Nikolai Arschak: Hier spricht Moskau

Angesichts der verschiedenen Definitionen des Genres bzw. des Begriffes ‘Anti-Utopie’ bin ich nun wirklich großzügig, wenn es um die Etikettierung von literarischen Werken geht – da rutscht schon mal hier und dort kontrafaktische SF oder auch da mal ein postapokalyptischer Katastrophenroman als Dystopie durch. Aber bei Nikolai Arschaks ca. 70 Seiten umfassender Erzählung Hier spricht Moskau, welche sowohl von Erika Gottlieb in ihrer Untersuchung Dystopian Fiction East and West* als auch von Elena Zeißler (allerdings nur en passent) in ihrer Dissertation Dunkle Welten** als Beispiel für russische Anti-Utopien angeführt wird, habe ich gestutzt und wirklich lange überlegt: Wieso sollte Hier spricht Moskau anti-utopisch sein?

Der Inhalt

Denn erzählt wird in einem ausschließlich realistischem Verfahren aus der Perspektive des Ich-Erzählers Tolja. Der Erzählzeitpunkt selbst liegt ein Jahr nach den geschilderten Ereignissen: Eines sommerlichen Abends sitzt Tolja in Moskau mit einer handvoll Bekannten zusammen und genießt das schöne Wetter. Unter den Feiernden befindet sich auch die verheiratete Soja, mit welcher er eine heimliche Affaire pflegt. Gestört wird die ausgelassene Stimmung durch eine unerhörte Meldung des Moskauer Nachrichtensenders: In einem Monat werde der Tag des Mordes gefeiert – mit einigen wenigen Einschränkungen sei jedem Bürger der U.d.S.S.R. 24 Stunden lang die Tötung jedes anderen Bürgers erlaubt. In groben Zügen schildert Tolja nun die wachsenden Sorgen und Bedenken in seinem Umfeld. Wie seine Bekannten fragt auch er sich: Habe ich Feinde? Wird mich jemand aus purer Mordlust auf der Straße erschlagen? Will der Staat den Tag nutzten, um seine Kritiker aus dem Wege zu räumen? Soll ich zuhause bleiben und mich verschanzen? Hasse ich jemanden derart, dass ich ihn töten will? Der Protagonist beschließt, dass letzteres nicht der Fall ist – und er bleibt auch bei dieser Entscheidung, als ihn seine Geliebte Soja zum Mord an ihrem Ehemann überreden will, der ebenfalls zu Toljas Bekanntenkreis gehört. Daraufhin beendet er diese Affaire.

Als der Tag des Mordes herangerückt ist, nutzen tatsächlich eine ganze Handvoll Sowjetbürger die Gelegenheit, sich ungeliebter Genossen in ihrem Umfeld zu entledigen. Eine Frau, die Tolja seit langer Zeit kennt, erschreckt, als er sich ihr im Treppenhaus nähert. Er selbst wird von einem Unbekannten attackiert, allerdings gelingt es ihm, diesen zu überwältigen. Nachdem der Angreifer Tolja aufgefordert hat, ihn zu töten, dieser ihn aber nur einen Schweinehund nennt, entgegnet der Fremde: auf Befehl des Vaterlandes. Tatsächlich wird die Nichtumsetzung des Tags des Mordes, wie es beispielsweise in den baltischen Republiken geschehen ist, als Ausdruck von politischer Opposition gewertet. Nach der Auffassung von Svetlana, einer Bekannten, die Tolja auf eine weitere Feier mitnimmt, auf welcher über die Hintergründe des neuen Feiertages gerätselt wird, hat der Tag des Mordes der Einschüchterung der Bevölkerung durch den Staat gedient. Nachdem Tolja Svetlana nach Hause gebracht hat, wandert der Ich-Erzähler alleine durch die Straßen und beschließt, sich nicht durch den Terror einschüchtern zu lassen.

Der Zugang als Problem: Wo ist hier bitte die Utopie?

Das Bemerkenswerteste ist, dass die Erzählung aus dem Jahr 1960 weder vordergründig eine neue Gesellschaft (nonexistent society) konstruiertnoch diese näher beschreibt, wie Sargent es in seiner Definition fordert (in considerable detail). Die hier vorliegende Gesellschaft, die Ordnung des Staates sowie dessen Führung entsprechen auf den ersten Blick den historisch bekannten. Arschak verzichtet auf den detaillierteren Entwurf einer utopischen Gesellschaft – und das liegt wohl kaum an der Kürze des Textes (so weist Brjussovs Die Republik des Südkreuzes beispielsweise beides auf: Kürze und detaillierte Beschreibung). Es ist – der gelungene Rückgriff auf den bekannten Satz Hier spricht Moskau des russischen Nachrichtensenders macht es deutlich – vielmehr die Nähe der Welt des Textes zu jener des Lesers, die ihn erschauern lassen soll. Dabei bietet der Text fokussierend auch nur zwei Extrapolationen: Zum einen die begründungslose Einführung eines Tag des Mordes durch das Regime und zum anderen die kritiklose Hinnahme dieser neuen Einrichtung durch die vorgeführten Figuren, die überwiegend der intellektuellen Schicht der U.d.S.S.R. entstammen.

Die vielfach angemerkte und deutlich spürbare kafkaeske Wirkung des Textes ergibt sich dabei aus fehlender Weltbeschreibung in Kombination mit Arschaks Erfindung eines über die Massenmedien „von oben“ und aus der Ferne verkündeten Tages des Mordes bei ausbleibender Kritik seitens der Gesamtbevölkerung bzw. der im Zentrum der Erzählung stehenden Intellektuellen. Aber „kafkaesk ist nicht „utopisch“.

Deutlich wird, dass Arschak, der mit bürgerlichem Namen eigentlich Julij Daniel heißt und mit Abram Terz (Ljubimov) 1966 zusammen zu mehreren Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde***, in der Einführung jenes zentralen Tag des Mordes satirisch die Mordwellen der Stalinzeit aufarbeitet. So führt beispielsweise einer der praktisch denkenden Bekannten Toljas aus: Und das Jahr 1937? […] Genau das selbe, völlige Freiheit zu töten, bloß damals noch mit Soße [Anm. gemeint ist die propagandistische Legitimation]  dazu, und jetzt ohne. Na, und damals standen den Mördern ein ganzer Apparat, riesige Summen zur Verfügung. Und jetzt – bitte, machen sie es selbst. Selbstbedienung. Aus den Protokollen der Gerichtsverhandlung geht aber auch hervor, dass Daniel bei seiner Darstellung die Furcht vor einem neuen Personenkult, in dessen Zentrum Chruschtschow gestanden hätte, bewegt.**** Angesichts der auch im Text nachweisbaren Angst des Autors, dass sich das stalinistische Morden in perfektionierter Form wiederholen könnte, besitzt Hier spricht Moskau auch jene warnende Dimension, wie man es von zahlreichen Anti-Utopien her kennt.

Die gleiche Funktion besitzt ebenfalls die ausbleibende Kritik bzw. die teilweise bereitwillige Ausführung der Anordnung durch die Bevölkerung. Arschak will hier nicht nur eine fortschreitende Deformation des Sowjetmenschen durch das kommunistische System bloßlegen, sondern zudem vor einer gänzlich unkritischen Gesellschaft warnen, die Ergebis zum einen der totalitärer Durchformung und zum anderen der Einschüchterung durch den staatlichen Terror ist. Interessanterweise weigert sich selbst der Protagonist, dessen Vater bei den Säuberungswellen 1936 ums Leben gekommen ist,  noch in der Mitte der Erzählung, kritisch über die Säuberungswellen der Stalinära nachzudenken, denn seiner Ansicht nach haben Menschen [seiner] Generation nicht das Recht, über jene Zeiten zu schwätzen. Durch seinen Beschluss aber, am Tag des Mordes nicht mitzuwirken, tritt er doch in Opposition und erweist sich als mündiges Individuum, das nicht das Gesetz des Staates über die eigenen ethischen Normen stellt bzw. diese gleichschaltet. Offensichtlich bestärkt ihn Svetlanas Hinweis, dass die Einführung des Tags des Mordes als Terror nur der Einschüchterung gedient habe, welcher man sich nicht beugen dürfe, sogar in der Hoffnung auf eine bessere, wenn auch noch ferne Zukunft: Denn wenn es Svetlana gelungen ist, den Mechanismus des Terrors zu erkennen, so wird dieses auch anderen gelingen können.

Beurteilung

Einen Zugang zum Text zu finden, ist mir persönlich nicht leicht gefallen; in stärkerem Maße als andere Dystopien verlangt er nach der Eigentätigkeit des Lesers. So erschließt sich die Gesamtaussage, auch mit Blick auf den utopischen Diskurs, nicht von selbst – auch wenn am Ende der Protagonist sehr deutlich macht, welche Haltung seiner Auffassung nach die richtige ist. Wem die Atmosphäre in Kafkas Der Prozess liegt, der wird auch Arschaks Hier spricht Moskau goutieren. Aber: Der Text ist nicht zeitlos und ich gehöre offensichtlich nicht zum primär angestrebten Leserkreis – so sind mir zuerst zahlreiche satirische Überzeichnungen, wie beispielsweise die beständig feiernden und trinkenden sowjetischen Intellektuellen, entgangen. Interessant dürfte die Erzählung vor allem für diejenigen sein, welche sich für die Formenvielfalt des Genres interessieren – und die verblüfft wirklich immer wieder.

*Erika Gottlieb, : Universe of Terror and Trial, Montreal, 2001, S.189.

**Elena Zeißler, Dunkle Welten. Die Dystopie auf dem Weg ins 21. Jahrhundert, Marburg, 2008, S. 189.

*** Der aufsehenerregende Prozess markiert übrigens nach Ansicht von vielen Historikern den Beginn der Dissidentenbewegung in der Sowjetunion. Siehe hierzu: Fred Coleman, The Decline and Fall of Soviet Empire: Forty Years That Shook The World. From Stalin to Yeltsin, 1997 S.95.

**** Siehe hierzu die ausschnittsweise Wiedergabe des Gerichtsprotokolles im Artikel Wen hassen Sie, wen wollen Sie vernichten?, in: Der Spiegel, 19.04.1966.

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