Katie Kacvinsky: Die Rebellion der Maddie Freeman

Eine Rezension von Rob Randall

Das auffällige Cover des im Boje-Verlag erschienen Romans Die Rebellion der Maddie Freemann ist so unfassbar pink und gender, dass nicht nur ich als männlicher Rezensent unweigerlich das Bedürfnis verspüre, mich erklären zu müssen, sondern Katie Kacvinskys Roman vermutlich auch insgesamt wenige maskuline Leser – gleich welcher Altersstufe – finden wird. So verständlich letzteres auch ist:  Die Auseinandersetzung mit dem Roman ist für alle am Genre Interessierten durchaus lohnenswert – weil sich in Katie Kacvinskys Dystopie Auffälligkeiten finden lassen, von denen man auf aktuelle Veränderungen des Genres im Bereich der Jugendliteratur schließen kann (und mit denen ich mich im Rahmen einer Sammelrezension dystopischer Jugendromane für eine Zeitschrift auseinandersetzen will).

Die amerikanische Autorin entwirft in ihrem Roman eine U.S.A. des Jahres 2060, die durchaus geeignet ist, die weibliche jugendliche Zielgruppe erschauern zu lassen: Aufgrund der Zunahme von Amokläufen sowie verheerenden Attentaten auf Schulen und Universitäten ist der  Unterricht in seiner bekannten Form seit 2048 gesetzlich verboten. Ersetzt wurde das reale, aber als gefährdeter Raum betrachtete alte Klassenzimmer durch einen digitalen Nachfolger. Die Digital School ermöglicht es, die Kinder in einem virtuellen Klassenzimmer zu unterrichten, so dass sie physisch in ihrem sicheren Elternhaus verbleiben können. Während die meisten Jugendlichen (und auch Erwachsenen) ihr stark reduziertes Real Life kaum vermissen und dank neuer Technik ununterbrochen online sind, empfindet die 17-jährige Ich-Erzählerin Maddie Freeman  ihr Elternhaus und das System der Digital School zunehmend als Gefängnis; Was auch kaum verwundert, denn für Maddie fallen diese beiden Punkte sogar zusammen: Nicht nur ist Mr. Freeman der Erfinder und Leiter der Digital School, sondern auch Maddie eine Hackerin mit Bewährungsauflagen, die aus weitgehend persönlichen Gründen wichtige Daten ihres Vaters online gestellt und somit die Infrastruktur der DS angreifbar gemacht hat. Angesichts des Alters der Protagonistin verwundert es nicht, dass die Hauptfigur, die jugendliche weibliche Leser sehr deutlich zur Identifikation einlädt, sowohl die Kontrolle ihres Vaters zu unterlaufen versucht  als auch sich in den verführerisch geheimnisvollen Justin verliebt. So sehr Maddie ihre eigene Lebenssituation auch reflektieren kann, sind ihr doch wichtige Entwicklungen offensichtlich entgangen: Denn Justins Begegnung mit Katie, welche – von ihr selbst gänzlich unbemerkt – zu einer Ikone der Anti-DS-Bewegung geworden ist, ist nicht zufällig, sondern vielmehr der Beginn des Versuchs, sie als Mittel gegen ihren eigenen Vater einzusetzen. Der von Justin virtuos vorbereitete Plan, Maddie für die Wiederstandsgruppe zu gewinnen, bringt diese in Konflikt mit ihrem eigenen Gewisse, ihren Gefühlen und erneut dem amerikanischen Gesetz, dem sie sich auch durch den Gang in den Untergrund enziehen muss.

Kacvinsky ist es gut gelungen, sich auf die Welt ihrer Leserinnen einzulassen: Die Sprache der Ich-Erzählerin wirkt natürlich und ist altersangemessen. Hier und da gibt es auch neben dem Plot höchst abententeuerliche (und teilweise künstlich wirkende) Episoden. Das aus den klassischen Dystopien bekannte Liebesmotiv fungiert noch als Katalysator der Handlung, wird aber deutlich ausgebaut und beginnt teilweise die Geschichte zu dominieren. Damit dürfte sich die Autorin auch Leserschichten, für die dystopische Erzählungen bisher keinen Reiz besaßen, erschließen können. Aufgrund der zentralen Konflikts zwischen Vater und Tochter sowie der romantischen Liebe Katies zu Justin dürfte der Roman aber vor allem Leserinnen zwischen 14 und 16 ansprechen.

Für ältere Leser scheint mir die Autorin aber bei dem Versuch, die Komplexität der fiktionalen Welt zu reduzieren, etwas zu weit gegangen zu sein; denn auffällig ist der Roman im Vergleich mit klassischen Dystopien vor allem in einer Hinsicht: Die fiktionale Gesellschaft des Jahres 2060 wird nicht umfassend geschildert. Zahlreiche Leerstellen bleiben. Der Leser erfährt zwar, dass aufgrund zahlreicher terroristischer Gewaltakte und Amokläufen an amerikanischen Schulen der traditionelle Unterricht per gesetzlicher Bestimmung der Digital School weichen musste,  allerdings erklärt sich nicht, warum auch alle anderen (erwachsenen) Menschen ihr Leben weitgehend virtuell leben. Wortlos werden hier aktuelle – aber langfristige – gesellschaftliche Entwickungen in eine fiktionale Zukunft fortgeschrieben, wo angesichts des Alters der Leserschaft durchaus deutlichere Erklärungen Hinweise sinnvoll gewesen wären. Für meinen Geschmack zu ausschließlich legt die Autorin den Fokus auf die Welt ihrer Zielgruppe und den Auswirkungen der Digital School: Den neuartigen Möglichkeiten der Eltern, ihre Kinder zu überwachen, dem auf (kontrollierbare) Online-Bekanntschaften und die eigene Familie reduzierten sozialen Umfeld und den fehlenden eigenen Erfahrungen in der realen Welt, deren Verlust kaum durch die mediale Vermittlung aufgefangen werden kann.

Jenseits dessen dringt der Roman nur an sehr wenigen Punkten tiefer in die Verfasstheit der amerikanischen Gesellschaft des Jahres 2060 ein, legt dann aber die tatsächliche Gefahren moderner Technik bloß: Die fehlenden Erfahrungen in der realen Welt öffnen der Manipulation der öffentlichen Meinung Tür und Tor  – nicht nur, wenn den Kindern im Alter von 6 Jahren von einer „Klassenlehrerin“ vom Bildschirm herab erzählt wird, dass draußen im echten Leben ein großes Monster herumschleiche, sondern auch, wenn in eine zwar reale, aber leider gänzlich unbesuchte Sympathiekundgebungen für die DS mittels moderner Technik tausende begeisterte virtuelle Unterstützer einmontiert werden.

Mit ihrer Idee, den Vater der Protagonistin zum Leiter bzw. Initiator der DS und somit zum Antagonisten auszubauen, macht sich die Autorin die sicher nicht ganz seltenen Konflikte zwischen jenen, die ihre Bücher lesen, und denen, die sie bezahlt haben dürften, zu nutze. In Kombination mit dem sympathischen Charakter der aufmüpfigen Ich-Erzählerin gelingt jungen Lesern sicher schnell zu Beginn der Lektüre eine Identifikation mit der Hauptfigur. So erfolgreich beide Strategien auch sein mögen – durch sie verstärkt sich jedoch auch mein zuvor angesprochener Eindruck: Die Hintergründe der Unfreiheit schrumpfen auf einen Vater-Tochter-Konflikt zusammen, bei dem die zwei Randbemerkungen, der Vater habe für die Todesstrafe eines Dissidenten plädiert bzw. der Vater gebe dem Präsidenten Empfehlungen, ausreichen sollen, das politische Welt zu charakterisieren. Das ist insgesamt sehr, sehr wenig – dass das auch anders geht, zeigt Cory Doctorows Little Brother, den man deswegen allerdings auch – im Gegensatz zu Kacvinskys Roman – als All-Ager bezeichnen kann.

Entlang der klassischen Leitdichotomie des Genres ‘künstlich’/’echt’ arbeitet sich der Roman nicht nur am Gegensatz von virtueller und realer Welt, sondern auch an zahlreichen kontrovers diskutierten Themen der Gegenwart ab: z.B. der Gentechnik und der Lebensmittelchemie. Die Ausführungen Justins, der durch diese manchmal leider auch zur lehrerhaften Mentorfigur gerät, ermöglichen dabei nicht nur Katie, sondern auch dem jungen Leser einen kritischen Zugang.

Und damit ist auch schon ein Aspekt des Romanes berührt, der durchaus kritisch zu betrachten ist: Die bis ins Jahr 2060 gänzlich unkritisch fortgeschriebenen stereotypen Geschlechterrollen. So erscheint Mr. Freeman als allmächtiger und beruflich erfolgreicher Übervater, dem es sogar gelingt, seine Frau ihres eigentlichen Wesens zu berauben. Letztere scheint nur noch als vorsichtige Vermittlerin zwischen Vater und Tochter agieren zu können, wobei ihrer Tätigkeit keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt wird. Arbeitet sie? Ist sie Hausfrau? Aber warum kann sie dann nicht kochen? Wenn man mal von Katies mutigem Einsatz am Ende absieht, durchbricht der Roman nur zweimal (denn natürlich kann auch der Held Justin kochen) die bekannten Rollenklischees (und auch nur dazu, die fortgeschrittene Entfremdung der Menschen von der natürlichen Welt zu veranschaulichen: Denn in die Mikrowelle können sie die Produkte der Lebensmittelindustrie alle schieben). Dieses gilt auch für weitere Nebenfiguren. Innerhalb der Widerstandsgruppe stürzen sich die Männer traditionsbewusst in gefährliche Situationen oder entwickeln technische Spielereien, während die Damen für die kommunikativen Aufgaben zuständig sind. So gender das Cover des Romans ist, so stereotyp erscheint auch unter diesem Gesichtspunkt sein Inhalt.

Fazit

Vor dem Hintergrund einer sehr stark in ihrer Komplexität reduzierten dystopischen Welt erzählt Kacvinskys Roman, der im Englischen unter dem Titel awaken erschienen ist, die abenteuerliche Geschichte eines jungen Mädchens, dem es auch aufgrund ihrer Liebe zu einem jungen Mann gelingt, sich aus dem Sog der digitalen Welt, welche die reale gänzlich zu verdrängen droht, zu befreien. Damit macht der Roman eine gesellschaftliche (Fehl-)Entwicklung auch für junge und vornehmlich wohl weibliche Leser fassbar, transportiert dabei aber viel zu deutlich traditionelle Geschlechterrollen.

Douglas Coupland: Player One. What is to become of us

Eine Rezension von Rob Randall

Seit 1961 lädt die Harvard Universität alljährlich einen herausragenden Denker ein, im Rahmen der Massey Lectures eine Woche lang öffentliche Lesungen zu seinen Forschungsergebnissen oder zu aktuellen gesellschaftlichen Themen zu halten. Im Jahr 2010 gab es nun eine Premiere: Der für seinen Werk Generation X bekannte kanadische Schriftsteller Douglas Coupland las erstmals aus einem literarischen Text, den er eigens für die Veranstaltung verfasst hatte.

Dem Entstehungskontext ist auch die Form des kaum 50.000 Worte umfassenden und noch nicht auf Deutsch erschienenen Romans geschuldet: In 5 Kapiteln erzählt Coupland die Geschichte von 4 Menschen, die an einem Vormittag, an dem die Apokalypse über die Welt hereinbricht, zufällig in der Cocktailbar eines Flughafens aufeinandertreffen: Karen hat ein Blinddate mit ihrem vielversprechenden Chatparter Warren, während Luke, der gerade die Kasse seiner Kirchengemeinde unterschlagen hat, mit der autistischen Rachel ins Gespräch kommt, die auf der Suche nach einem geeigneten Erzeuger für ihr Kind ist. Sie alle bedient der mehrfach gescheiterte trockene Alkoholiker Rick an der Bar, bis die Nachrichten überraschend vermelden, dass der Ölpreis auf 500 Dollar pro Barrel gestiegen sei – woraufhin nicht nur sofort der Strom ausfällt, sondern auch die Telefonnetze zusammenbrechen. Als wäre das nicht schon beängstigend genug, sind aus der Ferne Explosionen zu hören und über der Stadt ist ein gewaltiger Feuerball zu sehen. Beim Versuch, das Radio in einem vor dem Laden geparkten Fahrzeug zu benutzen, eröffnet ein Heckenschütze vom Dach des Gebäudes aus das Feuer auf die Gruppe; Warren wird dabei tödlich getroffen. Chemischer Fallout beginnt über dem Flughafen niederzugehen, Vögel fallen tot vom Himmel und der Heckenschütze, den Rick und Luke bei einem Vorstoß aufs Dach nicht überwältigen konnten, hämmert mit verbrannter Haut an die verbarrikadierte Tür. Erzählt wird dieses eigenwillige Peak-Oil-Szenario von einem allwissenden Erzähler namens Player One, der sich als der Avatar von Rachel zu erkennen gibt.

Jedes der 5 Kapitel des in seinem Aufbau überzeugenden und nur am Ende schwächelnden Romans  ist in 5 Abschnitte unterteilt, die jeweils aus der Perspektive einer der 5 Figuren erzählt werden. Trotz der Kürze des Textes gelingt es Coupland so, den Leser nach und nach mit den Lebensgeschichten seiner Figuren sowie ihren Träume und Wünschen vertraut zu machen – und Couplands sympathische, weil natürliche Figuren weisen dabei auch noch eine Tiefe auf, die andere Autoren nicht mal für eine Figur auf 500 Seiten erreichen. Ich kann nicht genau sagen, welche der Figuren mich am stärksten gefangen genommen hat: Rachel, die (zugegeben: sehr stark gezeichnet) ein Wesen von einem anderen Stern zu sein scheint und über deren Gedanken und Äußerungen ich beständig schmunzeln musste, oder Rick, der von Rachels Schönheit so fasziniert ist und an sein Glück kaum noch zu glauben wagt.

Wie der Aufbau sind auch die Themen der Inneren Monologe bzw. der Dialoge der Figuren aus dem Entstehungskontext des Romans heraus zu erklären: Sie setzen sich nicht selten mit der Frage nach dem Wesen der Zeit, der Natur des Menschen, seiner Zukunft und seiner Bestimmung – nicht zuletzt (es ist ein sehr us-amerikanisch wirkender Roman) auch mit der Existenz Gottes auseinander; so drängend diese Fragen für das Individuum auch sein mögen, sie alle überschattet ein Problem, dem unsere vom Erdöl abhängige Welt sich jetzt schon gegenüber stehen sieht: Der Frage, wie es weitergehen soll, wenn alle fossilen Rohstoffe, insbesondere Öl, verbraucht sind. Auf sie gibt Coupland ebensowenig eine Antwort wie seine im Reflektieren über ihr Leben manchmal sehr traurig wirkenden Figuren. Hin und wieder jedoch beantworten sie eine der anderen Fragen – jeder auf seine Weise. Streckenweise gewinnt die philosophische Ebene gegenüber dem eigentlichen Plot selbst die Oberhand – Player One ist nicht trotz, sondern wegen des bedrohlichen Szenarios alles andere als ein auf Action setzender Roman.

Zu gewollt postmodern erscheinen mir nicht nur die selbstreflexiven Anspielungen und die Gestaltung des allwissenden Player One als zweite Rachel, sondern auch das popliterarische Spiel der Zeichen mit den Zeichen: zu nennen wären hier Zitate aus Star Trek (Treffen der Generationen), die beständige Erwähnung der Suchmaschine Google über ihre eigentliche Funktion hinaus sowie das zahlreiche Wörter und knapp 30 Seiten umfassende Lexikon im Anhang.

Fazit

Ich habe die Lektüre von Couplands häufig amüsanten Roman Player One zu keinem Zeitpunkt bereut, auch wenn mir hin und wieder die philosophischen Überlegungen der Figuren zu sehr ins nebelhafte religiöse Jenseits drifteten. Schade ist nur das wenig überzeugende Ende, das ich euch aber natürlich nicht verraten werde.

Stanislaw Lem: Memoiren gefunden in der Badewanne

Stanislaw Lems kafkaeske ‚Memoiren, gefunden in der Badewanne‘

Eine Buchbesprechung vom enttäuschten Rob Randall

Es gibt Albträume, die so schlimm sind, dass schon der flüchtige Gedanke an dieselben Nackenhaare zum Sich-Aufrichten bringt. Mein Albtraum ist folgender: Ich erwache und finde mich in den verzweifelten Oberstufenschüler einer höheren deutschen Bildungsanstalt verwandelt, der immer wieder und wieder und wieder – natürlich ohne zu wissen, warum – Kafkas Briefe an den Vater lesen und Fragen einer grotesk antiquiert gekleideten Lehrperson beantworten muss, welche trotz aller geistigen Bemühungen meinerseits in keinem erkennbaren Zusammenhang  mit dem Text selbst zu stehen scheinen.

So ist es vielleicht wenig überraschend, dass ich Stanislaw Lems kafkaesker Dystopie Memoiren, gefunden in der Badewanne wenig abgewinnen konnte. Während die einleitende Herausgeberfiktion mit dem bekannten Lem’schen Humor und Einfallsreichtum die nachfolgenden Seiten als archäologisches Fundstück einer in Dunkelheit versunkenen Epoche der Menschheit ausweist, stellen die Memoiren selbst den Leser doch auf eine harte Probe. In einer laut Aussagen des Herausgebers nach Außen hin gänzlich abgeschlossenen Bunkeranlage des Landes Ammer-Ku (welches sich wohl der Verehrung einer Kap-Eh-Thaal genannten Gottheit verschrieben hatte) tritt der namenlose Ich-Erzähler seinen Dienst als Agent des Geheimdienstes an. Seine Instruktionen gehen ihm jedoch schon bald ungelesen verloren – und die verzweifelte Jagd nach ihnen bleibt ebenso erfolglos wie der Versuch des Protagonisten, festzustellen, ob der Geheimdienst tatsächlich durchgängig von jenem sagenhaften Gegenspieler unterwandert ist, von dem alle sprechen – oder eben nicht. Grund für das Scheitern (?) des jungen Berufseinsteigers sind nicht nur die möglicherweise chiffrierten Äußerungen seiner Berufskollegen bzw. der Büroangestellten, mit denen er meistens genauso wenig anfangen kann, wie der Leser, sondern auch die Einrichtung der Behörde selbst, deren Tätigkeit vielleicht – so ist zumindest zu vermuten – über Selbstreferentialität und Selbstzweck nicht mehr hinausgeht. Gerechnet werden muss allerdings auch damit, dass die Qualen, die die Hauptfigur erleidet, Teil einer bis in die kleinste unzusammenhängende Einzelheit vorbereiteten Prüfung sind, die möglicherweise – vielleicht – von ihr schon nicht bestanden worden ist.

1961 als bittere Satire auf die Bürokratie moderner Staaten verfasst, besitzt Lems Bild einer sich selbst verabsolutierenden Staatsmachinerie, die hier in Form eines Geheimdienstes auftritt, durchaus Wiedererkennungswert – und an einigen Stellen kann sich der Leser durchaus amüsieren – allerdings wird so mancher Rezipient schon ab der Hälfte der gut 220 Seiten angestrengt gegen deutliche Ermüdungserscheinungen kämpfen müssen: Es ist wohl eine Frage der mentalen Konstitution des Lesers, wieviele Seiten einer „desemantisierten“ Handlung, die nur durch einen rätselhaften Ort und das unendliche Rätselraten der zentralen Figur zusammengehalten wird, er ertragen kann, zumal sich der Text aufgrund eines intratextuellen Überangebotes von Interpretationswegen vor dem Leser letztendlich ebenso hermetisch schließt wie das „Gebäude“ des Geheimdienstes (wahrscheinlich) vor der Außenwelt.

Edmond Hamilton: S.O.S. die Erde erkaltet

Eine Rezension von Rob Randall

Einen wirklich unterhaltsamen Science-Fiction-Roman hat 1951 Edmond Hamilton mit City at World’s End verfasst. Der kaum 200 Seiten lange Text, der schon ein Jahr nach seinem Erscheinen als S.O.S. die Erde erkaltet auch auf Deutsch vorlag, wartet mit allem auf, was sich der Leser von einem echten amerikanischen Roman der 50er Jahre erhofft: Superatombomben, Atomgeneratoren, Kuppelstädten, Aliens, den einsatzbereiten Geschützen der Nationalgarde, geheimnisvollen Sternenschiffen, einem heldenhaften amerikanischen Staatsbürger mit Pioniergeist, einer Romanze mit einer Außerirdischen und, und, und. Das Ganze kombiniert der Mann, der hinter der Serie Captain Future stand, mit einem atmosphärisch gelungenen Dying-Earth bzw. Sterbende-Sonne-Szenario. Großartig!

Eines wunderschönen Morgens explodiert über der kleinen amerikanischen Stadt Middletown ein neuartige Superatombombe, welche die Ortschaft mitsamt ihren ca. 40.000 Bewohnern Millionen Jahre unzerstört bzw. unverletzt in die Zukunft versetzt. Während die restlichen Einwohner noch rätseln, was überhaupt geschehen ist, hat das Wissenschafterteam um die Atomphysiker Hubble und Kenniston schon das Noch-Schrecklichere erfasst: Die kalte Sonne, die nur noch als roter Stern am Himmel steht, spendet nicht mehr genügend Wärme, um Leben auf der Erde  zu ermöglichen. Nach langen Diskussionen flüchten sich die Einwohner Middletowns vor der lebensbedrohlichen Kälte über die braunen leblosen Grasebenen in eine nahegelegene verlassene Kuppelstadt. Dort entdecken sie, dass auch der Erdkern, welcher durch seine Wärme offensichtlich noch eine Zeitlang menschliches Leben auf der Erde ermöglicht hat, erkaltet ist. Angesichts des drohenden Kältetodes nehmen die letzten Amerikaner eine Sendestadtion in Betrieb und versuchen andere Städte über Funk zu erreichen. Anstatt einer menschlichen Stimme aus dem Äther erreicht New-Middletown aber ein Sternenschiff aus dem Weltall. Obwohl ihnen die freundlichen “nur” menschenähnlichen Wesen unter der Führung ihrer zwar humanoiden, aber dennoch eiskalten Offizierin Varn Allan Erste Hilfe bei der Inbetriebnahme der futuristischen Stadt geben, kommt es zum Konflikt: Denn gegen ihren Willen sollen die Middletoner Bürger auf Befehl eines unbesiegbaren galaktischen Imperiums ihren Heimatplaneten verlassen… obwohl es möglicherweise eine technische Lösung gibt: Die nukleare “Neuerweckung” des erkalteten Erdkerns. Um einen gewalttätigen Konflikt zu verhindern, macht sich Kenniston mutig auf zur Wega. Damit ist er aber auch schon in eine intergalaktische Intrige ungeheuren Ausmaßes geraten – denn er soll nicht nur für die Bewohner der Erde ein Bleiberecht erstreiten, sondern einen juristischen Präzedenzfall schaffen, von dem auch die anderen primitiven menschenähnlichen Völker profitieren könnten.

Wie in den meisten SF-Romanen der Anfangszeit belässt es auch Hamilton bei einer groben skizzenhaften Zeichnung der Figuren, die somit über Stereotypen kaum hinausgehen. Nur der Protagonist Kenniston, aus dessen Perspektive der auktoriale geschriebene Roman überwiegend erzählt wird, gewinnt etwas deutlicher Gestalt, wobei hier aber immer noch nicht von Tiefe gesprochen werden kann. Besonders amüsant schlägt sich hier das zeitgenössische Frauenbild nieder: Obwohl die Hauptfigur an seiner Partnerin Carol bemängelt, dass ihr aufgrund von schon kindlicher Emotionalität wie allen Frauen der analytische Zugang zu einem Problem gänzlich abgehe, kritisiert er nachher Varn Allan, die Frau der Zukunft, für das genaue Gegenteil. Mittels eines tüchtigen Rüttelns an den schlanken Schultern der galaktischen Beamtin gelingt es ihm aber, den verborgenen femininen Kern bloßzulegen – womit auch endlich höchst traditionell der Weg zu einer Romanze des Helden mit der Außerirdischen gebahnt wird.* Köstlich! Es dürfte im Übrigen aber fraglich sein, ob die zeitgenössischen Leser 50er Jahre (und der Autor?) bemerkt haben, dass Carols höchst rationales Verhalten am Ende des Romanes Kenniston chauvinistische Weltsicht gänzlich widerlegt; denn sie gibt ihren Partner zuletzt in Eigeninitiative frei und begründet dieses mit den neuen Lebenswegen, die ihm nun offenstehen würden, und den Erfahrungen, die ihn in seiner Persönlichkeit stark verändert hätten. Das nenne ich mal Schluss machen!

Besonders gut gefallen hat mir die Umsetzung des Dying-Earth-Szenarios zu Beginn des Romanes – und weniger die Space Opera am Ende: Der kalte Wind, die lebensfeindlichen Ebenen, in denen nur noch wenige kleine bepelzte Tiere verzweifelt nach Wasser graben, und über allem ein merkwürdig verändertes nächtliches Firnament, das zusammen mit dem Mond am Morgen einer kalten roten Sonne weichen muss, die kaum noch Wärme spendet. Dieser bedrückenden Atmosphäre konnte ich mich nicht entziehen, obwohl Hamilton auch hier nicht viele Worte bei den Beschreibungen verliert. Schreiben kann der Mann.

Getrübt und gebrochen wird diese Atmosphäre allerdings durch jene, für die 50er Jahre typische, optimistische Sicht auf das Potential der menschlichen Natur: Natürlich haben die Nachfahren der Menschen die Milchstraße erobert. Selbstverständlich verfügt der Homo sapiens sapiens in ferner Zukunft auch über die technischen Mittel das Unausweichliche abzuwenden – zumal: Das Verbleiben auf der Erde wird hier als letztes Ende zelebriert und eben nicht als ein Aufschub des Unabwendbaren, was es tatsächlich darstellt. Natürlich ist es auch gelungen, Hunderte von anderen “Rassen” im Stile europäischen Sendungsbewusstsein gegen ihren Willen auf ein neues zivilisatorisches Niveau zu “heben”, was aber nichts daran ändern kann, dass diese in ihrem Wesenskern weiterhin  Primitive bleiben. Oha!

Interessant ist aber, dass der weiße Kleinbürger der 50er Jahre, welcher sich bei Hamilton deutlich als das Maß aller Dinge begreift und Fremdartigem mit überheblichen Ressentiments begegnet, selbst Opfer der unbesiegbaren “weißen Götter” wird. Gerade dieser Aspekt des Romanes dürfte für den damaligen Leser besonders bemerkenswert gewesen sein, unterwirft er doch die Selbst- und Fremdwahrnehmung des durchschnittlichen weißen Amerikaners einer kritischen Betrachtung. Das bereichert den Roman ungemein. Aber obwohl diese Form der Gesellschaftskritik entfernt an Wells Krieg der Welten erinnert, bleibt Hamilton viel zu deutlich im Rahmen des damals Akzeptablen: Die Invasoren aus der Zukunft stellen nur eine Extrapolation der mit der Ratio assoziierten europäischen Kultur dar – zumal sie weiß sind. Die Frau wird am Ende in ihrer Selbstständigkeit wieder auf ein für den Leser der 50er Jahre erträgliches Maß zurechtgestutzt. Da kann doch die Zukunft – wie schlecht sie auch werden wird – einfach nur kommen!

Yes, we can!

Fazit

Wer noch nie SF der 50er Jahre gelesen hat, sollte vielleicht einmal mit Edmond Hamiltons höchst unterhaltsamer Roman S.O.S. die Erde erkaltet auf Zeitreise gehen; voller Charme werden hier die typischen Motive des Genres präsentiert und die zeitgenössische Denkmuster durchgespielt – auch wenn man darüber streiten kann, wie reflektiert oder unreflektiert diese hier verwendet werden. Von allen amerikanischen SF-Romanen aus der Nachkriegszeit, die ich bisher gelesen habe, hat er mir am besten gefallen.

Christa Wolf: Störfall. Nachrichten eines Tages

Eine Rezension von Rob Randall

Wer alt genug ist, um sich zu erinnern, wird sich sicher auch des Schreckens entsinnen können, der Europa im April 1986 befiel – des Verfolgen der radioaktiven Wolke auf den Wetterkarten, der Befürchtung, dass der Fallout über dem eigenen Wohnort niederregnen könnte, der widersprüchlichen Meinungen der sogenannten Experten und politisch Verantwortlichen – und tief ins kollektive Gedächtnis neben den Bildern von leeren Spielplätzen eingebrannt die Silhouette eines brennenden Reaktors 4 in Tschernobyl.

Schon im folgenden Jahr erscheint nicht nur Gudrun Pausewangs Roman Die Wolke, sondern auch Christa Wolfs Erzählung Störfall. Nachrichten eines Tages. In ihr setzt sich Christa Wolf einerseits kritisch mit dem Unglück selbst auseinander, andererseits analysiert sie aber auch akribisch auf verschiedenen Ebenen den Umgang von Menschen mit furchteinflößenden Meldungen. Denn neben der Reaktorkatastrophe steht an diesem Tage für die Ich-Erzählerin ein anderes wichtiges Ereignis im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit: Die Gehirnoperation ihres Bruders, bei der möglicherweise der Sehnerv geschädigt werden könnte. Das Motiv des Nicht-Sehen-Könnens und des Nicht-Sehen-Wollens, den Blinden Fleck, umkreist Wolf dabei in gelungener Weise auf den 120 Seiten ihres Werkes immer wieder – und das nicht nur, wenn die Protagonistin und ihre Schwägerin einen möglicherweise negativen Verlauf des operativen Eingriffs ausblenden oder die Hauptfigur trotz deutlicher Warnungen vor der Strahlung ohne Handschuhe im Garten dem Unkraut zu Leibe rückt. Lieber würde die Protagonistin auch nichts von dem alledem wissen, was die Touristen ihr an diesem Tage über die Ereignisse erzählen, die sich nach dem Kriege in dem kleinen mecklenburgischen Dorf zugetragen haben – und so blendet sie die Tatsache, dass ihr Gemüsebeet die letzte Ruhestädte der kleine Schwester jenes fremden Mannes sein könnte, genauso geschickt aus, wie sie frustriert die Fernsehkanäle wechselt, um den erhitzten Diskussionen der Befürworter und Gegner der Kernenergie nicht mehr folgen zu müssen, an deren Ende die Erkenntnis steht, dass die Anzugträger die Existenz eines Restkisikos gerade nicht ausblenden, sondern die Möglichkeit eines Unglückes auf dem Weg zur Utopie einer sicheren Nutzung der Kernenergie billigend in Kauf nehmen: Nur dass sie es auch aussprechen würden, und sei es dieses eine Mal – das hatte ich nicht erwartet. Mir ist ein Brieftext durch den Kopf gegangen, in dem ich – beschwörend, wie denn sonst – irgend jemandem mitteilen sollte, dass das Risiko der Atomtechnik mit keinem anderen vergleichbar sei und dass man bei auch nur einem minimalen Unsicherheitsfaktor auf diese Technik unbedingt verzichten müsse. 

Über die Motive des Nicht-Sehen-Wollens und Nicht-Sehen-Könnens hinaus greift Wolf in schon zur Genüge bekannter Weise Motive klassischer Werke auf, die sich mit dem Thema menschlicher Hybris auseinandersetzten, z.B. das des Faust und das des Turmbaus. Gelungener als diese Reminiszenzen erscheint mir die Gegenüberstellung von Chancen und Gefahren des Fortschrittes anhand der beiden zentralen Themen ‘lebensrettende Operation’ und ‘Reaktorunglück’. Beiden Aspekten wird Wolf in ihrem immer wieder beeindruckenden, manchmal doch überzogen innerlich wirkenden Stil gerecht, der in seinem selbstkritischen und vorsichtigen Ton aber beständig bemüht scheint, Kritik an der persönlichen Haltung und der politischen Gesinnung der Verfasserin schon im Vorfeld zu neutralisieren.

Fazit

Die sprachlich gelungene, wenn auch im Ton manchmal gewöhnungsbedürftige Erzählung Störfall von Christa Wolf fängt nicht nur die Ratslosigkeit der Menschen im April ’86 gelungen ein, sondern fordert in überzeugender Weise auch zur Reflektion über die persönliche Haltung und das eigene Verhalten auf. Ob allerdings die notwendige Kritik – hier vor allem an der Informationspolitik der DDR – von Wolf deutlich genug formuliert wird, ist – wie so häufig in ihren Werken – fraglich.