Wladimir Woinowitsch: Moskau 2042

Je länger ich mich mit den regimekritischen Romanen sowjetischer Autoren befasse, um so besser gefallen sie mir: Alle bisher gelesenen Werke besitzen trotz teilweise recht derbem Humor intellektuellen Tiefgang, heben sich sprachlich auffällig angenehm von vielen Zukunftsromanen aus westlicher Feder ab und zeichnen sich auch erzähltechnisch durch komplexere Strukturen aus – was wohl nicht zuletzt durch ihre vornehmlich satirische Funktion bedingt wird. Insofern kann man Wladimir Woinowitch auch nur zustimmen, wenn er auf die Frage, ob er mit seinem Roman Moskau 2042 ein Utopia wie Orwells 1984 oder Samajatins Wir habe schaffen wollen antwortet: Jene haben eine perfekte Maschinerie beschrieben, mein Staat dagegen ist zerrottet, am Ende.* Während OrwellHuxley und Samjatin warnend perfektionierte Gesellschaftsgefängnisse zeichen, visionieren Autoren wie Sinjavskij (z.B in Ljubimov) oder Woinowitch genussvoll und mit spitzer Feder den lang ersehnten Untergang des Kommunismus herbei – wobei ihre Texte aber deutlich, häufig auch explizit, am utopischen Diskurs teilnehmen und ihn voraussetzen.

So schickt Woinowitch beispielsweise gleich zu Beginn seinen sympathischen Protagonisten Witja per Flugzeug aus dem München des Jahres 1982 auf Zeitreise: in ein kommunistisches Moskau, das nach einer weiteren Revolution (diesmal im August) meint, endlich den ersehnten Endzustand der marxistischen Geschichtsphilosophie verwirklicht zu haben. Aber die Zustände, auf die exilierte Schriftsteller Witja in seiner ehemaligen Heimat trifft, sind leider nicht eutopisch. Ganz im Gegenteil. Tatsächlich geben selbst die Führer der auf Moskau begrenzten Kommune freiwillig – wenn auch noch hinter vorgehaltener Hand – zu, dass der große deutsche Philosoph sich geirrt hat: Die Verarmung des Proletariates trete nämlich erst im Kommunismus – und eben nicht im Kapitalismus –  ein. Es folgt der Angriff auf die Nomenklatura der KPdSU:  Wie das Einflussgebiet der Sowjetunion bzw. deren Territorium selbst in drei Ringen der Missgunst organisiert ist, teilen auch drei konzentrische Kreise die Stadt Moskau – und damit ihre Bewohner –  in unterschiedliche Gruppen. Während im inneren Kreis noch durchaus lebenswerte Verhältnisse herrschen, treiben die in den Ausgabeküchen fabrizierten Mahzeiten, genauer: der vegetarische Schweinebraten Progress, den Protagonisten sofort auf die Kafobed (Kabine für organische Bedürfnisse). Dort findet er zwar überraschend den systemtypischen Toilettenpapiermangel behoben, woraufhin er an den Erfolg des Systems glauben will, allerdings muss er sofort feststellen, dass nicht nur dessen Funktion jetzt die auf Endlospapier gedruckte Prawda erfüllt, sondern dass die ordnungsgemäß quittierte Abgabe der Sekundärprodukte Voraussetzung für die Speisung mit den ungenießbaren Primärprodukten ist. In grotesker Überzeichnung des stalinistischen Personenkultes lässt Woinowitsch zudem den Genialissimus, dem jegliche wissenschaftlichen Erfindungen und literarischen Meisterwerke zugeschrieben werden, abgehoben bzw. in einer Raumkapsel um die Erde kreisen. Bei diesem handelt es sich übrigens um einen Bekannten Witjas, welcher der mit dem KGB verschmolzenen Partei mit seinem Reformeifer langsam unangenehm geworden ist. Der von seinen Apparatschniks abservierte Alleinherrscher entpuppt sich nach seiner Verhaftung auch noch selbst als Gegner von Utopien, die – so der Genialissimus – immer fehlgehen müssen, wenn Menschen ihre hochtrabenden Ideale in die Wirklichkeit umsetzten wollen. Er erst habe sie konsequent an ein Ende geführt.

Obwohl sich der ehemalige Dissident Witja, der deutlich Merkmale von Woinowitsch selbst besitzt,  von den bekannten Merkmalen des sowjetischen Totalitarismus abgestoßen fühlt, kann und will er sich doch nicht den Ehrungen entziehen, die ihm seine neue bzw. Heimat als Vertreter der vorläufigen d.h. vorkommunistischen Literatur der Moskorep zukommen lässt. Und wie das nun mal bei Zeitreisen so ist, es geht nicht immer ohne Paradoxa: Erst als man Woitja eines seiner noch nicht geschriebenen Bücher – genauer: Moskau 2042, vorlegt, erkennt dieser, warum man ihn derartig hofiert. Es soll seinen Bekannten, den vermeintlich genialen Schriftsteller Simytsch, welchen er vor 60 Jahren in Toronto besucht hat und der immer noch Anspruch auf den Zarenthron erhebt, aus seinem Werk streichen. Witjas Entscheidung, dem Wunsch des Regimes nicht nachzukommen, und Simytsch, hinter dem unschwer der Nobelpreisträger Solschenizyn zu erkennen ist, siegreich in Moskau als neuen Autokrator einziehen zu lassen, bringt ihn in Gefahr.

Fazit

Es mag zwar nicht hinderlich sein, ein wenig Hintergrundwissen über die U.D.S.S.R. zu besitzen, um den Roman, der nur manchmal leichte Längen spüren lässt, ganz genießen zu können – notwendig ist dieses aber nicht. Zu deutlich sind die Anspielungen, wenn zwar Photoapparate überall und immer benutzt werden dürfen, die Filme jedoch zuvor von der INSI (der Inneren Sicherheit) beschlagnahmt worden sind. Auch wenn Moskau 2042 keine Anti-Utopie im klassischen Sinne ist, führt Woinotischs utopische Satire wie Orwells 1984 – hier allerdings in höchst witziger und boshafter Übertreibung –  die Vergemeinschaftung der Armut im Kommunismus vor, der sich nur die privilegierten Funktionsträger der Partei noch zu entziehen wissen. Der von allen, selbst dem Protagonisten, geteilte Traum eines von Kuppeln überdachten Moskaus, über dem junge Mädchen in Tennisröcken Eiscreme schleckend durch die Lüfte fliegen und in dem eine künstliche Sonne immer Sommer spendet, bleibt letztendlich Utopie.

* Siehe hierzu den Artikel Komischer Bruder, in: Der Spiegel vom 14.03.1988.

Abram Terz (Andrej Sinjavskij): Ljubimov

Unter dem Pseudonym Abram Terz veröffentlichte der Moskauer Schriftsteller Andrej Sinjavskij  1959 nicht nur eine bedeutende kritische Auseinandersetzung mit der noch aus der Stalin-Zeit stammenden Literaturdoktrin der U.D.S.S.R. (Was bedeutet Sozialistischer Realismus?), sondern unter anderem auch 1963 den parabolischen Kurzroman Ljubimow, der auf besondere Weise mit dem sowjetischen System abrechnet. Auch wegen diesem wurde er 1966 in einem vielbeachteten Schauprozess zu 7 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.

Die eigentliche Handlung, die in jeder Zeile gegen die Dogmen des Sozialistischen Realismus verstößt und dessen Phantasektomie rückgängig macht, lässt sich schnell zusammenfassen: Da aufgrund seines mangelnden gesellschaftlichen Status’ die Liebe des Fahrradmechanikers Leonid Iwanowitsch Tichomirow zur Lehrerin Serfima Pjetrowna unerwidert geblieben ist, hat dieser vor einiger Zeit begonnen, nach einem Mittel zu suchen, das ihm Zugang zu Erfolg und Macht  – und somit auch Serfima – bietet. Und er ist fündig geworden – bei der Lektüre Lenins, Darwins, Cagliostros und Jules Vernes. So kommt es, dass er während der 1. Maifeier mittels magnetischer (Gedanken-)Kräfte nicht nur den 1. Bezirkssekretär der KPdSU dazu bewegen kann, ihm offiziell die Regierung der Stadt Ljubimov zu übertragen, sondern auch jubelnde Zustimmung seitens der Bevölkerung erhält. Während der neue Herrscher durch seine Fähigkeiten eine heimliche Rückeroberung der Stadt durch die sowjetischen Streitkräfte verhindert, beginnt der wirtschaftliche und gesellschaftliche Umbau der Stadt: Das Geld wird abgeschafft, die Betriebe kollektiviert, die Menschen durch Gedankenkontrolle zur doppelten Planerfüllung getrieben. Allerdings versiegen Leonids physische wie metaphysische Kräfte nach einiger Zeit: Missernten und Fehlwirtschaft führen zu Versorgungsengpässen, die Menschen stehlen und Bauprojekte werden nicht vollendet – zuletzt fliehen die Menschen gar aus Ljubimow. Der Grund für das Scheitern des eigennützigen Idealisten: Leonids Kräfte sind, wenn man dem möglicherweise unter Schizophrenie leidenden auktorialen sowie personalen Ich- und Er-Erzähler glauben darf, nur von (s)einem sagenhaften alter Ego Ssamson Ssamßonowitsch „geliehen“ – zudem scheinen aber auch seinen Plänen wie den von diesen betroffenen Menschen Mängel immanent zu sein.

Experimentelle Erzähltechnik

Als ich die letzte Seite der 240 Seiten aus dem Paul-Zsonay-Verlag gelesen hatte, schwirrte mir – ich muss es gestehen – erst einmal tüchtig der Kopf. Ich kann auch nicht behaupten, dass ich den Roman bis ins Letzte verstanden hätte –  immer noch nicht. Vermutlich (so rede ich jetzt mir und euch mal ein) geht das auch gar nicht: Weil Sinjavskijs Roman eine experimentelle Attacke auf die (zeitgenössische) Rezeptionshaltung bzw. die Leseerwartung des russischen Lesers darstellt. Als genüge es nicht, dass der Erzähler ein wirklich, wirklich unzuverlässiger unreliable narrator ist, weil er anscheinend mit dem Geist Ssamson Ssamßonowitschs, der ihm zeitweise die Feder führt, kämpfen muss – die Fußnoten des Erzählers (1) kommentieren teilweise so boshaft die Äußerungen des Erzählers (2), dass letzterer (also 2) noch im darauffolgenden Satz sich zu einer Korrektur genötigt sieht. Herrscht zu Beginn noch die Ich-Erzählsituation (2) vor, so dominiert nach dem ersten Drittel ein auktorialer Er-Erzähler (1). Sinjavskij zelebriert die technische Bruchstelle natürlich auch noch durch autopoetische Kommentare einer der beiden Erzählinstanzen (2), was den Rezipienten, so er nicht schon vorher aus der Spur gekommen ist, endgültig im Graben landen lässt. Allerdings liefert der allwissende Erzähler im Disput mit dem unterlegenen Ich-Erzähler hierfür eine durchaus einleuchtende poetologische Erklärung: „Ach, Sawelij Kusmitsch, Sie sind wahrhaftig unausstehlich… Aber gut, gut, wir schreiben schichtweise gemeinsam.“ „Schichtweise?“ „Ja, schichtweise. Die Brennpunkte der russischen Geschichte erfordern Wendigkeit und eine vielschichtige Darstellung...“ Interessant ist, dass der allwissende Erzähler letztendlich jene Instanz ist, aus welcher sich Leonids Macht speist. Der allwissende Erzähler gerät damit endgültig zu jenem überirdischen Wesen, das als Teil der Handlungsebene bzw. der fiktionalen Welt das Experiment Ljubimov überhaupt erst ermöglicht (und beendet).

Dieser raffinierte Angriff auf die erzähltechnischen Dogmen des Sozialistischen Realismus* ist gewagt, verwirrend – aber häufig auch lustig: Der Bär zwitschert auf kalmückisch. Es ist Zeit ihm den Hals abzuschneiden. Auf dem Schlitten ist ein Ertrunkener eingetroffen, es ist Zeit, ihm eine Injektion zu geben. Diese Parodie militärischer Chiffrensprache wird selbst vom russischen Offizier nicht sofort als beunruhigendes Alarmsignal verstanden.

Der sozialistische Zauberer

Dass die dystopische Parallelwelt Ljubimov, durch die übernatürliche Fähigkeiten Leonids von der Außenwelt abgeschottet und zu Beginn in erschreckender Gänze beherrscht wird, erinnert stark an Alfred Kubins phantastische Erzählung Die andere Seite. In beiden Fällen sind die Welten als Gedankenexperimente zu verstehen, wobei erstere aber satirisch das Aspekte der sowjetischen Gesellschaft auf Korn nimmt und zudem das Scheitern des Kommunismus prophezeit. Damit wird sie zur Parabel. Während bei Kubin letztendlich aufgrund der Erschöpfung des Potentaten die Apokalypse über die Bewohner der Stadt hereinbricht, mähen in Sinjavskij Text unbemannte sowjetische Amphibienfahrzeuge den letzten treuen Gefolgsmann Leonids nieder, denn die Kraft des idealistischen Herrschers, der sogar zeitweise auf die Weltherrschaft hofft, genügt am Ende ebenfalls nicht. Die Umsetzung von  Leonids Vision, der endlich das Versprechen der kommunistischen Utopie wahrmachen will, beginnt wohl vielversprechend, scheitert aber letztendlich doch: Als russische Version des Heilands kann er  zwar beispielsweise Wasser in Schnaps verwandeln, allerdings beklagen sich doch einige unfreiwillig Beglückte über die (satirische) Scheinwelt – da sie am nächsten Morgen die bekannten Kopfschmerzen vermissen lässt. Auch gelingt es ihm (wie auch der U.D.S.S.R. insgesamt) trotz Einsatz aller Kräfte nicht, aus den ‘russischen Mütterlein’ den Glauben an einen Schöpfergott zu tilgen. Vielmehr erscheint der neue „Zar“ Leonid ihnen als Anti-Christ. Leonids bis zuletzt gehegte Hoffnung auf die kleine Chance trügt also; die kommunistische Utopie scheitert – auch wenn hier noch der Erzähler seine Finger im Spiel hat – an sich selbst und an den Menschen.

Fazit

Sinjavskijs Roman Ljubimov ist nicht nur ein Angriff auf die sowjetische Literaturpolitik, sondern auch auf den Kommunismus insgesamt. Unterhaltsam, in leichtem Stil, der aber trotzdem manchmal nicht ganz leicht zu folgen ist, wird anhand verschiedender Aspekte vorgeführt, warum die Utopie einer kommunistischen Gesellschaft scheitern wird. Nebenbei wird sich tüchtig über die Eigenarten des sowjetischen Staates lustig gemacht. Vielleicht sollte man deshalb hier auch vorsichtiger von einer utopischen Satire sprechen. Der teilweise doch witzige Stil wie auch die gewagte Erzähltechnik, die jegliche Konventionen zu brechen bereit ist, haben mich persönlich ein wenig an Stanislaw Lems Werke erinnert – auch wenn man es hier nicht mit Science Fiction zu tun hat. Wer einmal eine humorvolle Dystopie zur Hand nehmen will, der kann ruhig zu Ljubimov greifen.

*Siehe zu dieser Feststellung auch: Elena Zeißler, Dunkle Welten. Die Dystopie auf dem Weg in 21. Jahrhundert, Marburg, 2008, S. 189.

Robert A. Heinlein: Weltraum-Mollusken erobern die Erde

Unter anderen Vorzeichen: Leben in 1984

Sowjetische Anti-Utopien sind in der Welt der Dystopien durchaus etwas Besonderes; nicht weil die kritischen Autoren der U.D.S.S.R. auf dem klassischen Pfade Samjatins wandeln würden – sondern im Gegenteil: Weil sie im überwiegenden Maße gerade nicht das nachtun, was ihnen Wir, die erste „klassische“ Anti-Utopie,  nahelegt.

Der Grund hierfür liegt paradoxerweise vor allem in jener Erfahrung, welche die sowjetischen Autoren den meisten ihrer ausländischen Kollegen voraushaben – und um die man sie eigentlich nicht beneiden kann: Der Innenansicht eines totalitären Staates, der selbst in seiner poststalinistischen Ära noch jedem westlichen Demokraten 40 Jahre lang Schauer über den Rücken jagen konnte. Und wer schon einmal Solschenizyns Archipel GULAG gelesen hat, der weiß, dass die sowjetische Wirklichkeit in Groteske und Grausamkeit Orwells Visionen aus 1984 weit hinter sich gelassen hat. Dementsprechend verlegen sowjetische Autoren auch häufig nicht ihre anti-utopischen Gesellschaften als Warnung in eine nahe oder ferne Zukunft, sondern kritisieren das (zeitgenössische) Hier und Jetzt.  Manchmal genügt der anti-utopische Literatur der Sowjetunion, die aufgrund der staatlichen Zensur entweder nur im Samizdat (d.h. der Untergrundliteratur) oder im Exil erscheinen konnte, dabei sogar ein weitgehend realistisches Erzählverfahren, um die Schrecken einer real-existierenden kommunistischen Utopie zu thematisieren. Auffällig häufig hingegen wird auf das Mittel der Satire oder Parodie und zurückgegriffen – Werke dieses Typs stehen, obwohl der staatliche Überbau der Sowjetunion eher an Orwells Visionen erinnert, dabei im erzähltechnischen Verfahren Huxleys Schöner Neuer Welt näher als dem von 1984.*

Staatskritische Romane als Dystopien

Stalin, welcher die Literatur als ideologisches Werkzeug zum human engineering begriff, verbot 1929 jegliche literarische Thematisierung von zukünftigen Gesellschaften (und damit auch die Science Fiction). Hierfür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen wurde unter dem Zeichen des sozialistischen Realismus sämtliche Literatur ideologisch vereinnahmt; zum anderen war die Literatur des Staates in ihrer Ausrichtung auf den Neuen Menschen und eine Neue Gesellschaft selbst utopisch. Erika Gottlieb weist hier richtig darauf hin, dass jedem Werk, welches sich der ideologischen Doktrin des Staates, seiner utopischen Vision und dem sozialistischen Realismus verweigerte, sofort eine anti-utopische Stoßrichtung erwächst.** So kann beispielsweise der literarischen Darstellung eines durch das System deformierten Sowjetmenschen in der Romanen  eine anti-utopische Dimension zukommen: Nicht, weil damit gegen Shdanows 1936 geäußertes Diktum, die Literatur solle sich darauf beschränken, die herausragenden Qualitäten und Gefühle des Sowjetmenschen darzustellen, verstoßen wird – obwohl dieses der ebenso Fall ist – sondern weil damit auch, was im Einzelfall jeweils festzustellen wäre, das Zukunftsversprechen der sowjetischen Real-Utopie negiert wird.

Damit ergibt sich allerdings ein Problem: Es wäre wenig sinnvoll, jeden staatskritischen Roman als Anti-Utopie aufzufassen. Zudem verdammen auch die zensierten Autoren utopische Visionen häufig nicht in Gänze. Vielfach üben sie in höchst satirischer Form nur Kritik an konkreten Erscheinungen des sie umgebenden staatlichen Systems bzw. der sowjetischen Gesellschaft und lassen das bzw. ein utopische Versprechen gelten. Insofern scheint es auch problematisch, hier von Anti-Utopien im engeren Sinne zu sprechen, weswegen diese Texte von Edith Clowes beispielsweise „nur“ als Meta-Utopien bezeichnet werden.*** Aus gleichem Grunde beschränkt sich Erika Gottlieb bei ihrer Untersuchung über die Unterschiede zwischen westlichen und östlichen Dystopien auf Romane, die sich auf den utopischen-antiutopischen Diskurs oder die Darstellung des politischen Systems der U.D.S.S.R als Albtraum konzentrieren.**** Vielleicht sollte man in einigen Fällen auch eher von Gegen-Utopien denn von Anti-Utopien sprechen.

Auswahl der Werke

Ob jeder einzelne der von mir für die Rezensionsserie sowjetischer Dystopien vorgesehenen Romane tatsächlich als Anti-Utopien betrachtet werden kann bzw. sollte, ist dementsprechend fraglich. Gefolgt wurde hier weitgehend Elena Zeißlers Auswahl für ihr Kapitel über die russischsprachige Dystopie. Darunter befinden sich  sowohl Werke, die sich eines realistisches Erzählverfahren bedienen, als auch Werke, die dieses nicht tun. Es ist aber wohl jeweils im konkreten Einzelfall zu diskutieren, ob es sinnvoll ist, den Roman mit dem Etikett „Dystopie“ bw. „Anti-Utopie“ zu versehen. Häufig wird sicherlich die Bezeichnung „utopische Satire“ treffender sein. Interessant dürfte die Lektüre dieser für die Genretheorie höchst problematischen Texte aber auf jeden Fall werden.