Christa Wolf: Störfall. Nachrichten eines Tages

Wer alt genug ist, um sich zu erinnern, wird sich sicher auch des Schreckens entsinnen können, der Europa im April 1986 befiel – des Verfolgen der radioaktiven Wolke auf den Wetterkarten, der Befürchtung, dass der Fallout über dem eigenen Wohnort niederregnen könnte, der widersprüchlichen Meinungen der sogenannten Experten und politisch Verantwortlichen – und tief ins kollektive Gedächtnis neben den Bildern von leeren Spielplätzen eingebrannt die Silhouette eines brennenden Reaktors 4 in Tschernobyl.

Schon im folgenden Jahr erscheint nicht nur Gudrun Pausewangs Roman Die Wolke, sondern auch Christa Wolfs Erzählung Störfall. Nachrichten eines Tages. In ihr setzt sich Christa Wolf einerseits kritisch mit dem Unglück selbst auseinander, andererseits analysiert sie aber auch akribisch auf verschiedenen Ebenen den Umgang von Menschen mit furchteinflößenden Meldungen. Denn neben der Reaktorkatastrophe steht an diesem Tage für die Ich-Erzählerin ein anderes wichtiges Ereignis im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit: Die Gehirnoperation ihres Bruders, bei der möglicherweise der Sehnerv geschädigt werden könnte. Das Motiv des Nicht-Sehen-Könnens und des Nicht-Sehen-Wollens, den Blinden Fleck, umkreist Wolf dabei in gelungener Weise auf den 120 Seiten ihres Werkes immer wieder – und das nicht nur, wenn die Protagonistin und ihre Schwägerin einen möglicherweise negativen Verlauf des operativen Eingriffs ausblenden oder die Hauptfigur trotz deutlicher Warnungen vor der Strahlung ohne Handschuhe im Garten dem Unkraut zu Leibe rückt. Lieber würde die Protagonistin auch nichts von dem alledem wissen, was die Touristen ihr an diesem Tage über die Ereignisse erzählen, die sich nach dem Kriege in dem kleinen mecklenburgischen Dorf zugetragen haben – und so blendet sie die Tatsache, dass ihr Gemüsebeet die letzte Ruhestädte der kleine Schwester jenes fremden Mannes sein könnte, genauso geschickt aus, wie sie frustriert die Fernsehkanäle wechselt, um den erhitzten Diskussionen der Befürworter und Gegner der Kernenergie nicht mehr folgen zu müssen, an deren Ende die Erkenntnis steht, dass die Anzugträger die Existenz eines Restkisikos gerade nicht ausblenden, sondern die Möglichkeit eines Unglückes auf dem Weg zur Utopie einer sicheren Nutzung der Kernenergie billigend in Kauf nehmen: Nur dass sie es auch aussprechen würden, und sei es dieses eine Mal – das hatte ich nicht erwartet. Mir ist ein Brieftext durch den Kopf gegangen, in dem ich – beschwörend, wie denn sonst – irgend jemandem mitteilen sollte, dass das Risiko der Atomtechnik mit keinem anderen vergleichbar sei und dass man bei auch nur einem minimalen Unsicherheitsfaktor auf diese Technik unbedingt verzichten müsse. 

Über die Motive des Nicht-Sehen-Wollens und Nicht-Sehen-Könnens hinaus greift Wolf in schon zur Genüge bekannter Weise Motive klassischer Werke auf, die sich mit dem Thema menschlicher Hybris auseinandersetzten, z.B. das des Faust und das des Turmbaus. Gelungener als diese Reminiszenzen erscheint mir die Gegenüberstellung von Chancen und Gefahren des Fortschrittes anhand der beiden zentralen Themen ‘lebensrettende Operation’ und ‘Reaktorunglück’. Beiden Aspekten wird Wolf in ihrem immer wieder beeindruckenden, manchmal doch überzogen innerlich wirkenden Stil gerecht, der in seinem selbstkritischen und vorsichtigen Ton aber beständig bemüht scheint, Kritik an der persönlichen Haltung und der politischen Gesinnung der Verfasserin schon im Vorfeld zu neutralisieren.

Fazit

Die sprachlich gelungene, wenn auch im Ton manchmal gewöhnungsbedürftige Erzählung Störfall von Christa Wolf fängt nicht nur die Ratslosigkeit der Menschen im April ’86 gelungen ein, sondern fordert in überzeugender Weise auch zur Reflektion über die persönliche Haltung und das eigene Verhalten auf. Ob allerdings die notwendige Kritik – hier vor allem an der Informationspolitik der DDR – von Wolf deutlich genug formuliert wird, ist – wie so häufig in ihren Werken – fraglich.

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