K. H. Scheer: Die Großen in der Tiefe

Ein literarisches Überaschungsei veröffentlichte 1961 Karl-Herbert Scheer, der vor allem als Mitbegründer der höchst erfolgreichen, aber umstrittenen Perry-Rhodan- Reihe bekannt ist, die gerade ihren 50sten Geburtstag feiert. Mit Die Großen in der Tiefe bekommt der Leser gleich drei Dinge in einem: Einen Katastrophenroman, der das (nukeare) Ende der Welt beschwört, eine Dystopie, die eine unmenschliche Gesellschaft in den Tiefen eines amerikanischen  Bunkers entwirft und eine postapokalyptischer Abenteuererzählung, welche die Neubesiedlung unseres Planeten beschreibt.

Der trotz eingehender psychologischer Tests nicht ganz zuverlässig arbeitende Colonel Troitman muss 19. Mai 1978* den Oberbefehl über die zentrale Rechenanlage der U.S.A. und somit auch über deren Nuklearwaffen übernehmen, weil der eigentlich Verantwortliche auf einer Bananenschale ausgerutscht ist. Trotz der angespannten internationalen Lage testet das mit der U.D.S.S.R. verbündete China (hier: Großasiatische Union) zudem in dieser Nacht einen neuen Typus von Interkontinentalraketen. Aufgrund einer Fehlfunktion nähern sich diese dem Luftraum der U.S.A. Der Versuch des russischen Oberkommandierenden, den mit ihm befreundeten amerikanischen Verantwortlichen zu erreichen, schlägt fehl, da Troitman dessen Posten übernommen hat. Angesichts des sich ergebenden Gesamtbildes entscheidet Troitman, gegen China zurückzuschlagen. Es kommt zu einem umfassenden nuklearen Schlagabtausch zwischen den Nuklearmächten. Den für den Aufenthalt im Bunker vorgesehenen 5000 Wissenschaftlern aus der nahegelegenen Forschungsstadt Rocket City ist es trotz Massenpanik im Vorfeld überwiegend gelungen, ihren Platz unter der Erde einzunehmen.

Die Handlung des Romanes setzt mit dessen zweiten Teil 174 Jahre  später wieder ein. Innerhalb des Bunkers, der von den Bewohnern nur STADT genannt wird, hat sich eine von Scheer glaubwürdig entworfene, streng hierarchische Gesellschaft ausgebildet, welche die Bevölkerungsentwicklung durch rigorose Partnerwahl überwacht. Hiermit sollen Spätschäden aufgrund von Strahlung ausgeschlossen werden. Kinder werden nach der Geburt von ihren Eltern getrennt. Personen, die Strahlenschäden zeigen, werden selektiert und getötet. An der Spitze der 10000 Menschen umfassendenen Gesellschaft, deren  drei Kasten wie in Huxleys Schöner neuer Welt farblich gekennzeichneten sind, steht eine legendäre Führungelite, welche die unterste Ebene des Bunkers bewohnt und selbst nichts zum Überleben der Bunkergesellschaft beiträgt. Dieser wie der zweiten Kaste, welche die zweite Ebene bewohnt, ist die Fortpflanzung überhaupt vorbehalten. Die dritte Kaste, die wie die zweite Kaste noch in sich untergliedert erscheint, bewohnt die obersten drei Etagen der STADT und macht 85% der Gesamtbevölkerung aus. Ihr obliegen die schmutzigen, gefährlichen und untergeordneten Arbeiten, während sich die zweite Schicht aus dem technischem bzw. wissenschaftlichem Personal rekrutiert.  Genretypisch überwacht eine nahezu allmächtige Geheimpolizei (hier: Gefühlspolizei) die Einhaltung der Gebote und Verbote, die das Überleben der Gemeinschaft sicherstellen sollen. Gesetzesübertreter werden zu einer Art Gladiatorenkampf verurteilt, bei dem ein Überleben nahezu unmöglich ist. Diese Schaukämpfe dienen als Großereignis auch der Unterhaltung und Kontrolle der untersten Kaste, deren intelektuelle Fähigkeiten äußerst dürftig sind.

Die Hauptfigur Norman Caligon, dessen Name ihn als den Nachfahren Doc Caligons ausweist, bekleidet in seiner Eigenschaft als Nukleartechniker den wichtigsten Posten innerhalb des Bunkers – ohne ihn ist die Gemeinschaft früher oder später zum Tode verurteilt, was übrigens auch darauf hinweist, dass es keine organisierten Bildungseinrichtungen, wie wir sie kennen, mehr gibt. Dass er sich Zugang zu verbotenen Bereichen verschafft, um die Aufzeichnungen der Vorfahren abzuspielen, zeichnet ihn schon von Beginn an als einen besonderen Menschen innerhalb der Gemeinschaft aus. Wie bei Huxley ist der Dissident Caligon aber kein Einzelfall: Mit einigen Bekannten, die aus verschiedensten Gründen den Bunker verlassen wollen, plant er einen abenteuerlichen Ausbruch, der tatsächlich später  auch gelingt. Die unterschiedlichen Motive der Beteiligten zeigen panoramisch das am Individuum begangene Unrecht auf: z.B. die staatlichen Restriktionen im Bereich der Partnerwahl sowie die Tötung von Abweichlern und Kranken durch „Gladiatoren“, welche die Funktion von Henkern übernehmen. Wie so häufig in Dystopien erreicht die Charaktergestaltung hier leider nicht die Tiefe, die man aus anderen Formen des Romanes kennt. Allerdings werden die Fluchtpläne der Figuren (und damit auch ihr Herausragen aus der fiktiven Gesellschaft) auf verschiedenen Ebenen glaubhaft motiviert und die Figuren geraten Scheer noch nicht stereotyp.

Nachdem die Fluchtpläne der Gruppe entdeckt worden sind, gelingt es dieser trotz Schusswechseln nicht nur, in die obersten Bereiche der Bunkereinrichtung vorzudringen, sondern auch ein atomar betriebenes Fahrzeug zu kapern, das eigentlich für Beutezüge gedacht ist. Dabei stoßen die Beteiligten auf gefährliche mutierte Ratten, die sie jedoch zurückschlagen können. Ist die Gegend um den Bunker selbst noch eine nuklear verstrahlte Wüste, so entdecken die Flüchtlinge bald erste Pflanzen und nach vielen Tagen zuletzt ein Tal, in dem sie zu siedeln beschließen, obwohl es von primitiven Mutanten bewohnt scheint.

Ursachen des Dritten Weltkrieges

Dass letztendlich die achtlos forgeworfene Schale einer tropischen Frucht den später Bananenkrieg genannten nuklearen Holocaust auslöst, zeigt, wie kritisch Scheer den zeitgenössischen Versicherungen gegenübersteht, es könne nicht durch Zufall zur Katastrophe kommen. Mit dem psychisch angeschlagenen Colonel Troitman wird das vermeintlich sichere System für Fehler anfällig. So lässt Scheer Doc Caligon, einen der verantwortlichen Psychologen, ausführen: Das primäre Übel ist ein einziger Neurotiker vor einem Kommandogerät, egal, in welchem Teil der Welt er nun vor den Knöpfen sitzt. Die psychische Stabilität der Beteiligten ist identisch mit der großen Unbekannten in einer sonst klaren, logistisch [sic!] fundierten Rechnung. Jeder mittelmäßige Mathematiker kann ihnen beweisen, dass nicht einmal ein cholerischer Narr an die willkürliche Entfesselung eines Atomkrieges denken würde. Dazu lautet die Faustformel: ‘Rüstung mal Angriff, geteilt durch Erfolg, ergibt totale Vernichtung für alle Beteiligten’. Einen Atomkrieg kann also eigentlich niemand wollen – wohl aber gezwungener Maßen führen.  Dass Troitman sich hierzu entscheidet, ist ihm aber nur bedingt als Schuld anzurechnen. Denn letztendlich folgt Scheers Protagonist mit seiner Entscheidung aber nur den Vorgaben der Computer, deren Analyse der Situation einen nuklearen Gegenschlag nahelegen. Der Dritte Weltkrieg kommt somit – wie so häufig in der Literatur – als Katastrophe daher, die sich aus einer Verkettung äußerst unglücklicher Zufälle – einer fortgeworfenen Bananenschale, einem Verantwortlichen mit Eheproblemen, ehrgeizigen chinesischen Wissenschaftlern und technischen Problemen ergibt. Die eigentliche Gefahr, so kann man resümieren, ist nicht der Gegner, sondern das System der nuklearen Abschreckung selbst, welches auch durch die auf persönlicher Freunschaft und gegenseitigen Vertrauen basierenden privaten Zusatzabsicherung der eigentlich verantwortlichen Offiziere nicht sicherer wird. Ein Restrisko bleibt.

Die dystopische Gesellschaft in der Tiefe: Gefühl versus Verstand

Bemerkenswert ist, dass die zum Zwecke des Überlebens eigentlich temporär gedachte Gemeinschaft des Bunkers nicht nur dauerhaft geworden ist, sondern auch über ein Verlassen des Bunkers nicht mehr nachdenkt, d.h. diese ist, genauso wie ihre Struktur, Selbstzweck zugunsten einer sagenhaften Elite geworden, die dementsprechend auch von Scheer im Titel aufgenommen wird. Die Großen in der Tiefe sind Nutznießer eines versteinerten Systems, das sich auf Kosten des Individuums in den Tiefen der Erde eingerichtet hat – was nicht im Sinne der durch Tonband- und Videoaufnahmen beschworenen Vorfahren war, welche eine Neubesiedlung des Planeten anstrebten. Die Beschränkung auf den Bunker selbst wird hier als degenerativer Verfall einer Gesellschaft betrachtet, der letztendlich zu deren Untergang führen muss.

Hans Krah weist in seiner Untersuchung des Romanes drauf hin, dass Scheers Zukunftsvision vor allem unter dem Aspekt der Selektion zu verstehen ist. Während im ersten Teil die (natur-)wissenschaftliche Elite ausgewählt wird, um das Überleben der Menschheit zu sichern, erscheinen im zweiten Teil nur diejenigen überlebensfähig, die über Individualität sowie Abenteurer- und Pioniergeist verfügen. Krah betont, dass der Plan der Gruppe einen nichtoktroyierten, autonomen Akt darstelle und dass dieser den Plan der Vorfahren nicht nur fortsetze, sondern als eigentlich natürlichen Verlauf präsentiere. Konstitutiv für die Selektion der Beteiligten werde dementsprechend hier das positiv konnotierte Merkmal ‘Gefühl’ selbst – was einen Gegensatz zur ersten, höchst rationalen Auswahl darstellt. Scheer verleiht diesem Aspekt übrigens auch dadurch Ausdruck, dass die Geheimpolizei hier im Roman als Gefühlspolizei präsentiert wird. Das Zusammentreffen der Figuren mit einem (anscheindend mutierten) Überlebenden der Katastrophe und ihr Bekanntwerden mit dem Christentum erweitert den Begriff des Gefühls zudem noch um seine religiöse Komponente. Die Parallelisierung von göttlichem Besiedlungsplan und dem der sagenhaften Vorfahren unterstreicht den Charakter der Flucht als Mission, welche es unter allen Umständen zu erfüllen gilt. Aus diesem Grunde verbleibt die Gruppe auch nicht in den obersten Einrichtungen des Bunkers, wo sie durchaus hätte überleben können. Die Angst vor dem Unbekannten, das Bedürfnis nach Sicherheit, welches sich der Logik zur eigenen Legitimation bedient, wird hier als als das zu Überwindende selbst dargestellt.

Wenn man Krahs Gedanken weiterführt, so erkennt man, dass der hier vorliegende Antagonismus von Gefühl und Ratio eine Wiederaufnahme darstellt: Schon der Weltuntergangsteil des Romanes spielt in der Selektion des Verantwortlichen durch psychologische Tests mit dem Thema – aus diesem Grunde erscheint es auch nur logisch, dass sich die Gefühlspolizei aus den überlebenden Psychologen entwickelt hat. Mehr noch: Schon im ersten Teil scheitern die alleine aufgrund der Ratio getroffenen Sicherheitsmaßnahmen am Gefühl, welches sie zu eliminieren versuchten: an den Emotionen der ehrgeizigen chinesischen Wissenschftler genauso wie an den Eifersuchtsgefühlen Troitmanns, die ihn unzuverlässig erscheinen lassen. Sicherheitsvorkehrungen versagen. Insofern verkehrt die Selektion des zweiten Teiles die negativen Vorzeichen des ersten: Gefühl selbst wird zur grundlegenden und notwendigen Eigenschaft des Menschen selbst. Die Ratio unterliegt – nicht nur in der konkreten Gegenüberstellung, sondern auch im langfristigen Prozess, der sich hier übrigens auch evolutionär verstehen lässt.

Fazit

K.-H. Scheer hat mit seinem Roman Die Großen in der Tiefe einen hochinteressanten Roman verfasst, der den Liebhabern dunkler Zukunftsentwürfe einiges bietet. Schon die Vielschichtigkeit des Werkes, welches mit Blick auf die Leserschaft nicht typischer Elementen des Science Fiction wie mutierten Nagetieren entbehren will, zeigt, dass hier nicht triviale Unterhaltungsliteratur vorliegt. Dieses erweist übrigens auch schon der subjektive Vergleich mit Douglas R. Masons 5 Jahre später erschienenem, an den Stereotypen des Genres lieblos entlanggeschriebenem Machwerk Stadt unter Glas, in dem sich eine mit dem zweiten Teil von Die Großen in der Tiefe nahezu identische Fabel finden lässt.

* In späteren Ausgaben wurde dieses Datum durch den 20. Mai 1999 ersetzt.

**Siehe hierzu: Hans Krah, Weltuntergangsszenarien und Zukunftsentwürfe. Narrationen vom >Ende< in Literatur und  Film 1945-1990, Kiel, 2004, S. 132-172.

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