Ann Aguirre: Die Enklave

Eine Rezension von Rob Randall

Vor knapp 5 Jahren konnte der russische Autor Dimitry Glukhovsky mit seiner untergründischen Moskauer Postapokalypse Metro 2033 weltweit beachtliche Erfolge verbuchen. Anfang diesen Jahres gelangte mit Ann Aguirres Die Enklave nun aus dem Westen  – genauer gesagt den U.S.A. – eine düstere Zukunftsvision mit ähnlichem Setting auf den deutschen Buchmarkt. Auch sie gewann hierzulande schnell viele Fans. Und das verwundert, wenn man den Roman einmal genauer betrachtet, nicht.

Trotz des ununterbrochenen Kampfes gegen Chaos, Hunger und die gefährlichen ‘Freaks’ (welche übrigens an Glukhovskys ‘Schwarze’ erinnern) überlebt, nachdem der Mensch seine Umwelt endgültig in eine Hölle verwandelt hat, in der New Yorker U-Bahn seit Generationen eine kleine, jeden geschriebenen Buchstaben sammelnde Gemeinschaft.  Deren Angehörigen werden aufgrund der finsteren Lebensumstände allerdings nicht sehr alt. Der Tod ist so alltäglich, dass Kinder ihre Nummer in einem Rituals erst dann gegen einen Namen tauschen, wenn sie 15 geworden sind. Und da der Blutstropfen von Mädchen15 gleich zu Beginn auf das Wort “Zwei” fällt, wird die sympathische Protagonistin dieses als Namen auch bis zum Ende des 340-Seiten-Romanes tragen. Als ausgebildete ‘Jägerin’ ist es nicht nur ihre Aufgabe, in den Tunneln gemeinsam mit ihrem rätselhaften Partner Bleich nach Nahrung zu suchen, sondern auch die ‘Bälger’, die ‘Schaffer’ und die ‘Zeuger’ gegen die hungrigen ‘Freaks’ zu verteidigen, die in zunehmenden Maße die Gemeinschaft bedrohen. Doch Zweis Karriere als Jägerin im Dienste der Gemeinschaft währt nur kurz: Als sie erkennen muss, dass die Anführer immer wieder in ungerechter Weise Einzelne opfern, um den Zusammenhalt der Gruppe sicherzustellen, und dabei selbst vor hinterhältigem Mord nicht zurückschrecken, tritt sie für einen ihrer Freunde ein – und wird an die Oberfläche verbannt. Was als Todesurteil gedacht war, entwickelt sich für Zwei und Bleich, der sie freiwillig begleitet, zur Suche nach einem besseren Leben in den überwucherten Ruinen von New York – und darüber hinaus.

Obwohl der unterirdische Mikrokosmos, der sich in der New Yorker U-Bahn nach einer angeblichen Umweltkatastrophe entwickelt hat, bei weitem nicht so vielgestaltig ausfällt wie jener in den Moskauer Tunneln, wartet Aguires liebevoller Entwurf doch mit zahlreichen Details auf, welche der beschriebenen Gesellschaft Leben verleihen – allerdings ein wirklich düsteres und gefahrenvolles. Der hier vorgestellte zivilisatorische Rückschritt, der die jugendliche Gemeinschaft des Romanes prägt, hat mir insgesamt gut gefallen; weit entfernt davon, Muster aus Goldings Herr der Fliegen zu kopieren, wirkt der Rückfall in Rituale, die an den Anbeginn der Menschheit erinnern, für einen Jugendroman überraschend glaubhaft.

Dennoch erfindet Aguire das Genre nicht neu: Die frisch gekürten 15-jährigen ‘Jägerin’ Zwei muss sich nicht nur wie die Kriegerin Katniss aus Die Tribute von Panem in zahlreichen Zweikämpfen gegenüber anderen Menschen bzw. Jägern bewähren, sondern auch wie Glukhovskys Hauptfigur Artjom in den unübersichtlichen Tunneln gegen mysteriöse und geheimnisvolle Gegner kämpfen. Das gerät aber insgesamt spannend – und dieses, im Gegensatz zu Metro 2033, bis zum Ende hin: Denn Aguires junge Helden kämpfen nicht nur im Untergrund, sondern verlassen diesen später auch – wodurch die Handlung, doch abwechslungsreich wirkt. Hierfür sorgt auch der Konflikt mit den gesellschaftlichen Strukturen, in den die Protagonistin schon bald – wenn auch weitgehend wider Willen – gerät. Dabei wird aber auch deutlich, dass das Erzählmuster, dessen sich der Roman bedient, so ganz neu nicht ist: In zahlreichen Postapokalpysen schließt sich an den für dystopische Romane typischen Konflikt zwischen Protagonisten und gesellschaftliche Ordnung eine abenteuerliche Flucht aus einem unterirdischen Refugium an, das in der Suche nach einer besseren Zukunft – die meistens auch gefunden wird – mündet (so z.B. in Zwerenz’ Der Bunker, Scheers Die Großen in der Tiefe oder (zum Teil) Königs Feuerblumen).

Fazit

Ann Aguirres postpokalyptischer Roman Die Enklave wartet mit einer ganzen Reihe von Motiven bzw. Handlungselementen auf, die man aus älteren Romanen schon kennt – insofern bietet er wenig Neues, wenn man von der gelungenen Gesellschaftsgestaltung im Untergrund einmal absieht. Aguire gelingt es jedoch, daraus einen spannenden und unterhaltsamen Jugendroman zu stricken, der im Gegensatz zu vielen anderen Vertretern des Genres keine Monotonie aufkommen lässt.

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