Sara Grant: Neva

In der Flut dystopischer Jugendbücher, die dieses Jahr aus den U.S.A. kommend über den deutschen Buchmarkt hereingebrochen ist, findet der am Genre interessierte Leser seit März auch Sara Grants Roman Neva, der vielerorts – besonders von der weiblichen Leserschaft – begeistert aufgenommen worden ist.

Wie zahlreiche andere ihrer Mitstreiter(innen) vermilzt die gebürtige US-Amerikanerin Grant in ihrem ab 13 Jahren geeigneten Roman die bekannten Elemente der klassischen Dystopie mit denen des Liebes- und Abenteueromanes – und sichert sich so das Interesse einer Leserschaft, die sich von der Handlung mehr erwartet als „nur“ einen sich langsam entwicklden Konflikt zwischen Individuum und Unterdrückungsstaat. Um ihr Ziel zu erreichen, verzichtet sie auch nicht darauf, ihre junge weibliche Leserschaft schockieren zu wollen.

Unter der schützenden Kuppel der Protektossphäre, die ihre Bewohner von der vergifteten Außenwelt abschirmt, erwartet den Leser also nicht nur gleich zu Beginn die Rebellion der 16-jährigen Neva gegen ein System, das alle Menschen zu entsetzlicher Uniformität zwingt (und somit auch gegen ihren Vater, der als Repräsentant des Systems präsentiert wird, wie in Katie Kacvinkskys Rebellion der Maddie Freemann), sondern auch eine Dreiecksbeziehung: Die Ich-Erzählerin Neva hat sich in Braydon, den Partner ihrer besten Freundin Sanna verliebt – und dieser sich offensichtlich auch in sie. In nuce findet sich diese konsequente Anlage des Romanes schon im ersten Kapitel, das in medias res  und – als Vorsichtsmaßnahme – im schützenden Dunkel des elterlichen Wohnzimmers beginnt: Bei dem Versuch, ihre Altergenossen zum Widerstandes gegen die Protektosphäre zu organisieren, weil die Kinder zu früher Heirat und Elternschaft erzogen bzw. bewegt werden, küsst der Angebetete Neva. Dementsprechend häufig kehren auch die Gedanken der Protagonistin zu dem motorradfahrenden Braydon in seiner \’coolen\‘ Lederkluft zurück, wenn sie nicht gerade mit der Planung von gefährlichen Protestaktionen oder der Flucht vor den Behörden beschäftigt ist. Und natürlich muss sie sich auch wie Katniss aus Suzanne Collins ‚ Die Tribute von Panem zwischen zwei Verehrern entscheiden

Erweitert wird diese für junge Leserinnen sicherlich verführerische Einleitung, an die sich teilweise spannende Sequenzen anschließen, wenig später durch zahlreiche fesselnde Rätsel, deren Klärung sich die zu Beginn recht unsichere, später aber manchmal unglaubwürdig gerissene und selbstbewusste Protagonistin vornimmt: Warum verschwinden immer mehr Menschen auf rätselhafte Weise? Entspricht es tatsächlich den Tatsachen, dass jenseits der Barriere kein Leben mehr möglich ist? Und warum legt der Staat so viel Wert darauf, dass seine Bürger so früh wie möglich Familien gründen – wenn doch die Versorgung anscheinend immer schlechter wird? Angesichts dieser bohrenden Fragen ist es der neugierigen Neva später gar nicht so unrecht, dass ihr priveligierter Vater, der als Historiker die Geschichte der Protektosphäre „schreibt“, sie dazu zwingt, eine Anstellung in seinem Ministerium anzunehmen. Nach und nach entdeckt Neva, dass nicht nur die Bevölkerung über die wahren Tatsachen belogen wird, sondern auch dass ihre verschwundene Großmutter vermutlich noch lebt. Außerhalb.

Bis zu diesem Punkt kann man den Roman, in dessen Motivschichtung man durchaus Anleihen aus Orwells Klassiker 1984 erkennen kann (z.B. in dem durch die Protagonistin heimlich geführten Tagebuch sowie dem priveligierten „beruflichen“ Zugang zur gesperrten Vergangenheit) als gelungenes Jugendbuch bezeichnen. Doch dann übernimmt sich Grant bei dem Versuch, mit Schockelementen ihre Leserschaft an der empfindlichsten Stelle zu treffen: Der auch in genetischer Hinsicht degenerierende Staat entführt die heranwachsende weibliche Bevölkerung und \“besamt\“ sie unter Drogen in konzentrationslagerähnlichen Einrichtungen vor den Toren der Stadt. Einfallslos und hochgradig konstruiert gelingt Neva der Zugang zu diesem sensiblen Bereich. Voraussehbar braust während der unglaubwürdigen Flucht der entwürdigten Insassen der Held auf seinem heißen Ofen heran und rettet die in Notlage geratene Prinzessin. Und natürlich darf die Vaterfigur zwar insgesamt unsensibel und autoritär, aber nicht widerspruchs- und rückgratlos Teil dieses perversen Systems sein. Dementsprechend verhilft er Neva auch zur Flucht durch den Tunnel, an dessen Ende, nach mehrfachen überflüssigen Wendungen, im warmen Licht einer neuen Welt, tot geglaubte Verwandte warten.

Fazit

Sarah Grants zu Beginn gelungener Jugendroman Neva weist im letzten Drittel zunehmend Schwächen in Konstruktion, Inhalt, Figurenzeichnung und Geschmack auf, die seine Qualität sehr deutlich schmälern.

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