Douglas Keeney: Der Jüngste Tag. Das offizielle Atomkrieg-Szenario der US-Regierung

Eine Rezension von Rob Randall

Die Veröffentlichung der 1958 von der US-Regierung zusammengestellten Geheimstudie, kurz Emergency Plans Book genannt, durch L. Douglas Keeney im Jahre 2oo2 bietet einen Einblick in die Atomkriegsplanungen der Eisenhower-Regierung. Dieses deprimierende Dokument, das im Orginal nur für kurze Zeit der Öffentlichkeit zugänglich war, unternimmt es, ausgehend von einem angenommenen massiven sowjetischen Erstschlag, die Lage in den U.S.A. zu prognostizieren.

Obwohl die Veröffentlichung aus dem Siegler-Verlag gut 125 Seiten umfasst, macht der Text der geheimen Untersuchung selbst davon nur gut 40 Seiten aus. Denn ergänzt wird der Text der Orginalquelle durch Anmerkungen von Keeney in der gleichen Länge. Beidem vorgeschaltet wird zudem neben einem kurzen Vorwort des Übersetzers und einem umfassenderen des zweiten Herausgebers Stephen Schwartz eine Einleitung von Douglas Keeney – weswegen der Entstehungskontext der Quelle zwar gut deutlich wird – allerdings auch eine ganze Reihe inhaltlicher Redundanzen zu bemerken ist.

Zu Beginn überrascht das, was Keeney da aus den Anfangszeiten des Kalten Krieges zu Tage gefördert hat, kaum: Die amerikanischen Verfasser gehen von einer den U.S.A. technologisch ebenbürtigen, wenn nicht sogar überlegenen U.d.S.S.R. aus; Abfangversuche seitens der Air Force gelingen nur zum Teil; angegriffen werden militärische, industrielle und Bevölkerungszentren. Das Ergebnis im schlechtesten Falle: 25 Millionen Tote und 25 Millionen Verletzte. So realistisch die Planspiele auf den ersten Blick auch klingen – sobald es an die Frage des Überlebens geht, erscheinen die Ausführungen verblüffend paradox. Auf die optimistische Einschätzung, dass die Wiederherstellung [der] Wirtschaft… möglich und notwendig sei, da neben 100 Millionen Menschen riesige Materialressourcen bestehen blieben, folgen zahlreiche weitere, die erstere geradezu ad absurdum führen: Der Regierung entgleite die Kontrolle über weite Teile des Landes, die Gesellschaft zerbreche in lokale Gruppen, die sozialen Standards und Werte würden zerstört und die normalen Produktionsprozesse gänzlich unterbrochen. Dennoch unterscheidet die Untersuchung im nächsten Abschnitt nicht nur Überlebensphase von Aufbauphase, sondern plant das, was angesichts der zuvor geschilderten Verhältnisse kaum noch möglich erscheint: Viele Gebiete sind von derartiger Bedeutung, dass Dekontaminierungsmaßnahmen vorgenommen werden müssen, ohne darauf zu warten, dass die radioaktive Verstrahlung von alleine  nachlässt. Wie allerdings dieses engagierte Vorhaben angesichts der völlig zerstörten sozialen, ökonomischen und administrativen Strukturen umgesetzt werden soll, darüber schweigt sich die Studie zur Gänze aus. Offensichtlich wird es einfach geschehen – weil es geschehen muss. Ansonsten hätte diese hilflos wirkende Studie, die den nuklearen Schrecken zum Ausgang einer Zukunft zu machen versucht, ihren Sinn auch insgesamt verfehlt.

Deshalb erscheint es auch ärgerlich, wenn der Herausgeber, dessen Anmerkungen zwischen redundanter Textparaphrase und wenig tiefgehender Erläuterung hin und her oszillieren, mit Blick auf die durch die Quelle antizipierte Hungerkatastrophe unkritisch ergänzt: Das Waschen der Nahrung kann helfen, und daher wird die Regierung vermutlich Informationen verbreiten, wie man Nahrung säubern kann. Es ist gleichzeitig wahrscheinlich, dass das Militär bald Nahrung über die [sic!] betroffenen Gebiete mit Fallschirm abwirft. Dass die Anmerkungen dem Thema überwiegend nicht gerecht werden, machen auch die zahlreichen Ausführungen zum 11. September 2001, in dessen Schatten das Buch auch erschienen ist, immer wieder deutlich. So bemerkt Keeney zwar durchaus, dass selbst die Verfasser an der wichtigsten Voraussetzung ihrer optimistischen Zukunftspläne zweifeln, nämlich der Möglichkeit, die Menschen zu  motivieren, zieht aber hier völlig unpassend die Parallele: Dies war nach New York nicht der Fall. Nachdem die Twin Towers eingestürzt waren, strömten Amerikaner aus allen Teilen des Landes nach New York, um zu helfen. Dieser Vergleich wird der Sache nun wirklich nicht gerecht.

Fazit

Das Emergency Plans Book bedrückt den Leser vor allem aufgrund der verborgenen Hilflosigkeit seiner Verfasser, welche versuchen das nukleare Ende von einem optimistischen Ansatz her zum Ausgangspunkt einer neuen Zukunft zu machen. Höchst ärgerlich ist der umfangreiche Kommentar des Herausgebers, der nicht nur an der Oberfläche der Quelle verbleibt, sondern diese auch insgesamt viel zu unkritisch behandelt.

Wayne Simmons: Grippe

Rezension von Wayne Simmons Zombieapokalypse ‚Grippe‘

Es erscheint schon ein wenig ungerecht, wenn Wayne Simmons seinen neuen Roman Grippe den Vögeln, den Schweinen und den verrückten Kühen widmet – auch wenn sich dahinter der Dank des irischen Autors für die Inspiration verbergen mag. Zugegeben: Selbst der putzigste Teil der Tierwelt ist nur auf den ersten Blick harmlos, scheint diese es sich doch insgesamt zur Aufgabe gemacht zu haben, die Menscheit alle paar Jahre wieder mit einem tödlichen Danaergeschenk zu beglücken.

Aber so etwas Boshaftes wie ein Virus, der mit den vermeintlich harmlosen Symptomen einer Grippe daherkommt und seine Opfer nach kurzer Zeit in blutspuckende und um sich beißende Untote verwandelt, war nun wirklich noch nicht dabei. Da scheint es viel näherliegend, die möglichen Inspirationsquellen des Autor bei bekannten Vertretern jenes Genres zu suchen, in welches er sich schon mit seinem Debüroman Drop Dead Georgeous geschrieben hat: der ZOMBIEAPOKALPYSE!

Auch weil der Roman teilweise an den blutigen Leitlinien des Genres entlanggeschrieben erscheint, wartet er doch mit vielem auf, was das Herz eines Fans begehrt: Zwei knallharten Kerlen, die als Polizisten im Kampf gegen die in Belfast grassierende Pandemie ihr Leben auf Spiel setzen und deren Männerfreundschaft auch im Angesicht des Todes nicht zerbricht; Zwei zwielichtigen, aber sympathischen Underdogs, die sich in einem verlassenen Haus vor den unermüdlich umherziehenden Horden von Untoten erfolgreich versteckt halten (aber sich plötzlich einem renitenten weiblichen Gast geschlagen geben müssen); einem äußerst suspekt wirkenden irischen Terroristen, der sich im obersten Stockwerk eines Hochhauses verschanzt hat und dort seiner Schutzbefohlenen das Zielen auf Köpfe beibringt; und nicht zuletzt einem Offizier, der als letzter Freiwilliger das Kommando über einen belagerten Armeestützpunkt übernimmt und sich plötzlich einem noch gefährlicheren Gegner als der Seuche gegenübersieht.

Erst nach und nach führt Simmons ziemlich gekonnt die Handlungsfäden seines aus zahlreichen Perspektiven erzählten Romanes um jenen Menschen zusammen, der vielleicht das Überleben der Menscheit sicherstellen könnte. Dabei setzt er dankbarer Weise nicht allein auf Action: Zwischen den vielfältigen und spannungsreichen Passagen nimmt er sich die Zeit, seine Figuren zu entwickeln sowie ihre Beziehungen untereinander mit Leben zu erfüllen. Dieses gelingt ihm – zum einen aufgrund der Anzahl der Figuren und zum anderen aufgrund ihrer Anlage – jenseits bekannter Sterotypen und Klischees nur teilweise. Deshalb schmerzt es wohl den Leser auch weniger, dass sich Simmons seiner Geschöpfe gegen Schluss viel zu schnell entledigt, als dass der Roman in einer sich immer weiter beschleunigenden Handlung nach gut 280 höchst unterhaltsamen, weil – mit Atempausen  – fesselnden Seiten irgendwann sein Ende findet.

Während üblicherweise andere Autoren des Genres mit höchst gewagten Vergleichen die wenig anmutenden Innenansichten von Köpfen oder Brustkörben beschreiben, verrirrt sich Simmons offenbar häufig andernorts überraschend unappetitlich in der Bildhaftigkeit. So zum Beispiel im Bad: Gleich einer Kleopatra lag sie im Wasser, und die fleischgewordenen Bläschen liebkosten wie winzige Feen ihre nackte Haut. Das schiefe Bild mag aber auch der Übersetzung geschuldet sein, die nicht immer ganz überzeugen kann; doch trotz alledem: Der bedrohlichen Atmosphäre dieses Romanes kann man sich als Leser kaum entziehen. Und das ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass Simmons nicht mit Gemetzel geizt; gerade dort, wo er in seinem nüchternen und sachlichen Ton die Welt in ihrem Untergang beschreibt, ist das Horrorszenario, auch wenn es bei weitem nicht so blutig ausfällt, wie in Brian Keenes Auferstehung, bedrückend genug.

Fazit

Der im österreichischen Verlag Voodoo Press erschienene zweite Roman von Wayne Simmons ist ein spannender und solider, wenn auch nicht allzu blutiger, Vertreter des Genres und gehört mit Sicherheit – trotz einiger Schwächen – zu den besseren Zombieapokalypsen; allerdings nicht unbedingt deshalb, weil er zwischen der actionreichen Handlung sich Zeit zum In-sich-Gehen, sondern Anlauf zum nächsten Abenteuer nimmt.

Kenzaburo Oe: Therapiestation. Ein Roman aus der nahen Zukunft

Eine Rezension von Rob Randall

In meiner Welt haben Tomas Tranströmer, Mario Vargas Llosa, Harold Pinter und Gao Xingjian zwei wichtige Dinge gemeinsam. Zum ersten haben sie alle den Literaturnobelpreis erhalten. Und zum zweiten: Ihre Namen sagten mit bis zum Tage der Preisverleihung überhaupt absolut so gar nichts.  Und wenn einem schon die literarischen Fixsterne der Gegenwart unbekannt sind, dann verwundert man sich auch nicht mehr ob der eigenen Unkenntnis hinsichtlich der Preisträger des 20. Jahrhunderts – den lebenden wie verstorbenen gleichermaßen. Deshalb musste mich auch eine Leserin meines Blog darauf hinweisen, dass der Literaturnobelpreisträger von 1994, Kenzaburō Ōe, vier Jahre vor seiner Nominierung einen dystopischen Science Fiction Roman verfasst hatte: Therapiestation.

Therapiestation ist ein sehr seltsames Stück Literatur – und das, obwohl ich mich langsam daran gewöhnt habe, dass japanische Romane sehr häufig nicht meinen wohl doch sehr europäischen Erwartungen entsprechen. Am Plot liegt dieses aber sicher nicht: In einer von Atomkriegen, Reaktorkatastrophen und Umweltverschmutzung ruinierten Welt, deren ökonomisches und ökologisches System noch durch den Aufbruch der wissenschaftlichen, politischen und künstlerischen Eliten zu einer Neuen Erde vor wenigen Jahren endgültig ruiniert worden ist, beginnen die Zurückgebliebenen ihr Leben gerade wieder zu ordnen, als sie die Meldung erreicht, dass das Siedlungsprojekt der Starship Gesellschaft gescheitert sei und die Erwählten zurück auf dem Weg zur Erde. Letztere denken aber nach ihrer Rückkehr nicht daran, ihren Sonderstatus aufzugeben; vielmehr beginnen sie eine streng abgeschlossene Parallelgesellschaft zu errichten als auch ihre alten Machtpositionen auf der Erde wiedereinzunehmen. Zudem erscheinen sie seltsam verjüngt und – nicht nur im Vergleich mit den kränkelnden Zurückgebliebenen – beeindruckend gesund.

Ōe entwickelt hier eine geradezu klassische Ausgangssituation: Die sympathischen Underdogs spielen auf einer bedrückend beschriebenen weil zerstörten Welt im Kampf um die Macht gegen die überheblichen Bösen, während im Hintergrund ein namenloses Geheimnis zu stehen scheint. Zudem gibt es eine Untergrundorganisation, die schon vor dem Großen Aufbruch aktiv gewesen ist und die sich nun wieder gegen die Starship Gesellschaft wendet. Das könnte spannend werden.

Die Welt als Familie

Das Eigentümliche des Romanes ist die Art und Weise, wie diese Handlung präsentiert wird: Denn erzählt wird aus der Perspektive einer Zurückgebliebenen, der jungen Ritchan, die nicht nur Takashi, den Kommandanten der Raumschiffflotte, \‘Onkel\‘ nennt, sondern zu allem Überfluss auch noch jenen Helden, dem es gelungen ist, durch sein ökonomisches System die Wirtschaft der Erde zu stabilisieren. Unglaubwürdig wird hier Welthistorie zum Mikrokosmos einer japanischen \’Familie\‘ eingedampft, denn natürlich hat sie auch gute Kontakte zur von \‘Onkel Hanawa\‘ geleiteten Widerstandsbewegung, in deren utopischer Öko-Kommune sie zuletzt auch weilen darf. Erweitert wird der Plot dieser critical dystopia zudem um das Königskindermotiv – denn natürlich ist die Erzählerin in den zurückgekehrten jungen Techniker Sakuchan, den Sohn von Onkel Takashi, verliebt. Und er auch in sie. Und so kommt es, wie es kommen muss – vom ermüdenden Philosophieren über Yeats-Zitate bis zur haarstäubenden Zeugung eines \’verbotenen\‘ Kindes ist es nicht weit.

Von der Sauberkeit des Stiles

Merkwürdig und geradezu grotesk ist auch die Distanz der Erzählerin zum Geschehen. Nicht, dass das gemeinsame Hersagen der englischen Hochliteratur vor dem semi-apokalyptischen Hintergrund nicht schon skuril genug wäre, aber die Ich-Erzählerin schildert das Geschehen um sie herum in Worten, bei denen der empfindsame Leser einfach nur den Kopf schütteln kann. Besonders deutlich wird dieses bei den konstruiert wirkenden und – wie in japanischer Literatur so häufig – zu Beginn sogar mit einer Beinahe-Vergewaltigung aufwartenden Liebesszenen:

Sakuchan umfing mich – denn die Stimme war nur im Moment laut, dann erstickte sie in Tränen -, er hielt mich mit der Verlässlichkeit eines gestandenen Mannes und gleichzeitig mit dem jugendlichen Körper eines Knaben. Es gelang uns, den Geschlechtsverkehr der ersten Zeit, der, erinnere ich mich daran, so viel Erbärmliches enthalten hatte, ganz und gar und ohne Einschränkungen gutzumachen.

In einem so sachlichen, sauberen, und elaboriert hypotaktischen Stil  – kurz: gut erzogenen – ist mir  (ich wage das Wort nach solchen Zeilen kaum zu benutzen)  Sex  in der Literatur noch nicht begegnet (sieht man einmal vom ungeheuren Bindestrich in Kleists Werk ab).

Der Autor als Spannungskiller

Nicht nur aufgrund der Distanz und der weitgehenden Passivität der Erzählerfigur – Protagonistin möchte man Ritchan kaum nennen – kommt über die gut 220 Seiten des Romanes kaum so etwas wie Spannung auf – und das scheint durchaus intendiert zu sein. Selbst der klassische Showdown (diesmal allerdings im heimischen Wohnzimmer) wird von Ōe als Spannungselement bewusst durch die Zeitstruktur des Werkes ausgehebelt:

Großmutter saß in ihrem Stuhl und war, die Laserpistole auf der Wolldecke des Schoßes, eingeschlafen. Aber das Zimmer war nach Sakuchans Weggang keineswegs die ganze Zeit über in eine so friedliche Atmosphäre getaucht gewesen…

Erklären kann ich mir ein solches Vorgehen nicht. Vielleicht intendiert Ōe damit, künstlich Reflektion und Introspektion der Hauptfigur  weiter im den Vordergrund zu plazieren – überzeugend wäre das aber nicht. Vielleicht sind Spannung und authentische Liebesszenen auch einfach nicht (hoch-)literarisch genug. Das würde immerhin auch erklären, warum beständig Autoren des 19. Jahrhunderts bemüht werden, um der Handlung des Romanes auf einer zweiten Ebene Tiefgang zu verleihen. Immerhin wird ja selbst das Geheimnis der Therapiestation zum metaphysischen Symbol von Ende, Neuanfang und Wendepunkt bzw. Bestimmung aufgepeppt.

Fazit

Der Roman Therapiestation von  Ōe versucht offensichtlich mit verschiedensten Mitteln literarischen ‚Tiefgang“ zu erzeugen. Überzeugen kann das nicht – zumal mich nicht nur immer wieder Verwunderung, sondern leider auch häufig Langeweile erfasste. Nun gut: Mir bliebt der Zugang zu dieser Hochliteratur leider versperrt. Aber mir sagte ja neben Tomas Tranströmer, Mario Vargas Llosa, Harold Pinter und Gao Xingjian auch der Name des Nobelpreisträgers Kenzaburō Ōe nichts.

Sara Grant: Neva

Eine Rezension von Rob Randall

In der Flut dystopischer Jugendbücher, die dieses Jahr aus den U.S.A. kommend über den deutschen Buchmarkt hereingebrochen ist, findet der am Genre interessierte Leser seit März auch Sara Grants Roman Neva, der vielerorts – besonders von der weiblichen Leserschaft – begeistert aufgenommen worden ist.

Wie zahlreiche andere ihrer Mitstreiter(innen) vermilzt die gebürtige US-Amerikanerin Grant in ihrem ab 13 Jahren geeigneten Roman die bekannten Elemente der klassischen Dystopie mit denen des Liebes- und Abenteueromanes – und sichert sich so das Interesse einer Leserschaft, die sich von der Handlung mehr erwartet als „nur“ einen sich langsam entwicklden Konflikt zwischen Individuum und Unterdrückungsstaat. Um ihr Ziel zu erreichen, verzichtet sie auch nicht darauf, ihre junge weibliche Leserschaft schockieren zu wollen.

Unter der schützenden Kuppel der Protektossphäre, die ihre Bewohner von der vergifteten Außenwelt abschirmt, erwartet den Leser also nicht nur gleich zu Beginn die Rebellion der 16-jährigen Neva gegen ein System, das alle Menschen zu entsetzlicher Uniformität zwingt (und somit auch gegen ihren Vater, der als Repräsentant des Systems präsentiert wird, wie in Katie Kacvinkskys Rebellion der Maddie Freemann), sondern auch eine Dreiecksbeziehung: Die Ich-Erzählerin Neva hat sich in Braydon, den Partner ihrer besten Freundin Sanna verliebt – und dieser sich offensichtlich auch in sie. In nuce findet sich diese konsequente Anlage des Romanes schon im ersten Kapitel, das in medias res  und – als Vorsichtsmaßnahme – im schützenden Dunkel des elterlichen Wohnzimmers beginnt: Bei dem Versuch, ihre Altergenossen zum Widerstandes gegen die Protektosphäre zu organisieren, weil die Kinder zu früher Heirat und Elternschaft erzogen bzw. bewegt werden, küsst der Angebetete Neva. Dementsprechend häufig kehren auch die Gedanken der Protagonistin zu dem motorradfahrenden Braydon in seiner \’coolen\‘ Lederkluft zurück, wenn sie nicht gerade mit der Planung von gefährlichen Protestaktionen oder der Flucht vor den Behörden beschäftigt ist. Und natürlich muss sie sich auch wie Katniss aus Suzanne Collins ‚ Die Tribute von Panem zwischen zwei Verehrern entscheiden

Erweitert wird diese für junge Leserinnen sicherlich verführerische Einleitung, an die sich teilweise spannende Sequenzen anschließen, wenig später durch zahlreiche fesselnde Rätsel, deren Klärung sich die zu Beginn recht unsichere, später aber manchmal unglaubwürdig gerissene und selbstbewusste Protagonistin vornimmt: Warum verschwinden immer mehr Menschen auf rätselhafte Weise? Entspricht es tatsächlich den Tatsachen, dass jenseits der Barriere kein Leben mehr möglich ist? Und warum legt der Staat so viel Wert darauf, dass seine Bürger so früh wie möglich Familien gründen – wenn doch die Versorgung anscheinend immer schlechter wird? Angesichts dieser bohrenden Fragen ist es der neugierigen Neva später gar nicht so unrecht, dass ihr priveligierter Vater, der als Historiker die Geschichte der Protektosphäre „schreibt“, sie dazu zwingt, eine Anstellung in seinem Ministerium anzunehmen. Nach und nach entdeckt Neva, dass nicht nur die Bevölkerung über die wahren Tatsachen belogen wird, sondern auch dass ihre verschwundene Großmutter vermutlich noch lebt. Außerhalb.

Bis zu diesem Punkt kann man den Roman, in dessen Motivschichtung man durchaus Anleihen aus Orwells Klassiker 1984 erkennen kann (z.B. in dem durch die Protagonistin heimlich geführten Tagebuch sowie dem priveligierten „beruflichen“ Zugang zur gesperrten Vergangenheit) als gelungenes Jugendbuch bezeichnen. Doch dann übernimmt sich Grant bei dem Versuch, mit Schockelementen ihre Leserschaft an der empfindlichsten Stelle zu treffen: Der auch in genetischer Hinsicht degenerierende Staat entführt die heranwachsende weibliche Bevölkerung und \“besamt\“ sie unter Drogen in konzentrationslagerähnlichen Einrichtungen vor den Toren der Stadt. Einfallslos und hochgradig konstruiert gelingt Neva der Zugang zu diesem sensiblen Bereich. Voraussehbar braust während der unglaubwürdigen Flucht der entwürdigten Insassen der Held auf seinem heißen Ofen heran und rettet die in Notlage geratene Prinzessin. Und natürlich darf die Vaterfigur zwar insgesamt unsensibel und autoritär, aber nicht widerspruchs- und rückgratlos Teil dieses perversen Systems sein. Dementsprechend verhilft er Neva auch zur Flucht durch den Tunnel, an dessen Ende, nach mehrfachen überflüssigen Wendungen, im warmen Licht einer neuen Welt, tot geglaubte Verwandte warten.

Fazit

Sarah Grants zu Beginn gelungener Jugendroman Neva weist im letzten Drittel zunehmend Schwächen in Konstruktion, Inhalt, Figurenzeichnung und Geschmack auf, die seine Qualität sehr deutlich schmälern.

Michael Grant: Gone. Verloren

Rezension des Romans ‚Gone‘ von Michael Grant

Eine Buchbesprechung von Rob Randall

In seiner bisher 4 Bände umfassenden Jugendbuchreihe Gone kombiniert der amerikanische Autor Michal Grant seit 2009 auf kreative Weise einige schon aus anderen Werken bekannte Elemente. Das Ergebnis: Eine begeisterte Zielgruppe diesseits und jenseits des Atlantiks.

Ein Grund hierfür dürfte unter anderem auch die Geschwindigkeit sein, mit welcher Grant die Ereignisse in dem kleinen amerikanischen Städtchen Perdido Beach vorantreibt – denn schon auf der ersten Seite des Auftaktbandes Verloren verschwinden alle Erwachsenen. Die Suche von Sam Temple und seinen Freunden Quinn und Astrid nach ihren Eltern bleibt erfolglos: Alle Personen über 15 Jahre lösen sich in Nichts auf. Aber  nicht nur das – sie müssen zudem feststellen, dass ihre Heimatstadt innerhalb eines Gebietes liegt, das nun von einer rätselhaften Mauer umschlossen wird und in dessen Zentrum merkwürdigerweise das Kernkraftwerk liegt, in dem Astrids Vater gearbeitet hat und in dem sie deshalb auch Astrids autistischen Bruder Pete aufspüren. Schnell bilden sich auch die bekannten und literarisch erfolgreichen, aber insgesamt langweilig stereotypen Lager innerhalb der neuen Kindergesellschaft aus: Der stadtbekannte Schläger Orc hat seine ihm ergebenen Gefolgsleute zusammengetrommelt und schickt sich an, in dem kleinen Städtchen als Sheriff den Ton angeben zu wollen. Die Guten kümmern sich um die Kleinkinder und organisieren das Überleben. Gottseidank wartet Grant wenig später mit Einfallsreicherem auf: Innerhalb kürzester Zeit übernehmen der skrupellose Caine und seine straff durchorganisierte Truppe aus schwer erziehbaren Internatsschülern das Kommando.

King. Gone. Grant. Lost. Verschwunden: popkulturelle Anspielungen

Herrje, möchte man da denken, wie soll das denn bei verhaltensgestörten Kindern und jugendlichen Straftätern in spe funktionieren? Doch Grant liefert eine Erklärung, die ihn als bekennenden Fan Stephen Kings ausweist: Innerhalb der FAYZ (Fallout Alley Youth Zone) treten nicht nur plötzlich Mutationen im Tierreich auf, sondern auch einige der Kinder entwickeln übernatürliche Fähigkeiten – und der bislang Mächtigste unter ihnen ist Caine, der mal eben – wie sich später herausstellt – allen potentiellen Konkurrenten die Hände einbetoniert hat (weshalb sie ihre Fähigkeiten auch nicht benützen können und nach dem Verschwinden ihres Wächters auch jämmerlich verhungert ausschauen). Natürlich zeigt auch der Protagonist des Romanes einige bemerkenswerte neue Eigenschaften, so dass es nach zahlreichen Scharmützeln zu einem für einen Jugendroman bemerkenswert brutalen Showdown kommt (Das ist aber auch schon das einzig Vorhersehbare). Neben rätselhaft magischen und gewalttätigen Elementen gemahnen übrigens noch andere Aspekte an Stephen Kings Roman Stand. So lauert in einem alten Bergwerksstollen unter dem Nationalpark Stefano Rey (span. für Stephen King) etwas Namenloses und Böses, das telepathisch die nun sprechenden Koyoten der Stadt kontrolliert und sich anschickt, die noch verbliebenen Menschen zu töten (Wieso diese numinose Macht nicht einfach wartet, bis die Kinder durch ihr Verschwinden nach und nach in ihre Hände fallen, erklärt sich hoffentlich in einem der nächsten 6 Bände). Auch deshalb erscheint mir die Altersempfehlung von 13-17 Jahre für diesen All-Ager doch zweifelhaft. Mindestens 14 Sommer sollte der jugendliche Leser schon gesehen haben.

Und neben neben der popkulturellen Anspielung auf die TV-Serie Lost im Namen der Stadt und dem Titel des Bandes selbst ist noch ein zweites literarisches Vorbild erkennbar: Denn es ist kein Zufall, dass sich in Perdido Beach eine Golding Street als Reminiszenz an Herr der Fliegen findet. Anders als Golding geht es in Gone Grant aber nicht um eine Analyse des gewalttätigen Potentials des Menschen, das einen abgezirkelten Bereich mit utopischen Vorzeichen in eine Hölle für den Einzelnen verwandelt – auch wenn er seiner Frau während der Arbeit am Buch zugerufen haben will: Hell, I’m writing Lord of the Flies!* Im vor allem auf Spannung setzenden Gone wird der jugendlichen Zielgruppe im Kampf klischeehafter Figuren gegeneinander und um ihr Überleben der Unterschied zwischen Gut und Böse, richtig und falsch, Verantwortung und Verantwortungslosigkeit sowie zwischen Feigheit und Mut lehrerhaft vordekliniert; aber das – so muss man auch als Erwachsener einfach sagen – ungeheuer fesselnd.

Schwache Dialoge vs. Spannende Handlung – 1:2

Es ist deshalb schade, dassin Gone Grant den auch für Erwachsene hohen Unterhaltungswert seiner spannend erzählten und rätselhaften Geschichte neben stereotypen Figuren mit teilweise stark konstruiert wirkenden Dialogen und weitgehender Humorlosigkeit schmälert – zumal die oberflächlichen Unterhaltungen nur dazu zu dienen scheinen, anhand von Stichworten die nächste actionreiche Sequenz vorzubereiten. Aber die Figuren wie der Autor stehen ja auch tüchtig unter Zeitdruck; erstere, weil mit jedem Kapitel ein wenige Tage umfassender Countdown auf Sam Temples 15. Geburtstag herunterzählt, und letzterer, weil er noch gut 3000 Seiten schreiben muss. Aber wer jetzt wissen will, wie das das nun wieder zusammenpasst, der muss den Roman selber lesen.

Fazit

In Michael Grants Roman Verloren aus der Reihe Gone verschwindet der Unterhaltungswert weder durch dessen stereotype Figuren noch dessen oberflächliche Dialoge. Ganz auf action, ganz auf mystery gesetzt  – und: doch noch gewonnen.

* Interview mit Michael Grant aus dem Juli 2009 in Publishers Weekly.