Katie Kacvinsky: Die Rebellion der Maddie Freeman

Das auffällige Cover des im Boje-Verlag erschienen Romans Die Rebellion der Maddie Freemann ist so unfassbar pink und gender, dass nicht nur ich als männlicher Rezensent unweigerlich das Bedürfnis verspüre, mich erklären zu müssen, sondern Katie Kacvinskys Roman vermutlich auch insgesamt wenige maskuline Leser – gleich welcher Altersstufe – finden wird. So verständlich letzteres auch ist:  Die Auseinandersetzung mit dem Roman ist für alle am Genre Interessierten durchaus lohnenswert – weil sich in Katie Kacvinskys Dystopie Auffälligkeiten finden lassen, von denen man auf aktuelle Veränderungen des Genres im Bereich der Jugendliteratur schließen kann (und mit denen ich mich im Rahmen einer Sammelrezension dystopischer Jugendromane für eine Zeitschrift auseinandersetzen will).

Die amerikanische Autorin entwirft in ihrem Roman eine U.S.A. des Jahres 2060, die durchaus geeignet ist, die weibliche jugendliche Zielgruppe erschauern zu lassen: Aufgrund der Zunahme von Amokläufen sowie verheerenden Attentaten auf Schulen und Universitäten ist der  Unterricht in seiner bekannten Form seit 2048 gesetzlich verboten. Ersetzt wurde das reale, aber als gefährdeter Raum betrachtete alte Klassenzimmer durch einen digitalen Nachfolger. Die Digital School ermöglicht es, die Kinder in einem virtuellen Klassenzimmer zu unterrichten, so dass sie physisch in ihrem sicheren Elternhaus verbleiben können. Während die meisten Jugendlichen (und auch Erwachsenen) ihr stark reduziertes Real Life kaum vermissen und dank neuer Technik ununterbrochen online sind, empfindet die 17-jährige Ich-Erzählerin Maddie Freeman  ihr Elternhaus und das System der Digital School zunehmend als Gefängnis; Was auch kaum verwundert, denn für Maddie fallen diese beiden Punkte sogar zusammen: Nicht nur ist Mr. Freeman der Erfinder und Leiter der Digital School, sondern auch Maddie eine Hackerin mit Bewährungsauflagen, die aus weitgehend persönlichen Gründen wichtige Daten ihres Vaters online gestellt und somit die Infrastruktur der DS angreifbar gemacht hat. Angesichts des Alters der Protagonistin verwundert es nicht, dass die Hauptfigur, die jugendliche weibliche Leser sehr deutlich zur Identifikation einlädt, sowohl die Kontrolle ihres Vaters zu unterlaufen versucht  als auch sich in den verführerisch geheimnisvollen Justin verliebt. So sehr Maddie ihre eigene Lebenssituation auch reflektieren kann, sind ihr doch wichtige Entwicklungen offensichtlich entgangen: Denn Justins Begegnung mit Katie, welche – von ihr selbst gänzlich unbemerkt – zu einer Ikone der Anti-DS-Bewegung geworden ist, ist nicht zufällig, sondern vielmehr der Beginn des Versuchs, sie als Mittel gegen ihren eigenen Vater einzusetzen. Der von Justin virtuos vorbereitete Plan, Maddie für die Wiederstandsgruppe zu gewinnen, bringt diese in Konflikt mit ihrem eigenen Gewisse, ihren Gefühlen und erneut dem amerikanischen Gesetz, dem sie sich auch durch den Gang in den Untergrund enziehen muss.

Kacvinsky ist es gut gelungen, sich auf die Welt ihrer Leserinnen einzulassen: Die Sprache der Ich-Erzählerin wirkt natürlich und ist altersangemessen. Hier und da gibt es auch neben dem Plot höchst abententeuerliche (und teilweise künstlich wirkende) Episoden. Das aus den klassischen Dystopien bekannte Liebesmotiv fungiert noch als Katalysator der Handlung, wird aber deutlich ausgebaut und beginnt teilweise die Geschichte zu dominieren. Damit dürfte sich die Autorin auch Leserschichten, für die dystopische Erzählungen bisher keinen Reiz besaßen, erschließen können. Aufgrund der zentralen Konflikts zwischen Vater und Tochter sowie der romantischen Liebe Katies zu Justin dürfte der Roman aber vor allem Leserinnen zwischen 14 und 16 ansprechen.

Für ältere Leser scheint mir die Autorin aber bei dem Versuch, die Komplexität der fiktionalen Welt zu reduzieren, etwas zu weit gegangen zu sein; denn auffällig ist der Roman im Vergleich mit klassischen Dystopien vor allem in einer Hinsicht: Die fiktionale Gesellschaft des Jahres 2060 wird nicht umfassend geschildert. Zahlreiche Leerstellen bleiben. Der Leser erfährt zwar, dass aufgrund zahlreicher terroristischer Gewaltakte und Amokläufen an amerikanischen Schulen der traditionelle Unterricht per gesetzlicher Bestimmung der Digital School weichen musste,  allerdings erklärt sich nicht, warum auch alle anderen (erwachsenen) Menschen ihr Leben weitgehend virtuell leben. Wortlos werden hier aktuelle – aber langfristige – gesellschaftliche Entwickungen in eine fiktionale Zukunft fortgeschrieben, wo angesichts des Alters der Leserschaft durchaus deutlichere Erklärungen Hinweise sinnvoll gewesen wären. Für meinen Geschmack zu ausschließlich legt die Autorin den Fokus auf die Welt ihrer Zielgruppe und den Auswirkungen der Digital School: Den neuartigen Möglichkeiten der Eltern, ihre Kinder zu überwachen, dem auf (kontrollierbare) Online-Bekanntschaften und die eigene Familie reduzierten sozialen Umfeld und den fehlenden eigenen Erfahrungen in der realen Welt, deren Verlust kaum durch die mediale Vermittlung aufgefangen werden kann.

Jenseits dessen dringt der Roman nur an sehr wenigen Punkten tiefer in die Verfasstheit der amerikanischen Gesellschaft des Jahres 2060 ein, legt dann aber die tatsächliche Gefahren moderner Technik bloß: Die fehlenden Erfahrungen in der realen Welt öffnen der Manipulation der öffentlichen Meinung Tür und Tor  – nicht nur, wenn den Kindern im Alter von 6 Jahren von einer „Klassenlehrerin“ vom Bildschirm herab erzählt wird, dass draußen im echten Leben ein großes Monster herumschleiche, sondern auch, wenn in eine zwar reale, aber leider gänzlich unbesuchte Sympathiekundgebungen für die DS mittels moderner Technik tausende begeisterte virtuelle Unterstützer einmontiert werden.

Mit ihrer Idee, den Vater der Protagonistin zum Leiter bzw. Initiator der DS und somit zum Antagonisten auszubauen, macht sich die Autorin die sicher nicht ganz seltenen Konflikte zwischen jenen, die ihre Bücher lesen, und denen, die sie bezahlt haben dürften, zu nutze. In Kombination mit dem sympathischen Charakter der aufmüpfigen Ich-Erzählerin gelingt jungen Lesern sicher schnell zu Beginn der Lektüre eine Identifikation mit der Hauptfigur. So erfolgreich beide Strategien auch sein mögen – durch sie verstärkt sich jedoch auch mein zuvor angesprochener Eindruck: Die Hintergründe der Unfreiheit schrumpfen auf einen Vater-Tochter-Konflikt zusammen, bei dem die zwei Randbemerkungen, der Vater habe für die Todesstrafe eines Dissidenten plädiert bzw. der Vater gebe dem Präsidenten Empfehlungen, ausreichen sollen, das politische Welt zu charakterisieren. Das ist insgesamt sehr, sehr wenig – dass das auch anders geht, zeigt Cory Doctorows Little Brother, den man deswegen allerdings auch – im Gegensatz zu Kacvinskys Roman – als All-Ager bezeichnen kann.

Entlang der klassischen Leitdichotomie des Genres ‘künstlich’/’echt’ arbeitet sich der Roman nicht nur am Gegensatz von virtueller und realer Welt, sondern auch an zahlreichen kontrovers diskutierten Themen der Gegenwart ab: z.B. der Gentechnik und der Lebensmittelchemie. Die Ausführungen Justins, der durch diese manchmal leider auch zur lehrerhaften Mentorfigur gerät, ermöglichen dabei nicht nur Katie, sondern auch dem jungen Leser einen kritischen Zugang.

Und damit ist auch schon ein Aspekt des Romanes berührt, der durchaus kritisch zu betrachten ist: Die bis ins Jahr 2060 gänzlich unkritisch fortgeschriebenen stereotypen Geschlechterrollen. So erscheint Mr. Freeman als allmächtiger und beruflich erfolgreicher Übervater, dem es sogar gelingt, seine Frau ihres eigentlichen Wesens zu berauben. Letztere scheint nur noch als vorsichtige Vermittlerin zwischen Vater und Tochter agieren zu können, wobei ihrer Tätigkeit keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt wird. Arbeitet sie? Ist sie Hausfrau? Aber warum kann sie dann nicht kochen? Wenn man mal von Katies mutigem Einsatz am Ende absieht, durchbricht der Roman nur zweimal (denn natürlich kann auch der Held Justin kochen) die bekannten Rollenklischees (und auch nur dazu, die fortgeschrittene Entfremdung der Menschen von der natürlichen Welt zu veranschaulichen: Denn in die Mikrowelle können sie die Produkte der Lebensmittelindustrie alle schieben). Dieses gilt auch für weitere Nebenfiguren. Innerhalb der Widerstandsgruppe stürzen sich die Männer traditionsbewusst in gefährliche Situationen oder entwickeln technische Spielereien, während die Damen für die kommunikativen Aufgaben zuständig sind. So gender das Cover des Romans ist, so stereotyp erscheint auch unter diesem Gesichtspunkt sein Inhalt.

Fazit

Vor dem Hintergrund einer sehr stark in ihrer Komplexität reduzierten dystopischen Welt erzählt Kacvinskys Roman, der im Englischen unter dem Titel awaken erschienen ist, die abenteuerliche Geschichte eines jungen Mädchens, dem es auch aufgrund ihrer Liebe zu einem jungen Mann gelingt, sich aus dem Sog der digitalen Welt, welche die reale gänzlich zu verdrängen droht, zu befreien. Damit macht der Roman eine gesellschaftliche (Fehl-)Entwicklung auch für junge und vornehmlich wohl weibliche Leser fassbar, transportiert dabei aber viel zu deutlich traditionelle Geschlechterrollen.

Douglas Coupland: Player One. What is to become of us

Seit 1961 lädt die Harvard Universität alljährlich einen herausragenden Denker ein, im Rahmen der Massey Lectures eine Woche lang öffentliche Lesungen zu seinen Forschungsergebnissen oder zu aktuellen gesellschaftlichen Themen zu halten. Im Jahr 2010 gab es nun eine Premiere: Der für seinen Werk Generation X bekannte kanadische Schriftsteller Douglas Coupland las erstmals aus einem literarischen Text, den er eigens für die Veranstaltung verfasst hatte.

Dem Entstehungskontext ist auch die Form des kaum 50.000 Worte umfassenden und noch nicht auf Deutsch erschienenen Romans geschuldet: In 5 Kapiteln erzählt Coupland die Geschichte von 4 Menschen, die an einem Vormittag, an dem die Apokalypse über die Welt hereinbricht, zufällig in der Cocktailbar eines Flughafens aufeinandertreffen: Karen hat ein Blinddate mit ihrem vielversprechenden Chatparter Warren, während Luke, der gerade die Kasse seiner Kirchengemeinde unterschlagen hat, mit der autistischen Rachel ins Gespräch kommt, die auf der Suche nach einem geeigneten Erzeuger für ihr Kind ist. Sie alle bedient der mehrfach gescheiterte trockene Alkoholiker Rick an der Bar, bis die Nachrichten überraschend vermelden, dass der Ölpreis auf 500 Dollar pro Barrel gestiegen sei – woraufhin nicht nur sofort der Strom ausfällt, sondern auch die Telefonnetze zusammenbrechen. Als wäre das nicht schon beängstigend genug, sind aus der Ferne Explosionen zu hören und über der Stadt ist ein gewaltiger Feuerball zu sehen. Beim Versuch, das Radio in einem vor dem Laden geparkten Fahrzeug zu benutzen, eröffnet ein Heckenschütze vom Dach des Gebäudes aus das Feuer auf die Gruppe; Warren wird dabei tödlich getroffen. Chemischer Fallout beginnt über dem Flughafen niederzugehen, Vögel fallen tot vom Himmel und der Heckenschütze, den Rick und Luke bei einem Vorstoß aufs Dach nicht überwältigen konnten, hämmert mit verbrannter Haut an die verbarrikadierte Tür. Erzählt wird dieses eigenwillige Peak-Oil-Szenario von einem allwissenden Erzähler namens Player One, der sich als der Avatar von Rachel zu erkennen gibt.

Jedes der 5 Kapitel des in seinem Aufbau überzeugenden und nur am Ende schwächelnden Romans  ist in 5 Abschnitte unterteilt, die jeweils aus der Perspektive einer der 5 Figuren erzählt werden. Trotz der Kürze des Textes gelingt es Coupland so, den Leser nach und nach mit den Lebensgeschichten seiner Figuren sowie ihren Träume und Wünschen vertraut zu machen – und Couplands sympathische, weil natürliche Figuren weisen dabei auch noch eine Tiefe auf, die andere Autoren nicht mal für eine Figur auf 500 Seiten erreichen. Ich kann nicht genau sagen, welche der Figuren mich am stärksten gefangen genommen hat: Rachel, die (zugegeben: sehr stark gezeichnet) ein Wesen von einem anderen Stern zu sein scheint und über deren Gedanken und Äußerungen ich beständig schmunzeln musste, oder Rick, der von Rachels Schönheit so fasziniert ist und an sein Glück kaum noch zu glauben wagt.

Wie der Aufbau sind auch die Themen der Inneren Monologe bzw. der Dialoge der Figuren aus dem Entstehungskontext des Romans heraus zu erklären: Sie setzen sich nicht selten mit der Frage nach dem Wesen der Zeit, der Natur des Menschen, seiner Zukunft und seiner Bestimmung – nicht zuletzt (es ist ein sehr us-amerikanisch wirkender Roman) auch mit der Existenz Gottes auseinander; so drängend diese Fragen für das Individuum auch sein mögen, sie alle überschattet ein Problem, dem unsere vom Erdöl abhängige Welt sich jetzt schon gegenüber stehen sieht: Der Frage, wie es weitergehen soll, wenn alle fossilen Rohstoffe, insbesondere Öl, verbraucht sind. Auf sie gibt Coupland ebensowenig eine Antwort wie seine im Reflektieren über ihr Leben manchmal sehr traurig wirkenden Figuren. Hin und wieder jedoch beantworten sie eine der anderen Fragen – jeder auf seine Weise. Streckenweise gewinnt die philosophische Ebene gegenüber dem eigentlichen Plot selbst die Oberhand – Player One ist nicht trotz, sondern wegen des bedrohlichen Szenarios alles andere als ein auf Action setzender Roman.

Zu gewollt postmodern erscheinen mir nicht nur die selbstreflexiven Anspielungen und die Gestaltung des allwissenden Player One als zweite Rachel, sondern auch das popliterarische Spiel der Zeichen mit den Zeichen: zu nennen wären hier Zitate aus Star Trek (Treffen der Generationen), die beständige Erwähnung der Suchmaschine Google über ihre eigentliche Funktion hinaus sowie das zahlreiche Wörter und knapp 30 Seiten umfassende Lexikon im Anhang.

Fazit

Ich habe die Lektüre von Couplands häufig amüsanten Roman Player One zu keinem Zeitpunkt bereut, auch wenn mir hin und wieder die philosophischen Überlegungen der Figuren zu sehr ins nebelhafte religiöse Jenseits drifteten. Schade ist nur das wenig überzeugende Ende, das ich euch aber natürlich nicht verraten werde.

Edmond Hamilton: S.O.S. die Erde erkaltet

Einen wirklich unterhaltsamen Science-Fiction-Roman hat 1951 Edmond Hamilton mit City at World’s End verfasst. Der kaum 200 Seiten lange Text, der schon ein Jahr nach seinem Erscheinen als S.O.S. die Erde erkaltet auch auf Deutsch vorlag, wartet mit allem auf, was sich der Leser von einem echten amerikanischen Roman der 50er Jahre erhofft: Superatombomben, Atomgeneratoren, Kuppelstädten, Aliens, den einsatzbereiten Geschützen der Nationalgarde, geheimnisvollen Sternenschiffen, einem heldenhaften amerikanischen Staatsbürger mit Pioniergeist, einer Romanze mit einer Außerirdischen und, und, und. Das Ganze kombiniert der Mann, der hinter der Serie Captain Future stand, mit einem atmosphärisch gelungenen Dying-Earth bzw. Sterbende-Sonne-Szenario. Großartig!

Eines wunderschönen Morgens explodiert über der kleinen amerikanischen Stadt Middletown ein neuartige Superatombombe, welche die Ortschaft mitsamt ihren ca. 40.000 Bewohnern Millionen Jahre unzerstört bzw. unverletzt in die Zukunft versetzt. Während die restlichen Einwohner noch rätseln, was überhaupt geschehen ist, hat das Wissenschafterteam um die Atomphysiker Hubble und Kenniston schon das Noch-Schrecklichere erfasst: Die kalte Sonne, die nur noch als roter Stern am Himmel steht, spendet nicht mehr genügend Wärme, um Leben auf der Erde  zu ermöglichen. Nach langen Diskussionen flüchten sich die Einwohner Middletowns vor der lebensbedrohlichen Kälte über die braunen leblosen Grasebenen in eine nahegelegene verlassene Kuppelstadt. Dort entdecken sie, dass auch der Erdkern, welcher durch seine Wärme offensichtlich noch eine Zeitlang menschliches Leben auf der Erde ermöglicht hat, erkaltet ist. Angesichts des drohenden Kältetodes nehmen die letzten Amerikaner eine Sendestadtion in Betrieb und versuchen andere Städte über Funk zu erreichen. Anstatt einer menschlichen Stimme aus dem Äther erreicht New-Middletown aber ein Sternenschiff aus dem Weltall. Obwohl ihnen die freundlichen “nur” menschenähnlichen Wesen unter der Führung ihrer zwar humanoiden, aber dennoch eiskalten Offizierin Varn Allan Erste Hilfe bei der Inbetriebnahme der futuristischen Stadt geben, kommt es zum Konflikt: Denn gegen ihren Willen sollen die Middletoner Bürger auf Befehl eines unbesiegbaren galaktischen Imperiums ihren Heimatplaneten verlassen… obwohl es möglicherweise eine technische Lösung gibt: Die nukleare “Neuerweckung” des erkalteten Erdkerns. Um einen gewalttätigen Konflikt zu verhindern, macht sich Kenniston mutig auf zur Wega. Damit ist er aber auch schon in eine intergalaktische Intrige ungeheuren Ausmaßes geraten – denn er soll nicht nur für die Bewohner der Erde ein Bleiberecht erstreiten, sondern einen juristischen Präzedenzfall schaffen, von dem auch die anderen primitiven menschenähnlichen Völker profitieren könnten.

Wie in den meisten SF-Romanen der Anfangszeit belässt es auch Hamilton bei einer groben skizzenhaften Zeichnung der Figuren, die somit über Stereotypen kaum hinausgehen. Nur der Protagonist Kenniston, aus dessen Perspektive der auktoriale geschriebene Roman überwiegend erzählt wird, gewinnt etwas deutlicher Gestalt, wobei hier aber immer noch nicht von Tiefe gesprochen werden kann. Besonders amüsant schlägt sich hier das zeitgenössische Frauenbild nieder: Obwohl die Hauptfigur an seiner Partnerin Carol bemängelt, dass ihr aufgrund von schon kindlicher Emotionalität wie allen Frauen der analytische Zugang zu einem Problem gänzlich abgehe, kritisiert er nachher Varn Allan, die Frau der Zukunft, für das genaue Gegenteil. Mittels eines tüchtigen Rüttelns an den schlanken Schultern der galaktischen Beamtin gelingt es ihm aber, den verborgenen femininen Kern bloßzulegen – womit auch endlich höchst traditionell der Weg zu einer Romanze des Helden mit der Außerirdischen gebahnt wird.* Köstlich! Es dürfte im Übrigen aber fraglich sein, ob die zeitgenössischen Leser 50er Jahre (und der Autor?) bemerkt haben, dass Carols höchst rationales Verhalten am Ende des Romanes Kenniston chauvinistische Weltsicht gänzlich widerlegt; denn sie gibt ihren Partner zuletzt in Eigeninitiative frei und begründet dieses mit den neuen Lebenswegen, die ihm nun offenstehen würden, und den Erfahrungen, die ihn in seiner Persönlichkeit stark verändert hätten. Das nenne ich mal Schluss machen!

Besonders gut gefallen hat mir die Umsetzung des Dying-Earth-Szenarios zu Beginn des Romanes – und weniger die Space Opera am Ende: Der kalte Wind, die lebensfeindlichen Ebenen, in denen nur noch wenige kleine bepelzte Tiere verzweifelt nach Wasser graben, und über allem ein merkwürdig verändertes nächtliches Firnament, das zusammen mit dem Mond am Morgen einer kalten roten Sonne weichen muss, die kaum noch Wärme spendet. Dieser bedrückenden Atmosphäre konnte ich mich nicht entziehen, obwohl Hamilton auch hier nicht viele Worte bei den Beschreibungen verliert. Schreiben kann der Mann.

Getrübt und gebrochen wird diese Atmosphäre allerdings durch jene, für die 50er Jahre typische, optimistische Sicht auf das Potential der menschlichen Natur: Natürlich haben die Nachfahren der Menschen die Milchstraße erobert. Selbstverständlich verfügt der Homo sapiens sapiens in ferner Zukunft auch über die technischen Mittel das Unausweichliche abzuwenden – zumal: Das Verbleiben auf der Erde wird hier als letztes Ende zelebriert und eben nicht als ein Aufschub des Unabwendbaren, was es tatsächlich darstellt. Natürlich ist es auch gelungen, Hunderte von anderen “Rassen” im Stile europäischen Sendungsbewusstsein gegen ihren Willen auf ein neues zivilisatorisches Niveau zu “heben”, was aber nichts daran ändern kann, dass diese in ihrem Wesenskern weiterhin  Primitive bleiben. Oha!

Interessant ist aber, dass der weiße Kleinbürger der 50er Jahre, welcher sich bei Hamilton deutlich als das Maß aller Dinge begreift und Fremdartigem mit überheblichen Ressentiments begegnet, selbst Opfer der unbesiegbaren “weißen Götter” wird. Gerade dieser Aspekt des Romanes dürfte für den damaligen Leser besonders bemerkenswert gewesen sein, unterwirft er doch die Selbst- und Fremdwahrnehmung des durchschnittlichen weißen Amerikaners einer kritischen Betrachtung. Das bereichert den Roman ungemein. Aber obwohl diese Form der Gesellschaftskritik entfernt an Wells Krieg der Welten erinnert, bleibt Hamilton viel zu deutlich im Rahmen des damals Akzeptablen: Die Invasoren aus der Zukunft stellen nur eine Extrapolation der mit der Ratio assoziierten europäischen Kultur dar – zumal sie weiß sind. Die Frau wird am Ende in ihrer Selbstständigkeit wieder auf ein für den Leser der 50er Jahre erträgliches Maß zurechtgestutzt. Da kann doch die Zukunft – wie schlecht sie auch werden wird – einfach nur kommen!

Yes, we can!

Fazit

Wer noch nie SF der 50er Jahre gelesen hat, sollte vielleicht einmal mit Edmond Hamiltons höchst unterhaltsamer Roman S.O.S. die Erde erkaltet auf Zeitreise gehen; voller Charme werden hier die typischen Motive des Genres präsentiert und die zeitgenössische Denkmuster durchgespielt – auch wenn man darüber streiten kann, wie reflektiert oder unreflektiert diese hier verwendet werden. Von allen amerikanischen SF-Romanen aus der Nachkriegszeit, die ich bisher gelesen habe, hat er mir am besten gefallen.

Christa Wolf: Störfall. Nachrichten eines Tages

Wer alt genug ist, um sich zu erinnern, wird sich sicher auch des Schreckens entsinnen können, der Europa im April 1986 befiel – des Verfolgen der radioaktiven Wolke auf den Wetterkarten, der Befürchtung, dass der Fallout über dem eigenen Wohnort niederregnen könnte, der widersprüchlichen Meinungen der sogenannten Experten und politisch Verantwortlichen – und tief ins kollektive Gedächtnis neben den Bildern von leeren Spielplätzen eingebrannt die Silhouette eines brennenden Reaktors 4 in Tschernobyl.

Schon im folgenden Jahr erscheint nicht nur Gudrun Pausewangs Roman Die Wolke, sondern auch Christa Wolfs Erzählung Störfall. Nachrichten eines Tages. In ihr setzt sich Christa Wolf einerseits kritisch mit dem Unglück selbst auseinander, andererseits analysiert sie aber auch akribisch auf verschiedenen Ebenen den Umgang von Menschen mit furchteinflößenden Meldungen. Denn neben der Reaktorkatastrophe steht an diesem Tage für die Ich-Erzählerin ein anderes wichtiges Ereignis im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit: Die Gehirnoperation ihres Bruders, bei der möglicherweise der Sehnerv geschädigt werden könnte. Das Motiv des Nicht-Sehen-Könnens und des Nicht-Sehen-Wollens, den Blinden Fleck, umkreist Wolf dabei in gelungener Weise auf den 120 Seiten ihres Werkes immer wieder – und das nicht nur, wenn die Protagonistin und ihre Schwägerin einen möglicherweise negativen Verlauf des operativen Eingriffs ausblenden oder die Hauptfigur trotz deutlicher Warnungen vor der Strahlung ohne Handschuhe im Garten dem Unkraut zu Leibe rückt. Lieber würde die Protagonistin auch nichts von dem alledem wissen, was die Touristen ihr an diesem Tage über die Ereignisse erzählen, die sich nach dem Kriege in dem kleinen mecklenburgischen Dorf zugetragen haben – und so blendet sie die Tatsache, dass ihr Gemüsebeet die letzte Ruhestädte der kleine Schwester jenes fremden Mannes sein könnte, genauso geschickt aus, wie sie frustriert die Fernsehkanäle wechselt, um den erhitzten Diskussionen der Befürworter und Gegner der Kernenergie nicht mehr folgen zu müssen, an deren Ende die Erkenntnis steht, dass die Anzugträger die Existenz eines Restkisikos gerade nicht ausblenden, sondern die Möglichkeit eines Unglückes auf dem Weg zur Utopie einer sicheren Nutzung der Kernenergie billigend in Kauf nehmen: Nur dass sie es auch aussprechen würden, und sei es dieses eine Mal – das hatte ich nicht erwartet. Mir ist ein Brieftext durch den Kopf gegangen, in dem ich – beschwörend, wie denn sonst – irgend jemandem mitteilen sollte, dass das Risiko der Atomtechnik mit keinem anderen vergleichbar sei und dass man bei auch nur einem minimalen Unsicherheitsfaktor auf diese Technik unbedingt verzichten müsse. 

Über die Motive des Nicht-Sehen-Wollens und Nicht-Sehen-Könnens hinaus greift Wolf in schon zur Genüge bekannter Weise Motive klassischer Werke auf, die sich mit dem Thema menschlicher Hybris auseinandersetzten, z.B. das des Faust und das des Turmbaus. Gelungener als diese Reminiszenzen erscheint mir die Gegenüberstellung von Chancen und Gefahren des Fortschrittes anhand der beiden zentralen Themen ‘lebensrettende Operation’ und ‘Reaktorunglück’. Beiden Aspekten wird Wolf in ihrem immer wieder beeindruckenden, manchmal doch überzogen innerlich wirkenden Stil gerecht, der in seinem selbstkritischen und vorsichtigen Ton aber beständig bemüht scheint, Kritik an der persönlichen Haltung und der politischen Gesinnung der Verfasserin schon im Vorfeld zu neutralisieren.

Fazit

Die sprachlich gelungene, wenn auch im Ton manchmal gewöhnungsbedürftige Erzählung Störfall von Christa Wolf fängt nicht nur die Ratslosigkeit der Menschen im April ’86 gelungen ein, sondern fordert in überzeugender Weise auch zur Reflektion über die persönliche Haltung und das eigene Verhalten auf. Ob allerdings die notwendige Kritik – hier vor allem an der Informationspolitik der DDR – von Wolf deutlich genug formuliert wird, ist – wie so häufig in ihren Werken – fraglich.

Wassilij Axjonow: Die Insel Krim

Der Blick aus dem Dunkel: Demokratie als utopische Vision

Axjonows kontrafaktischer Roman Die Insel Krim aus dem Jahre 1981 bedient sich  gleich zu Beginn  eines phantastischen Verfahrens, um Raum für seine kritische Auseinandersetzung mit der russischen Mentalität und der sowjetischen Gesellschaft der Gegenwart zu schaffen: Was wäre gewesen, wenn 1920 die zaristischen Truppen auf der Krim nicht von der Roten Armee geschlagen worden wären, sondern sich hier ein unabhängiger demokratischer Staat nach westlichem Vorbild entwickelt hätte? Diese Frage beantwortet er dann aber in höchst realistischer Weise: Nicht nur anhand der innenpolitischen Entwicklungen auf der Krim gut 60 Jahre nach dem Rückzug der kommunistischen Truppen und der gesellschaftlichen Verhältnisse in der U.D.S.S.R., sondern auch anhand des verständlicherweise höchst problematischen Verhältnisses zwischen den beiden Ländern.

Geschildert werden also eigentlich zwei Gesellschaften: Die erste könnte man dystopisch nennen, wenn sie denn nicht nur die tatsächlichen Verhältnisse in der U.D.S.S.R. abbilden würde. Die zweite, jene demokratische, pluralistische und multikulturelle Gesellschaft auf der Krim, wirkt zwar auf den ersten Blick wenig utopisch, ist es aber letztendlich aus der Perspektive eines russischen Schriftstellers, der aufgrund seiner Kritik an Staat und Partei 1980 in die U.S.A. emigrieren musste, durchaus. Insofern kontrastiert Axjonow hier die zeitgenössische Realität der Sowjetunion mit einer visionären Wunschwelt – wobei er letztere am Ende seines Werkes scheitern lässt: Denn die Bewohner der Insel Krim sind aus Liebe zur Heimat letztendlich bereit, ihren glücklichen Staat (der allerdings durchaus ethnische Konflikte aufweist) für eine Wiedervereinigung mit dem kommunistischen Bruderland zu opfern, obwohl sie um dessen Defizite wissen; es ist wohl der Volkscharakter, in dem Axjonow zuletzt die verhängnisvollen Ursachen für die kommunistische Diktatur zu finden meint: einer Mischung aus Opferbereitschaft, Naivität, Masochismus und Unterwürfigkeit. Die Insel Krim präsentiert sich dem Leser also als ein höchst pessimistisches Gedankenexperiment, das sogar noch deprimierend wäre, wenn am Ende nicht russische Panzer auch jene Menschen überrollen würden, die sich noch Minuten zuvor begeistert über den Anschluss an die U.d.S.S.R. gezeigt hatten.

Dass die Zustände der Sowjetunion vom Leser als realexistierende Dystopie verstanden werden sollen, wird deutlich, wenn die Hauptfigur des Romanes, der bürgerliche Lebemann, erfolgreiche Playboy und einflussreiche Herausgeber der größten Zeitung auf der Krim Alexeji Lutschnikow auf einer seiner zahlreichen Auslandsreisen Propagandaplakate in Moskau beschreibt: Es kam noch dicker: „Wir schreiten zum Sieg der kommunistischen Arbeit!“, […] „Dem Fünfjahresplan der Qualität straffen Rhythmus“, […] „Lenins Ideen sind ewig, die Verfassung der U.D.S.S.R. – das Grundgesetz unseres Lebens!“ … der Petschenege mit angewinkeltem Arm, die Handfläche nach vorn, der Petschenege bebrillt, in eine Zeitung vertieft, der Petschenege vervielfältigte sich, je näher das Stadtzentrum rückte, wurde zuversichtlicher, wirkte weniger verloren, symbolisierte mehr und mehr von ihm geliebte Symbole, verlor mehr und mehr die Ähnlichkeit mit einem Petschenegen, gewann zunehmend Ähnlichkeit mit dem Großen Bruder, schwergewichtig, stabil, einzig möglich.

Neben dem Einordnung in den utopischen Diskurs hat Axjonows Roman aber noch Vieles zu bieten: Denn die Handlung erinnert stellenweise an einen Agententhriller. Nicht nur, dass Lutschnikow sein homosexueller Schulfreund nachstellt, der gleichzeitig sein erbitterter politischer Gegner ist und ihn beseitigen lassen will – auch der Moskauer Geheimdienst ist ihm hin und wieder auf den Fersen oder setzt im Stile des Großen Bruders eine seiner  Geliebten auf ihn an. Selbst den meisten seiner Bekannten in den Hauptstädten der Welt kann er aufgrund der politischen Verwicklungen – denn Lutschnikow ist die Leitfigur der Wiedervereinigungsbewegung mit dem russischen Mutterland – nicht trauen.

Gelungen ist besonders die Atmosphäre, die sich auch der detaillierten und liebevollen Gestaltung der Inselrepublik ergibt: beinahe en passent werden Generationsprobleme entworfen, die Nationalitätenkonflikte der frühen 90er Jahre vorweggenommen oder der abseitige, aber klassisch russische Wunsch nach einer Wiedereinführung der Zarenherrschaft thematisiert. Da hat sich Axjonow wirklich Mühe gegeben.

Die Hauptfigur Lutschnikow, aus deren Perspektive überwiegend erzählt wird, kann hingegen weniger überzeugen. Ich habe ihr Verhalten nicht als sehr realistisch bw. nachvollziehbar empfunden – möglicherweise liegt das aber auch daran, dass anhand der Hauptfigur sehr vordergründig die Grundaussage des Romans exemplifiziert wird. Ob hierzu auch die zahlreichen sexuellen bzw. amourösen Eskapaden Lutschnikows notwendig sind, darf bezweifelt werden. Anscheinend zeigt sich hier noch eine weitere kritische Dimension des Romans, die in bekannter Weise westliche Kultur und Lebensart mit Dekadenz und Schwäche identifiziert. Dieser Aspekt erschließt sich mir jedoch nicht ganz.

Fazit

Um Axjonows Roman Die Insel Krim gerecht werden zu können, kommt man einfach nicht umhin, Adjektive wie ‘facettenreich’ oder ‘vielschichtig’ zu bemühen. Trotz des Detailreichtums der Darstellung ist die Handlung aber immer schnell und vielfach auch spannend. Längen waren nicht zu bemerken. Mich hat der Text gut unterhalten – auch wenn er hier und da etwas zu vordergründig gerät.

Nikolai Arschak: Hier spricht Moskau

Angesichts der verschiedenen Definitionen des Genres bzw. des Begriffes ‘Anti-Utopie’ bin ich nun wirklich großzügig, wenn es um die Etikettierung von literarischen Werken geht – da rutscht schon mal hier und dort kontrafaktische SF oder auch da mal ein postapokalyptischer Katastrophenroman als Dystopie durch. Aber bei Nikolai Arschaks ca. 70 Seiten umfassender Erzählung Hier spricht Moskau, welche sowohl von Erika Gottlieb in ihrer Untersuchung Dystopian Fiction East and West* als auch von Elena Zeißler (allerdings nur en passent) in ihrer Dissertation Dunkle Welten** als Beispiel für russische Anti-Utopien angeführt wird, habe ich gestutzt und wirklich lange überlegt: Wieso sollte Hier spricht Moskau anti-utopisch sein?

Der Inhalt

Denn erzählt wird in einem ausschließlich realistischem Verfahren aus der Perspektive des Ich-Erzählers Tolja. Der Erzählzeitpunkt selbst liegt ein Jahr nach den geschilderten Ereignissen: Eines sommerlichen Abends sitzt Tolja in Moskau mit einer handvoll Bekannten zusammen und genießt das schöne Wetter. Unter den Feiernden befindet sich auch die verheiratete Soja, mit welcher er eine heimliche Affaire pflegt. Gestört wird die ausgelassene Stimmung durch eine unerhörte Meldung des Moskauer Nachrichtensenders: In einem Monat werde der Tag des Mordes gefeiert – mit einigen wenigen Einschränkungen sei jedem Bürger der U.d.S.S.R. 24 Stunden lang die Tötung jedes anderen Bürgers erlaubt. In groben Zügen schildert Tolja nun die wachsenden Sorgen und Bedenken in seinem Umfeld. Wie seine Bekannten fragt auch er sich: Habe ich Feinde? Wird mich jemand aus purer Mordlust auf der Straße erschlagen? Will der Staat den Tag nutzten, um seine Kritiker aus dem Wege zu räumen? Soll ich zuhause bleiben und mich verschanzen? Hasse ich jemanden derart, dass ich ihn töten will? Der Protagonist beschließt, dass letzteres nicht der Fall ist – und er bleibt auch bei dieser Entscheidung, als ihn seine Geliebte Soja zum Mord an ihrem Ehemann überreden will, der ebenfalls zu Toljas Bekanntenkreis gehört. Daraufhin beendet er diese Affaire.

Als der Tag des Mordes herangerückt ist, nutzen tatsächlich eine ganze Handvoll Sowjetbürger die Gelegenheit, sich ungeliebter Genossen in ihrem Umfeld zu entledigen. Eine Frau, die Tolja seit langer Zeit kennt, erschreckt, als er sich ihr im Treppenhaus nähert. Er selbst wird von einem Unbekannten attackiert, allerdings gelingt es ihm, diesen zu überwältigen. Nachdem der Angreifer Tolja aufgefordert hat, ihn zu töten, dieser ihn aber nur einen Schweinehund nennt, entgegnet der Fremde: auf Befehl des Vaterlandes. Tatsächlich wird die Nichtumsetzung des Tags des Mordes, wie es beispielsweise in den baltischen Republiken geschehen ist, als Ausdruck von politischer Opposition gewertet. Nach der Auffassung von Svetlana, einer Bekannten, die Tolja auf eine weitere Feier mitnimmt, auf welcher über die Hintergründe des neuen Feiertages gerätselt wird, hat der Tag des Mordes der Einschüchterung der Bevölkerung durch den Staat gedient. Nachdem Tolja Svetlana nach Hause gebracht hat, wandert der Ich-Erzähler alleine durch die Straßen und beschließt, sich nicht durch den Terror einschüchtern zu lassen.

Der Zugang als Problem: Wo ist hier bitte die Utopie?

Das Bemerkenswerteste ist, dass die Erzählung aus dem Jahr 1960 weder vordergründig eine neue Gesellschaft (nonexistent society) konstruiertnoch diese näher beschreibt, wie Sargent es in seiner Definition fordert (in considerable detail). Die hier vorliegende Gesellschaft, die Ordnung des Staates sowie dessen Führung entsprechen auf den ersten Blick den historisch bekannten. Arschak verzichtet auf den detaillierteren Entwurf einer utopischen Gesellschaft – und das liegt wohl kaum an der Kürze des Textes (so weist Brjussovs Die Republik des Südkreuzes beispielsweise beides auf: Kürze und detaillierte Beschreibung). Es ist – der gelungene Rückgriff auf den bekannten Satz Hier spricht Moskau des russischen Nachrichtensenders macht es deutlich – vielmehr die Nähe der Welt des Textes zu jener des Lesers, die ihn erschauern lassen soll. Dabei bietet der Text fokussierend auch nur zwei Extrapolationen: Zum einen die begründungslose Einführung eines Tag des Mordes durch das Regime und zum anderen die kritiklose Hinnahme dieser neuen Einrichtung durch die vorgeführten Figuren, die überwiegend der intellektuellen Schicht der U.d.S.S.R. entstammen.

Die vielfach angemerkte und deutlich spürbare kafkaeske Wirkung des Textes ergibt sich dabei aus fehlender Weltbeschreibung in Kombination mit Arschaks Erfindung eines über die Massenmedien „von oben“ und aus der Ferne verkündeten Tages des Mordes bei ausbleibender Kritik seitens der Gesamtbevölkerung bzw. der im Zentrum der Erzählung stehenden Intellektuellen. Aber „kafkaesk ist nicht „utopisch“.

Deutlich wird, dass Arschak, der mit bürgerlichem Namen eigentlich Julij Daniel heißt und mit Abram Terz (Ljubimov) 1966 zusammen zu mehreren Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde***, in der Einführung jenes zentralen Tag des Mordes satirisch die Mordwellen der Stalinzeit aufarbeitet. So führt beispielsweise einer der praktisch denkenden Bekannten Toljas aus: Und das Jahr 1937? […] Genau das selbe, völlige Freiheit zu töten, bloß damals noch mit Soße [Anm. gemeint ist die propagandistische Legitimation]  dazu, und jetzt ohne. Na, und damals standen den Mördern ein ganzer Apparat, riesige Summen zur Verfügung. Und jetzt – bitte, machen sie es selbst. Selbstbedienung. Aus den Protokollen der Gerichtsverhandlung geht aber auch hervor, dass Daniel bei seiner Darstellung die Furcht vor einem neuen Personenkult, in dessen Zentrum Chruschtschow gestanden hätte, bewegt.**** Angesichts der auch im Text nachweisbaren Angst des Autors, dass sich das stalinistische Morden in perfektionierter Form wiederholen könnte, besitzt Hier spricht Moskau auch jene warnende Dimension, wie man es von zahlreichen Anti-Utopien her kennt.

Die gleiche Funktion besitzt ebenfalls die ausbleibende Kritik bzw. die teilweise bereitwillige Ausführung der Anordnung durch die Bevölkerung. Arschak will hier nicht nur eine fortschreitende Deformation des Sowjetmenschen durch das kommunistische System bloßlegen, sondern zudem vor einer gänzlich unkritischen Gesellschaft warnen, die Ergebis zum einen der totalitärer Durchformung und zum anderen der Einschüchterung durch den staatlichen Terror ist. Interessanterweise weigert sich selbst der Protagonist, dessen Vater bei den Säuberungswellen 1936 ums Leben gekommen ist,  noch in der Mitte der Erzählung, kritisch über die Säuberungswellen der Stalinära nachzudenken, denn seiner Ansicht nach haben Menschen [seiner] Generation nicht das Recht, über jene Zeiten zu schwätzen. Durch seinen Beschluss aber, am Tag des Mordes nicht mitzuwirken, tritt er doch in Opposition und erweist sich als mündiges Individuum, das nicht das Gesetz des Staates über die eigenen ethischen Normen stellt bzw. diese gleichschaltet. Offensichtlich bestärkt ihn Svetlanas Hinweis, dass die Einführung des Tags des Mordes als Terror nur der Einschüchterung gedient habe, welcher man sich nicht beugen dürfe, sogar in der Hoffnung auf eine bessere, wenn auch noch ferne Zukunft: Denn wenn es Svetlana gelungen ist, den Mechanismus des Terrors zu erkennen, so wird dieses auch anderen gelingen können.

Beurteilung

Einen Zugang zum Text zu finden, ist mir persönlich nicht leicht gefallen; in stärkerem Maße als andere Dystopien verlangt er nach der Eigentätigkeit des Lesers. So erschließt sich die Gesamtaussage, auch mit Blick auf den utopischen Diskurs, nicht von selbst – auch wenn am Ende der Protagonist sehr deutlich macht, welche Haltung seiner Auffassung nach die richtige ist. Wem die Atmosphäre in Kafkas Der Prozess liegt, der wird auch Arschaks Hier spricht Moskau goutieren. Aber: Der Text ist nicht zeitlos und ich gehöre offensichtlich nicht zum primär angestrebten Leserkreis – so sind mir zuerst zahlreiche satirische Überzeichnungen, wie beispielsweise die beständig feiernden und trinkenden sowjetischen Intellektuellen, entgangen. Interessant dürfte die Erzählung vor allem für diejenigen sein, welche sich für die Formenvielfalt des Genres interessieren – und die verblüfft wirklich immer wieder.

*Erika Gottlieb, : Universe of Terror and Trial, Montreal, 2001, S.189.

**Elena Zeißler, Dunkle Welten. Die Dystopie auf dem Weg ins 21. Jahrhundert, Marburg, 2008, S. 189.

*** Der aufsehenerregende Prozess markiert übrigens nach Ansicht von vielen Historikern den Beginn der Dissidentenbewegung in der Sowjetunion. Siehe hierzu: Fred Coleman, The Decline and Fall of Soviet Empire: Forty Years That Shook The World. From Stalin to Yeltsin, 1997 S.95.

**** Siehe hierzu die ausschnittsweise Wiedergabe des Gerichtsprotokolles im Artikel Wen hassen Sie, wen wollen Sie vernichten?, in: Der Spiegel, 19.04.1966.

Susan Beth Pfeffer: Die Welt wie wir sie kannten

chon kurz nach seinem Erscheinen im Jahre 2006 avancierte Susan Beth Pfeffers Jugendbuch Die Welt wie wir sie kannten (Life as we knew it) zu einem Bestseller. Zudem wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet (unter andrem dem Best books for young Adults Award der American Library Association und dem Booklists Editor’s Choice Award for Youth). 2010 erschien der Katastrophenroman dann im Carlsen Verlag auf Deutsch.

Der in Tagbuchform gehaltene Roman schildert die dramatischen Erlebnisse der 16-jährigen Miranda in einer von verschiedensten Katastrophen heimgesuchten Welt, in welcher sie gemeinsam mit ihrer Familie um das nackte Überleben kämpfen muss. Erscheint zu Beginn der bevorstehende Einschlag eines Meteoriten auf dem Mond nur ein interessantes mediales Großereignis zu sein, das die us-amerikanische Öffentlichkeit gebannt verfolgt, so stellt sich bald heraus: Der Einschlag auf dem Erdtrabanten, der nun bedrohlich groß am Himmel steht, hat dessen Umlaufbahn verändert. Infolge seiner größernen Anziehungskraft brechen nicht nur verheerende Tsunamis und Sturmfluten über die Küstengebiete der Welt herein, sondern auch Vulkane und Supervulkane aus. Die in die Atmosphäre geschleuderte Asche verdunkelt den Himmel zunehmend, woraufhin die Temperaturen bedrohlich sinken.

Mirandas Mutter beginnt schon wenige Stunden nach dem Beginn der Katastrophe in einer zunehmend in Panik verfallenden Umwelt, alles zum Leben Notwendige für sich ihre Kinder zu horten. Als die Lebensmittelversorgung wie die Stromversorgung zusammenbrechen, sind Miranda, ihre Mutter, ihr jüngerer Bruder Jonny sowie ihr älterer Bruder Matt, dem es später gelingt, aus seinem Studienort zu seiner Familie zu gelangen, auf sich alleine gestellt. In der sich immer weiter leerenden und zunehmend gefährlicheren Stadt kämpft die Familie gegen Hunger, Kälte und Krankheiten um das nackte Überleben – doch dieses kann nur gelingen, wenn die Familie zusammen hält.

Altersgerechte Katastrophen

Susan Beth Pfeffers Jugendroman wartet zwar mit einer ganzen Reihe von entsetzlichen Katastrophen auf, doch aufgrund der durchgängig eingenommenen Perspektive der Ich-Erzählerin erscheinen diese altersgerecht nur medial vermittelt – zumindest, solange es noch Fernsehen und Radio gibt. Grausige Szenen sucht man hier vergeblich. In Nebensätzen explodieren Atomkraftwerke. Selbst die nette Nachbarin von nebenan ist sanft in ihrem Bett entschlafen – und diese ist auch schon die einzige Leiche, der die Protagonistin begegnet. Der boshafteste zwischenmenschliche Akt, der in Pfeffers Buch zu finden ist, wird im Übrigen von zwei pflichtbewussten privaten Wachmännern begangen, als sie die verzweifelte Miranda nicht zum Arzt und Freund ihrer Mutter ins Krankenhaus lassen wollen.

Apokalyptisches Familienglück

Die amerikanische Autorin präsentiert dem jugendlichen Leser die Familie als die verlässliche kleinste Zelle der Gesellschaft, welche selbst als Patchwork-Variante im angesicht der Apokalypse die einzige Sicherheit bietet. Dementsprechend werden die aufgrund der zunehmend beengten Verhältnisse entstehenden zwischenmenschliche Konflikte nicht nur zur Gänze gelöst, sondern die Mitglieder der Familie finden auch verstärkt zu einander und übernehmen immer häufiger Verantwortung für die anderen. Gilt letzteres zu Beginn nur für ihre Mutter, so wächst auch eher durchschnittliche Identifikationsfigur Miranda glaubwürdig immer weiter an den an sie gestellten Herausforderungen.

Schmerzhafte Lücken im Katastrophenszenario

Aus der altersgerechten Art und Weise, in der Pfeffer eine zunehmend ordnungslosere U.S.A. präsentiert, erwachsen jedoch einige logische Probleme – die aber wohl nur der erwachsene Leser als solche bemerken dürfte: Der Ausfall sämtlicher Radiostationen erscheint angesichts der Art der eingeführten Katastrophen genauso unglaubwürdig wie die Tatsache, dass es nicht zu (gewaltsamen) Plünderungen kommt. Das Bedrohungszenario, das die Autorin durch bewaffnete Banden aufgebaut, wirkt zudem, da diese sich auf den “Diebstahl” von Spanplatten aus verlassenen Häusern beschränken, in seiner Reduktion stark konstruiert. Das Militär tritt ebensowenig in Erscheinung wie andere Regierungsorganisationen. Der Staat wird beinahe bis zum Ende aufgrund der Intention des Romanes ausgeblendet. Über weite Stecken lässt die Geschichte außerdem die aus den klimatischen Veränderungen resultierende Atmosphäre der Bedrohung vermissen – Fans von McCarthys Die Straße werden hier nicht auf ihre Kosten kommen.

Fazit

Susan Beth Pfeffers Roman Die Welt wie wir sie kannten präsentiert gleich ein ganzes Kaleidoskop an Katastrophen, die aber genauso altersgerecht dargeboten werden wie das menschliche Miteinander – welches hier im Angesicht der Katastrophe dem erwachsenen Leser stark geschönt erscheint. Eine actionreiche Handlung sucht man hier über weite Strecken vergeblich – die weitgehend unspektakulären Herausforderungen ergeben sich aus (teilweise typischen) Konflikten zwischen den Familienmitgliedern und/oder dem Alltag im Angesicht der Katastrophe. Alles in allen: Eine “nette” Apokalypse.

Wladimir Woinowitsch: Moskau 2042

Je länger ich mich mit den regimekritischen Romanen sowjetischer Autoren befasse, um so besser gefallen sie mir: Alle bisher gelesenen Werke besitzen trotz teilweise recht derbem Humor intellektuellen Tiefgang, heben sich sprachlich auffällig angenehm von vielen Zukunftsromanen aus westlicher Feder ab und zeichnen sich auch erzähltechnisch durch komplexere Strukturen aus – was wohl nicht zuletzt durch ihre vornehmlich satirische Funktion bedingt wird. Insofern kann man Wladimir Woinowitch auch nur zustimmen, wenn er auf die Frage, ob er mit seinem Roman Moskau 2042 ein Utopia wie Orwells 1984 oder Samajatins Wir habe schaffen wollen antwortet: Jene haben eine perfekte Maschinerie beschrieben, mein Staat dagegen ist zerrottet, am Ende.* Während OrwellHuxley und Samjatin warnend perfektionierte Gesellschaftsgefängnisse zeichen, visionieren Autoren wie Sinjavskij (z.B in Ljubimov) oder Woinowitch genussvoll und mit spitzer Feder den lang ersehnten Untergang des Kommunismus herbei – wobei ihre Texte aber deutlich, häufig auch explizit, am utopischen Diskurs teilnehmen und ihn voraussetzen.

So schickt Woinowitch beispielsweise gleich zu Beginn seinen sympathischen Protagonisten Witja per Flugzeug aus dem München des Jahres 1982 auf Zeitreise: in ein kommunistisches Moskau, das nach einer weiteren Revolution (diesmal im August) meint, endlich den ersehnten Endzustand der marxistischen Geschichtsphilosophie verwirklicht zu haben. Aber die Zustände, auf die exilierte Schriftsteller Witja in seiner ehemaligen Heimat trifft, sind leider nicht eutopisch. Ganz im Gegenteil. Tatsächlich geben selbst die Führer der auf Moskau begrenzten Kommune freiwillig – wenn auch noch hinter vorgehaltener Hand – zu, dass der große deutsche Philosoph sich geirrt hat: Die Verarmung des Proletariates trete nämlich erst im Kommunismus – und eben nicht im Kapitalismus –  ein. Es folgt der Angriff auf die Nomenklatura der KPdSU:  Wie das Einflussgebiet der Sowjetunion bzw. deren Territorium selbst in drei Ringen der Missgunst organisiert ist, teilen auch drei konzentrische Kreise die Stadt Moskau – und damit ihre Bewohner –  in unterschiedliche Gruppen. Während im inneren Kreis noch durchaus lebenswerte Verhältnisse herrschen, treiben die in den Ausgabeküchen fabrizierten Mahzeiten, genauer: der vegetarische Schweinebraten Progress, den Protagonisten sofort auf die Kafobed (Kabine für organische Bedürfnisse). Dort findet er zwar überraschend den systemtypischen Toilettenpapiermangel behoben, woraufhin er an den Erfolg des Systems glauben will, allerdings muss er sofort feststellen, dass nicht nur dessen Funktion jetzt die auf Endlospapier gedruckte Prawda erfüllt, sondern dass die ordnungsgemäß quittierte Abgabe der Sekundärprodukte Voraussetzung für die Speisung mit den ungenießbaren Primärprodukten ist. In grotesker Überzeichnung des stalinistischen Personenkultes lässt Woinowitsch zudem den Genialissimus, dem jegliche wissenschaftlichen Erfindungen und literarischen Meisterwerke zugeschrieben werden, abgehoben bzw. in einer Raumkapsel um die Erde kreisen. Bei diesem handelt es sich übrigens um einen Bekannten Witjas, welcher der mit dem KGB verschmolzenen Partei mit seinem Reformeifer langsam unangenehm geworden ist. Der von seinen Apparatschniks abservierte Alleinherrscher entpuppt sich nach seiner Verhaftung auch noch selbst als Gegner von Utopien, die – so der Genialissimus – immer fehlgehen müssen, wenn Menschen ihre hochtrabenden Ideale in die Wirklichkeit umsetzten wollen. Er erst habe sie konsequent an ein Ende geführt.

Obwohl sich der ehemalige Dissident Witja, der deutlich Merkmale von Woinowitsch selbst besitzt,  von den bekannten Merkmalen des sowjetischen Totalitarismus abgestoßen fühlt, kann und will er sich doch nicht den Ehrungen entziehen, die ihm seine neue bzw. Heimat als Vertreter der vorläufigen d.h. vorkommunistischen Literatur der Moskorep zukommen lässt. Und wie das nun mal bei Zeitreisen so ist, es geht nicht immer ohne Paradoxa: Erst als man Woitja eines seiner noch nicht geschriebenen Bücher – genauer: Moskau 2042, vorlegt, erkennt dieser, warum man ihn derartig hofiert. Es soll seinen Bekannten, den vermeintlich genialen Schriftsteller Simytsch, welchen er vor 60 Jahren in Toronto besucht hat und der immer noch Anspruch auf den Zarenthron erhebt, aus seinem Werk streichen. Witjas Entscheidung, dem Wunsch des Regimes nicht nachzukommen, und Simytsch, hinter dem unschwer der Nobelpreisträger Solschenizyn zu erkennen ist, siegreich in Moskau als neuen Autokrator einziehen zu lassen, bringt ihn in Gefahr.

Fazit

Es mag zwar nicht hinderlich sein, ein wenig Hintergrundwissen über die U.D.S.S.R. zu besitzen, um den Roman, der nur manchmal leichte Längen spüren lässt, ganz genießen zu können – notwendig ist dieses aber nicht. Zu deutlich sind die Anspielungen, wenn zwar Photoapparate überall und immer benutzt werden dürfen, die Filme jedoch zuvor von der INSI (der Inneren Sicherheit) beschlagnahmt worden sind. Auch wenn Moskau 2042 keine Anti-Utopie im klassischen Sinne ist, führt Woinotischs utopische Satire wie Orwells 1984 – hier allerdings in höchst witziger und boshafter Übertreibung –  die Vergemeinschaftung der Armut im Kommunismus vor, der sich nur die privilegierten Funktionsträger der Partei noch zu entziehen wissen. Der von allen, selbst dem Protagonisten, geteilte Traum eines von Kuppeln überdachten Moskaus, über dem junge Mädchen in Tennisröcken Eiscreme schleckend durch die Lüfte fliegen und in dem eine künstliche Sonne immer Sommer spendet, bleibt letztendlich Utopie.

* Siehe hierzu den Artikel Komischer Bruder, in: Der Spiegel vom 14.03.1988.

Abram Terz (Andrej Sinjavskij): Ljubimov

Unter dem Pseudonym Abram Terz veröffentlichte der Moskauer Schriftsteller Andrej Sinjavskij  1959 nicht nur eine bedeutende kritische Auseinandersetzung mit der noch aus der Stalin-Zeit stammenden Literaturdoktrin der U.D.S.S.R. (Was bedeutet Sozialistischer Realismus?), sondern unter anderem auch 1963 den parabolischen Kurzroman Ljubimow, der auf besondere Weise mit dem sowjetischen System abrechnet. Auch wegen diesem wurde er 1966 in einem vielbeachteten Schauprozess zu 7 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.

Die eigentliche Handlung, die in jeder Zeile gegen die Dogmen des Sozialistischen Realismus verstößt und dessen Phantasektomie rückgängig macht, lässt sich schnell zusammenfassen: Da aufgrund seines mangelnden gesellschaftlichen Status’ die Liebe des Fahrradmechanikers Leonid Iwanowitsch Tichomirow zur Lehrerin Serfima Pjetrowna unerwidert geblieben ist, hat dieser vor einiger Zeit begonnen, nach einem Mittel zu suchen, das ihm Zugang zu Erfolg und Macht  – und somit auch Serfima – bietet. Und er ist fündig geworden – bei der Lektüre Lenins, Darwins, Cagliostros und Jules Vernes. So kommt es, dass er während der 1. Maifeier mittels magnetischer (Gedanken-)Kräfte nicht nur den 1. Bezirkssekretär der KPdSU dazu bewegen kann, ihm offiziell die Regierung der Stadt Ljubimov zu übertragen, sondern auch jubelnde Zustimmung seitens der Bevölkerung erhält. Während der neue Herrscher durch seine Fähigkeiten eine heimliche Rückeroberung der Stadt durch die sowjetischen Streitkräfte verhindert, beginnt der wirtschaftliche und gesellschaftliche Umbau der Stadt: Das Geld wird abgeschafft, die Betriebe kollektiviert, die Menschen durch Gedankenkontrolle zur doppelten Planerfüllung getrieben. Allerdings versiegen Leonids physische wie metaphysische Kräfte nach einiger Zeit: Missernten und Fehlwirtschaft führen zu Versorgungsengpässen, die Menschen stehlen und Bauprojekte werden nicht vollendet – zuletzt fliehen die Menschen gar aus Ljubimow. Der Grund für das Scheitern des eigennützigen Idealisten: Leonids Kräfte sind, wenn man dem möglicherweise unter Schizophrenie leidenden auktorialen sowie personalen Ich- und Er-Erzähler glauben darf, nur von (s)einem sagenhaften alter Ego Ssamson Ssamßonowitsch „geliehen“ – zudem scheinen aber auch seinen Plänen wie den von diesen betroffenen Menschen Mängel immanent zu sein.

Experimentelle Erzähltechnik

Als ich die letzte Seite der 240 Seiten aus dem Paul-Zsonay-Verlag gelesen hatte, schwirrte mir – ich muss es gestehen – erst einmal tüchtig der Kopf. Ich kann auch nicht behaupten, dass ich den Roman bis ins Letzte verstanden hätte –  immer noch nicht. Vermutlich (so rede ich jetzt mir und euch mal ein) geht das auch gar nicht: Weil Sinjavskijs Roman eine experimentelle Attacke auf die (zeitgenössische) Rezeptionshaltung bzw. die Leseerwartung des russischen Lesers darstellt. Als genüge es nicht, dass der Erzähler ein wirklich, wirklich unzuverlässiger unreliable narrator ist, weil er anscheinend mit dem Geist Ssamson Ssamßonowitschs, der ihm zeitweise die Feder führt, kämpfen muss – die Fußnoten des Erzählers (1) kommentieren teilweise so boshaft die Äußerungen des Erzählers (2), dass letzterer (also 2) noch im darauffolgenden Satz sich zu einer Korrektur genötigt sieht. Herrscht zu Beginn noch die Ich-Erzählsituation (2) vor, so dominiert nach dem ersten Drittel ein auktorialer Er-Erzähler (1). Sinjavskij zelebriert die technische Bruchstelle natürlich auch noch durch autopoetische Kommentare einer der beiden Erzählinstanzen (2), was den Rezipienten, so er nicht schon vorher aus der Spur gekommen ist, endgültig im Graben landen lässt. Allerdings liefert der allwissende Erzähler im Disput mit dem unterlegenen Ich-Erzähler hierfür eine durchaus einleuchtende poetologische Erklärung: „Ach, Sawelij Kusmitsch, Sie sind wahrhaftig unausstehlich… Aber gut, gut, wir schreiben schichtweise gemeinsam.“ „Schichtweise?“ „Ja, schichtweise. Die Brennpunkte der russischen Geschichte erfordern Wendigkeit und eine vielschichtige Darstellung...“ Interessant ist, dass der allwissende Erzähler letztendlich jene Instanz ist, aus welcher sich Leonids Macht speist. Der allwissende Erzähler gerät damit endgültig zu jenem überirdischen Wesen, das als Teil der Handlungsebene bzw. der fiktionalen Welt das Experiment Ljubimov überhaupt erst ermöglicht (und beendet).

Dieser raffinierte Angriff auf die erzähltechnischen Dogmen des Sozialistischen Realismus* ist gewagt, verwirrend – aber häufig auch lustig: Der Bär zwitschert auf kalmückisch. Es ist Zeit ihm den Hals abzuschneiden. Auf dem Schlitten ist ein Ertrunkener eingetroffen, es ist Zeit, ihm eine Injektion zu geben. Diese Parodie militärischer Chiffrensprache wird selbst vom russischen Offizier nicht sofort als beunruhigendes Alarmsignal verstanden.

Der sozialistische Zauberer

Dass die dystopische Parallelwelt Ljubimov, durch die übernatürliche Fähigkeiten Leonids von der Außenwelt abgeschottet und zu Beginn in erschreckender Gänze beherrscht wird, erinnert stark an Alfred Kubins phantastische Erzählung Die andere Seite. In beiden Fällen sind die Welten als Gedankenexperimente zu verstehen, wobei erstere aber satirisch das Aspekte der sowjetischen Gesellschaft auf Korn nimmt und zudem das Scheitern des Kommunismus prophezeit. Damit wird sie zur Parabel. Während bei Kubin letztendlich aufgrund der Erschöpfung des Potentaten die Apokalypse über die Bewohner der Stadt hereinbricht, mähen in Sinjavskij Text unbemannte sowjetische Amphibienfahrzeuge den letzten treuen Gefolgsmann Leonids nieder, denn die Kraft des idealistischen Herrschers, der sogar zeitweise auf die Weltherrschaft hofft, genügt am Ende ebenfalls nicht. Die Umsetzung von  Leonids Vision, der endlich das Versprechen der kommunistischen Utopie wahrmachen will, beginnt wohl vielversprechend, scheitert aber letztendlich doch: Als russische Version des Heilands kann er  zwar beispielsweise Wasser in Schnaps verwandeln, allerdings beklagen sich doch einige unfreiwillig Beglückte über die (satirische) Scheinwelt – da sie am nächsten Morgen die bekannten Kopfschmerzen vermissen lässt. Auch gelingt es ihm (wie auch der U.D.S.S.R. insgesamt) trotz Einsatz aller Kräfte nicht, aus den ‘russischen Mütterlein’ den Glauben an einen Schöpfergott zu tilgen. Vielmehr erscheint der neue „Zar“ Leonid ihnen als Anti-Christ. Leonids bis zuletzt gehegte Hoffnung auf die kleine Chance trügt also; die kommunistische Utopie scheitert – auch wenn hier noch der Erzähler seine Finger im Spiel hat – an sich selbst und an den Menschen.

Fazit

Sinjavskijs Roman Ljubimov ist nicht nur ein Angriff auf die sowjetische Literaturpolitik, sondern auch auf den Kommunismus insgesamt. Unterhaltsam, in leichtem Stil, der aber trotzdem manchmal nicht ganz leicht zu folgen ist, wird anhand verschiedender Aspekte vorgeführt, warum die Utopie einer kommunistischen Gesellschaft scheitern wird. Nebenbei wird sich tüchtig über die Eigenarten des sowjetischen Staates lustig gemacht. Vielleicht sollte man deshalb hier auch vorsichtiger von einer utopischen Satire sprechen. Der teilweise doch witzige Stil wie auch die gewagte Erzähltechnik, die jegliche Konventionen zu brechen bereit ist, haben mich persönlich ein wenig an Stanislaw Lems Werke erinnert – auch wenn man es hier nicht mit Science Fiction zu tun hat. Wer einmal eine humorvolle Dystopie zur Hand nehmen will, der kann ruhig zu Ljubimov greifen.

*Siehe zu dieser Feststellung auch: Elena Zeißler, Dunkle Welten. Die Dystopie auf dem Weg in 21. Jahrhundert, Marburg, 2008, S. 189.

Robert A. Heinlein: Weltraum-Mollusken erobern die Erde

Unter anderen Vorzeichen: Leben in 1984

Sowjetische Anti-Utopien sind in der Welt der Dystopien durchaus etwas Besonderes; nicht weil die kritischen Autoren der U.D.S.S.R. auf dem klassischen Pfade Samjatins wandeln würden – sondern im Gegenteil: Weil sie im überwiegenden Maße gerade nicht das nachtun, was ihnen Wir, die erste „klassische“ Anti-Utopie,  nahelegt.

Der Grund hierfür liegt paradoxerweise vor allem in jener Erfahrung, welche die sowjetischen Autoren den meisten ihrer ausländischen Kollegen voraushaben – und um die man sie eigentlich nicht beneiden kann: Der Innenansicht eines totalitären Staates, der selbst in seiner poststalinistischen Ära noch jedem westlichen Demokraten 40 Jahre lang Schauer über den Rücken jagen konnte. Und wer schon einmal Solschenizyns Archipel GULAG gelesen hat, der weiß, dass die sowjetische Wirklichkeit in Groteske und Grausamkeit Orwells Visionen aus 1984 weit hinter sich gelassen hat. Dementsprechend verlegen sowjetische Autoren auch häufig nicht ihre anti-utopischen Gesellschaften als Warnung in eine nahe oder ferne Zukunft, sondern kritisieren das (zeitgenössische) Hier und Jetzt.  Manchmal genügt der anti-utopische Literatur der Sowjetunion, die aufgrund der staatlichen Zensur entweder nur im Samizdat (d.h. der Untergrundliteratur) oder im Exil erscheinen konnte, dabei sogar ein weitgehend realistisches Erzählverfahren, um die Schrecken einer real-existierenden kommunistischen Utopie zu thematisieren. Auffällig häufig hingegen wird auf das Mittel der Satire oder Parodie und zurückgegriffen – Werke dieses Typs stehen, obwohl der staatliche Überbau der Sowjetunion eher an Orwells Visionen erinnert, dabei im erzähltechnischen Verfahren Huxleys Schöner Neuer Welt näher als dem von 1984.*

Staatskritische Romane als Dystopien

Stalin, welcher die Literatur als ideologisches Werkzeug zum human engineering begriff, verbot 1929 jegliche literarische Thematisierung von zukünftigen Gesellschaften (und damit auch die Science Fiction). Hierfür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen wurde unter dem Zeichen des sozialistischen Realismus sämtliche Literatur ideologisch vereinnahmt; zum anderen war die Literatur des Staates in ihrer Ausrichtung auf den Neuen Menschen und eine Neue Gesellschaft selbst utopisch. Erika Gottlieb weist hier richtig darauf hin, dass jedem Werk, welches sich der ideologischen Doktrin des Staates, seiner utopischen Vision und dem sozialistischen Realismus verweigerte, sofort eine anti-utopische Stoßrichtung erwächst.** So kann beispielsweise der literarischen Darstellung eines durch das System deformierten Sowjetmenschen in der Romanen  eine anti-utopische Dimension zukommen: Nicht, weil damit gegen Shdanows 1936 geäußertes Diktum, die Literatur solle sich darauf beschränken, die herausragenden Qualitäten und Gefühle des Sowjetmenschen darzustellen, verstoßen wird – obwohl dieses der ebenso Fall ist – sondern weil damit auch, was im Einzelfall jeweils festzustellen wäre, das Zukunftsversprechen der sowjetischen Real-Utopie negiert wird.

Damit ergibt sich allerdings ein Problem: Es wäre wenig sinnvoll, jeden staatskritischen Roman als Anti-Utopie aufzufassen. Zudem verdammen auch die zensierten Autoren utopische Visionen häufig nicht in Gänze. Vielfach üben sie in höchst satirischer Form nur Kritik an konkreten Erscheinungen des sie umgebenden staatlichen Systems bzw. der sowjetischen Gesellschaft und lassen das bzw. ein utopische Versprechen gelten. Insofern scheint es auch problematisch, hier von Anti-Utopien im engeren Sinne zu sprechen, weswegen diese Texte von Edith Clowes beispielsweise „nur“ als Meta-Utopien bezeichnet werden.*** Aus gleichem Grunde beschränkt sich Erika Gottlieb bei ihrer Untersuchung über die Unterschiede zwischen westlichen und östlichen Dystopien auf Romane, die sich auf den utopischen-antiutopischen Diskurs oder die Darstellung des politischen Systems der U.D.S.S.R als Albtraum konzentrieren.**** Vielleicht sollte man in einigen Fällen auch eher von Gegen-Utopien denn von Anti-Utopien sprechen.

Auswahl der Werke

Ob jeder einzelne der von mir für die Rezensionsserie sowjetischer Dystopien vorgesehenen Romane tatsächlich als Anti-Utopien betrachtet werden kann bzw. sollte, ist dementsprechend fraglich. Gefolgt wurde hier weitgehend Elena Zeißlers Auswahl für ihr Kapitel über die russischsprachige Dystopie. Darunter befinden sich  sowohl Werke, die sich eines realistisches Erzählverfahren bedienen, als auch Werke, die dieses nicht tun. Es ist aber wohl jeweils im konkreten Einzelfall zu diskutieren, ob es sinnvoll ist, den Roman mit dem Etikett „Dystopie“ bw. „Anti-Utopie“ zu versehen. Häufig wird sicherlich die Bezeichnung „utopische Satire“ treffender sein. Interessant dürfte die Lektüre dieser für die Genretheorie höchst problematischen Texte aber auf jeden Fall werden.