Interview mit Thomas Elbel

Interview mit Thomas Elbel, dem Autor des Romans Asylon

Dystopische Literatur: Thomas, im August ist dein erster Roman Asylon im Piper Verlag erschienen, der in verschiedener Weise sowohl mit dem dystopischen als auch mit dem postapokalyptischen Genre spielt. Wie kommt man eigentlich als studierter Rechtswissenschaftler (mit Anstellung) dazu, einen solchen Roman zu verfassen?

Thomas Elbel: Wahrscheinlich, weil die Juristerei mich eben nicht völlig ausfüllt. Da gibt es in mir noch eine Seite, die ab und zu gerne kreativen Amok laufen und dann auch noch dafür beklatscht werden will. Die kommt im Alltagsleben eines Rechtswissenschaftlers leider nicht so zu ihrem Recht. Vor ungefähr zehn Jahren hat diese Seite für ein paar Stunden mein Resthirn gekidnappt und ein paar Seiten auf Notizpapier gekritzeltes, schlecht dramatisiertes Geschreibsel hinterlassen. Nachdem meine analytische Seite das Bewusstsein wieder erlangt hatte, haben beide Persönlichkeiten einen Deal geschlossen, demzufolge auch mein innerer Wortberserker ab und zu ein bisschen Raum bekommt, wenn er umgekehrt verspricht, sich dafür etwas zu professionalisieren. Bis jetzt hat das ganz gut hingehauen.

Dystopische Literatur: Im Nachwort zu deinem Roman weist du auf verschiedene Filme wie „Die Klapperschlange“, „Dark City“ oder „The Thirteenth Floor“ hin, die dich bzw. dein Schreiben beeinflusst haben. Besonders die letzten beiden Filme, die ich übrigens großartig finde, stellen die Frage, inwiefern unsere Wahrnehmung der Realität entspricht. Kann man deinen Roman auch so verstehen, dass unsere Sicht der Dinge – von wem auch immer – manipuliert werden könnte? Siehst du da Gefahren? Ist hier der eigentlich dystopische Kern deines Romans zu finden?

Thomas Elbel: Wow, bin ich so leicht zu durchschauen? Ja, in der Tat. Die Frage nach der Manipulation der Realität und ihren Folgen ist eng verbunden mit der Frage nach der eigenen Identität, die mich schon immer fasziniert hat. In „Dark City“ und „The Thirteenth Floor“ (der auf dem Buch „Simulacron-3“ von Daniel Galouye beruht, das wiederum schon 1973 in einer ersten Version von Fassbinder als „Welt am Draht“ verfilmt wurde) müssen sich die Protagonisten fragen: “Wer bin ich wirklich?” Für mich eine der spannendsten Fragen überhaupt: Können wir uns unserer selbst gewiss sein?

Dystopische Literatur: Gibt es eine bestimmte Schreckensvision, die dich des Nachts nicht schlafen lässt?

Thomas Elbel: Die geht tatsächlich auch – wie im Buch – in Richtung Klimawandel. Ich glaube zwar nicht an ein urplötzliches Weltuntergangsszenario, aber Sorgen machen mir die Folgen die der Klimawandel in den ohnehin schwächsten Regionen der Erde haben könnte und wie sich ein dadurch entstehender eventueller Wanderungsdruck auf die umliegenden Regionen auswirken könnte. Ein anderer Grund zur Sorge ist für mich unser exzessiver Gebrauch von Antibiotika, die bereits zu resistenten Keimen geführt hat, ohne dass dies bis jetzt zu einem wesentlichen Umdenken geführt hat. Unbehagen bereitet mir auch die Erosion der bürgerlichen Zuversicht in die Leistungsfähigkeit, Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit der politischen Funktionsträger demokratisch geprägter Systeme.

Dystopische Literatur: In Ernst Jüngers Erzählung Gläserne Bienen wird eine der Nanotechnologie vergleichbare Technik erstmals verwendet, um Menschen zu schaden. In Jeff Carlsons Thriller Nano läutet sie beinahe die Apokalypse ein. In deinem Roman wird sie hingegen verwendet, um die Erinnerungen der Menschen zu manipulieren. Findest du nicht, dass ihr Literaten eine wissenschaftliche Errungenschaft mit wirklich tollem Potential verteufelt?

Thomas Elbel: Die Frage führt mich zur Natur der Dystopie an sich, die nämlich in ihrem Kern häufig eine Utopie enthält. Die Dystopie entsteht dann durch einen Exzess dieser Utopie. [Spoilerwarning] In Nano versuchen Wissenschaftler einen neuartigen Wirkstoff zu entwickeln, der Krebs heilen soll. Soweit die schöne Utopie. Aber durch einen Mix aus Fahrlässigkeit und Sabotage wird der Wirkstoff zu früh freigesetzt und entwickelt sich zu einer tödlichen Pest. Die Dystopie entsteht hier aus der Hybris der Utopisten. Nano will also nicht die Technologie an sich anprangern, sondern die menschliche Naivität und Sorglosigkeit im Umgang mit ihr. Die gläsernen Bienen bringen in vielfältiger Hinsicht das Unbehagen gegenüber der technologischen Durchdringung menschlicher Lebenswelten zum Ausdruck, bis hin zur Austauschbarkeit mechanischen und organischen Lebens; ein Gedanke, den Philip K. Dick dann in, Träumen Androiden von elektrischen Schafen, der literarischen Grundlage des „Blade Runner“, weiter fort geführt hat. Es ist aber nicht meine, und war meines Erachtens nie die Absicht irgendeines anderen dystopischen Autors, die Errungenschaften der Technik per se schlecht zu reden, sondern vielmehr auf ihre verborgenen Implikationen und Risiken aufmerksam zu machen.

Vor allem Nanotechnologie ist in dramaturgischer Hinsicht aber auch deswegen so ein beliebtes literarisches Thema, weil der Laie momentan den Eindruck bekommen könnte, es gäbe kaum ein Feld der Technik, auf der sie nicht von Bedeutung sein könnte. Also quasi eine Technologie der unbegrenzten Möglichkeiten. Das kommt den fantastischen Konstrukten von uns Schriftstellern natürlich sehr entgegen.

Dystopische Literatur: Gibt es neben den von dir genannten Filmen auch literarische Dystopien, die dich geprägt haben?

Thomas Elbel: Ja, selbstverständlich. Zuerst natürlich die Klassiker: Herr der Fliegen, 1984, Fahrenheit 451, Brave New World, die wir damals im Philosophieunterricht in der Schule gelesen haben. Dann Gibsons Neuromancer und vor allem Philip K. Dick. Heutzutage die unvermeidlichen Tribute von Panem, die „Gone-Reihe“ von Michael Grant oder z.B. auch „Die Arena“ von Stephen King.

Dystopische Literatur: Dystopien sind ja in Deutschland nach der Veröffentlichung von Suzan Collins „Die Tribute von Panem“ ganz groß im Kommen. Wie erklärst du dir den „Run“ von Lesern und Verlagen auf dunkle Zukunftsentwürfe? Glaubst du, dass wir es hier nur mit einer belletristischen Modeerscheinung zu tun haben, die nach wenigen Monaten wieder abebben wird, oder steckt zeitgeisty mehr dahinter?

Thomas Elbel: Ich glaube, die Popularität des dystopischen Genres reflektiert das Auseinanderklaffen des Sicherheitsbedürfnisses der Bürger westlicher Zivilisationen und das subjektive Sicherheitsgefühl dieser Menschen. Obwohl wir z.B. in Deutschland zeitlich und situativ weit entfernt sind von den chaotischen Verhältnissen der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts legt uns die mediale Berichterstattung über Phänomene wie Klima, Terrorismus oder Kriminalität eine permanente, latente Bedrohungssituation nahe. Während die Welt zumindest für unsereins – bei nüchterner Betrachtung – die sicherste ist, die bis jetzt existierte, scheint unsere Wahrnehmung uns das genaue Gegenteil zu beweisen. Eine Art, mit einer Angst umzugehen, sei sie nun eingebildet oder real, ist, sich spielerisch mit ihr zu beschäftigen. Aus diesem Grund war in den achtziger Jahren der nukleare Holocaust ein beliebtes Sujet literarischer oder filmischer Dramaturgie. Kurz gesagt, wir lesen momentan so gerne Dystopien, weil wir unterschwellig hoffen, die „echten“ Weltuntergangsgefahren bannen zu können.

Dystopische Literatur: Du schreibst in deinem Nachwort, dass dir die „Anlage“ der Dark City, einem ehemaligen, weil nun abgerissenen Stadtteil von Hongkong, die der von Asylon ähnelt, nicht bekannt gewesen sei. Haben dich reale oder literarische Örtlichkeiten bei der Gestaltung der Stadt bzw. ihrer Atmosphäre inspiriert?

Kowloon Walled City besaß vor seinem Abriss eine Einwohnerdichte von 1900000 Menschen pro Quadratkilometer ( Urheber des Bildes : Ian Lambot – http://cityofdarkness.co.uk/order-print/01-aerial-view/ Also found in the book City of Darkness – Life in Kowloon Walled City by Ian Lambot CC-BY-SA-4.0)

Thomas Elbel: Ich hab mir die Stadt ja als Wucherung vorgestellt, also eine Art urbanes Geschwür. Frühformen eines solchen architektonischen Krebses gibt es in allen Großstädten der Welt zu bewundern. Eine Freundin von mir bewohnte ein kleines Apartment in Manhattan. Alle Fenster ihrer Wohnung waren kaum eine Handbreit von der Hauswand des benachbarten Gebäudes entfernt. Tageslicht fast Fehlanzeige. Längs der S-Bahngleise in Berlin gibt es häufig diese ausgedehnten Kleingewerbesiedlungen. Kfz-Werkstätten, Allnighterclubs, Baumaschinenverleihe, Trödler dicht gedrängt auf winzigen Parzellen wie eine Art kommerzielle Laubenpieper. In Tokio kann man Zimmer mieten, die gerade groß genug sind, um sich hineinzulegen. Ich finde es spannend, wenn die Stadtplanung entgleist. Dann scheint sich eine Metropole in ein lebendes Wesen zu verwandeln, dass sich nicht mehr völlig zähmen lässt. Ich glaube, es waren solche Eindrücke, die mich zu Asylon geführt haben. Die Stadt als Wesen ist genauso eines meiner Lieblingsmotive wie die Identitätssuche.

Dystopische Literatur: Du hast viel Mühe auf die Gestaltung der Stadt verwendet. In der klassischen utopischen Literatur spiegelt die urbane Architektur die Struktur der in ihr beheimateten Gesellschaft wieder bzw. bildet symbolisch den utopischen Großplan ab. Gilt Ähnliches auch für Asylon?

Thomas Elbel: Das erscheint mir zutreffend. Die Stadt ist so verwahrlost und von allen guten Geistern verlassen, wie ihre Bewohner und diese Verwahrlosung spiegelt in der Tat genau das wieder, was die Schöpfer von Asylon ihren Bewohnern zugedacht haben. Sorry, wenn das jetzt etwas kryptisch klingt, aber ich gebe mir Mühe, nicht zu spoilern. Wer das Buch gelesen hat, versteht wahrscheinlich, was ich meine.

Dystopische Literatur: Dein durchaus sympathischer Held Torn hat ja gleich am Anfang einen ganzen Sack voll von Problemen. Hätte nicht ein deftiges gereicht? Wieso setzt du den armen Mann solchen Strapazen aus?

Thomas Elbel: Wer sich wie ich mit Schreibmethodik auseinandersetzt, sieht sich schnell mit dem Dogma des Konflikts konfrontiert. Spannung entsteht bekanntlich nur aus solchem. Daher kann es eigentlich nicht genug davon geben. Es spricht also ein formales Argument dafür, den eigenen Protagonisten nach Kräften zu quälen. Schließlich musste ich Torn auch motivieren, eine Grenze zu überschreiten, hinter der sich aus seiner Sicht ein quälender Tod verbarg. Da war schon ordentlich Schmerz erforderlich.

Dystopische Literatur: Tatsächlich erscheint die Quest des Helden glaubwürdig motiviert. Dein Protagonist ist in seiner Funktion aber als Masterleveller in gewisser Weise ein Privilegierter innerhalb der Stadt Asylon. Gibt es einen Grund dafür, warum er nicht, sagen wir, der Besitzer des Nachtclubs „Crazy Rouge“ ist?

Thomas Elbel: Ich denke, da habe ich mir quasi ein archetypisches Motiv des dystopischen Genres zu Eigen gemacht. In vielen Dystopien steht der Held zunächst auf Seiten des Systems, dem er sich im weiteren Verlauf des Romans entgegenstellen wird. Vergleiche Matrix, Equilibrium oder Logan’s Run. Eine attraktive Ausgangsposition, denn sie erfordert zunächst eine Art Erweckungserlebnis, das dem Leser die Verführungskräfte des dystopischen Systems wie auch zugleich sein zweites, hässliches Gesicht durch die Augen des Helden sehen lässt.

Dystopische Literatur: Auch dein Protagonist hat ein hässliches Gesicht: Wenn man es genau besieht, ist Thorn ein Killer – auch wenn er „nur“ skrupellose Verbrecher im Namen eines perfiden Systems ausschaltet. Wie er mittels raffinierter Zukunftstechnik mordet, zeigst du uns allerdings nicht. Hinzu kommt, dass er zwar in Konflikt mit den Mächtigen gerät, aber eigentlich doch kein ideologischer Überzeugungstäter ist. Als Angepassten und Nutznießer motiviert ihn nur das eigene Schicksal bzw. das seiner Familie. Warum präsentierst du uns nicht wie Bradbury in Fahrenheit 451 einen Helden, der uns bürgerlichen Demokraten vorführt, was richtig ist? Hast du befürchtet, dass der heutige Leser einen hohen Moralinspiegel nicht goutieren könnte? Betrifft uns heute vielleicht nur noch die konkrete Bedrohung, nicht aber die generelle Überzeugung?

Thomas Elbel: Ich glaube, ich habe weniger Angst vor einer allergischen Reaktion des Lesers gegen zu moralinsaure Helden, sondern eher vor meiner eigenen. Fast sechzig Jahre nach Fahrenheit 451 kommt es mir selbst geradezu hochmütig vor, moralische Gewissheiten zu präsentieren. Mein persönliches Credo lautet: Weisheit liegt nur in der demütigen Akzeptanz des Ungewissen. Außerdem würde ich mir von meinen Leser wünschen (wenn man sich denn etwas von seinen Lesern wünschen darf), dass sie ihre moralischen Schlussfolgerungen aus Asylon selbständig und ohne Vorgabe durch mich ziehen. Der Optimist in mir glaubt, dass wir dabei alle zu ähnlichen Ergebnissen kommen werden.

Dystopische Literatur: Besonders überzeugt hat mich persönlich das Ende des Romanes, das nicht nur einen gewissen Grad an Offenheit besitzt, sondern auch kein Happy End im herkömmlichen Sinne ist. Ist dir dieses zugefallen oder musstest du es mühsam austüfteln?

Thomas Elbel: Auch wenn Musenküsse eher ein Mythos sind. Dies hier war einer. Es gab eine Vorversion des Endes von Asylon, ganz anders als das jetzige (ich hatte das mal für eine Leserunde dokumentiert). Dieses Ende hat mich in eine regelrechte Schreibblockade geführt. Ich merkte, dass ich ganz anders herangehen muss. Der Epilog, auf den Du wohl anspielst, ist mir dann tatsächlich geistesblitzartig eingefallen.

Dystopische Literatur: Jeder Autor geht anders mit den Bewertungen seiner Werke um. Juli Zeh beispielsweise liest ihren eigenen Aussagen zufolge keine Rezensionen zu ihren Texten. Du offensichtlich schon. Wie ist das, wenn man seinen ersten Roman veröffentlicht? Hast du dir darüber Gedanken gemacht, ob du sie lesen sollst?

Thomas Elbel: Für mich war von vornherein klar, dass ich sie lesen würde. Erstens bin ich viel zu applausgeil, zweitens vermessen genug, anzunehmen, dass es den einen oder anderen Applaus geben würde und drittens enthalten Rezensionen im allgemeinen wertvolles Feedback, aus dem man – Juli Zeh mag es nicht für möglich halten – auch etwas lernen kann.

Dystopische Literatur: Nach dem Schreiben ist vor dem Schreiben – oder anders: Arbeitest du schon an einem neuen Projekt? Du hast so etwas angedeutet – und wenn ja, wird es wieder ein Science Fiction werden?

Da Piper Fantasy mich nach einer neuen Idee gefragt hat, steht schon mal fest, dass ich in den Fantasybereich ziele. Auch sollte kein Debütautor vernachlässigen, dass die Leser (sicherlich nicht völlig zu Unrecht) davon ausgehen, dass seine Kompetenz sich vorerst auf das Genre beschränkt, mit dem er beim Erstversuch erfolgreich war. Das und die Tatsache, dass Dystopien mir einfach Spaß machen, spricht dafür, dass auch mein nächstes Projekt wieder eine sein wird und ich bin bereits dabei, eine Grundidee für meinen Verleger zu Papier zu bringen.

Dystopische Literatur: Sehr erfreulich zu hören! Dann kenne ich auch schon jemanden, der den Roman bestimmt rezensieren wird. Vielen Dank, dass du dir Zeit für das Interview genommen hast.

Thomas Elbel: Ich habe zu danken.

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