Paul Gurks: Tuzub 37

Zählen zu den weitgehend vergessenen Texten muss man die schon 1935 veröffentlichte Dystopie TUZUB 37. Der Mythos von der Grauen Menschheit oder von der Zahl 1. Sowohl über den Roman selbst als auch über ihren Verfasser Paul Gurk lassen sich nur recht wenige Informationen finden. Und nach der Lektüre kommt man nicht umhin festzustellen: Das erscheint verblüffend und nachvollziehbar zugleich.

Eine der ersten Öko-Dystopien

Gurks Roman schildert eine ferne Zukunft, von der sich nicht sagen lässt, wie weit sie zeitlich von uns entfernt ist. Ebenso wenig kann man als Leser genau sagen, über welchen Zeitraum sich die Handlung eigentlich erstreckt. Die Menschheit hat sich in ihrem Fortschrittswillen die Erde mit wenigen Ausnahmen untertan gemacht. Abgesehen vom Meer, dem Himalaya und einem mit elektrischem Stacheldraht umzäunten Schaugefängnis der letzten lebenden Wesen ist die Erde gänzlich plan, grau, mit einem elektrischen Leitungsnetz überzogen und dort, wo keine Hoch- und Höherhäuser emporwachsen, von einer in Monokultur gezogenen Nutzpflanze bedeckt. Notwendig ist Nahrung nur noch deshalb, weil es noch nicht gelungen ist, das Menschliche zur Gänze aus den Maschinenmenschen herauszukonstruieren.

Dieses ist aber der anvisierte nächste Schritt der anhand eines utopischen Gesellschaftsplanes ausgerichteten Grauen Menschheit: Jegliche Unterschiede und Planabweichungen werden dafür ausgemerzt – nicht nur in der Landschaft. Letztes Ziel ist der vollständig anorganische und uniforme Mensch bzw. die Maschine – symbolisiert in der Zahl 1. Der Leser begleitet die Menschheit, die diese Bezeichnung bald zu Recht nicht mehr tragen will, bei der Verhaftung des überraschend aufgefundenen letzten Dichters, der Abschrottung der Maschinenmenschen zur Menschenmaschine und bei ihren wiederholten Angriffen auf das nur mit Mühe einzuebnende Meer und den störrischen Himalaya (Quadrat 37) mithilfe riesiger Maschinenmaschinen. Letztere produzieren jedoch derartig viele Abgase, dass zwecks Angsaugen von Luft aus dem Äußeren Oben ein riesiger Turm in Quadrat 37 errichtet werden soll: Der TUrm ZU B 37. Bei diesem letzten maßlosen Versuch, der noch als biblische Anspielung in seiner Gigantomanie die technischen Visonen anderer Schriftsteller der 20er und 30er Jahre kritisch spiegelt – genannt sei hier nur der berühmte Hans Dominik -,  findet die “Menschheit” ihr jähes Ende.

Wenn alle 1 sind: Vergebliche Suche nach dem Helden

Konsequenterweise weist der Roman aufgrund der erreichten Uniformität auch keinen eigentlichen Protagonisten mehr auf: Zu weit ist die Uniformität der Menschheit gediehen. Nur Unplanmäßiges ermöglicht als Unfall noch dort Individualität, wo  der Mensch sofort abgeschrottet wird, wenn er zum Himmel blickt. Oder jenseits der 2-stündigen Erholungsphase wacht (1). Der letzte Dichter, Ergebnis der ungesetzlichen Lektüre des vorletzten Buches, wird schnell entsorgt. R Nr. 127 475, der aufgrund eines Ungeschicks des Menschenklempners sich später seiner selbst bewusst wird (2), stößt zwar noch den Plan zum Bau des TUZUB 37 an, verstirbt aber bald. Das Leitungsgremium der Grauen Menschheit, bestehend aus den Schreibern Hirn, Auge, Ohr, Mund, linke Hand, rechte Hand, Magen, linker Fuß und rechter Fuß, weist keine individuellen Züge jenseits der Funktionsbezeichnungen mehr auf. Wie oft die einzelnen Schreiber im Verlaufe der Handlung abgeschrottet werden, lässt sich nicht mehr feststellen.

Sympathien kann der Leser nur zu den beiden Erstgenannten hegen. Menschlicher als die Menschen selbst erscheinen jene Wesenheiten, die Gurk in expressionistischer Manier aber ausnahmsweise so gar nicht expressionistischer Sprache selbst zu Wort kommen lässt: Die Quelle, die über ihr Versiegen mit der letzten Blume spricht, das Meer, das sich gegen den Ansturm und die Fesseln der Grauen zu widersetzen versucht, die Dämonen der Berge, welche die Maschinen unter sich begraben wollen, die Luft, die über allem thront. Was heute sprachlich manchmal nah an der Grenze zum Kitsch erscheint, könnte der erste deutschsprachige Aufschrei der Natur angesichts ihrer planmäßigen Zerstörung sein.

Eine Anti-Utopie aus der Zeit der NS-Diktatur

Es verblüfft, dass der Roman von Gurk, der 1934 Mitglied der Reichsschriftumskammer geworden war (3), überhaupt im Berliner Holle-Verlag erscheinen konnte. Obwohl Welt und Gesellschaft – auch durch die Verwendung von SF-Elementen – hochgradig verfremdet sind, wendet er sich doch sehr deutlich nicht nur gegen die allgemein verbreitete Fortschritts- und Technikgläubigkeit, sondern auch  – und das nicht nur en passent – gegen zentrale Ideologeme des Nationalsozialismus: Kritik äußert Gurk an der Uniformität bzw. dem unkritischen Aufgehens des  Individuums in der tumben Masse sowie an der inhumanen Verabsolutierung des Zweckes: Vom utilitaristischen Abschrotten aller Grauen, die das fünzigste Lebensjahr erreicht haben oder einfach nur technisch überholt sind, zur “Vernichtung lebensunwerten Lebens” scheint es gedanklich nicht weit. Satirisch überzeichnet Gurk dabei auch die zeitgenössische systemtypischen Riten: Immer wieder “zuckt” der Arm der Grauen Menschen als “Parodie auf den Hitergruß” (4) nach oben. Und wenn die Weltbevölkerung in endlosen Kolonnen zum Versammlungsplatz zieht, um sich und die Zahl 1 zu feiern, erinnert das nicht wenig an die in den 30er Jahren inszenierten Massenveranstaltungen der NSDAP:

Die Züge marschieren von allen Seiten heran, endlos, zwei Stunden. Viereck auf Viereck preßt sich in das Versammlungsfeld und stampft sich ineinander. Als die riesige Fläche nur ein einzelnes dampfendes Grau ist, steht eine volle Minute alles schweigend, fühlt sich als grau, als Macht der Gleichmäßigkeit, ehrt sich selbst und klotzt dann zu den Tribünen. Sprechchöre erscheinen. Sie werden durch Lautsprecher verhundertfacht und rasseln exakt in der Sprache der Buchstaben und Ziffern die Verehrung des Mähdreschers. (S.40)

Expressionistischer Nachhall

Gurk, der zu Beginn der 30er Jahre durchaus Sympathien für den Nationalsozialismus hegte, bedient sich in seinem Roman, der eine Abkehr vom Nationalsozialismus darstellt, gekonnt jener literarischen Mittel, die ihm die ersten Jahrzehnte der Moderne zur Verfügung stellen: Elliptisch mäandern die Sätze vor sich hin und reißen den Leser mit. In Vergleichen, Vermenschlichungen und Verdinglichungen hebt Gurk die Grenze zwischen dem Belebten und Unbelebten, Mensch Tier, Pflanze und Ding sprachlich auf:

Unabsehbare Züge von Schleppwagen gleiten auf Übererdlinien an den Hochschienen bis an die Küsten und kippen sich aus. Es ist, als ob jeder der Wagen aus Leichtmetall rasselnd lache und grinse, wenn er sich dreht und ein Maul aufreißt, um geborstenes, zerbrochenes, gemahlenes Gestein, zerkrümelte Erde und getrockneten Schlamm auszuspeien.

Und in der militaristisch gefärbten Imitation deutscher Amts- und Bürokratensprache, häufig durchsetzt mit technischen Neologismen, steigert Gurk das Bekannte bis zum Grotesken als sprachliches Abbild der Herrschaft und einer unmenschlichen Verabsolutierung des Zwecks:

Nach zwei Stunden spricht Auge: “Es sind Meldungen gekommen. Verbrecher sind zu bestrafen. In Sektor Y, Hochstadt 19, unterbrach ein Grauer die Schicht und sah hinauf in den Himmel.” Rechter Fuß spricht: “Es gibt keinen Himmel. Es gibt nur einen Rauch der Erde. Der Verbrecher ist durch mich zu bestrafen. Seine Schuld geschah in meinem Sektor… Ich stampfe auf. – Er ist durch Säure in das Reich des Anorganischen zu überführen.” Ohr spricht: Im Sektor Q, Hochstadt 5, betrachtete ein Grauer über Zeitmaß hinaus Funkensprühen im Wachstumsnetz, flüsterte dazu schaukelnd und versäumte die Schicht…”

Ein solcher, an den literarischen Avantgarden der Moderne orientierter Text steht auch heute noch zu unseren Lesegewohnheiten quer. Zu ungewohnt ist, wie Gurk schreibt. Und somit stellt der Roman, wenn man ihm als Leser gerecht werden will, sprachlich und inhaltlich durchaus eine kleine Herausforderung dar. Aber nicht, weil man sich durch ihn quälen müsste – im Gegenteil: Immer wieder muss man sich als Leser selbst bremsen, um von der oft bis ans Lyrische gestalteten Sprache auf Weg der Grauen Menschheit zum Endziel nicht einfach mitgerissen zu werden.

 Fazit

Paul Gurks 1935 erschienene Dystopie ist ein bemerkenswertes Stück deutscher Literatur – inhaltlich wie sprachlich. Sie ist trotz ihres schon fortgeschrittenen Alters nicht nur etwas für die literaturwissenschaftlich Interessierten, sondern für jeden, der einmal einen Text jenseits der bekannten Muster und Schemata des Genres lesen möchte. Einlassen muss man sich dabei allerdings auf die oft ungewohnte Sprache von TUZUB 37, welche die Lektüre aber dann zu einem echten Genuss macht.

(1) Hier zeigt sich auch die Intensität der Gurk’schen Zeichnung: Besitzt D-503 in Samjatins Wir noch eine 2-stündige “Freizeit”, von welcher der Staat hofft, dass sie einst abgeschafft werden kann, so muss R Nr. 127 475 schon einen 2-stündigen Zwangsschlaf halten. 

(2) Dieses Motiv, das dazu dient, einen potentiellen Außenseiter in einem uniformen Gesellschaftssystem literarisch zu legitimieren, findet sich 3 Jahre zuvor erstmals in Huxleys BNW. Einer Liebelei als Katalysator des Entfremdungsprozesses vom System bedarf es deshalb auch nicht.

(3) Klaus Geus, Zwischen Widerstand und Anpassung. Die Kritik am Nationalsozialismus in Paul Gurks dystopischem Roman TUZUB 37, in: Marco Frenschowski [Hg.], Helena Frenschowski [Hg.], Festschrift für Kalju Kirde zum 75. Geburtstag, Kerpen, 1999, S.105-114, S. 113.

(4)  Klaus Geus, Zwischen Widerstand und Anpassung, S. 113.

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