Mike Lancaster: 0.4 Eine perfekte neue Welt

Unter den zahlreichen dystopieverdächtigen Neuerscheinungen dieses Jahres findet sich auch der Debütroman des britischen Autors Mike Lancaster. Dystopieverdächtig erscheint er deshalb, weil sowohl der deutsche als auch der englische Untertitel eine Verbindung zu Aldous Huxleys Anti-Utopie Brave New World nahelegen. Wer nun aber erwartet, eine weitere jugendliche Variante der Dystopie nach klassischem Strickmuster geboten zu bekommen, einen Roman also, in dem sich ein pubertierender jugendlicher Held (bzw. wie im diesjährigen Falle: Heldin) einer totalitären Fremdbestimmung (auch von seitens der Eltern, genauer: des Vaters) erwehren muss, – der wird enttäuscht werden. Denn Lancasters Romanvorhaben ist viel ambitionierter.


Der Inhalt

Die eigentliche Handlung des Romanes, die laut Herausgeberfiktion das Transkript von drei Tonbandkassetten darstellt, spielt in der beschaulichen Kleinstadt Millgrove. Der 15-jährige Kyle Straker berichtet, wie er sich mit seiner Freundin Lilly sowie seiner Lehrerin Kate O\’Donnell und dem mehr oder minder bauchsprechenden Mr. Peterson während des alljährlichen, vor allem von den jüngeren Beteiligten gefürchteten, Talentwettbewerbes der Kleinstadt von einem seiner Schulkameraden habe hypnotisieren lassen. Als die vier Beteiligten wieder zu sich kommen seien, habe nicht nur Mr. Peterson einen Nervenzusammenbruch erlitten, sondern alle anderen Menschen seien erstarrt gewesen. Alle technischen Geräte hätten nicht mehr funktioniert – darunter auch die Telefone. Was man bisher nur von Windows-Rechnern kannte, findet man, laut Kyle, nun auch bei iMacs: Sie zeigten merkwürdige Schriftzeichen, die kaum irdischen Ursprunges sein können. Als die Bevölkerung der Stadt sich wieder zu regen beginnt, wollen Kyle und Lilly erkennen, dass sich die restliche Bevölkerung von Millgrove verändert hat – und eine Aussschaltung der sogenannten 0.4 anstrebe. Mit Kate O\’Donnell und dem sich langsam wieder erholenden Mr. Peterson versuchen sie, aus der Stadt zu flüchten – doch vor dem, was die Welt mit einem Schlag verändert hat, gibt es kein Entkommen.


Rätselhafter Herausgeber


\r\nWie man schon an der Wiedergabe des Inhaltes merken dürfte, relativiert die Herausgeberfiktion selbst die geschilderten Ereignisse und thematisiert immer wieder in vermeintlich wissenschaftlicher Manier – aber höchst humorvoll und unterhaltsam – deren möglichen Wahrheitsgehalt. Dementsprechend werden die teilweise unvollständigen und sehr umgangssprachlichen Aufzeichnungen immer wieder von Anmerkungen unterbrochen, die einen Veröffentlichungszeitpunkt weit in der Zukunft nahelegen. Hieraus erklärt sich auch, warum schon auf der ersten Seite des Romanes eine Hinweis gegeben wird, wie mit einem so veralteten Medium wie einem Buch umzugehen sei. Fraglich ist, inwieweit die jüngeren Vertreter der vom Verlag breit anvisierten Altersgruppe (12-17 Jahre) mit einem solchen Erzählstruktur jenseits ihres Rätselcharakters umgehen können – zumal sich eine ganze Reihe humorvoller Anspielungen in den Kommentare nur den älteren Lesern erschließen dürften. Mit Blick auf das Ende des Romanes – das ich hier nicht verraten will, aber andeuten muss – ist der Ansatz aber in sich durchaus schlüssig.

Eine bunte Mischung

Der Roman wartet mit einer ganzen Reihe von Elementen unterschiedlicher Genres auf, die hier auf interessante Weise miteinander kombiniert werden. Mystery-Elemente (wie die Hypnose und paranormal wirkende Wesen) finden sich ebenso wie Szenen, die an bekannte Alien-Invasionsfilme erinnern. Dieses würde aber natürlich noch nicht den vom Oetinger-Verlag gewählten Titel Perfekte neue Welt erklären – wenn nicht das Ende auch noch in Richtung Utopie weisen und zudem auch noch die dystopische Stoßrichtung von Filmen wie Matrix und 13th Floor verfolgen würde.
Dabei muss man einfach feststellen: Eine Handlung, die in derartiger Weise verschiedene Genres inhaltlich und strukturell miteinander verknüpft und immer wieder Schwenks vollführen muss, bedarf ein wenig mehr des Raumes als hier den vom Autor zu knapp bemessenen 270 Seiten – zumal diese ja auch noch zu einem gewissen Teil aus Anmerkungen und Fußnoten bestehen. Darunter leidet nicht nur die Glaubwürdigkeit des von Kyle Geschilderten selbst – so zum Beispiel, wenn plötzlich Tentakel aus seinen alten Freunden wachsen oder sich Verfolger nähern, die nicht aus dieser Welt zu sein scheinen -, sondern auch die Charakterzeichnung der vier Hauptfiguren. Natürlich ließe sich hier theoretisch rechtfertigend ins Felde führen, dass es sich bei der Erzählung um die Niederschrift eines Tonbandes handele – was aber nichts daran ändert, dass die Kürze des Textes keinen Raum für Tiefe in der Figurengestaltung lässt. Um es kurz zu sagen: Lancasters wirklich interessantes Konzept hätte, um seine volle Wirkung entfalten zu können, in seiner Umsetzung viel mehr Raum gebraucht – und dann wäre vermutlich ein wirklich guter Science Fiction aus ihm geworden. Jetzt überwiegt beim – vermutlich aber nur älteren – Leser hingegen das Gefühl, dass es Lancaster nicht gelungen ist, die verschiedenen Teile seines Werkes in befriedigender Weise miteinander zu verbinden. Und das ist wirklich schade.


Fazit


Der wirklich interessante Ansatz Mike Lancasters kann seine Wirkung aufgrund des geringen Umfanges des Romanes leider nicht entfalten. Das Ergebnis ist ein zu kurzer – aber durchaus auch kurzweiliger – und lobenswert gewaltfreier Roman für die eher jüngeren Leser, selbst wenn diese so manche Anspielung nicht vertehen dürften. Seine Handlung ist zwar durchaus immer wieder spannend, der älteren Leserschaft jedoch dürfte er jener Momente ermangeln, welche SF-Romane benötigen, um eine Akzeptanz der fiktionalen Welt auf seiten des Lesers zu produzieren. Insofern erscheint mir die Altersempfehlung auch etwas zu großzügig zu sein.

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