Edmond Hamilton: S.O.S. die Erde erkaltet

Einen wirklich unterhaltsamen Science-Fiction-Roman hat 1951 Edmond Hamilton mit City at World’s End verfasst. Der kaum 200 Seiten lange Text, der schon ein Jahr nach seinem Erscheinen als S.O.S. die Erde erkaltet auch auf Deutsch vorlag, wartet mit allem auf, was sich der Leser von einem echten amerikanischen Roman der 50er Jahre erhofft: Superatombomben, Atomgeneratoren, Kuppelstädten, Aliens, den einsatzbereiten Geschützen der Nationalgarde, geheimnisvollen Sternenschiffen, einem heldenhaften amerikanischen Staatsbürger mit Pioniergeist, einer Romanze mit einer Außerirdischen und, und, und. Das Ganze kombiniert der Mann, der hinter der Serie Captain Future stand, mit einem atmosphärisch gelungenen Dying-Earth bzw. Sterbende-Sonne-Szenario. Großartig!

Eines wunderschönen Morgens explodiert über der kleinen amerikanischen Stadt Middletown ein neuartige Superatombombe, welche die Ortschaft mitsamt ihren ca. 40.000 Bewohnern Millionen Jahre unzerstört bzw. unverletzt in die Zukunft versetzt. Während die restlichen Einwohner noch rätseln, was überhaupt geschehen ist, hat das Wissenschafterteam um die Atomphysiker Hubble und Kenniston schon das Noch-Schrecklichere erfasst: Die kalte Sonne, die nur noch als roter Stern am Himmel steht, spendet nicht mehr genügend Wärme, um Leben auf der Erde  zu ermöglichen. Nach langen Diskussionen flüchten sich die Einwohner Middletowns vor der lebensbedrohlichen Kälte über die braunen leblosen Grasebenen in eine nahegelegene verlassene Kuppelstadt. Dort entdecken sie, dass auch der Erdkern, welcher durch seine Wärme offensichtlich noch eine Zeitlang menschliches Leben auf der Erde ermöglicht hat, erkaltet ist. Angesichts des drohenden Kältetodes nehmen die letzten Amerikaner eine Sendestadtion in Betrieb und versuchen andere Städte über Funk zu erreichen. Anstatt einer menschlichen Stimme aus dem Äther erreicht New-Middletown aber ein Sternenschiff aus dem Weltall. Obwohl ihnen die freundlichen “nur” menschenähnlichen Wesen unter der Führung ihrer zwar humanoiden, aber dennoch eiskalten Offizierin Varn Allan Erste Hilfe bei der Inbetriebnahme der futuristischen Stadt geben, kommt es zum Konflikt: Denn gegen ihren Willen sollen die Middletoner Bürger auf Befehl eines unbesiegbaren galaktischen Imperiums ihren Heimatplaneten verlassen… obwohl es möglicherweise eine technische Lösung gibt: Die nukleare “Neuerweckung” des erkalteten Erdkerns. Um einen gewalttätigen Konflikt zu verhindern, macht sich Kenniston mutig auf zur Wega. Damit ist er aber auch schon in eine intergalaktische Intrige ungeheuren Ausmaßes geraten – denn er soll nicht nur für die Bewohner der Erde ein Bleiberecht erstreiten, sondern einen juristischen Präzedenzfall schaffen, von dem auch die anderen primitiven menschenähnlichen Völker profitieren könnten.

Wie in den meisten SF-Romanen der Anfangszeit belässt es auch Hamilton bei einer groben skizzenhaften Zeichnung der Figuren, die somit über Stereotypen kaum hinausgehen. Nur der Protagonist Kenniston, aus dessen Perspektive der auktoriale geschriebene Roman überwiegend erzählt wird, gewinnt etwas deutlicher Gestalt, wobei hier aber immer noch nicht von Tiefe gesprochen werden kann. Besonders amüsant schlägt sich hier das zeitgenössische Frauenbild nieder: Obwohl die Hauptfigur an seiner Partnerin Carol bemängelt, dass ihr aufgrund von schon kindlicher Emotionalität wie allen Frauen der analytische Zugang zu einem Problem gänzlich abgehe, kritisiert er nachher Varn Allan, die Frau der Zukunft, für das genaue Gegenteil. Mittels eines tüchtigen Rüttelns an den schlanken Schultern der galaktischen Beamtin gelingt es ihm aber, den verborgenen femininen Kern bloßzulegen – womit auch endlich höchst traditionell der Weg zu einer Romanze des Helden mit der Außerirdischen gebahnt wird.* Köstlich! Es dürfte im Übrigen aber fraglich sein, ob die zeitgenössischen Leser 50er Jahre (und der Autor?) bemerkt haben, dass Carols höchst rationales Verhalten am Ende des Romanes Kenniston chauvinistische Weltsicht gänzlich widerlegt; denn sie gibt ihren Partner zuletzt in Eigeninitiative frei und begründet dieses mit den neuen Lebenswegen, die ihm nun offenstehen würden, und den Erfahrungen, die ihn in seiner Persönlichkeit stark verändert hätten. Das nenne ich mal Schluss machen!

Besonders gut gefallen hat mir die Umsetzung des Dying-Earth-Szenarios zu Beginn des Romanes – und weniger die Space Opera am Ende: Der kalte Wind, die lebensfeindlichen Ebenen, in denen nur noch wenige kleine bepelzte Tiere verzweifelt nach Wasser graben, und über allem ein merkwürdig verändertes nächtliches Firnament, das zusammen mit dem Mond am Morgen einer kalten roten Sonne weichen muss, die kaum noch Wärme spendet. Dieser bedrückenden Atmosphäre konnte ich mich nicht entziehen, obwohl Hamilton auch hier nicht viele Worte bei den Beschreibungen verliert. Schreiben kann der Mann.

Getrübt und gebrochen wird diese Atmosphäre allerdings durch jene, für die 50er Jahre typische, optimistische Sicht auf das Potential der menschlichen Natur: Natürlich haben die Nachfahren der Menschen die Milchstraße erobert. Selbstverständlich verfügt der Homo sapiens sapiens in ferner Zukunft auch über die technischen Mittel das Unausweichliche abzuwenden – zumal: Das Verbleiben auf der Erde wird hier als letztes Ende zelebriert und eben nicht als ein Aufschub des Unabwendbaren, was es tatsächlich darstellt. Natürlich ist es auch gelungen, Hunderte von anderen “Rassen” im Stile europäischen Sendungsbewusstsein gegen ihren Willen auf ein neues zivilisatorisches Niveau zu “heben”, was aber nichts daran ändern kann, dass diese in ihrem Wesenskern weiterhin  Primitive bleiben. Oha!

Interessant ist aber, dass der weiße Kleinbürger der 50er Jahre, welcher sich bei Hamilton deutlich als das Maß aller Dinge begreift und Fremdartigem mit überheblichen Ressentiments begegnet, selbst Opfer der unbesiegbaren “weißen Götter” wird. Gerade dieser Aspekt des Romanes dürfte für den damaligen Leser besonders bemerkenswert gewesen sein, unterwirft er doch die Selbst- und Fremdwahrnehmung des durchschnittlichen weißen Amerikaners einer kritischen Betrachtung. Das bereichert den Roman ungemein. Aber obwohl diese Form der Gesellschaftskritik entfernt an Wells Krieg der Welten erinnert, bleibt Hamilton viel zu deutlich im Rahmen des damals Akzeptablen: Die Invasoren aus der Zukunft stellen nur eine Extrapolation der mit der Ratio assoziierten europäischen Kultur dar – zumal sie weiß sind. Die Frau wird am Ende in ihrer Selbstständigkeit wieder auf ein für den Leser der 50er Jahre erträgliches Maß zurechtgestutzt. Da kann doch die Zukunft – wie schlecht sie auch werden wird – einfach nur kommen!

Yes, we can!

Fazit

Wer noch nie SF der 50er Jahre gelesen hat, sollte vielleicht einmal mit Edmond Hamiltons höchst unterhaltsamer Roman S.O.S. die Erde erkaltet auf Zeitreise gehen; voller Charme werden hier die typischen Motive des Genres präsentiert und die zeitgenössische Denkmuster durchgespielt – auch wenn man darüber streiten kann, wie reflektiert oder unreflektiert diese hier verwendet werden. Von allen amerikanischen SF-Romanen aus der Nachkriegszeit, die ich bisher gelesen habe, hat er mir am besten gefallen.

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