Paolo Bacigalupi Biokrieg

Rezension des Science-Fiction-Romans ‚Biokrieg‘ von Paolo Bacigalupi

Auf eine der Neuerscheinungen dieses Jahres war ich wirklich gespannt: auf Paolo Bacigalupis Roman Biokrieg, der 2010 unter seinem Orginaltitel The Windup Girl mit dem Hugo-Award und dem Nebula-Award ausgezeichnet wurde. Vielversprechend klang der Inhalt: Eine Welt der nahen Zukunft, der das Öl genauso ausgegangen ist wie die Artenvielfalt, dazu steigende Meeresspiegel, Gentechnikkonzerne, die das Schicksal der Länder bestimmen; vom Menschen geschaffene Krankheiten welche die Bevölkerung ganzer Regionen dahinraffen. Und dennoch ging im Februar mein erster Versuch, die 600 Seiten zu lesen fehl: In der Mitte des Romanes verließen mich meine Kräfte. Nun folgte nach 10 Monaten endlich der zweite Anlauf. Das Ergebnis diesmal: Trotz des Einfallsreichtums des Autors und der düsteren Zukunftvision – gerade noch geschafft.

Der Roman gewinnt durch den für einen SF-Roman selten exotischen Handlungsort Thailand genauso wie aufgrund der fremdartig wirkenden Technik. So manchem Leser dürfte es aber aus genau diesen Gründen auch schwer fallen, einen Zugang zu Bacigalupis Vision einer Zukunft zu finden, in der riesige Megodonten im Kreis marschieren, um industriell Spannfedern aufziehen, und in welcher die meisten technischen Gerätschaften, selbst die wenigen Computer, die es noch gibt, mit Handkurbeln betrieben werden.

Bacigalupi erzählt seine Geschichte aspektreich aus der Perspektive von fünf Figuren: Aus der von Anderson Lake, einem Spannfederfabrikbesitzer, dessen eigentlicher Beruf aber darin besteht, für einen der Gentechnikkonzerne in Bangkok neues genetisches Material zu finden – denn Thailand ist nicht nur eines der wenigen Länder, das sich dem Zugriff der Konzerne bisher entziehen konnte, sondern es verfügt auch über eine legendäre Samenbank, mittels derer es den von den Konzernen entworfenen Krankheiten auch in Zuunft trotzen könnte. In Andersons Fabrik arbeitet zudem der Chinese Hock Seng, der vor allem an seinem beruflichen bzw. wirtschaftlichen Aufstieg arbeitet, denn seinen eigenen Konzern hat er bei ethnischen Auseinandersetzungen in Malaysia verloren. Einen Einblick in die innerthailändischen Verhältnisse erhält der Leser vornehmlich durch die Perspektiven von Jaidee und Kenya. Beide sind Weißhemden, die im Auftrage des Umweltministeriums rücksichtlos gegen potentielle Bedrohungen des Staates vorgehen. Während Hauptmann Jaidee aufgrund seiner Unbestechlichkeit sowohl zum Volksheld als auch zum Gegener des mächtigen Handelsimperiums wird, spielt Kenya ein doppeltes Spiel: Denn sie will Rache an den Weißhemden nehmen, die einst ihr Dorf im Kampf gegen eine Seuche niedergebrannt haben und steht zudem in den Diensten des Handelsministeriums. Nach dem Tode Jaimees übernimmt sie aber nicht nur seinen Posten als Hauptmann, sondern muss sich endgültig entscheiden, auf welcher Seite sie stehen will – und welche Zukunft ihres Landes sie will. Alle vier Figuren besitzen deutliche charakterliche Defizite: Für ihre eigennützigen oder idealistischen Ziele gehen sie samt und sonders über Leichen – im wahrsten Sinne des Wortes. Mit keiner von ihnen kann sich der Leser letztendlich identifizieren, mit keiner der Figuren fiebert der Leser mit. Distanziert führt uns Bacigalupi die Menschen und Mechanismen einer erschreckenden Zukunft vor Augen; daraus folgt aber auch, dass Kenyas Ränkespiele, Andersons Intrigen und die Kabale des Handelsministeriums, welche letztendlich Jaimees Tod zur Folge hat, mich als Leser wenig interessieren – sondern vielmehr ermüden.

Einen Lichtblick bietet da die fünfte und letzte Hauptfigur, die sich deutlich von den vorhergehenden unterscheidet: Emiko. Emiko ist Japanerin. Emiko ist von ihrem ehemaligen Besitzer in Thailand zurückgelassen worden. Emiko muss ununterbrochen um ihr Leben fürchten, weil sie den thailändischen Behörden verhasst ist, denn Emiko ist kein Mensch, sondern ein gentechnisches Produkt: ein Aufziehmädchen, das sich mit ihren verräterisch zuckenden Bewegungen nicht unerkannt durch die Straßen der Stadt bewegen kann. Wenn die Menschen nicht mit Abscheu auf sie reagieren, so betrachten sie sie von oben herab oder vergehen sich an ihr. Denn Emikos Programm lässt sie nicht nur immer wieder nach einem Herren suchen, sondern auch jedem gehorchen – trifft er nur den richtigen (Befehls-)Ton. Und dennoch: Das Aufziehmädchen Emiko ist die einzige Fgur, mit der sich der Leser identifizieren kann – und dessen Geschichte wirklich zu fesseln vermag. Dementspechend ist es auch richtig, dass der Roman im Englischen nach ihr benannt ist: Denn sie ist die eigentliche Hauptfigur des Romans, von der zuletzt sogar die Vision einer ganz neuen Welt ausgeht. Leider ist der Anteil des Handlungsstranges um Emiko nicht groß genug, als dass er die Längen der anderen vier aufwiegen könnte – auch wenn Bacigalupi zuletzt nach und nach die Fäden gekonnt zusammenführt und am Ende die Handlung an Geschwindigeit gewinnt.

Fazit

Bacigalupis vielgelobter Roman Biokrieg wartet, wie man es von guter Science Fiction erwartet, mit viel Einfallsreichtum und einer umfassend geschilderten, düsteren Zukunft auf, die nachdenklich macht; aufgrund der sich aus der Anlage ergebenden Distanz des Lesers zum Geschehen ermüdet der Text jedoch auch stark. Es ist letztendlich nur die faszinierende Geschichte Emikos, welche den Leser die 600 Seiten überhaupt bewältigen lässt. Ich hatte mir von einem Roman, der derart mit Preisen überschüttet wird, mehr versprochen.

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