H. G. Well: Der Luftkrieg

H. G. Wells, der amerikanische Altmeister des Science Fiction, entwarf mit Der Luftkrieg schon 1908 das literarische Szenario eines vernichtenden Weltkrieges, das seiner Zeit weit voraus war: Nicht unbedingt nur deshalb, weil es 6 Jahre später tatsächlich zu einem militärischen Konflikt mit dem deutschen Reich kommen sollte – sondern vor allem aufgrund der von ihm beschriebenen Kriegsführung. Denn in Wells Vision entscheidet nicht mehr die Stärke der britischen See- oder der deutschen Landstreitkäfte über Sieg und Niederlage, ausschlaggebend für den Sieg ist alleine die technische Vervollkommnung der allen anderen Waffengattungen weit überlegenen Luftwaffe.

Was 5 Jahre nach dem ersten Motorflug der Gebrüder Wright zu Beginn noch vornehmlich als Warnung vor der aeronautischen Bestrebungen des Deutschen Reiches oder vor der Gelben Gefahr gelesen werden kann, gerät angesichts der dramatischen Folgen des Krieges zuletzt zur  Klage über die von den westlichen Nationen gegeneinander gerichteten Hochrüstung: Dementsprechend deutlich resümiert Wells auktorialer Erzähler abschließend im Rückblick auch, dass die Selbsterfleischung der unvergleichlich hoch entwickelten westlichen Staaten letztendlich in einen nie gekannten zivilisatorischen Absturz gemündet habe. Das unglaubliche Potential der Technik sei aufgrund nationalistischer Verirrungen nicht sinnvoll genutzt worden – Die Erfolge der letzten Jahrhunderte – in Wells warnender Vision- dahin. Alle.

Eine Welt gegen die Wand geflogen

Dabei beginnt die abenteuerliche Geschichte des höchst durchschnittlichen und immer wieder von Erzähler mit witzigen Bemerkungen bedachten Protagonisten Bert Smallways höcht optimistisch. Wie so viele seiner Mitmenschen teilt Bert die Begeisterung für Errungenschaften der modernen Technik, die sich gegenständlich in seinem geliebten Motorrad oder der vor seiner Haustür errichteten Londoner Hochbahn manifesteren. Und wenn Fortschritt vor allem als “Beschleunigung der Fortbewegung” verstanden wird, verwundert es auch nicht, dass er mit aller Welt gebannt darauf wartet, dass der erste Erfinder sein steuerfähiges Fluggerät präsentiert.

Der euphorische Fortschrittsoptimismus wird zu Beginn allerdings so lange enttäuscht, dass kaum noch einer an den Erfolg des sehr praktisch veranlagten Erfinders Mr. Butteridge glauben mag, als letzterer endlich die Konstruktion eines sogar recht schnellen und wendigen Flugzeugs verkündet. Leider will der vornehmlich an Geld und Ruhm interessierte Mr. Butteridge die Pläne nur demjenigen überlassen, der ihn dafür fürstlich entlohnt. Sein vielversprechendes Vorhaben, die Pläne an das deutsche Reich zu verkaufen werden aber von Bert vereitelt: Aufgrund eines Missgeschicks hebt er mit dem Ballon des Erfinders, in dem sich auch die Konstruktionszeichnungen befinden, ab und wird später von der deutschen Luftflotte aufgegriffen, die sich gerade auf dem Weg in die U.S.A. befindet, um mit einem Überraschungsangriff auf New York den Krieg zu eröffnen. Obwohl die deutschen Offiziere nach einiger Zeit erkennen müssen, dass es sich bei Bert leider nicht um den hochgeschätzten Erfinder Butteridge handelt, sondern um einen wenig intelligenten Londoner Fahrradmechaniker, werfen sie ihn freundlicherweise nicht von Bord.

Als hart arbeitendes Mitglied der Besatzung erlebt der mit der Situation teilweise stark überforderte Protagonist nun die gewaltigen Luftschlachten über der amerikanischen Metropole sowie die entsetzlichen Verluste, welche die deutschen Bomben unter der unbeugsamen Bevölkerung anrichten. Als die heimlich konstruierte chinesische Luftflotte in die weltweiten Kämpfe eingreift, wird auch Bert Zeppelin abgeschossen. Trotz chinesischen und deutschen Soldaten gelingt es ihm von der Insel, auf welcher er “gestrandet” ist, zu entkommen. Während der Begegnung mit den ersten Amerikanern erkennt er den Wert jener Konstruktionspläne, welche er immer noch bei sich führt. Obwohl sie dem amrikanischen Präsidenten übergegeben werden, vermag Berts Einsatz die westliche Welt nicht mehr zu retten: Während er nach einer monatelangen Odyssee endlich in seine zerstörte Heimat zurückkehren und seine geliebte Edna kann, tobt der Krieg unentschieden weiter. Unbeachtet von den Menschen, die auf mittelalterlichem Niveau gegen Hunger, Pest und Übergriffe um ihr Leben kämpfen, ringen irgendwo die Mächtigen weiter um die Weltherrschaft.

Angriff auf New York

Zugegeben: Natürlich erscheinen uns heutigen Lesern die technischen Details der Luftschiffe, die erst im Laufe der Geschichte moderner wirkenden Flugzeugen weichen, genauso antiquiert wie die Art und Weise, in welcher die Zeppeline als “Schlachtschiffe der Luft” einander Richtung Erdboden schicken. Und auch die Vorstellung, dass sie als “Basisstationen” Schwärme von bewaffneten Lilienthal’schen Fluggleitern hinter sich her ziehen, ist – vorsichtig formuliert – äußerst gewagt. Allerdings wirken die Beschreibungen der verheerenden Bomben- und Granatenangriffe auf amerikanische bzw. europäische Großstädte mit Blick auf die Zerstörungen während des Zweiten Weltkrieges geradezu prophetisch. Denn schon im ersten Weltkrieg bombardierten Zeppeline strategisch wichtige Gebäude der Kriegsgegner und flogen deutsche Gotha-Bomber Angriffe gegen London, denen hunderte Menschen zum Opfer fielen*. Selbst die strategischen Folgen der zukünftigen Kriegstechnik antizipiert Wells, wenn er explizit betont, dass die Luftüberlegenheit zur endgültigen Bezwingung eines Gegners nicht ausreiche, weshalb auch der deutsche Angriff  – trotz der angerichteten Zerstörungen – gegen New York auch nicht von Erfolg gekrönt ist. Richtig erkennt er den Wert der Luftwaffe in ihrer Verwendung als Terrorinstrument und als Unterstützung der Landstreitkräfte – auf sich allein gestellt führen sie im Roman letztendlich zu einer (bei Wells insgesamt zu stark überzeichneten) Verewigung des Krieges.

Es ist dementsprechend nachvollziehbar, dass Wells die Beschreibung der Luftschlachten breit anlegt, findet sich hier doch das eigentlich Neue des Romans. Allerdings beginnen diese Ausführugnen aufgrund ihres Wiederholungscharakters den heutigen Leser gegen Ende nicht nur ein wenig zu ermüden. Genießen kann man dabei aber immer noch die Ästhetik der gelungenen Beschreibungen – vor allen Dingen auch der veralteten technischen Details – aber immer noch; denn Wells Stil ist nicht nur ästhetisch und schön, sondern auch präzise, genau – und häufig sehr unterhaltsam.

Boshafte Erzählhaltung

Scheinbar geradezu konterkariert werden die entsetzlichen Vorgänge des Romanes durch die eigenwillige – und vor allem mit Blick auf den symphatischen Protagonisten manchmal höchst spöttische Haltung des Erzählers. In geradezu boshaften, aber unterhaltsamen Seitenhieben wird desöfteren nicht nur Bert Smallways tumbe Naivität gegeißelt, sondern auch seine Rolle in der ganzen Geschichte wenig schmeichelnd bewertet:

Bert saß im Hintergrund – man hatte inzwischen seinen Wert inzwischen ziemlich richtig abgeschätzt… und hörte zu. Und während die anderen redeten, zogen an seinem schwankenden Geist seltsame ungeheuerliche Vorstellungen vorüber… Vorstellungen von einer hereingebrochenen Krise ganzer Nationen, die sich in wildem Tumult vorwärts wälzten, von vernichteten Weltteilen, von Hungersnot und unermesslicher Verwüstung

Tatsächlich ist Bert alles andere als ein Held. Als Durchschnittsmensch wird er von den Beschlüssen der Großen und Mächtigen, welche selbst allerdings auch nur vermeinen, die weltgeschichtlichen Ereignisse in ihrem Sinne lenken zu können, bestimmt. Man fühlt einfach mit ihm mit. Zum anderen ist er Opfer globalen Entwicklungen, die nicht nur seine intellektuellen Fähigkeiten herausfordern, sondern – so wünscht zumindest Wells – auch die des Leser. Vielleicht zu deutlich schließt der Roman dann auch:

Irgendwer hätte irgendwo irgend etwas verhindern müssen. Aber wer oder wie oder warum – das lag alles jenseits seines Horizontes.

Fazit

Wells Der Luftkrieg ist trotz seines Alters ein immer noch sehr lesenswerter Roman: zum einen nimmt diese dunkle Warnung viele spätere Entwicklungen des 20. Jahrhunderts vorweg, zum anderen ist Wells Erzählstil nicht nur geschliffen, sondern sehr häufig auch einfach witzig. Dass der heutige Leser sich stellenweise durch manche Länge kämpfen muss, ist nicht dem Autor, sondern schon dem Alter des Romanes, der mir dennoch sehr viel Spaß gemancht hat, anzulasten.

*Christopher Cole/E.F. Cheesman, The Air Defence of Great Britain 1914-1918, London 1984; Walter Raleigh/H.A. Jones, The War in the Air, vol. V, Oxford 1934, S. 20ff.

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