Douglas Coupland: Player One. What is to become of us

Seit 1961 lädt die Harvard Universität alljährlich einen herausragenden Denker ein, im Rahmen der Massey Lectures eine Woche lang öffentliche Lesungen zu seinen Forschungsergebnissen oder zu aktuellen gesellschaftlichen Themen zu halten. Im Jahr 2010 gab es nun eine Premiere: Der für seinen Werk Generation X bekannte kanadische Schriftsteller Douglas Coupland las erstmals aus einem literarischen Text, den er eigens für die Veranstaltung verfasst hatte.

Dem Entstehungskontext ist auch die Form des kaum 50.000 Worte umfassenden und noch nicht auf Deutsch erschienenen Romans geschuldet: In 5 Kapiteln erzählt Coupland die Geschichte von 4 Menschen, die an einem Vormittag, an dem die Apokalypse über die Welt hereinbricht, zufällig in der Cocktailbar eines Flughafens aufeinandertreffen: Karen hat ein Blinddate mit ihrem vielversprechenden Chatparter Warren, während Luke, der gerade die Kasse seiner Kirchengemeinde unterschlagen hat, mit der autistischen Rachel ins Gespräch kommt, die auf der Suche nach einem geeigneten Erzeuger für ihr Kind ist. Sie alle bedient der mehrfach gescheiterte trockene Alkoholiker Rick an der Bar, bis die Nachrichten überraschend vermelden, dass der Ölpreis auf 500 Dollar pro Barrel gestiegen sei – woraufhin nicht nur sofort der Strom ausfällt, sondern auch die Telefonnetze zusammenbrechen. Als wäre das nicht schon beängstigend genug, sind aus der Ferne Explosionen zu hören und über der Stadt ist ein gewaltiger Feuerball zu sehen. Beim Versuch, das Radio in einem vor dem Laden geparkten Fahrzeug zu benutzen, eröffnet ein Heckenschütze vom Dach des Gebäudes aus das Feuer auf die Gruppe; Warren wird dabei tödlich getroffen. Chemischer Fallout beginnt über dem Flughafen niederzugehen, Vögel fallen tot vom Himmel und der Heckenschütze, den Rick und Luke bei einem Vorstoß aufs Dach nicht überwältigen konnten, hämmert mit verbrannter Haut an die verbarrikadierte Tür. Erzählt wird dieses eigenwillige Peak-Oil-Szenario von einem allwissenden Erzähler namens Player One, der sich als der Avatar von Rachel zu erkennen gibt.

Jedes der 5 Kapitel des in seinem Aufbau überzeugenden und nur am Ende schwächelnden Romans  ist in 5 Abschnitte unterteilt, die jeweils aus der Perspektive einer der 5 Figuren erzählt werden. Trotz der Kürze des Textes gelingt es Coupland so, den Leser nach und nach mit den Lebensgeschichten seiner Figuren sowie ihren Träume und Wünschen vertraut zu machen – und Couplands sympathische, weil natürliche Figuren weisen dabei auch noch eine Tiefe auf, die andere Autoren nicht mal für eine Figur auf 500 Seiten erreichen. Ich kann nicht genau sagen, welche der Figuren mich am stärksten gefangen genommen hat: Rachel, die (zugegeben: sehr stark gezeichnet) ein Wesen von einem anderen Stern zu sein scheint und über deren Gedanken und Äußerungen ich beständig schmunzeln musste, oder Rick, der von Rachels Schönheit so fasziniert ist und an sein Glück kaum noch zu glauben wagt.

Wie der Aufbau sind auch die Themen der Inneren Monologe bzw. der Dialoge der Figuren aus dem Entstehungskontext des Romans heraus zu erklären: Sie setzen sich nicht selten mit der Frage nach dem Wesen der Zeit, der Natur des Menschen, seiner Zukunft und seiner Bestimmung – nicht zuletzt (es ist ein sehr us-amerikanisch wirkender Roman) auch mit der Existenz Gottes auseinander; so drängend diese Fragen für das Individuum auch sein mögen, sie alle überschattet ein Problem, dem unsere vom Erdöl abhängige Welt sich jetzt schon gegenüber stehen sieht: Der Frage, wie es weitergehen soll, wenn alle fossilen Rohstoffe, insbesondere Öl, verbraucht sind. Auf sie gibt Coupland ebensowenig eine Antwort wie seine im Reflektieren über ihr Leben manchmal sehr traurig wirkenden Figuren. Hin und wieder jedoch beantworten sie eine der anderen Fragen – jeder auf seine Weise. Streckenweise gewinnt die philosophische Ebene gegenüber dem eigentlichen Plot selbst die Oberhand – Player One ist nicht trotz, sondern wegen des bedrohlichen Szenarios alles andere als ein auf Action setzender Roman.

Zu gewollt postmodern erscheinen mir nicht nur die selbstreflexiven Anspielungen und die Gestaltung des allwissenden Player One als zweite Rachel, sondern auch das popliterarische Spiel der Zeichen mit den Zeichen: zu nennen wären hier Zitate aus Star Trek (Treffen der Generationen), die beständige Erwähnung der Suchmaschine Google über ihre eigentliche Funktion hinaus sowie das zahlreiche Wörter und knapp 30 Seiten umfassende Lexikon im Anhang.

Fazit

Ich habe die Lektüre von Couplands häufig amüsanten Roman Player One zu keinem Zeitpunkt bereut, auch wenn mir hin und wieder die philosophischen Überlegungen der Figuren zu sehr ins nebelhafte religiöse Jenseits drifteten. Schade ist nur das wenig überzeugende Ende, das ich euch aber natürlich nicht verraten werde.

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