Gregor Spörri: The Lost God

Unter der Menge der in den letzten Monaten erschienen Weltuntergangsromane sticht ein Roman hervor: Der literarische Erstling des Schweizers Gregor Spörri, dessen Titel The Lost God. Tag der Verdammnis schon auf den ersten Blick für den Fortbestand der Menschheit nichts Gutes verheißt. Es ist allerdings weniger der Titel als der Aufhänger, den Autor und Verlag gewählt haben, um den Roman an den Leser zu bringen: Denn den Ausgangspunkt des Textes bildet der Fund eines mysteriösen – weil riesenhaften und bestimmt nicht menschlichen  – Fingers durch Gregor Spörri in Ägypten.

Um was es sich bei dem von Spörri entdeckten, abfotografierten und später wieder verschwundenen sogenannten “Relikt von Bir Hooker” handelt, vermag ich nicht zu sagen. Für viele dürfte die Abbildung auf der Innenseite des Schutzumschlages den Roman auf den zweiten Blick besonders interessant machen – wird damit doch der Anspruch erhoben, einen geheimnisvollen, aber vermeintlich “realen” Aspekt unserer Vergangenheit aus einer bitteren Gegenwart in eine entsetzliche Zukunft fortzudenken.

Überzeugend: Der Untergang (fremdverschuldet)

Ausgehend vom Fund des “Reliktes von Bir Hooker” im Jahre 1988 lässt Spörri seine Astronomen Jahrzehnte später seltsame Objekte in Erdnähe und -orbit entdecken, die nach vielem Rätselraten und Hin und Her zuletzt als Vorzeichen eines “zweiten Besuchs” kosmischer Vandalen gedeutet werden. In grausig gehaltenen Szenen, bei denen der Autor nicht mit Schockeffekten geizt, beschreibt Spörri die “Landungen” von mehr als einem Dutzend Fluggeräten, die bei ihrem Niedergang Schneisen der Verwüstung auf allen Kontinenten hinterlassen. Aus der Perspektive zahlreicher Figuren erzählt, ergibt sich so ein oft spannendes Kaleidoskop des Schreckens… und des Sterbens – aber leider auch unter den Protagonisten, denn Spörri hat keine Hemmungen, gerade recht umfangreich eingeführte Figuren gleich wieder zu das Zeitliche segnen zu lassen.

Mit den Überlebenden jedoch mutmaßt der gefesselte Leser über die Funktion der Fluggeräte – und ist am Ende zuletzt genauso schockiert über die Wahrheit wie die Figuren selbst. Denn Spörri entwirft hier ein in seinen Dimensionen geradezu gigantisches Szenario, das er mit einem über alle Erwartungen hinaus düstere Ende verknüpft, welches The Lost God in positivem Sinne von der Masse der Weltuntergangsromane unterscheidet – auch wenn hier und da literarische sowie cineastische Vorbilder nicht nur angedeutet werden, sondern auch bemerkbar sind. Spörri hat mit den hier angestrebten Schockeffekten, die leicht ins Groteske abrutschen können, recht hoch gepokert – und meiner Einschätzung nach gewonnen. Das nenne ich mal ein Ende!

Fragwürdig: Der Untergang (selbstverschuldet)

Der Autor will aber, wie schon der Aufhänger des “Reliktes von Bir Hooker” vermuten lässt, mehr als nur eine unterhaltsame und spannende Geschichte erzählen. The Lost God soll auch eine Bestandsaufnahme unserer Gegenwart sein – mit all ihren Mängeln, Widersprüchen und uns manchmal unbegreiflichen Vorgängen. Das Spektrum, über das Spörri seine zahlreichen Figuren häufig ermüdend referieren und diskutieren lässt, reicht von der Zerstörung des Regenwaldes über die “Klimalüge”, die wirtschaftlichen Verstrickungen der Industriestaaten und der Kunstbranche bis zu dem nicht immer unproblematischen Miteinander der Religionen – bzw. Kulturen und der Prä-Astronautik; gängige Verschwörungstheorien häufig und bekannte Ressentiments manchmal mit eingeschlossen. Falls es hier einen mutmaßlichen Zusammenhang zwischen den diskutierten Themen geben sollte, ist er mir zumindest entgangen (Aber ich halte das Roswell-Ufo ja auch für einen schnöden Spionageballon).

Während an einigen Stellen die Ausführungen noch funktional zum Plot beitragen, stehen sie an anderen Stellen geradezu quer dazu. So muss der Leser miterleben, wie sich ein australischer Fernsehmoderator und ein General ebensolcher Nationalität nach der größten Entdeckung der Menschheit während der anberaumten Sondersendung vor allem nicht mit den gelandeten Raumfahrzeugen und den darin möglicherweise befindlichen Invasoren auseinandersetzen, sondern hauptsächlich mit der Frage, ob der Islam eine “reformierbare” Religion und/oder eine Gefahr für das Abendland (ehemalige britische Gefangenenkolonien im Orient mit eingeschlossen) ist. Nicht erst hier kann sich dem Leser die Vermutung aufdrängen, dass Spörri der Versuchung erlegen ist, seine Figuren zum Sprachrohr seiner selbst zu machen – anstatt den den Plot für sich selbst sprechen zu lassen.

Als Rezensent will man der Versuchung, sich zu den von den Figuren vorgetragenen und im Text jeweils als “zutreffend” markierten Positionen  inhaltlich zu äußern, nicht erliegen  – man muss aber konstatieren, dass The Lost God aufgrund der ‘Exkurse’ –  die gar nicht so stören würden, wenn sie nicht aufgrund ihres Umfanges so häufig im Vordergrund stünden – vielmehr verliert als gewinnt.

Meine Versuche, beide Aspekte des Romans interpretatorisch auf einen Nenner zu bringen, liefen jedenfalls ins Leere. Andere Rezensenten waren da aber erfolgreicher (siehe hierzu die Rezension von Thompsen auf Blackfear.de.

Fazit

Gregor Spörris möchte mit seinem Roman The Lost God. Tag der Verdammnis für meinen Geschmack zuviel. Während er einerseits ein durchaus spannendes und interessantes – weil auch gewagtes – Endzeitszenario entwirft, belehrt der Roman andererseits mittels seiner Figuren den Leser zu vordergründig über die vermeintliche Hintergründe unserer Welt. Und dieser Eindruck verblasst auch nicht, nachdem man schmunzelnd Erich von Däniken im Sonnenuntergang der Menschheit beim Genuss seines letzten exquisiten Weines erleben durfte.

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