Upton Sinclair: Nach der Sintflut

Dass unsere Verlage heutzutage so ihre Probleme haben, wenn es darum geht, fremdsprachigen Romanen sinnvolle deutsche Titel zu verpassen, wissen wir. Ein Beispiel aus der jüngsten Literatur- und jetzt schon Filmgeschichte ist: Operation Zombie. Wer länger lebt ist später tot. Dahinter verbirgt sich nicht etwa die erheiternde Fortsetzung von Zombies im Kaufhaus, sondern vielmehr der gerade mit Brad Pitt verfilmte Roman World War Z. An oral history of the Zombie War.

Aber auch schon früher griffen die Verlage offensichtlich des öfteren mal daneben. Selbst solche berühmten und verdienstvollen wie der Malik-Verlag. Nicht nur, dass Upton Sinclairs Nach der Sintflut nicht – und auch im Ansatz nicht –  von irgendeiner “Sintflut” erzählt (sondern vielmehr von Radiumwellen, welche die Weltbevölkerung des Jahres 2000 in kleine Aschehäufchen verwandeln)… der Roman ist auch kein Katastrophenroman im eigentlichen Sinne – wie das, zugegeben: sehr hübsche, Cover aus dem Jahre 1925 nahelegt. (Ist das etwa Wasser, das da durch die Metropole schwappt?)

So mancher deutsche Leser wird seitdem bei der Lektüre leicht verwundert den Kopf geschüttelt haben: Denn The Millenium. A Comedy of the Year 2000 ist weniger ein spannender Roman denn eine spitze sozialistische Satire auf die kapitalistische Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts.

Aus diesem Grunde macht sich Upton Sinclair auch gar nicht die Mühe, die wissenschaftlichen Hintergründe der Katastrophe glaubwürdig zu konstruieren: Ein Wissenschaftler mit schwachem Nervenkostüm zerbricht eine Phiole mit einer neuen radioaktiven Substanz. Das muss reichen. Wichtiger ist vielmehr: Rechtzeitig gewarnt gelingt es einem guten Dutzend Personen, dem “Ende der Welt” in einem Flugzeug zu entkommen. Es überlebt: Die oberste Spitze der us-amerikanischen Finanzelite – einschließlich weniger Lakaien: Ein Exemplar des Klerus, eines der Journaille und eines des Proletariats.

Groteske Gestalten

Und wie es sich für ordentliche Gesellschaftssatiren jeglicher Couleur nun einmal gehört, sind die Figuren in The Millenium stark überzeichnet. Abgesehen von einem heldenhaften Liebespaar sind alle Figuren dekadent, degeneriert, dem Nächsten und sich selbst entfremdet. Lumley-Gotham, der pillenknabbernde und ob seiner Verpflichtungen unglückliche “Herr der Welt”, fürchtet sich beispielsweise ununterbrochen vor Anschlägen auf sein Leben.

Lumley-Gotham wandte sich an seinen Sohn: “Fühlst du dich ganz wohl?” “Ja, Vater.” “Dann kann ich wohl ruhig meine Tablette essen”, meinte der alte Mann und verschluckte sie.

Und wenn irgendetwas die einstige gesellschaftliche Position der bornierten Anwesenden hätte rechtfertigen können, so ist es bestimmt nicht deren Intelligenz, wie die Reaktionen der wieder glücklich auf dem Dach ihres Wolkenkratzers Gelandeten zeigen:

Aber schickt doch in die Stadt!” kreischte die alte Dame. “Mutter”, sprach Helen, “verstehst du denn nicht? Auch die Leute in der Stadt können tot sein.” “Alle Arbeiter!” schrie Eloise erschreckt. “Ich fürchte, ja.” “Das ist doch ungeheuerlich! Was in aller Welt sollen wir tun?” fragte Eloise. “Niemand wird uns bedienen”, jammerte Sarita. “Wir werden nichts zu essen bekommen”, stimmte Reggie ein. “Niemand wird uns bekochen!” klagte der Bischof. “Das ist doch ganz unmöglich, undenkbar”, meinte Eloise. “Wir würden ja wie die Wilden leben müssen.” Frau Lumley-Gotham kreischte hysterisch auf: “Ich dulde es nicht! dulde es nicht! Werde mich an die Regierung wenden.” Sie blickte auf den Reporter: “Herr de Puyster, können sie denn nichts in ihren Zeitungen veröffentlichen?”

Sinclair lässt auch im weiteren Verlauf wirklich keine Gelegenheit aus, um sich an den dicken Eliten abzuarbeiten. Nur mühsam erlernen die kaum (über-)lebensfähigen Gesellschaftsdamen, wie man Treppen hinabsteigt. Nur unter bitteren Tränen werden Kartoffelschälkompetenzen entwickelt. Erst nach und nach entdeckt man, dass man Geschirr auch mal spülen und nicht immer nur wegwerfen sollte. So manchem Leser mag das als Prosa vielleicht zu deutlich, zu direkt, zu vordergründig sein – Spaß macht es aber trotzdem; auch wenn man den Dialogen des Romans hier und da auch noch anmerken kann, dass der Roman auf einem 1907 verfassten (gleichnamigen) Theaterstück basiert.

Geschichte nach Lehrbuch

Der eigentliche Witz des Romanes ist aber, dass die Handvoll Menschheit in wenigen Wochen noch einmal die wichtigen Kapitel Menschheitsgeschichte – wohlgemerkt aus maxistischer Sicht – durchläuft. Die einstigen Eliten erkennen auf ihrem arbeitsreichen (Leidens-)Weg von der Sklaverei zum Feudalismus und zum Kapitalismus nach und nach den Mechanismus der Ausbeutung – und endlich einmal am eigenem Leibe. Denn einigen gewieften Überlebenden gelingt es schon von Beginn an, sich in den Besitz wichtiger Produktionsmittel zu versetzen.

Und weil dieser Roman zwar ausgesprochen unterhaltsam, aber dennoch streng auf Linie ist, steht am Ende natürlich eines: Das kommunistische Kollektiv – auf dem Lande – das kein Privateigentum mehr kennt. Und hier spürt man auch noch deutlich die Trauer des Autoren um seine eigene, von ihm persönlich finanzierte Kommune, die kurz vor der Abfassung des Theaterstücks einen Brand zum Opfer gefallen war und sich als gelebter Traum des Autoren (Orginalzitat Sinclairs: “Ich habe in der Zukunft gelebt”) buchstäblich in Rauch aufgelöst hatte.

Normalerweise liegen mir propagandistische Lehrwerke nicht. Jack Londons Die eiserne Ferse fand ich eher zum Gruseln. Aber der groteske und boshafte Witz, den Upton Sinclair hier zeigt, lässt einen vieles verschmerzen. Der Text ist nicht nur etwas für diejenigen, die sich mit der marxistische Geschichtstheorie und der Lehre von Basis und Überbau vertraut machen wollen.

Fazit

So plakativ Sinclair das Geschehen in The Millenium gestaltet und so vordergründig der aufklärerische Impetus dieses sozialistischen Lehrtextes auch ist: Es unterhält viel eher als die doch oft unerträglichen Lehrstücke B. Brechts. Ich habe mich – nachdem ich meine von Titel geweckte Erwartungshaltung geändert habe – jedenfalls doch noch köstlich amüsieren können. Und ich gebe es zu… vielleicht war ja doch noch ein wenig proletarische Schadenfreude mit dabei.

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