Kenzaburo Oe: Therapiestation. Ein Roman aus der nahen Zukunft

In meiner Welt haben Tomas Tranströmer, Mario Vargas Llosa, Harold Pinter und Gao Xingjian zwei wichtige Dinge gemeinsam. Zum ersten haben sie alle den Literaturnobelpreis erhalten. Und zum zweiten: Ihre Namen sagten mit bis zum Tage der Preisverleihung überhaupt absolut so gar nichts.  Und wenn einem schon die literarischen Fixsterne der Gegenwart unbekannt sind, dann verwundert man sich auch nicht mehr ob der eigenen Unkenntnis hinsichtlich der Preisträger des 20. Jahrhunderts – den lebenden wie verstorbenen gleichermaßen. Deshalb musste mich auch eine Leserin meines Blog darauf hinweisen, dass der Literaturnobelpreisträger von 1994, Kenzaburō Ōe, vier Jahre vor seiner Nominierung einen dystopischen Science Fiction Roman verfasst hatte: Therapiestation.

Therapiestation ist ein sehr seltsames Stück Literatur – und das, obwohl ich mich langsam daran gewöhnt habe, dass japanische Romane sehr häufig nicht meinen wohl doch sehr europäischen Erwartungen entsprechen. Am Plot liegt dieses aber sicher nicht: In einer von Atomkriegen, Reaktorkatastrophen und Umweltverschmutzung ruinierten Welt, deren ökonomisches und ökologisches System noch durch den Aufbruch der wissenschaftlichen, politischen und künstlerischen Eliten zu einer Neuen Erde vor wenigen Jahren endgültig ruiniert worden ist, beginnen die Zurückgebliebenen ihr Leben gerade wieder zu ordnen, als sie die Meldung erreicht, dass das Siedlungsprojekt der Starship Gesellschaft gescheitert sei und die Erwählten zurück auf dem Weg zur Erde. Letztere denken aber nach ihrer Rückkehr nicht daran, ihren Sonderstatus aufzugeben; vielmehr beginnen sie eine streng abgeschlossene Parallelgesellschaft zu errichten als auch ihre alten Machtpositionen auf der Erde wiedereinzunehmen. Zudem erscheinen sie seltsam verjüngt und – nicht nur im Vergleich mit den kränkelnden Zurückgebliebenen – beeindruckend gesund.

Ōe entwickelt hier eine geradezu klassische Ausgangssituation: Die sympathischen Underdogs spielen auf einer bedrückend beschriebenen weil zerstörten Welt im Kampf um die Macht gegen die überheblichen Bösen, während im Hintergrund ein namenloses Geheimnis zu stehen scheint. Zudem gibt es eine Untergrundorganisation, die schon vor dem Großen Aufbruch aktiv gewesen ist und die sich nun wieder gegen die Starship Gesellschaft wendet. Das könnte spannend werden.

Die Welt als Familie

Das Eigentümliche des Romanes ist die Art und Weise, wie diese Handlung präsentiert wird: Denn erzählt wird aus der Perspektive einer Zurückgebliebenen, der jungen Ritchan, die nicht nur Takashi, den Kommandanten der Raumschiffflotte, \‘Onkel\‘ nennt, sondern zu allem Überfluss auch noch jenen Helden, dem es gelungen ist, durch sein ökonomisches System die Wirtschaft der Erde zu stabilisieren. Unglaubwürdig wird hier Welthistorie zum Mikrokosmos einer japanischen \’Familie\‘ eingedampft, denn natürlich hat sie auch gute Kontakte zur von \‘Onkel Hanawa\‘ geleiteten Widerstandsbewegung, in deren utopischer Öko-Kommune sie zuletzt auch weilen darf. Erweitert wird der Plot dieser critical dystopia zudem um das Königskindermotiv – denn natürlich ist die Erzählerin in den zurückgekehrten jungen Techniker Sakuchan, den Sohn von Onkel Takashi, verliebt. Und er auch in sie. Und so kommt es, wie es kommen muss – vom ermüdenden Philosophieren über Yeats-Zitate bis zur haarstäubenden Zeugung eines \’verbotenen\‘ Kindes ist es nicht weit.

Von der Sauberkeit des Stiles

Merkwürdig und geradezu grotesk ist auch die Distanz der Erzählerin zum Geschehen. Nicht, dass das gemeinsame Hersagen der englischen Hochliteratur vor dem semi-apokalyptischen Hintergrund nicht schon skuril genug wäre, aber die Ich-Erzählerin schildert das Geschehen um sie herum in Worten, bei denen der empfindsame Leser einfach nur den Kopf schütteln kann. Besonders deutlich wird dieses bei den konstruiert wirkenden und – wie in japanischer Literatur so häufig – zu Beginn sogar mit einer Beinahe-Vergewaltigung aufwartenden Liebesszenen:

Sakuchan umfing mich – denn die Stimme war nur im Moment laut, dann erstickte sie in Tränen -, er hielt mich mit der Verlässlichkeit eines gestandenen Mannes und gleichzeitig mit dem jugendlichen Körper eines Knaben. Es gelang uns, den Geschlechtsverkehr der ersten Zeit, der, erinnere ich mich daran, so viel Erbärmliches enthalten hatte, ganz und gar und ohne Einschränkungen gutzumachen.

In einem so sachlichen, sauberen, und elaboriert hypotaktischen Stil  – kurz: gut erzogenen – ist mir  (ich wage das Wort nach solchen Zeilen kaum zu benutzen)  Sex  in der Literatur noch nicht begegnet (sieht man einmal vom ungeheuren Bindestrich in Kleists Werk ab).

Der Autor als Spannungskiller

Nicht nur aufgrund der Distanz und der weitgehenden Passivität der Erzählerfigur – Protagonistin möchte man Ritchan kaum nennen – kommt über die gut 220 Seiten des Romanes kaum so etwas wie Spannung auf – und das scheint durchaus intendiert zu sein. Selbst der klassische Showdown (diesmal allerdings im heimischen Wohnzimmer) wird von Ōe als Spannungselement bewusst durch die Zeitstruktur des Werkes ausgehebelt:

Großmutter saß in ihrem Stuhl und war, die Laserpistole auf der Wolldecke des Schoßes, eingeschlafen. Aber das Zimmer war nach Sakuchans Weggang keineswegs die ganze Zeit über in eine so friedliche Atmosphäre getaucht gewesen…

Erklären kann ich mir ein solches Vorgehen nicht. Vielleicht intendiert Ōe damit, künstlich Reflektion und Introspektion der Hauptfigur  weiter im den Vordergrund zu plazieren – überzeugend wäre das aber nicht. Vielleicht sind Spannung und authentische Liebesszenen auch einfach nicht (hoch-)literarisch genug. Das würde immerhin auch erklären, warum beständig Autoren des 19. Jahrhunderts bemüht werden, um der Handlung des Romanes auf einer zweiten Ebene Tiefgang zu verleihen. Immerhin wird ja selbst das Geheimnis der Therapiestation zum metaphysischen Symbol von Ende, Neuanfang und Wendepunkt bzw. Bestimmung aufgepeppt.

Fazit

Der Roman Therapiestation von  Ōe versucht offensichtlich mit verschiedensten Mitteln literarischen ‚Tiefgang“ zu erzeugen. Überzeugen kann das nicht – zumal mich nicht nur immer wieder Verwunderung, sondern leider auch häufig Langeweile erfasste. Nun gut: Mir bliebt der Zugang zu dieser Hochliteratur leider versperrt. Aber mir sagte ja neben Tomas Tranströmer, Mario Vargas Llosa, Harold Pinter und Gao Xingjian auch der Name des Nobelpreisträgers Kenzaburō Ōe nichts.

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