James Dashner: Im Labyrinth

Es gibt Rezensionen, die sind unmöglich: Nicht, weil sie eloquent an einem Buch vorbei geschrieben sind  – auch das kommt gelegentlich vor -, sondern weil sie als Text, wie der hier vorliegende über James Dashners Jugendroman Die Auserwählten – Im Labyrinth, mit jedem Wort das Eigentliche unberührt lassen müssen, wenn sie dem Werk nicht seine rätselhafte Atmosphäre rauben wollen. Denn gerade diese macht den Roman aus.

Natürlich ahnen sowohl der jugendliche als auch erwachsene Leser deutlich , dass mit der Welt, die der Autor aus Georgia da entwirft, etwas nicht stimmen kann. Dass sie auch in der literarischen Fiktion nicht ‘real’  sein kann. Zu deutlich sind die Hinweise, wenn sich der 15-jährige Protagonist ohne Erinnerung an seine Vergangenheit im Zentrum eines riesigen Labyrinthes wiederfindet, dessen Wände nicht nur ihn und vier Dutzend seiner Altersgenossen jede Nacht auf der schützenden Lichtung einschließen, sondern auch den Weg zu einem potentiellen Ausgang verändern. Selbst wenn damit noch nicht viel verraten erscheint, beginnt man doch, dem Rätselraten des zwar verblüfften, aber insgesamt seltsam wenig verwirrten Protagonisten, vorzugreifen – auch wenn dieser schon von Beginn an weiß, dass er einer jener 8 Läufer werden muss, die jeden Tag aufs neue für die gut organisierte Gemeinschaft den Irrgarten auf der Suche nach einem Fluchtweg  durchstreifen und dabei den gefährlichen Griewern auszuweichen versuchen.

Sagt man aber nicht schon viel zuviel, wenn man feststellt, dass der spannende Roman natürlich nicht in das Genre der Fantasy gehört, sondern in das des Science Fiction? Weil mit der Hauptfigur, aus dessen Sicht der 480-Seiten-Roman erzählt wird, ununterbrochen der Leser nach einer rationalen und wissenschaftlichen Erklärung dafür sucht, dass die Schöpfer die Jungen mittels der Käferklingen, kleinen Maschinen, beobachten, jeden Tag ihre Gefangenen von einer merkwürdig künstlich wirkende Sonne vom regen- und wolkenlosen Himmel bescheinen lassen und zudem an der Klippe ihre Griewer, Mischungen aus Tier und Maschine, im Nichts verschwinden können? Und sogar um einen dystopischen Science Fiction, weil die von den Griewern verletzten Opfer angesichts ihrer teilweise wiedergewonnen entsetzlichen Erinnerungen an die “Welt da draußen” und geheimnisvollen “Brand” innerlich verstocken?

Vielleicht wäre es  besser, sich in der Besprechung eines solchen Jugendromanes einfach auf die Elemente der Handlung zu konzentrieren, die zu jedem gelungenen Vertreter des Genres gehören: Die Suche eines jungen Menschen nach sich selbst, seiner Bestimmung und seinem Platz in einer Gemeinschaft sowie die Frage nach dem Sinn des Daseins. Ersteres vorgeführt in der Übernahme des amüsanten jugendsprachlichen Wortschatzes durch den Frischling, zweiteres versinnbildlicht im klonck Labyrinth. Das beginnende Interesse an einem fremdenartigen Mädchen, das in merkwürdig enger Verbindung zum eignen Dasein steht – und das ein Ende der bisher bekannten Jungenwelt einläutet. Mit dessen Erscheinen es heißt: Alles wird anders werden.

An einem kommt man aber trotz aller neugierig machenden Verklausulierungen als Rezensent einfach nicht vorbei: An der Kritik des Missglückten: Hier am erzähltechnischen Patzer, wenn die Reflektorfigur gegen Ende plötzlich deus-ex-machina visonär die Lösung aller Rätsel findet, jene aber dem Leser unerwartet auktorial vorenthalten wird. Und der nicht glücklichen Entscheidung des 39-jährigen Autors, dem eigentlich gelungenen Showdown, der die spannende Handlung dieses Pageturners abschließen sollte, eine weitere Reihe von kleinen Abenteuern anzufügen, die in den zweiten Band überleiten, welcher im Englischen auch schon erschienen ist.

Fazit

Als Lösung bleibt eigentlich da nur, sich am Ende von der Sache selbst zu lösen auf das eigene Empfinden zurückzuziehen, indem man feststellt: Der erste Teil von James Dashners Trilogie Die Auserwählten ist so spannend und rätselhaft, dass selbst seine strukturellen Schwächen am Ende kaum zu Buche schlagen. Und letztendlich: Auf die deutsche Fortsetzung aus dem Chicken House Verlag zu warten.

Mike Lancaster: 0.4 Eine perfekte neue Welt

Unter den zahlreichen dystopieverdächtigen Neuerscheinungen dieses Jahres findet sich auch der Debütroman des britischen Autors Mike Lancaster. Dystopieverdächtig erscheint er deshalb, weil sowohl der deutsche als auch der englische Untertitel eine Verbindung zu Aldous Huxleys Anti-Utopie Brave New World nahelegen. Wer nun aber erwartet, eine weitere jugendliche Variante der Dystopie nach klassischem Strickmuster geboten zu bekommen, einen Roman also, in dem sich ein pubertierender jugendlicher Held (bzw. wie im diesjährigen Falle: Heldin) einer totalitären Fremdbestimmung (auch von seitens der Eltern, genauer: des Vaters) erwehren muss, – der wird enttäuscht werden. Denn Lancasters Romanvorhaben ist viel ambitionierter.


Der Inhalt

Die eigentliche Handlung des Romanes, die laut Herausgeberfiktion das Transkript von drei Tonbandkassetten darstellt, spielt in der beschaulichen Kleinstadt Millgrove. Der 15-jährige Kyle Straker berichtet, wie er sich mit seiner Freundin Lilly sowie seiner Lehrerin Kate O\’Donnell und dem mehr oder minder bauchsprechenden Mr. Peterson während des alljährlichen, vor allem von den jüngeren Beteiligten gefürchteten, Talentwettbewerbes der Kleinstadt von einem seiner Schulkameraden habe hypnotisieren lassen. Als die vier Beteiligten wieder zu sich kommen seien, habe nicht nur Mr. Peterson einen Nervenzusammenbruch erlitten, sondern alle anderen Menschen seien erstarrt gewesen. Alle technischen Geräte hätten nicht mehr funktioniert – darunter auch die Telefone. Was man bisher nur von Windows-Rechnern kannte, findet man, laut Kyle, nun auch bei iMacs: Sie zeigten merkwürdige Schriftzeichen, die kaum irdischen Ursprunges sein können. Als die Bevölkerung der Stadt sich wieder zu regen beginnt, wollen Kyle und Lilly erkennen, dass sich die restliche Bevölkerung von Millgrove verändert hat – und eine Aussschaltung der sogenannten 0.4 anstrebe. Mit Kate O\’Donnell und dem sich langsam wieder erholenden Mr. Peterson versuchen sie, aus der Stadt zu flüchten – doch vor dem, was die Welt mit einem Schlag verändert hat, gibt es kein Entkommen.


Rätselhafter Herausgeber


\r\nWie man schon an der Wiedergabe des Inhaltes merken dürfte, relativiert die Herausgeberfiktion selbst die geschilderten Ereignisse und thematisiert immer wieder in vermeintlich wissenschaftlicher Manier – aber höchst humorvoll und unterhaltsam – deren möglichen Wahrheitsgehalt. Dementsprechend werden die teilweise unvollständigen und sehr umgangssprachlichen Aufzeichnungen immer wieder von Anmerkungen unterbrochen, die einen Veröffentlichungszeitpunkt weit in der Zukunft nahelegen. Hieraus erklärt sich auch, warum schon auf der ersten Seite des Romanes eine Hinweis gegeben wird, wie mit einem so veralteten Medium wie einem Buch umzugehen sei. Fraglich ist, inwieweit die jüngeren Vertreter der vom Verlag breit anvisierten Altersgruppe (12-17 Jahre) mit einem solchen Erzählstruktur jenseits ihres Rätselcharakters umgehen können – zumal sich eine ganze Reihe humorvoller Anspielungen in den Kommentare nur den älteren Lesern erschließen dürften. Mit Blick auf das Ende des Romanes – das ich hier nicht verraten will, aber andeuten muss – ist der Ansatz aber in sich durchaus schlüssig.

Eine bunte Mischung

Der Roman wartet mit einer ganzen Reihe von Elementen unterschiedlicher Genres auf, die hier auf interessante Weise miteinander kombiniert werden. Mystery-Elemente (wie die Hypnose und paranormal wirkende Wesen) finden sich ebenso wie Szenen, die an bekannte Alien-Invasionsfilme erinnern. Dieses würde aber natürlich noch nicht den vom Oetinger-Verlag gewählten Titel Perfekte neue Welt erklären – wenn nicht das Ende auch noch in Richtung Utopie weisen und zudem auch noch die dystopische Stoßrichtung von Filmen wie Matrix und 13th Floor verfolgen würde.
Dabei muss man einfach feststellen: Eine Handlung, die in derartiger Weise verschiedene Genres inhaltlich und strukturell miteinander verknüpft und immer wieder Schwenks vollführen muss, bedarf ein wenig mehr des Raumes als hier den vom Autor zu knapp bemessenen 270 Seiten – zumal diese ja auch noch zu einem gewissen Teil aus Anmerkungen und Fußnoten bestehen. Darunter leidet nicht nur die Glaubwürdigkeit des von Kyle Geschilderten selbst – so zum Beispiel, wenn plötzlich Tentakel aus seinen alten Freunden wachsen oder sich Verfolger nähern, die nicht aus dieser Welt zu sein scheinen -, sondern auch die Charakterzeichnung der vier Hauptfiguren. Natürlich ließe sich hier theoretisch rechtfertigend ins Felde führen, dass es sich bei der Erzählung um die Niederschrift eines Tonbandes handele – was aber nichts daran ändert, dass die Kürze des Textes keinen Raum für Tiefe in der Figurengestaltung lässt. Um es kurz zu sagen: Lancasters wirklich interessantes Konzept hätte, um seine volle Wirkung entfalten zu können, in seiner Umsetzung viel mehr Raum gebraucht – und dann wäre vermutlich ein wirklich guter Science Fiction aus ihm geworden. Jetzt überwiegt beim – vermutlich aber nur älteren – Leser hingegen das Gefühl, dass es Lancaster nicht gelungen ist, die verschiedenen Teile seines Werkes in befriedigender Weise miteinander zu verbinden. Und das ist wirklich schade.


Fazit


Der wirklich interessante Ansatz Mike Lancasters kann seine Wirkung aufgrund des geringen Umfanges des Romanes leider nicht entfalten. Das Ergebnis ist ein zu kurzer – aber durchaus auch kurzweiliger – und lobenswert gewaltfreier Roman für die eher jüngeren Leser, selbst wenn diese so manche Anspielung nicht vertehen dürften. Seine Handlung ist zwar durchaus immer wieder spannend, der älteren Leserschaft jedoch dürfte er jener Momente ermangeln, welche SF-Romane benötigen, um eine Akzeptanz der fiktionalen Welt auf seiten des Lesers zu produzieren. Insofern erscheint mir die Altersempfehlung auch etwas zu großzügig zu sein.

Daniel Höra: Das Ende der Welt

Postapokalyptische Romane, die in den U.S.A. spielen, gibt es wie Sand am Meer nach einer richtig fiesen Klimakatastrophe. Beispiele aus heimischen Landen hingegen – zumal solche, die nach dem Ende des Kalten Krieges und der Atomkriegsangst der 80er Jahre entstanden sind – finden sich hingegen viel seltener. Mit seiner diesjährigen Veröffentlichung Das Ende der Welt im Bloomsbury-Verlag hat der in Berlin lebende Autor Daniel Höra nun die Jugendbuchlandschaft hierzulande um einen wirklich düsteren Vertreter des Genres bereichert.

Das, was von diesem (unserem) Lande in Höras dystopischer Vision nach einer namenlosen Katastrophe übrig ist, verdient kaum noch die Bezeichnung “Staat”. In den verwanzten nund heruntergekommenen Großstädten verschanzen sich die Menschen gegen die Gesetzlosigkeit, die in den undurchdringlichen Wäldern und auf dem Lande herrscht. Rebellen und Terroristen treiben ihr Unwesen. In der Hauptstadt Berlin herrscht eine als dekadent apostrophierte Senatorenkaste (die ein wenig an die Senatorenschicht im kaiserlichen Rom erinnert), über die in Armut und Elend lebenden Zefs im ganzen Lande, gestützt auf eine Soldatenkaste, deren Angehörige schon in frühester Kindheit ausgewählt werden. Zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen herrschen Abscheu, Misstrauen und Hass.

Auch der 15-jährige Soldat Kjell hegt solche Vorbehalte gegenüber den Zefs und der politischen Elite des Landes. Als er mit seiner Einheit jedoch nach Berlin verlegt und in eine politische Intrige verwickelt wird, bei welcher es um nicht weniger geht als der Frage, welchen Weg Deutschland in Zukunft nehmen soll, sieht er sich nicht nur von allen seinen Freunden verraten, sondern gerät auch in große Gefahr. Gemeinsam mit Leela, der Tochter des abgesetzten Kanzlers Amandus begibt er sich auch eine abenteuerliche Flucht vor seinen ehemaligen Kameraden und Häschern des neuen Machthabers General Cato durch die norddeutschen Niederungen.

Düsteres Szenario

Schon zu Beginn trumpft Höras Postapokalypse mit den düstersten Beschreibungen auf, um dem Szenario eine insgesamt gelungene trostlose Grundstimmung zu verleihen: Auf dem Lande rückt unter einem giftig-gelben Himmel Kindersoldat Kjell mit seinen erwachsenen Kameraden in neblig sumpfigen Wäldern zu einer brutalen Strafaktion gegen die in Schuldknechtschaft dahinvegetierenden Zefs aus. In Berlin kaserniert bedrücken die trostlosen Zustände selbst den Protagonisten – obwohl er sich eines Kommentars enthält:

In den Straßen türmten sich die Müllhaufen. Ratten wuselten scharenweise darauf herum und verteidigten sie gegen hungrige Zefs. Manchmal war es umgekehrt. Verwesende Hundekadaver säumten die Ecken. Unter einer Plane ragten die Füße eines Toten hervor, der kurz zuvor von einer Pferdebahn zerquetscht worden war. Nicht weit von unserem Quartier entfernt stand ein alter Turm, der wie ein riesiger Schlagstock aussah.

Vergleicht man Höras Beschreibungen postapokalyptischer Landschaften und Städte mit denen anderer Jugendromane, so schneiden erstere sehr gut ab. Während in Pfeffers Die Verlorenen von New York dutzende Male die gleichen Bilder bemüht werden, wiederholen sich Szenerien bei Höra nicht. Ferner schießen die sprachlichen Bilder – wie im oben zitierten Beispiel – nie über das Ziel hinaus, sondern treffen den Kern. Auch wenn man der Umgebungsbeschreibung noch deutlich anmerkt, welche Wirkung bei der jungen Leserschaft letztendlich intendiert ist, trägt vor allem der neutral konstatierende Ton des Ich-Erzählers dazu bei, dass sich letzteres nicht unangenehm in den Vordergrund schiebt. Stilistisch kann man bei einem Jugendroman kaum mehr verlangen.

Spannende Mischung

Auch Höras Mischung aus spannender Verfolgungsjagd, politischer Intrige und verhaltenem amourösen Abenteuer kann überzeugen. Obwohl die Flucht vor den Schergen General Catos weite Teilen des Romans bestimmt, gerät die Handlung dennoch nicht flach – ein Problem, an dem die meisten Romane, welche auf dieses spannungsfördernde Moment setzen, leiden. Tiefe verleiht der Handlung dabei nicht nur das Rätselraten um die (möglicherweise) in die Intrige verwickelten Figuren, sondern ebenfalls die Folgen, die sich daraus für Kjells Persönlichkeitsentwicklung ergeben. Auch der Charakter seiner Begleiterin Leela fordert Kjell diverse Male dazu heraus, über seine Weltsicht zu nachzudenken – und diese zu revidieren. Damit entwickelt sich Kjell trotz aller Defizite vor allem im letzten Drittel zu einer Persönlichkeit, mit der sich der jugendliche Leser identifizieren kann – und Am Ende der Welt selbst letztendlich zu einem Entwicklungsroman.

Eine gelungene Hauptfigur

Zu Anfang dürfte dem Leser die Identifikation mit dem Ich-Erzähler allerdings kaum gelingen. Höra entwirft ihn – mit Blick auf dessen Lebensgeschichte höchst glaubwürdig – als in seinem Horizont doch stark beschränkten jungen Menschen – und das nicht ohne Humor. Trotz seiner kämpferischen Fähigkeiten droht der Protagonist damit an keiner Stelle zum Superhelden zu geraten. Als Kindersoldat sind Kjells Welterklärungen und Wertvorstellungen vielmehr stark durch die seit Jahren genossene spartanische Konditionierung geprägt. Damit dürfte er bei einigen der jungen Leser zu Beginn auf Ablehnung stoßen – diese aber auch dazu veranlassen, in Distanz zur Figur darüber nachzudenken, wie Kjell zu seinen Ansichten gekommen ist. Erst langsam, wenn in zunehmenden Maße Kjells Wertesystem ins Wanken kommt und dieser – teilweise vergeblich – gegen seine Prägung ankämpft, leidet und fiebert man mit ihm mit – und verzeiht ihm, dass er zuvor in überheblicher Weise beispielsweise Leelas Ausführungen über Fernsehgeräte abgelehnt und diese rätselhaften Geräte selbstsicher ins Reich der Mythen verwiesen hat. Höras Hauptfigur ist damit mit Sicherheit eines nicht: stereotyp.

Höras Ende der Welt: Zweimal kein Schluss

Verwundert blickt man aber als Leser am Schluss des Romanes zurück und fragt sich: “Wieso trägt der Roman einen solchen Titel?” Denn weniger als Das Ende der Welt selbst wird hier der Kampf um einen Neubeginn, persönlich wie gesellschaftlich, thematisiert. Vielleicht träfe Am Ende der Welt oder besser noch: Nach dem Ende den Inhalt genauer. Unter letzterem ist dieses Jahr aber schon ein Roman von Alden Bell erschienen, der eine ebensogute Mischung bietet – wenn auch nicht gerade für die jüngere Leserschaft.

Gestört hat mich persönlich auch, dass das Ende des Romanes keines ist, sondern dass überflüssigerweise auch noch eine kurze Herausgeberfiktion (Kjell, der 34.) einschließlich eines kleinen Wörterbuches angeschlossen wird. Auch wenn vor allem letzteres immer wieder schmunzeln lässt, erschließt sich mir seine Funktion als humoristisches Add-On für den Roman nicht.

Fazit

Ich kann Daniel Höras postapokalyptisches Jugendbuch Das Ende der Welt wirklich nur empfehlen: Neben düsteren Beschreibungen kommt das Buch mit einer so gar nicht stereotypen Hauptfigur daher, deren Charakterzüge den jugendlichen Leser durchaus ins Grübeln bringen dürften. Und vor allem: Spannend ist die Handlung von der ersten bis zu letzten Seite.

Susan Beth Pfeffer: Die Verlorenen von New York

Als 2006 die amerikanische Autorin Susan Beth Pfeffer ihren apokalyptischen Roman Die Welt wie wir sie kannten  veröffentlichte, waren die meisten Rezensenten dieseits und jeneits des Atlantiks voll des Lobes: Die Geschichte präsentiere mit der 16-jährigen Miranda eine sympathische Hauptfigur, die so gar keine typische Heldin sei und zeige inmitten eines düsteren und bedrückenden Szenarios den Wert der Familie – so dürfte der Tenor ungefähr lauten, wenn man ihn kurz und knapp zusammenfassen will.

Ähnliches ließe sich wohl aber auch über den Nachfolgeband Die Verlorenen von New York sagen: denn obwohl diesmal ein 17-jähriger Sohn von puertoricanischen Einwanderern im Zentrum der Handlung steht und Pfeffer die Handlung aus dem ländlichen Raum in ihre Heimatstadt am Hudson verlegt, ähnelt sich die Handlung die  beiden Werke durchaus – und dass nicht nur, weil in beiden Romanen ein Asteroid den Mond aus seiner Umlaufbahn wirft.

Städtisches Familienleben

Während in Die Welt wie wir sie kannten Mirandas Mutter das Überleben der Familie sicher stellen muss – und insofern die eigentliche – und manchmal nicht sehr glaubwürdige – ‘Heldin’ ist, fällt in Die Verlorenen von New York dem Protagonisten des Romanes, Alex Morales, diese Aufgabe zu; denn er und seine Schwestern Bri und Juli warten nach einem verheerenden Tsunami – nicht wie Miranda auf einen Bruder, obwohl sie diesen auch noch vermissen – auf die Rückkehr ihrer Eltern. Während Alex‘ den Verlust nach und nach akzeptieren bzw. realisieren kann, ist dieses bei Bri bis zuletzt nicht der Fall. Es ist dieser Glaube an die Rückkehr der Vermissten, der die drei höchst unterschiedlichen Geschwister in einer Stadt verharren lässt, die nicht nur zunehmend leerer, sondern auch immer lebensfeindlicher wird: Und so muss der intelligente und selbstkritische Alex inmitten einer Welt aus Hunger, Seuchen und Gesetzlosigkeit für die Überlebenden seiner Familie sorgen – und wie Miranda wächst er mit den Herausforderungen. Die größte dabei ist – wer kennt das nicht –  nicht selten die eigene Familie. Ihr  Funktionieren aber, so die Grundaussage beider Romane, ist von überragendem Wert – und letzteren führt Pfeffer nun auch immer wieder vor, wenn sich die kleinste Zelle der Gesellschaft als funktionierende Lebensversicherung des Individuums in Zeiten der Not beweist.

Bedrückende Untergangsstimmung

Und so dominieren abermals die zwischenmenschlichen Konflikte die Handlung des Romans – wenn auch nur streckenweise: Denn hier zeichnet Pfeffer sehr viel deutlicher – wenn auch immer noch verhalten und dem Alter der anvisierten Leserschaft angemessen – ein Bild des Untergangs. Während in Die Welt wie wir sie kannten nur verschämt eine auf Linnen “schlafende” Tote präsentiert wurde, pflastern nun verwesende Leichen mit potentieller Beute am Leib den frostigen Asphalt der amerikanischen Metropole. Dementsprechend düster gerät die Stimmung auch, obwohl sie – das darf man nicht verschweigen – an die Atmosphäre der Endzeitliteratur für Erwachsene nicht heranreicht: Während ein kleiner Hungeraufstand präsentiert wird, sucht man umfangreiche Plünderungen vergebens. Aber noch anderes verblüfft: So befindet sich der Erzähler zwar im Besitz einer Pistole, die er beim Leichen-Shopping zusammen mit seinem besten Freund erbeutet hat, aber benutzen kann er sie, als er sie dann tatsächlich braucht, nicht – stattdessen wird mit einem Konservendosenwurf der überraschend rückzugswillige Angreifer in die Flucht geschlagen. Der spannenden Handlung aber tut das keinen Abbruch – dafür kämen als Kandidaten eher die zunehmend nervigen Streitereien der Geschwister in Frage.

Die Katholische Kirche im Zeichen Apokalypse

Obwohl er manchmal Überhand nimmt, erfüllt der familiäre Zwist seinen Zweck. Besser als in Die Welt wie wir sie kannten ist Pfeffer in Die Verlorenen von New York die Zeichnung glaubwürdiger Figuren gelungen. Leider hat sie diese aber mit einem Charakterzug versehen, der sich vor allem in den ersten Kapitel unangenehm in den Vordergrund schiebt – allerdings dürfte diese Einschätzung nicht nur Geschmackssache, sondern vor allen Dingen eine Glaubensfrage sein: Da die drei Figuren AlexBria und Juli einem hochkatholischen Milieu entstammen, werden nicht nur ununterbrochen Gebete gesprochen und Rosenkränze gedreht, sondern auch groteske Tischgespräche über die Funktionen von Heiligen geführt. Und da die drei auch noch von zornig wirkenden, aber innerlich sanften Geistlichen geführte Schulen besuchen, beteiligt sich an derartigen Diskussionen auch noch das soziale Umfeld, das die Gedanken der willigen Jugendlichen hin und wieder auf eine zukünftige Karriereplanung als Nonne oder Priester lenkt. Zur Familie als einzig verlässlicher gesellschaftlicher Instanz aus Die Welt wie wir sie kannten gesellt sich hier nun also die katholische Kirche als jene Einrichtung, welche sich als letzte von ihren caritativen Aufgaben aus der vom Staat zum Untergang verurteilten Stadt zurückzieht und zahlreiche Kinder in ihre ländliche Obhut nimmt (während in den Auffanglagern des Staates schreckliche Zustände herrschen).

Fazit

Pfeffers Die Verlorenen von New York ist trotz manchmal überhand nehmenden Familienzwistes ein spannend zu lesender altersangemessener Weltuntergangsroman für Jugendliche ab 14 Jahren, inmitten dessen düsterer Atmosphäre leider dröhnend die Werbetrommel für eine religöse Gemeinschaft gerührt wird.

Welt in Flammen. Der Dritte Weltkrieg – Schauplatz Europa

John Hacketts Welt in Flammen aus dem Jahre 1982 bietet eine aktualisierte und um die globale Perspektive erweiterte Variante des schon in Der Dritte Weltkrieg entworfenen Szenarios: Wieder überfällt die U.d.S.S.R. am 4. August 1985 hinterrücks die Mitgliedsstaaten der N.A.T.O.; wieder gelingt es den Streitkräften des westlichen Verteidigungsbündnis unter Einschluss des französischen Militärs nur knapp, den Vormarsch der russischen Dampfwalze vor der niederländischen Grenze zu stoppen; und wieder explodieren über Birmingham und Minsk Nuklearsprengköpfe, woraufhin das kommunistische Reich an seinen Nationalitätengrenzen zerbricht.

Neu ist: Das Buch ist noch unlesbarer als sein Vorgänger. Dieser hatte zwar ebenfalls deutlich, aber wenigstens semi-literarisch verkleidet, die Forderung nach einer stärkeren konventionellen Rüstung gestellt – nun ergeht sich Hackett aber kapitelweise über den Rüstungsstand der verschiedensten Waffensysteme auf beiden Seiten (zu Wasser, zu Lande und in der Luft), um dann festzustellen: Hätte man von diesem Panzer oder jenem Geschütz, Flugzeug, Minenräumer 1000 mehr gekauft, hätte der sowjetische Angriff schneller gestoppt werden können. Dabei verfolgt Hackett immer die gleichen Argumentationsstrategien: Dumm und ahnungslos sind die einen, die keine weiteren Milliarden locker machen wollten – aus sowjetischen Kassen finanziert hingegen die anderen, die im Zuge der Friedensbewegung gegen den Rüstungswettlauf – und vor allem die Nachrüstung – protestieren.
An noch weniger Stellen als in Der Dritte Weltkrieg montiert Hackett literarisierte Augenzeugenberichte, Briefe oder Schlachten ein, diesmal ergänzt um die sowjetische Perspektive. Und auch da überschreitet das Gebotene, wie auch der vom umsichtigen Bertelsmann-Verlag beigelegte Kommentar eines damaligen Vertreters der Friedensbewegung richtig feststellt, schnell die Schmerzgrenze: Ohne sich auch nur die Mühe zu machen, auf \“Kollateralschäden\“ einzugehen, wird der erfolgreiche Einsatz von B-52-Bombern, die mal eben 40 Quadratkilometer bundesdeutschen Boden mitsamt der darauf aufmarschierten Roten Armee (und der ansässigen Bevölkerung) umpflügen, gefeiert; dafür ist den Soldaten des teuflischen Aggressors das Rote Kreuz gänzlich unbekannt – obwohl an anderer Stelle explizit darauf hingewiesen wird, dass jeden Tag 40 Millionen Russen sehnsüchtig BBC und Deutsche Welle hören; da werden von KGB-Sperrregimentern bewachte Strafbatallione in stalinistischer Manier an der Front verheizt, während an anderer Stelle Panzerfahrzeuge durch die mit Flüchtlingen gefüllten Straßen rasen. Und hier finden die zivilen Opfer natürlich Beachtung.

Fazit

Selten habe ich mich derartig durch ein Buch kämpfen müssen wie durch Hacketts Welt in Flammen. Selbst wenn man von den eindeutigen Intentionen des Autors und der klischeehaften Darstellung des ideologischen Gegners absieht – die literarische Schmerzgrenze der meisten Leser dürfte hier weit überschritten sein.