor 220 Jahren zu Ende gegangen”

Auch Haldemans Krieg ist, obwohl der Title es anders nahelegt, tatsächlich kein ewiger. Nach dem schwierigsten Einsatz überhaupt kehrt der Ich-Erzähler zu einer Menschheit zurück, deren Teil er nicht mehr sein kann und will. Nicht einmal ihre Sprache ist ihm noch verständlich. Besser als die verspäteten Heimkehrer verstehen sich nun die Taurier mit den Menschen, ihre Schiffe liegen einträchtig nebeneinander. Das Leiden und Sterben der Jahre 1997-3143 erscheint zuletzt zur Gänze entwertet. Der Kriegsgrund war keiner. Die Opfer waren umsonst.  Und die im Verlaufe des Romans immer weiter zunehmende Vereinsamung und Entfremdung des Protagonisten von seiner Umwelt scheint vollkommen – wenn es dort nicht diese eine Hoffnung gäbe…

Fazit

Der ewige Krieg ist einer der besten Romane, die ich in den letzten 2 Jahren gelesen habe.  Durch die Einfälle Haldemans hat die  fiktionale Welt wirklich etwas ganz Eigenes. Die Atmosphäre ist bedrückend. Auch aufgrund der Ohnmacht des Individuum gegenüber der Maschinerie, deren Teil es zu sein gezwungen ist und die jeden eigenen Lebensentwurf negiert. In einer gut zu lesenden neuen Übersetzung ist Der ewige Krieg im Mantikore-Verlag 2013 zusammen mit zwei “Fortsetzungen” neu aufgelegt worden. Von den beeindruckenden 675 Seiten der gleichnamigen Hardcoverausgabe macht der hier besprochene Roman gerade mal 219 Seiten aus. Ihr solltet euch also keinesfalls von der Dicke des Buches abschrecken lassen.

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