Jeff Carlson: Plasma

Der Roman Plasma ist der 2008 erschienene zweite Teil der Plague-Trilogie von Jeff Carlson. Nicht nur die Handlung von Plasma knüpft nahtlos an den Vorgänger Nano an – wie dieser ist er eine Mischung aus (post-)apokalyptischem Abenteuerroman und politischem Thriller:

In der ersten Hälfte des Romanes kämpfen sich die beiden Hauptfiguren zusammen mit dem Soldaten Newcombe durch die bekannten verseuchten Niederungen der U.S.A. (oder dem, was davon übrig ist). Gelingen kann ihnen dieses nur, weil sie durch den im ersten Teil erbeuteten Impf-Nano weitgehend immun gegen die Maschinenpest geworden sind. Ziel von Cam und Ruth ist es, den neuen Nano möglichst weit zu verbreiten, während Newcombe Ruth und ihre Ergebnisse so schnell wie möglich bei den Rebellen abliefern will. Cam und Ruth misstrauen diesen Plänen jedoch, denn sie befürchten, dass auch Rebellen die Rettung der Menschheit für sich behalten wollen. Doch das Unterfangen ist gefährlich: Ihnen sind zu Beginn vor allem die Bösewichte aus Leadville auf den Fersen. Das ändert sich aber bald, denn die amerikanische Regierung wird durch einen vernichtendenden Atomschlag ausgeschaltet. Allerdings müssen sie nun vor den russischen und chinesischen Soldaten fliehen, die zu zehntausenden eine Invasion der U.S.A. beginnen. Nachdem das Trio doch in der Stadt der Rebellen eingetroffen ist, macht sich Ruth nicht nur an die Untersuchung und Verbesserung des Impf-Nanos, sondern bereitet auch die „Schneeflocke“, eine schreckliche Massenvernichtungswaffe, zum Einsatz vor. Dabei entdeckt sie aber einen neuen rätselhaften Nanitentyp, dessen Ursprung sie auf einer weiteren gefährlichen Expedition finden muss – denn er könnte Teil eines umfassenden Vernichtungsplanes sein.

Endzeit und Langeweile?

Wie schon angedeutet, behält Carlson die bewährten Muster des ersten Romanes bei. Die beiden integeren Protagonisten stellen sich nicht nur der Herausforderung, die kümmerlichen Reste der Menscheit zu retten, sondern müssen auch die politischen Bösewichte, die immer  nur an das Wohl ihrer eigenen Kommune denken, in Schach halten. Waren dieses im ersten Roman die Machtpolitiker in Leadville, so sind es nun die egoistischen Rebellen in Grand Lake. Immer noch erschweren riesige Insektenschwärme, die seltsamerweise keine Nahrung zu benötigen scheinen,  die Reisen durch die verseuchten Gebiete. In zunehmenden Maße verliert nicht nur der Leser an Interesse, sondern die Nanos auch an Gefährlichkeit, selbst wenn der Autor anderes suggerieren will: Hat der Impf-Nano zu wenig Herausforderung durch seinen natürlichen Gegner, so kann er genauso versagen wie im dem Falle einer Überforderung. Deshalb könnte jetzt auch ein Aufenthalt in großer Höhe problematisch sein – das ist schlimm, besonders, weil es auch nicht in Ordnung ist, sich ständig in den Ebenen aufzuhalten. Sein höchst durchsichtiges Ziel, Spannung jenseits der eigentlichen Abenteuerhandlung, die sich liest wie die vieler anderer Romane, auf Teufel komm raus zu generieren, erreicht Carlson damit nicht. Dieses gilt auch für die Momente, in denen die Gruppe auf potentiell gefährliche Mitmenschen stößt – selbst wenn es sich hierbei um jugendliche Pfadfinder handelt.

Teenager-Liebe

Während Carlsons Plasma sonst also nichts Neues zu bieten hat, ist der Autor einerseits leider auf die ermüdende Idee gekommen, jede Gemeinschaft, die dem Leser in dem Roman begegnet, durch den offensichtlich psychoanalytisch hochbegabten Cam in gradezu visionärer – aber redundanter – Weise analysieren zu lassen, und andererseits eine ständig über ihre unsteten Gefühle zu Cam reflektierende Ruth zu präsentieren. Nicht selten möchte hier der Leser angesichts der pubertären Umkreisungen, welche die beiden über gut 400 Seiten praktizieren, ruften: Kondome hat sie doch schon mit rotem Kopf heimlich im Supermarkt eingesteckt – nun bringt es endlich hinter euch! Besonders grotesk wirkt die bürgerliche Zurückhaltung, welche Carlson uns hier in amerkanischer Manier präsentiert, weil zum einen der Ex-Kannibale Cam mit seinem vollautomatischen Gewehr sonst alles umnieten will, was Ruth gefährlich werden könnte, und zum anderen, weil diese sich mehr Gedanken über das Innenleben des Objektes ihrer Begierde macht als über die Folgen der hübschen Massenvernichtungswaffe, die sie freundlicherweise für die Rebellen (bzw. die Invasoren) bastelt. Vielleicht soll das aber auch bedeuten, dass die beiden zwischenmenschliche Defizite aufweisen – dafür schlagen sie sich aber sonst ganz gut im verbalen zwischenmenschlichen Überlebenskampf.

Überraschendes Ende

Einverstanden: Am Ende zeigt sich Ruth, die hier plötzlich zu nicht nachvollziehbarer Souveränität aufläuft, wieder als bewundernswerte Retterin der Welt, weil sie deus ex machina eine Lösung entwickelt, die eben nicht das ganze russische Volk tötet, das sich zu einer Kriegsmaschine entwickelt [hatte], die nichts anderes kannte als den Kampf oder die Vorbereitungen zum Kampf, sondern nur ein paar Zehntausend. Warum diese allerdings ausgerechnet das gelobte Land U.S.A. in Besitz nehmen will, erschließt sich mir – trotz der verzweifelten Erklärungsversuche des Autors – nicht. Hier werden eiskalt motivische Traditionslinien  des Kalten Krieges in hahnebüchend wirkenden Konstruktionen fortgeschrieben, die letztendlich in einem platten Ende gipfeln.

Auch dazu kann die Endzeit missbraucht werden.

Fazit

Jeff Carlsons einfallsloser Roman Plasma, der tatsächlich Finalist des Jahres 2008 für den Philip K. Dick Award gewesen ist, bedient (neben einigen bekannten Vorurteilen anderen Völkern gegenüber) eine ganze Reihe von genretypischen Stereotypen. Der Versuch, den Figuren mittels einer infantilen Liebesgeschichte und seichten ethischen Reflektionen Tiefgang zu verleihen, misslingt genauso wie das Bestreben, die Handlung jenseits des bekannten Abenteuerplots mit zusätzlicher Spannung aufzuwerten.

Aber: Irgendwie interessiert es mich schon, ob es Carlson wagt, Infekt, den dritten Teil der Trilogie, in ähnlicher Weise fortzuführen. Es ist zu befürchten, dass ich während eines Anflugs religiöser Opferbereitschaft das Buch doch noch erstehe.

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