Cory Doctorow: Little Brother

Dass auch Werke erfolgreich sein können, die auf Veröffentlichungswege jenseits der bekannten Verlagslandschaften setzen, bewies 2008 Cory Doctorow mit seinem Roman Little Brother.  In kürzester Zeit machte das unter CC-Lizenz veröffentlichte Buch im Netz von sich Reden. Fans des Romans übersetzten dieses nicht nur unentgeltlich in andere Sprachen, darunter auch die Deutsche, sondern produzierten auch Hörbücher, die teilweise – wie das deutsche von Fabian Neidhard – einen Vergleich mit professionellen und kostenpflichtigen Angeboten nicht zu scheuen brauchen. Der Autor selbst wurde dank seiner eher noch ungewöhnlichen Entscheidung, das Werk allen Interessierten kostenlos zugänglich zu machen, weit über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt.

Dass der Autor mit seinem im Titel auf Orwells 1984 anspielenden Roman eine solch große Fangemeinde gewinnen konnte, ist allerdings vor allem darauf zurückzuführen, dass das als All-Ager konzipierte Werk neben seiner überdurchschnittliche Qualität, die auch durch zahlreiche Preise und Nominierungen dokumentiert wird (z.B: Pine Wine Award der Ontario Library AssociationPrometheus Award der Libertarian Futurist SocietyJohn W. Campbell Memorial Award, Finalist für den Hugo Award) in höchst spannender Weise auch die Problemstellungen einer Welt nach den Terroranschlägen vom 11.09.2001 aufgreift und verarbeitet.

Islamistischer Terror in den U.S.A.

Der in San Francisco spielende Roman entwirft die Vision einer nicht weit entfernt in der Zukunft liegenden U.S.A. Der siebzehnjährige Schüler und Protagonist Marcus Yallow, der unter dem (auf Orwells Protagonisten Winston Smith anspielenden) Pseudonym w1n5t0n als findiger Freizeithacker sein Wissen verbreitet, wie man die ausgefeilten Überwachungssysteme der Schule überlistet, entgeht während des Unterrichtschwänzens mit seinen Freunden DarrylVanessa and Jose nur knapp einem schweren Terroranschlag auf die San Francisco Bay Bridge. Darryl wird dabei in der entstehenden Massenpanik schwer verletzt. Die Clique wird von Einheiten des Department of Homeland Security in Arrest genommen und auf einer zum Sperrgebiet erklärten Insel inhaftiert. Trotz seines jugendlichen Alters wird der Ich-Erzähler Marcus strengen Verhören und erniedrigenden Behandlungen unterzogen, die eruieren sollen, ob er an den Anschlägen, die Al-Quaida zugeschrieben werden, beteiligt gewesen ist. Nachdem er seine Weigerung, seine Passwörter zu verraten, aufgegeben hat, wird er nach einigen Tagen Haft mit Van entlassen. Darryl bleibt jedoch verschwunden.

Die Verwandlung Amerikas in einen Überwachungsstaat

Aufgrund der Einschüchterungen seitens des DHS in Person der leitenden Beamtin Frau strenger Haarschnitt verraten Marcus und Van niemandem etwas über ihre unrechtmäßige Festnahme und unmenschliche Behandlung. Entsetzt müssen sie in den nächsten Tagen beobachten, wie sich unter dem Vorwand, die allgemeine Sicherheit zu gewährleisten, auf der Basis des P.A.T.R.I.O.T.-Act 2 ihre Heimatstadt in einen Überwachungsstaat verwandelt: Mittels der auf RFID-Chips basierenden Ausweise für Metro und mautpflichtige Brücken werden Bewegungsprofile erstellt, die mit den Informationen ergänzt werden, welche die Kameras mit Bewegungserkennungen liefern. Verknüpft werden diese Daten zudem mit denen, die sich aus dem bargeldlosen Zahlungsverkehr ergeben. Und nicht nur das Internet wird streng überwacht, sondern auch die Schüler in ihren Klassenräumen, in welchen nun ebenfalls Kameras installiert werden. Die Bürger San Franciscos, die sich immer häufiger Festnahmen und Verhören gegenüber gestellt sehen, wenn sie von der als üblich betrachteten Norm abweichen, werden gläsern.

Aufstand der jugendlichen Dissidenten

Marcus beschließt, den Kampf gegen das DHS aufzunehmen – nicht nur, weil er mit diesem eine persönliche Rechnung zu begleichen hat und seinen Freund Daryl, von dem er annehmen muss, dass er tot ist, rächen will, sondern auch, weil er nicht in einem Land aufwachsen will, das durch eine umfassende Überwachung seine Bürger ihrer Persönlichkeitsrechte beraubt. Er ruft das auf dem überwachungssicheren (und fiktiven) Paranoid Linux sowie der XBox basierende XNet ins Leben, ein Netzwerk von andersdenkenden Jugendlichen. Vornehmlich unter seiner Leitung beginnen die Jugendlichen die Maßnahmen des DHS zu unterlaufen, das in immer stärkerem Maße Andersdenkende zu verfolgen und sogar mit dem Tode zu bedrohen beginnt.

Little Brother als literarische Antwort auf die Anti-Terror-Gesetze

Überdeutlich ist, dass Doctorows Szenario nicht nur die Anschläge auf das World Trade Center im Jahre 2001 verarbeitet, sondern auch mögliche Gefahren des in der amerikanischen Öffentlichkeit kontrovers diskutierten Patriot-Acts vorführt. In nuce wird dabei die Entstehung einer dystopischen Staates vorgeführt, weil die Bürger aufgrund ihres Sicherheitsbedürfnisses bereit sind, eine weitgehende Einschränkung ihrer Rechte zu akzeptieren. Als Gedankenexperiment ist Docorows dunkle Vision vor allen Dingen deshalb so bedrückend gelungen, weil der Text sich nicht nur der bekannten Rhetorik us-amerikanischer, britischer und bundesdeutscher Politiker bedient, sondern auch das Überwachungssystem weitgehend auf schon vorhandene Technologien aufbaut – die eben nicht wie Science Fiction wirken. Es ist die zeitliche Nähe des zukünftigen Überwachungsstaates, die den jugendlichen wie erwachsenen Leser betroffen macht.

Zugegeben: Manchmal wirken die Maßnahmen des Staates in ihrer Übertragung auf amerikanische Bürger – denen hier die bekannten schwarzen Kapuzen ebenso über den Kopf gezogen werden wie ihnen gedroht wird, sie aus amerikanischen Geheimgefängnissen zur Folterung nach Syrien zu verfrachten – auf den erwachsenen Leser überzogen, zumal es sich bei den Gefangenen häufig um Jugendliche handelt.

Spannendes Lehrbuch der Überwachung

Um die Eindringlichkeit seines Romans, der auch in aufklärerischer Weise wirken will, zu verstärken, unternimmt Doctorow zahlreiche – nicht immer kurze, aber durchgängig  interessante – Exkurse in die Geschichte verschiedener Sicherheitstechniken. Sich seines jugendlichen Hackers noch glaubwürdig als Sprachrohr bedienend zeigt er Methoden, Gefahren, Möglichkeiten und Grenzen moderner Verschlüsselungs- und Überwachungstechniken auf. Dementsprechend wimmelt zwar Doctorows Text von aus der Informatik stammenden Fachbegriffen, doch düften die Ausführungen aufgrund anschaulicher Beispiele und häufig betont jugendlicher Sprache auch jüngere Leser nicht überfordern. An letztere richtete sich der Text in pädagogischem Sinne besonders: Denn sie sind es, die wie selbstverständlich mit der Welt des Internets aufwachsen, aber über die Gefahren und Risiken noch kaum etwas wissen. Und man muss zugeben: Da kann auch der erwachsene Internetbenutzer immer noch etwas dazu lernen.

Zwischen Freiheitskampf und Liebelei

Wenn Doctorows Held nicht gerade über moderne Technik oder bürgerliche Rechte doziert, sabotiert er entweder geschickt die Maßnahmen des DHS oder manövriert deren Versuche aus, die Dissidentenbewegung auszuschalten. Dabei kommt es zu zahlreichen spannenden Momenten – eine kleine Liebesgeschichte am Rande eingeschlossen – die den Leser das Buch so schnell nicht mehr aus der Hand legen lassen. Obwohl der rebellierende Marcus nicht gerade ein durchschnittlicher Jugendlicher sein dürfte, wirkt er vor allem aufgrund seiner zahlreichen Schwächen, mit denen ihn der Autor ausgestattet hat, durchaus glaubwürdig und sympathisch. Bei einigen anderen Figuren ist Doctorow die Gestaltung jedoch nicht so gut gelungen: Vor allem Marcus‘ Vater, der sich auf die Seite des DHS stellt, wirkt in seiner Argumentation platt und oberflächlich – aber vielleicht ist das ja auch ein generelles Merkmal der von der Figur vertretenen Position.

Fazit

Doctorows Little Brother ist ein spannender Roman, der auch für den erwachsenen Leser interessant sein dürfte. Beginnt die klassische Dystopie üblicherweise in medias res, so führt Doctorows Text hingegen als Gedankenexpriment die Entstehung eines Unterdrückungsstaates auf der Basis aktueller Ereignisse und weitgehend bekannter Technik vor – und das wirklich gelungen.

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