H. G. Wells: Der Stern der Vernichtung

Wells Erzählung Stern der Vernichtung aus dem Jahre 1897, die in der gleichnamigen Anthologie aus dem Heyne Verlag noch nicht einmal 9 ganze Seiten umfasst, entwirft – wohl zum ersten Mal in der Literatur – den Zusammenstoß zweier Planeten: Unserer Erde und einem glühenden Ball, der nach der Kollison des Neptun mit einem weiteren Himmelskörper entstanden ist.

Innerhalb weniger weniger Tage wird aus der anfänglichen Ruhe der Bevölkerung Entsetzen und Unruhe, denn jedem, der in den Himmel blickt, bemerkt, dass der Feuerball rapide wächst. Nachdem ein berühmter Mathematiker nicht nur einen Einschlag vorhergesagt hat, sondern für den Fall eines Vorbeifluges schwere Erdbeben, Stürme und Überschwemmungen, reagieren die Menschen in unterschiedlicher Weise. Während die einen beten oder in die Berge fliehen, versuchen andere, die Bedrohung zu ignorieren oder reden sich die potentielle Ungefährlichkeit des Objektes ein. Als der Planet, der sich offenbar auf dem Wege zur Sonne befindet, am Nachthimmel die Größe des Mondes erreicht hat, bewahrheiten sich die Voraussagen des Mathematikers: Das Eis an den Polen und der Schnee auf den Bergen schmilzt, Flutwellen verheeren die Ufer der Flüsse sowie die Küsten der Meere, Vulkane brechen aus, die Hitze wird in vielen Ländern unerträglich. Am nächsten Tage jedoch erkennen die Menschen, dass der die Erde passiert hat. Dennoch sind die Folgen katastrophal: Der Planet hat die Erde in eine Umlaufbahn gezogen, welche der Sonne näher ist. Damit verändert sich auch das Angesicht der Erde, auf der die Menschen nun bis zu den Polen leben.

Das bemerkenswerteste an dieser Erzählung, die sich aufgrund ihres nüchtern berichtenden Stiles liest wie das Skript zu einer Verfilmung, ist der Standort des allwissenden Erzählers, der zuletzt sogar höchst überraschend die Bemerkungen von außerirdischen Wissenschaftlern auf dem Mars zur Katastrophe auf der Erde wertend und sentenzhaft kommentiert. Denn in deren Augen erscheinen die dramatischen Veränderungen auf der Erde wenig schwerwiegend insofern, als der Abstand zu den Ereignissen deren Bedeutung deutlich relativiert. Der Erzähler steht so nicht nur außerhalb des von der Katastrophe betroffenen Raumes – was nicht von Anfang an deutlich ist -, sondern überblickt von seinem olympischen Erzählerstandpunkt sogar die Perspektiven der Bewohner zweier Planeten und kann deren Sichtsweisen mit einander in Beziehung setzen und kommentieren.

Auch zuvor bewegt sich der Text zwischen zwei Ebenen des Ereignisses:  Dem Himmelsschauspiel selbst bzw. den verheerenden Naturkatastrophen in dessen Folge, die eindringlich beschrieben werden, sowie den nachfolgenden Reaktionen der Menschen, die sehr differenziert dargestellt werden. Die Funktion beider Ebenen erfüllt sich in ihrer Orientierung hin auf den überraschenden und belehrenden Schluss der Erzählung, der letztendlich so auch die Haltung des Rezipienten selbst zum Thema macht.

Auch wenn die Anlage ganz geschickt gemacht ist, konnte mich die Poes Erzählung nicht überzeugen, da sie hauptsächlich von ihrer Konzentration auf das Ende lebt – dieses heutzutage aber wenig beeindruckt, sondern eher verwundert. Zugute halten kann man ihr aber, dass sie zum einen die Entdeckung eines 9. Planeten um 30 Jahre vorwegnimmt und zum anderen auch Ideenlieferant für Werke wie When Worlds collide von Philip Wylie und Edwin Balmer war, die den Zusammenstoß von Planeten mit Abenteuerelementen zu Romanen ausbauen.

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