Aldous Huxley: Affe und Wesen

Wenn das 20. Jahrhundert eines gezeigt hat, dann das, dass das Tierische im Menschen sich nur allzu leicht Bahn durch die dünne Kruste zivilisatorischer Erhabenheit bricht: Im Schatten zweier Weltkriege, der Shoa, totalitärer Staaten und des heraufziehenden Kalten Krieges gab es genügend Momente, in denen die Flamme der Humanität, der Kunst und Kultur nicht nur leicht flackerte, sondern schlicht auszugehen schien. Erstmals lag nun auch die gänzliche Vernichtung des Menschen durch den Menschen in greifbarer Nähe – und sowohl Wissenschaftler wie auch Politiker arbeiteten auf beiden Seiten immer fleißiger daran. Die Atompilze von Hiroshima und Nagasaki schienen nur Vorboten jenes Grauen, welches die Zukunft für die Menschheit bereithielt. Zahlreiche Schriftsteller und Philosophen machten sich desillusioniert an eine Bestandsaufnahme und suchten nach den Ursachen.

Unter jenen, welche die allzu leichte Vertierung des Menschen abgestoßen konstatierten, war auch Aldous Huxley. 16 Jahre nach Brave New World veröffentlichte er 1948, einige Monate bevor George Orwells 1984 erschien, eine sowohl grell gezeichnete als auch in düstersten Farben gemalte Vision der Zukunft, die zu Beginn des Textes als Drehbuchmanuskript gerade noch ihrer Vernichtung entgeht. Die beiden Finder – ein Schauspieler und sein Agent – machen sich auf die Suche nach dem Verfasser des beeindruckenden Textes, dieser ist jedoch wenige Monate zuvor verstorben.

Zum Schoßhündchen der Evolution

Der eigentlichen Handlung des Drehbuchmanuskripts, das den Kern des Textes ausmacht lässt daran zweifeln, ob Ape and Essence. A Novel tatsächlich die Bezeichnung “Roman” zurecht trägt. Denn denn der Text wirkt auch streckenweise eher wie ein Drehbuchmanuskript – allerdings mit deutlich narrativen Tendenzen.

Bevor die Welt jedoch untergeht, wird von Huxley noch eine weitere Erzählebene vorgeschaltet: In einem von Pavianen gefüllten Kinosaal zerrt ein “vollbusiges Pavianweibchen in einem muschelroten Abendkleid, die Schnauze lila gepudert […] sich wollüstig wiegend Michael Faraday hinter sich her… Der Ton ist gebieterisch; sie zieht dem alten Mann eins mit ihrer korallengriffigen Reitgerte über. Faraday gehorcht, die Affen im Zuschauerraum lachen entzückt.” Das hier visuell allegorisch inszenierte Verhältnis von Intellekt und Animalischem, wird im weiteren Verlaufe des “Romans” immer wieder in unterschiedlichen Nuancen dargestellt werden.

Huxley kehrt hier das Mensch-Tier Verhältnis um, wie Stephan Meyer richtig feststellt [1]. Aus dem “Off” leitet der Erzähler mit den Worten ein: Heutzutage, dank der höheren Ignoranz, die unser Wissen ist, ist die Statur des Menschen so sehr gewachsen, dass der geringste unter uns nun ein Pavian ist, der größte ein Orang-Utan oder sogar, wenn er den Rang eines Führers der Menschheit einnimmt, ein wahrer Gorilla. Negiert wird hier indirekt vor allem die Sonderstellung des Menschen innerhalb der Abstammungslinien der Primaten. Das klingt nicht wenig nach den Ausführungen Thomas Henry Huxleys, Aldous Huxleys Großvater und “Darwins Bulldog” (und nebenbei bemerkt: H. G. Wells Lehrer in Sachen “Evolution), der in seiner berühmten Abhandlung Man’s Place in Nature feststellt:

Thus in the important matter of cranial capacity, men differ more widely from one another than they do from the apes; while the lowest apes differ as much, in proportion, from the highest, as the latter does from man”.[2]

Affe und Mensch, so führen beide Huxleys vor, sind Teil der gleichen “Familie”. Hier allerdings hat nun selbst der Pavian seinen Verwandten überflügelt.

Auch wenn dieses mit Stephan Meyer als “Reflex auf die Theorie Darwins und seine Anhänger gewertet werden kann“, in deren Theorien die “höheren Affenarten… zu fast menschenähnlicher Würde emporgestiegen [waren]“ [3] – so bei wird bei Aldous Huxley im Vorspann der Affe zwar als “menschengleich” vorgeführt, allerdings sehr deutlich mit den im weiteren Verlauf immer wieder von Huxley verwendeten Attributen des Vulgären, Animalischen, Sadistischen und Triebhaften versehen. Mensch und Affe, so gibt Huxley uns im Unterschied zu den Darwinisten des 19. Jahrhunderts zu verstehen, sind nicht beide Menschen, sondern beide Affen – kurz: Tiere.

Die Ursachen für den Fall des Homo sapiens sapiens

Wenn nun der Film im Primatenkino endlich zu laufen beginnt, so lässt Huxley nicht etwa die eigentliche Handlung selbst einsetzen, sondern gestaltet eine weitere, Szenerie, die zentrale Motive der vorhergehenden Rahmenhandlung aufgreift und die Ursachen der Katastrophe selbst beleuchtet. Wie in den meisten frühen Romanen, die sich mit dem Nuklearkrieg auseinandersetzen, wird die Katastrophe dabei selbst nicht geschildert [4], wohl aber deren Vorspiel, das hier allerdings stark satirisch verfremdet wird:

Unter sarkastischen Bemerkungen des Erzählers machen sich Affenarmeen, die “unter anderen Flaggen geschart sind” daran, sich gegenseitig auszulöschen. Prof. Albert Einstein wird von seinen behaarten Herren an der Leine geführt und “hockt” mit “einem Ausdruck schmerzlicher Bestürzung” hinter “ihren Komisstiefeln“. Das Sträuben der “Einsteine“, der schwache Widerstand des “Vorrat[s] an Genies […] der beiden Heere” bleibt wirkungslos – unter den Klängen von Bach werden sie gezwungen, die von ihnen entwickelten biologischen und nuklearen Massenvernichtungswaffen gegen den Gegner zu richten. Erst nach dieser Anklage gegen den Nationalismus und die Willfährigkeit der Wissenschaft, blendet der Erzähler von den sich an Rum und Bologneserwurst labenden Militärs auf die postapokalyptische Szenerie über. Die Vereinnahmung der Wissenschaft durch die von primitiven Instinkten – hier: dem Nationalismus – gelenkten Generäle führt als Bestandsaufnahme und Interpretation der Gegenwart schon das vor, was die weitere Handlung noch mehrfach zeigen wird: Den von äußeren Gewalten und eigenen niederen Instinkten fremdgesteuerten Intellekt.

Man muss Richard Saage Recht geben: “Auch wenn Huxley seinen Text über weite Strecken ironisch verfremdet, so ändert das nichts an der Radikalität seiner düsteren Zeitdiagnose…” [5]zumal der Roman zudem wie eine Antwort auf die Rechtfertigungsversuche jener Wissenschaftler klingt, mit deren Name die Entwicklung der Atombombe unabänderlich verbunden ist. Drei Jahre vor dem Erscheinen hatte beispielsweise Albert Einstein in dem Essay Atomkrieg oder Friede seine Verantwortung zu negieren versucht:

Ich betrachte mich nicht als den Vater der befreiten Atombombe. Ich habe nur eine indirekte Rolle gespielt. Tatsächlich habe ich nicht vorausgesehen, daß sie zu meinen Lebzeiten noch frei würde. Ich habe nur an ihre theoretische Möglichkeit geglaubt.”[6]

Da nimmt es nicht wunder, dass Huxley den betreffenden Physiker angesichts der Tatsache, dass die Bombe nicht erst in den Lebzeiten anderer hochgeht, erschrocken durch die Stiefel seiner Herren gucken lässt.

Expedition in die Katastrophe

Konstitutiv für das Genre der nuklearen Postapokalypse ist in den frühen Jahren das Expeditionsmotiv. Wie in Hans Wörners im selben Jahr veröffentlichten Roman Wir fanden Menschen – der sich ebenfalls inhaltlich mit der Frage nach dem Wesen des Menschen bzw. dem Verhältnis von Mensch und Tier, Kultur und Primitiven auseinandersetzt – dringt im Jahr 2108 eine Expedition von außen in das radioaktiv verstrahlte und biologisch Gebiet ein.

Stellt Wörners Katastrophe eine lokal begrenzte dar, so ist Huxleys jedoch global – nur Neuseeland ist aufgrund seiner Lage der Vernichtung und Verstrahlung entgangen. Aus der kleinen Gruppe neuseeländischer Forschern, die gut 100 Jahre nach dem Dritten Weltkrieg an der Küste von Los Angeles landet,  rekrutiert sich auch die Hauptfigur – ein von seiner Mutter gegängelter, gut erzogener, unverheirateter, wenig sportlicher Anti-Held, der als hingebungsvoller Botaniker amouröse Abenteuer nicht aus eigenem Erleben, sondern nur durch Anschauung von Bienchen und Blümchen kennt. Aber das soll sich bald ändern…

Zu Beginn scheint das Manuskript die Erwartungen des zeitgenössischen Lesers, der mit dem Expeditionsmotiv eine abenteuerliche Handlung erwartet, vollends zu erfüllen: Der Held wird von ansässigen Überlebenden gekidnappt und entgeht aufgrund der Tatsache, dass man sich von ihm eine Verbesserung des Lebensmittelanbaus verspricht, nur knapp seinem Ende. Insofern lässt Huxley den Leser in seinen Erwartungen auch nicht irre gehen – dieses unternimmt erst Nevil Shute mit Das letzte Ufer. Dort werden die “Abenteurer” aufgrund der hohen Strahlung zu “Beobachtern” degradiert – und die vermeintlichen Überlebenden gibt es nicht. Und dennoch dürfte Affe und Wesen in vielerlei Hinsicht zu den Erwartungen der meisten zeitgenössischen Leser in bemerkenswerter Weise quer gestanden haben.

Belials Reich

Anknüpfend an die utopische Tradition führt Huxley mittels der Reisenden-Figur eine utopische Gesellschaft vor – aber eine des Schreckens: Das Individuum wird zu den abscheulichsten Arbeiten wie Leichenfledderei gezwungen, Sexualität ist auf wenige Tage im Jahr beschränkt, monogame Beziehungen stehen unter Todesstrafe, kopuliert wird nur in der Gruppe im Tempel des als “Teufel” zu erkennenden Dämons. Frauen werden (in eher christlicher Manier) als “Gefäße” bezeichnet (und verstanden) und gelten als Inbegriff der “Versuchung”. Schwere körperliche Strafen sind zur Freude der Lehrpersonen integraler Bestandteil der Erziehung. Nahezu alle Mitglieder der Gemeinschaft weisen schwere Mutationen aufgrund der Strahlung auf. Die zeitgleich zur Welt kommenden Neugeborenen, deren Mutationsschäden gewisse Grenzen überschreiten, werden einmal im Jahr öffentlich und (ohne Zweifel für den Leser) vom Priester genüsslich massakriert. Die schreienden und weinenden Mütter, denen schon im Vorfeld der Kopf kahl geschoren worden ist, werden unter Rutenschlägen die Stufen der Opferstelle hinuntergejagt. Durch dieses Szenario angeregt, bricht irgendwann die alljährliche Orgie aus – und endet erst viele Tage später wieder im Tempel des Dämons, wo die Menschen wieder ihre mit einem deutlich lesbaren “Nein” beschrifteten Lendenschurze und “Büstenhalter” anlegen.

Angesichts dieses ins Dystopische umgebogenen utopischen Szenarios, das jeglichen auf dem “guten” Wesen des Menschen fußenden Fortschrittsgedanken negiert, erscheint es durchaus möglich, dass – wie Richard Saage annimmt – William Goldings Roman Der Herr der Fliegen ”entscheidende Anregungen” durch Huxleys Werk erfahren hat. Die satirischen Überzeichnungen, die Huxley hier vornimmt, befremden – sie sind Zeichen der Desillusionierung und Frustration eines Autors, der  angesichts des von ihm diagnostizierten Zustands der Menschheit erkennt, dass seine Hoffnungen für die Zukunft “Utopie” bleiben müssen. Und diesem Gefühl der Verbitterung kann sich auch der Leser nicht entziehen. Selbst wenn die Katastrophe mit der Gesellschaft Tabula Rasa macht, brechen sich die negativen Anlagen des Menschen immer wieder Bahn.

Ein Held flieht für uns alle

Die übermächtige Gewalt des “Viehischen” führt Huxley auch immer wieder auch an der Hauptfigur selbst vor. So sehr die brutalen und obszönen Szenen, die sich abspielen, den wohlerzogenen und gehemmten Botaniker auch abgestoßen – schwach wird er doch: Auch er wirft sich im Liebesgerangel voller Leidenschaft auf seine Angebetete. Und als diese dann doch zu einem muskulöseren Partner weiterzieht, ficht er nicht lange mit sich (oder dem Konkurrenten) – und gibt sich mit zwei dunkelhäutigen Schönheiten zufrieden. So bitter die Szenerie auch ist, so düster ist die Analyse.

Man kann manchmal aber nicht umhin über die Hauptfigur zu schmunzeln. In ihrer Schwäche wird sie einem im Laufe des Romans immer sympathischer. Man identifiziert sich mit ihr. Und wer ist schon so ohne Schuld, dass er einen Stein aufnehmen und nach einem ungelenken Wissenschaftler werfen darf, der im Angesicht der exotischen Versuchung nicht anders kann (?) als zu fehlen?

Und dennoch: Huxleys Geschichte von der Zukunft des Menschen schließt trotz der sarkastischen Erzählhaltung nicht ohne Hoffnungsschimmer. Mit dem Helden zusammen durchschaut der Leser den Mechanismus von Trieb, Triebunterdrückung und Kontrolle. Und dieses Mal wagt es der letzte Wissenschaftler auf dem amerikanischen Kontinent auch endlich “Nein!” zu sagen – wenn auch nicht laut. So viel Opferbereitschaft hätte dem Helden auch nicht gut zu Gesicht gestanden – und ist auch gar nicht notwendig. Für uns alle (aber besonders die Wissenschaftler!) entzieht er sich der Vereinnahmung durch das System. Mit seiner Liebe stiehlt er sich davon. (Ja, Liebe! Liebe! Liebe! Und sie liebt ihn auch – das gibt es doch noch! [Siehe: Zur katalytischen Wirkung des Liebesmotivs für den dystopischen Plot]) Sogar  in eine ungewisse und gefährliche Zukunft. Das reicht – und stiftet doch noch ganz am Ende jenseits des Daseins Sinn. Vielleicht ist ja doch noch Hoffnung für uns alle.

[1] Stephan Meyer. Die anti-utopische Tradition. Eine ideen- und problemgeschichtliche Darstellung, Frankfurt am Main, 2001, S. 340.

[2] Thomas Henry Huxley, Evidence as to Man’s Place in Nature, London, Edinburgh, 1863, S. 78.

[3] Stephan Meyer. Die anti-utopische Tradition, S. 340f.

[4]Hans Krah, Weltuntergangsszenarien und Zukunftsentwürfe. Narrationen vom >Ende< in Literatur und Film 1945-1990, Kiel, 2004, S. 89.

[5] Richard Saage, Utopische Profile, Berlin, 2oo6, S. 314.

[6] Albert Einstein, Atomkrieg oder Friede. In: Albert Einstein, Aus meinen späten Jahren, Stuttgart, 1952, S. 190-197, zit.:Alexander Ritter, Friedrich Dürrenmatt. Die Physiker, Stuttgart, 1991, S. 191.

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