Peter Heller: Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte

Peter Hellers Debütroman Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte ist einer der wenigen Endzeitromane, die es in den letzten Jahren ins Feuilleton geschafft haben. Der Grund hierfür: Heller erzählt jenseits der Genreschreiberei eine ergreifende Geschichte von Freundschaft, Liebe, Verlust und Einsamkeit.

Hellers Protagonist hat die verheerende Pandemie und den völligen Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung auf einem ausgestorbenen Flughafen am Rande der Rocky Mountains überlebt. Geblieben ist ihm aus seinem vorherigen Leben nicht mehr viel: Sein geliebter Hund und seine Leidenschaft zum Fliegen und Angeln – auch wenn es aufgrund der immer noch fortschreitende Klimaerwärmung keine Forellen mehr in den Flüssen und keine Elche mehr in den Wäldern gibt.

Mit der Cessna auf Patrouille

Sein Leben verläuft seit gut 9 Jahren aber recht geordnet. Einmal am Tag fliegt er mit seinem Hund auf dem Copilotensitz in der Umgebung Patrouille. Sich nähernde Personen knallt sein Kumpan Bangley regelmäßig mit seiner Sig Sauer vom Beobachtungsturm ab. Hin und wieder besucht und unterstützt Hig unter Wahrung eines Sicherheitsabstandes eine infizierte und dahinsiechende Familie in der Nähe – wovon Bangley nichts erfahren darf. Einmal im Monat holt er eine Kiste Cola aus einem LKW in den Bergen. Und aus Angst vor nächtlichen Überfällen schläft er stets im Gebüsch neben seinem beleuchteten Haus – was ihm mehrfach das Leben gerettet hat.

DennBig Higs Existenz ist höchst unsicher. Dem schon paranoid wirkenden Waffennarr und Einzelgänger Bangley, der auf vollkommender Isolation besteht, traut er zu, dass dieser auch ihn selbst hinterrücks erledigen würde – wenn er Hig nicht als fliegenden Beobachter bräuchte. Traumatisiert ist Hig nicht nur durch den Tod seiner Frau, sondern auch durch die Männer, Frauen und Kinder, die Bangely und er auf dem Gewissen haben. Als dann eines Tages sein Hund stirbt, hält Hig es endlich nicht mehr aus und macht sich auf zu einem Flug ins Unbekannte.

Eingerichtet in einer brüchigen Idylle

Eine große Stärke des Romans ist die liebevolle Schilderung von Higs kleiner Welt. Man merkt ihr deutlich die Erfahrungen des Outdoor-Experten Heller an – nicht nur, wenn es ums Angeln oder Jagen geht. Wo viele andere Autoren sich sofort in actiongeladene Scharmützel stürzen, lässt sich Heller zudem  Zeit, die Tiefen und Untiefen seiner sympathischen Hauptfigur sowie ihre Beziehung zur geschrumpften Umwelt umfassend auszuloten – und erst dann zum Überlebenskampf aller gegen alle überzugehen. Die glaubwürdige Szenerie entwickelt dabei eine ganz eigentümliche Atmosphäre, die alleine den Roman schon zu einem der besseren des Genres macht. Idyllische Episoden wechseln mit grauenvollen genauso, wie Higs Gedanken assoziativ von seiner Liebe zum Angeln zur ökologischen Katastrophe und zu Erinnerungen an seine Frau wandern. Der erfolgreiche Jagdausflug in den Bergen endet mit Granatwerferbeschuss und fliegenden Extremitäten. Die Nacht, die mit dem Blick zu den Sternen begann, endet im Einpökeln einer Handvoll Männer als Hundefutter.

Tief in Big Hig

Da Bangley Hig weitgehend fremd bleibt und – wenigstens im ersten Drittel des Buches – andere Menschen sterben, sobald sie Hig zu nahe kommen, sind die äußeren Geschehnisse häufig nur Anlass, Hig reflektieren und erinnern, denken und fühlen zu lassen. Das erinnert an Last-Man-Romane. Die innere Handlung dominiert deshalb nicht nur hier auch deutlich die äußere, was einige kritische Stimmen wohl auch dazu veranlasst hat, festzustellen, dass der Roman über keine “ordentliche” Spannungskurve verfüge. Dabei ist die Quest des Helden geradezu klassisch – wenn auch episodenhaft wirkend erzählt.

Denn zugegeben: Manchmal schießt Heller übers Ziel hinaus und walzt die Emotionen seinen Helden zu überdeutlich und vor allen zu lange aus. So hätte das Bild eines fassungslos neben seinem toten Hund liegenden oder sitzenden Mannes ausgereicht, um dem Leser wie in Richard Mathesons I am Legend die Tränen in die Augen schießen zu lassen – eines mehrseitigen tränenreichen Rückweges hätte es da gar nicht bedurft. Hin und wieder finden sich solche Längen in Hellers Roman  – vor allem dort, wo es um… Frauen geht. Hier drohen die emotionalen und körperlichen Annäherungsversuche der Figuren zudem auch in den Kitsch abzugleiten – und irgendwie auch zu langweilen.

Dafür wird aber, wo immer auch Heller Higs Umwelt erzählerisch auf Korn nimmt, diese durch die Augen des Ich-Erzählers geradezu greifbar – und das Gott sei Dank nicht nur, wenn Higs seine Eva unter dem blinkenden Wasserfall sieht:

Die Tür schwingt auf. Vollständig. Ein Schatten. Die Tür fliegt zur Seite wie ein Vorhang, und das Licht fällt ein, erhellt einen Mann mitten in der Bewegung. Er schwingt einen Bogen herum und zielt. Ich schieße. Zweimal. Der Pfeil reißt ein Loch in die Luft, das wütende Schmatzen eines Vakuums hoch oben, während der Mann zurückgerissen wird, der Bogen mit Geklapper zu Boden fällt und die vorderste Flaschenreihe umkippt und aufplatzt. Eine einsame Dr.-Peppers-Dose rollt bis an die Kante, fällt auf die Straße. Die zwei auf der Straße erstarren halb geduckt, die Arme über den Kopf gelegt. Tweedledum und Tweedledee.

Solche Situationsbeschreibungen gehören wie auch die Charakterzeichnungen eindeutig zu den Stärken des Romans. Dass Heller sich hierzu streckenweise nicht nur des Inneren Monologes bedient, sondern sich vielfach dem Bewusstseinsstrom annähert, dürfte der Grund dafür sein, dass manche Leser den Roman als nicht leicht lesbar bezeichnet haben – und als stilistisch “auffällig”: Die wörtliche Rede sei nicht gekennzeichnet. Ja, darüber stolpert man manchmal. Aber das ist der geringe Preis dafür, dass wir die Endzeit mit Higs Augen so glaubhaft sehen dürfen – und ihm dabei so nahe sind:

Die Liebe ist das Flussbett, das sich jeden Tag mit Schmerz füllt. Es füllt sich jeden Tag aufs Neue mit Tränen.

Ob eine solche Sprache jetzt gelungen poetisch oder schon kitschig ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Mir hat sie insgesamt doch sehr gefallen. Das Gleiche gilt übrigens auch für das Ende – das ich natürlich hier nicht verraten werden.

Fazit

Peter Hellers Erstling ist ein bemerkenswerter, atmosphärisch dichter Endzeitroman, der wie McCarthys Die Straße nicht eine “spannende” Geschichte vom Ende der Welt erzählen, sondern vor allem zwischenmenschliche Beziehungen beleuchtet will. Nicht zuletzt stehen sich hier auch generelle, unterschiedliche Weltanschauungen gegenüber, die von Hig und Bangley  – in einer sterbenden Welt – glaubhaft und toll gezeichnet verkörpert werden. Der Preis dafür: Die äußere Handlung ist schnell erzählt. Ich habe ihn gerne bezahlt.

Upton Sinclair: Nach der Sintflut

Dass unsere Verlage heutzutage so ihre Probleme haben, wenn es darum geht, fremdsprachigen Romanen sinnvolle deutsche Titel zu verpassen, wissen wir. Ein Beispiel aus der jüngsten Literatur- und jetzt schon Filmgeschichte ist: Operation Zombie. Wer länger lebt ist später tot. Dahinter verbirgt sich nicht etwa die erheiternde Fortsetzung von Zombies im Kaufhaus, sondern vielmehr der gerade mit Brad Pitt verfilmte Roman World War Z. An oral history of the Zombie War.

Aber auch schon früher griffen die Verlage offensichtlich des öfteren mal daneben. Selbst solche berühmten und verdienstvollen wie der Malik-Verlag. Nicht nur, dass Upton Sinclairs Nach der Sintflut nicht – und auch im Ansatz nicht –  von irgendeiner “Sintflut” erzählt (sondern vielmehr von Radiumwellen, welche die Weltbevölkerung des Jahres 2000 in kleine Aschehäufchen verwandeln)… der Roman ist auch kein Katastrophenroman im eigentlichen Sinne – wie das, zugegeben: sehr hübsche, Cover aus dem Jahre 1925 nahelegt. (Ist das etwa Wasser, das da durch die Metropole schwappt?)

So mancher deutsche Leser wird seitdem bei der Lektüre leicht verwundert den Kopf geschüttelt haben: Denn The Millenium. A Comedy of the Year 2000 ist weniger ein spannender Roman denn eine spitze sozialistische Satire auf die kapitalistische Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts.

Aus diesem Grunde macht sich Upton Sinclair auch gar nicht die Mühe, die wissenschaftlichen Hintergründe der Katastrophe glaubwürdig zu konstruieren: Ein Wissenschaftler mit schwachem Nervenkostüm zerbricht eine Phiole mit einer neuen radioaktiven Substanz. Das muss reichen. Wichtiger ist vielmehr: Rechtzeitig gewarnt gelingt es einem guten Dutzend Personen, dem “Ende der Welt” in einem Flugzeug zu entkommen. Es überlebt: Die oberste Spitze der us-amerikanischen Finanzelite – einschließlich weniger Lakaien: Ein Exemplar des Klerus, eines der Journaille und eines des Proletariats.

Groteske Gestalten

Und wie es sich für ordentliche Gesellschaftssatiren jeglicher Couleur nun einmal gehört, sind die Figuren in The Millenium stark überzeichnet. Abgesehen von einem heldenhaften Liebespaar sind alle Figuren dekadent, degeneriert, dem Nächsten und sich selbst entfremdet. Lumley-Gotham, der pillenknabbernde und ob seiner Verpflichtungen unglückliche “Herr der Welt”, fürchtet sich beispielsweise ununterbrochen vor Anschlägen auf sein Leben.

Lumley-Gotham wandte sich an seinen Sohn: “Fühlst du dich ganz wohl?” “Ja, Vater.” “Dann kann ich wohl ruhig meine Tablette essen”, meinte der alte Mann und verschluckte sie.

Und wenn irgendetwas die einstige gesellschaftliche Position der bornierten Anwesenden hätte rechtfertigen können, so ist es bestimmt nicht deren Intelligenz, wie die Reaktionen der wieder glücklich auf dem Dach ihres Wolkenkratzers Gelandeten zeigen:

Aber schickt doch in die Stadt!” kreischte die alte Dame. “Mutter”, sprach Helen, “verstehst du denn nicht? Auch die Leute in der Stadt können tot sein.” “Alle Arbeiter!” schrie Eloise erschreckt. “Ich fürchte, ja.” “Das ist doch ungeheuerlich! Was in aller Welt sollen wir tun?” fragte Eloise. “Niemand wird uns bedienen”, jammerte Sarita. “Wir werden nichts zu essen bekommen”, stimmte Reggie ein. “Niemand wird uns bekochen!” klagte der Bischof. “Das ist doch ganz unmöglich, undenkbar”, meinte Eloise. “Wir würden ja wie die Wilden leben müssen.” Frau Lumley-Gotham kreischte hysterisch auf: “Ich dulde es nicht! dulde es nicht! Werde mich an die Regierung wenden.” Sie blickte auf den Reporter: “Herr de Puyster, können sie denn nichts in ihren Zeitungen veröffentlichen?”

Sinclair lässt auch im weiteren Verlauf wirklich keine Gelegenheit aus, um sich an den dicken Eliten abzuarbeiten. Nur mühsam erlernen die kaum (über-)lebensfähigen Gesellschaftsdamen, wie man Treppen hinabsteigt. Nur unter bitteren Tränen werden Kartoffelschälkompetenzen entwickelt. Erst nach und nach entdeckt man, dass man Geschirr auch mal spülen und nicht immer nur wegwerfen sollte. So manchem Leser mag das als Prosa vielleicht zu deutlich, zu direkt, zu vordergründig sein – Spaß macht es aber trotzdem; auch wenn man den Dialogen des Romans hier und da auch noch anmerken kann, dass der Roman auf einem 1907 verfassten (gleichnamigen) Theaterstück basiert.

Geschichte nach Lehrbuch

Der eigentliche Witz des Romanes ist aber, dass die Handvoll Menschheit in wenigen Wochen noch einmal die wichtigen Kapitel Menschheitsgeschichte – wohlgemerkt aus maxistischer Sicht – durchläuft. Die einstigen Eliten erkennen auf ihrem arbeitsreichen (Leidens-)Weg von der Sklaverei zum Feudalismus und zum Kapitalismus nach und nach den Mechanismus der Ausbeutung – und endlich einmal am eigenem Leibe. Denn einigen gewieften Überlebenden gelingt es schon von Beginn an, sich in den Besitz wichtiger Produktionsmittel zu versetzen.

Und weil dieser Roman zwar ausgesprochen unterhaltsam, aber dennoch streng auf Linie ist, steht am Ende natürlich eines: Das kommunistische Kollektiv – auf dem Lande – das kein Privateigentum mehr kennt. Und hier spürt man auch noch deutlich die Trauer des Autoren um seine eigene, von ihm persönlich finanzierte Kommune, die kurz vor der Abfassung des Theaterstücks einen Brand zum Opfer gefallen war und sich als gelebter Traum des Autoren (Orginalzitat Sinclairs: “Ich habe in der Zukunft gelebt”) buchstäblich in Rauch aufgelöst hatte.

Normalerweise liegen mir propagandistische Lehrwerke nicht. Jack Londons Die eiserne Ferse fand ich eher zum Gruseln. Aber der groteske und boshafte Witz, den Upton Sinclair hier zeigt, lässt einen vieles verschmerzen. Der Text ist nicht nur etwas für diejenigen, die sich mit der marxistische Geschichtstheorie und der Lehre von Basis und Überbau vertraut machen wollen.

Fazit

So plakativ Sinclair das Geschehen in The Millenium gestaltet und so vordergründig der aufklärerische Impetus dieses sozialistischen Lehrtextes auch ist: Es unterhält viel eher als die doch oft unerträglichen Lehrstücke B. Brechts. Ich habe mich – nachdem ich meine von Titel geweckte Erwartungshaltung geändert habe – jedenfalls doch noch köstlich amüsieren können. Und ich gebe es zu… vielleicht war ja doch noch ein wenig proletarische Schadenfreude mit dabei.