Cory Doctorow: Little Brother

Dass auch Werke erfolgreich sein können, die auf Veröffentlichungswege jenseits der bekannten Verlagslandschaften setzen, bewies 2008 Cory Doctorow mit seinem Roman Little Brother.  In kürzester Zeit machte das unter CC-Lizenz veröffentlichte Buch im Netz von sich Reden. Fans des Romans übersetzten dieses nicht nur unentgeltlich in andere Sprachen, darunter auch die Deutsche, sondern produzierten auch Hörbücher, die teilweise – wie das deutsche von Fabian Neidhard – einen Vergleich mit professionellen und kostenpflichtigen Angeboten nicht zu scheuen brauchen. Der Autor selbst wurde dank seiner eher noch ungewöhnlichen Entscheidung, das Werk allen Interessierten kostenlos zugänglich zu machen, weit über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt.

Dass der Autor mit seinem im Titel auf Orwells 1984 anspielenden Roman eine solch große Fangemeinde gewinnen konnte, ist allerdings vor allem darauf zurückzuführen, dass das als All-Ager konzipierte Werk neben seiner überdurchschnittliche Qualität, die auch durch zahlreiche Preise und Nominierungen dokumentiert wird (z.B: Pine Wine Award der Ontario Library AssociationPrometheus Award der Libertarian Futurist SocietyJohn W. Campbell Memorial Award, Finalist für den Hugo Award) in höchst spannender Weise auch die Problemstellungen einer Welt nach den Terroranschlägen vom 11.09.2001 aufgreift und verarbeitet.

Islamistischer Terror in den U.S.A.

Der in San Francisco spielende Roman entwirft die Vision einer nicht weit entfernt in der Zukunft liegenden U.S.A. Der siebzehnjährige Schüler und Protagonist Marcus Yallow, der unter dem (auf Orwells Protagonisten Winston Smith anspielenden) Pseudonym w1n5t0n als findiger Freizeithacker sein Wissen verbreitet, wie man die ausgefeilten Überwachungssysteme der Schule überlistet, entgeht während des Unterrichtschwänzens mit seinen Freunden DarrylVanessa and Jose nur knapp einem schweren Terroranschlag auf die San Francisco Bay Bridge. Darryl wird dabei in der entstehenden Massenpanik schwer verletzt. Die Clique wird von Einheiten des Department of Homeland Security in Arrest genommen und auf einer zum Sperrgebiet erklärten Insel inhaftiert. Trotz seines jugendlichen Alters wird der Ich-Erzähler Marcus strengen Verhören und erniedrigenden Behandlungen unterzogen, die eruieren sollen, ob er an den Anschlägen, die Al-Quaida zugeschrieben werden, beteiligt gewesen ist. Nachdem er seine Weigerung, seine Passwörter zu verraten, aufgegeben hat, wird er nach einigen Tagen Haft mit Van entlassen. Darryl bleibt jedoch verschwunden.

Die Verwandlung Amerikas in einen Überwachungsstaat

Aufgrund der Einschüchterungen seitens des DHS in Person der leitenden Beamtin Frau strenger Haarschnitt verraten Marcus und Van niemandem etwas über ihre unrechtmäßige Festnahme und unmenschliche Behandlung. Entsetzt müssen sie in den nächsten Tagen beobachten, wie sich unter dem Vorwand, die allgemeine Sicherheit zu gewährleisten, auf der Basis des P.A.T.R.I.O.T.-Act 2 ihre Heimatstadt in einen Überwachungsstaat verwandelt: Mittels der auf RFID-Chips basierenden Ausweise für Metro und mautpflichtige Brücken werden Bewegungsprofile erstellt, die mit den Informationen ergänzt werden, welche die Kameras mit Bewegungserkennungen liefern. Verknüpft werden diese Daten zudem mit denen, die sich aus dem bargeldlosen Zahlungsverkehr ergeben. Und nicht nur das Internet wird streng überwacht, sondern auch die Schüler in ihren Klassenräumen, in welchen nun ebenfalls Kameras installiert werden. Die Bürger San Franciscos, die sich immer häufiger Festnahmen und Verhören gegenüber gestellt sehen, wenn sie von der als üblich betrachteten Norm abweichen, werden gläsern.

Aufstand der jugendlichen Dissidenten

Marcus beschließt, den Kampf gegen das DHS aufzunehmen – nicht nur, weil er mit diesem eine persönliche Rechnung zu begleichen hat und seinen Freund Daryl, von dem er annehmen muss, dass er tot ist, rächen will, sondern auch, weil er nicht in einem Land aufwachsen will, das durch eine umfassende Überwachung seine Bürger ihrer Persönlichkeitsrechte beraubt. Er ruft das auf dem überwachungssicheren (und fiktiven) Paranoid Linux sowie der XBox basierende XNet ins Leben, ein Netzwerk von andersdenkenden Jugendlichen. Vornehmlich unter seiner Leitung beginnen die Jugendlichen die Maßnahmen des DHS zu unterlaufen, das in immer stärkerem Maße Andersdenkende zu verfolgen und sogar mit dem Tode zu bedrohen beginnt.

Little Brother als literarische Antwort auf die Anti-Terror-Gesetze

Überdeutlich ist, dass Doctorows Szenario nicht nur die Anschläge auf das World Trade Center im Jahre 2001 verarbeitet, sondern auch mögliche Gefahren des in der amerikanischen Öffentlichkeit kontrovers diskutierten Patriot-Acts vorführt. In nuce wird dabei die Entstehung einer dystopischen Staates vorgeführt, weil die Bürger aufgrund ihres Sicherheitsbedürfnisses bereit sind, eine weitgehende Einschränkung ihrer Rechte zu akzeptieren. Als Gedankenexperiment ist Docorows dunkle Vision vor allen Dingen deshalb so bedrückend gelungen, weil der Text sich nicht nur der bekannten Rhetorik us-amerikanischer, britischer und bundesdeutscher Politiker bedient, sondern auch das Überwachungssystem weitgehend auf schon vorhandene Technologien aufbaut – die eben nicht wie Science Fiction wirken. Es ist die zeitliche Nähe des zukünftigen Überwachungsstaates, die den jugendlichen wie erwachsenen Leser betroffen macht.

Zugegeben: Manchmal wirken die Maßnahmen des Staates in ihrer Übertragung auf amerikanische Bürger – denen hier die bekannten schwarzen Kapuzen ebenso über den Kopf gezogen werden wie ihnen gedroht wird, sie aus amerikanischen Geheimgefängnissen zur Folterung nach Syrien zu verfrachten – auf den erwachsenen Leser überzogen, zumal es sich bei den Gefangenen häufig um Jugendliche handelt.

Spannendes Lehrbuch der Überwachung

Um die Eindringlichkeit seines Romans, der auch in aufklärerischer Weise wirken will, zu verstärken, unternimmt Doctorow zahlreiche – nicht immer kurze, aber durchgängig  interessante – Exkurse in die Geschichte verschiedener Sicherheitstechniken. Sich seines jugendlichen Hackers noch glaubwürdig als Sprachrohr bedienend zeigt er Methoden, Gefahren, Möglichkeiten und Grenzen moderner Verschlüsselungs- und Überwachungstechniken auf. Dementsprechend wimmelt zwar Doctorows Text von aus der Informatik stammenden Fachbegriffen, doch düften die Ausführungen aufgrund anschaulicher Beispiele und häufig betont jugendlicher Sprache auch jüngere Leser nicht überfordern. An letztere richtete sich der Text in pädagogischem Sinne besonders: Denn sie sind es, die wie selbstverständlich mit der Welt des Internets aufwachsen, aber über die Gefahren und Risiken noch kaum etwas wissen. Und man muss zugeben: Da kann auch der erwachsene Internetbenutzer immer noch etwas dazu lernen.

Zwischen Freiheitskampf und Liebelei

Wenn Doctorows Held nicht gerade über moderne Technik oder bürgerliche Rechte doziert, sabotiert er entweder geschickt die Maßnahmen des DHS oder manövriert deren Versuche aus, die Dissidentenbewegung auszuschalten. Dabei kommt es zu zahlreichen spannenden Momenten – eine kleine Liebesgeschichte am Rande eingeschlossen – die den Leser das Buch so schnell nicht mehr aus der Hand legen lassen. Obwohl der rebellierende Marcus nicht gerade ein durchschnittlicher Jugendlicher sein dürfte, wirkt er vor allem aufgrund seiner zahlreichen Schwächen, mit denen ihn der Autor ausgestattet hat, durchaus glaubwürdig und sympathisch. Bei einigen anderen Figuren ist Doctorow die Gestaltung jedoch nicht so gut gelungen: Vor allem Marcus‘ Vater, der sich auf die Seite des DHS stellt, wirkt in seiner Argumentation platt und oberflächlich – aber vielleicht ist das ja auch ein generelles Merkmal der von der Figur vertretenen Position.

Fazit

Doctorows Little Brother ist ein spannender Roman, der auch für den erwachsenen Leser interessant sein dürfte. Beginnt die klassische Dystopie üblicherweise in medias res, so führt Doctorows Text hingegen als Gedankenexpriment die Entstehung eines Unterdrückungsstaates auf der Basis aktueller Ereignisse und weitgehend bekannter Technik vor – und das wirklich gelungen.

K. H. Scheer: Die Großen in der Tiefe

Ein literarisches Überaschungsei veröffentlichte 1961 Karl-Herbert Scheer, der vor allem als Mitbegründer der höchst erfolgreichen, aber umstrittenen Perry-Rhodan- Reihe bekannt ist, die gerade ihren 50sten Geburtstag feiert. Mit Die Großen in der Tiefe bekommt der Leser gleich drei Dinge in einem: Einen Katastrophenroman, der das (nukeare) Ende der Welt beschwört, eine Dystopie, die eine unmenschliche Gesellschaft in den Tiefen eines amerikanischen  Bunkers entwirft und eine postapokalyptischer Abenteuererzählung, welche die Neubesiedlung unseres Planeten beschreibt.

Der trotz eingehender psychologischer Tests nicht ganz zuverlässig arbeitende Colonel Troitman muss 19. Mai 1978* den Oberbefehl über die zentrale Rechenanlage der U.S.A. und somit auch über deren Nuklearwaffen übernehmen, weil der eigentlich Verantwortliche auf einer Bananenschale ausgerutscht ist. Trotz der angespannten internationalen Lage testet das mit der U.D.S.S.R. verbündete China (hier: Großasiatische Union) zudem in dieser Nacht einen neuen Typus von Interkontinentalraketen. Aufgrund einer Fehlfunktion nähern sich diese dem Luftraum der U.S.A. Der Versuch des russischen Oberkommandierenden, den mit ihm befreundeten amerikanischen Verantwortlichen zu erreichen, schlägt fehl, da Troitman dessen Posten übernommen hat. Angesichts des sich ergebenden Gesamtbildes entscheidet Troitman, gegen China zurückzuschlagen. Es kommt zu einem umfassenden nuklearen Schlagabtausch zwischen den Nuklearmächten. Den für den Aufenthalt im Bunker vorgesehenen 5000 Wissenschaftlern aus der nahegelegenen Forschungsstadt Rocket City ist es trotz Massenpanik im Vorfeld überwiegend gelungen, ihren Platz unter der Erde einzunehmen.

Die Handlung des Romanes setzt mit dessen zweiten Teil 174 Jahre  später wieder ein. Innerhalb des Bunkers, der von den Bewohnern nur STADT genannt wird, hat sich eine von Scheer glaubwürdig entworfene, streng hierarchische Gesellschaft ausgebildet, welche die Bevölkerungsentwicklung durch rigorose Partnerwahl überwacht. Hiermit sollen Spätschäden aufgrund von Strahlung ausgeschlossen werden. Kinder werden nach der Geburt von ihren Eltern getrennt. Personen, die Strahlenschäden zeigen, werden selektiert und getötet. An der Spitze der 10000 Menschen umfassendenen Gesellschaft, deren  drei Kasten wie in Huxleys Schöner neuer Welt farblich gekennzeichneten sind, steht eine legendäre Führungelite, welche die unterste Ebene des Bunkers bewohnt und selbst nichts zum Überleben der Bunkergesellschaft beiträgt. Dieser wie der zweiten Kaste, welche die zweite Ebene bewohnt, ist die Fortpflanzung überhaupt vorbehalten. Die dritte Kaste, die wie die zweite Kaste noch in sich untergliedert erscheint, bewohnt die obersten drei Etagen der STADT und macht 85% der Gesamtbevölkerung aus. Ihr obliegen die schmutzigen, gefährlichen und untergeordneten Arbeiten, während sich die zweite Schicht aus dem technischem bzw. wissenschaftlichem Personal rekrutiert.  Genretypisch überwacht eine nahezu allmächtige Geheimpolizei (hier: Gefühlspolizei) die Einhaltung der Gebote und Verbote, die das Überleben der Gemeinschaft sicherstellen sollen. Gesetzesübertreter werden zu einer Art Gladiatorenkampf verurteilt, bei dem ein Überleben nahezu unmöglich ist. Diese Schaukämpfe dienen als Großereignis auch der Unterhaltung und Kontrolle der untersten Kaste, deren intelektuelle Fähigkeiten äußerst dürftig sind.

Die Hauptfigur Norman Caligon, dessen Name ihn als den Nachfahren Doc Caligons ausweist, bekleidet in seiner Eigenschaft als Nukleartechniker den wichtigsten Posten innerhalb des Bunkers – ohne ihn ist die Gemeinschaft früher oder später zum Tode verurteilt, was übrigens auch darauf hinweist, dass es keine organisierten Bildungseinrichtungen, wie wir sie kennen, mehr gibt. Dass er sich Zugang zu verbotenen Bereichen verschafft, um die Aufzeichnungen der Vorfahren abzuspielen, zeichnet ihn schon von Beginn an als einen besonderen Menschen innerhalb der Gemeinschaft aus. Wie bei Huxley ist der Dissident Caligon aber kein Einzelfall: Mit einigen Bekannten, die aus verschiedensten Gründen den Bunker verlassen wollen, plant er einen abenteuerlichen Ausbruch, der tatsächlich später  auch gelingt. Die unterschiedlichen Motive der Beteiligten zeigen panoramisch das am Individuum begangene Unrecht auf: z.B. die staatlichen Restriktionen im Bereich der Partnerwahl sowie die Tötung von Abweichlern und Kranken durch „Gladiatoren“, welche die Funktion von Henkern übernehmen. Wie so häufig in Dystopien erreicht die Charaktergestaltung hier leider nicht die Tiefe, die man aus anderen Formen des Romanes kennt. Allerdings werden die Fluchtpläne der Figuren (und damit auch ihr Herausragen aus der fiktiven Gesellschaft) auf verschiedenen Ebenen glaubhaft motiviert und die Figuren geraten Scheer noch nicht stereotyp.

Nachdem die Fluchtpläne der Gruppe entdeckt worden sind, gelingt es dieser trotz Schusswechseln nicht nur, in die obersten Bereiche der Bunkereinrichtung vorzudringen, sondern auch ein atomar betriebenes Fahrzeug zu kapern, das eigentlich für Beutezüge gedacht ist. Dabei stoßen die Beteiligten auf gefährliche mutierte Ratten, die sie jedoch zurückschlagen können. Ist die Gegend um den Bunker selbst noch eine nuklear verstrahlte Wüste, so entdecken die Flüchtlinge bald erste Pflanzen und nach vielen Tagen zuletzt ein Tal, in dem sie zu siedeln beschließen, obwohl es von primitiven Mutanten bewohnt scheint.

Ursachen des Dritten Weltkrieges

Dass letztendlich die achtlos forgeworfene Schale einer tropischen Frucht den später Bananenkrieg genannten nuklearen Holocaust auslöst, zeigt, wie kritisch Scheer den zeitgenössischen Versicherungen gegenübersteht, es könne nicht durch Zufall zur Katastrophe kommen. Mit dem psychisch angeschlagenen Colonel Troitman wird das vermeintlich sichere System für Fehler anfällig. So lässt Scheer Doc Caligon, einen der verantwortlichen Psychologen, ausführen: Das primäre Übel ist ein einziger Neurotiker vor einem Kommandogerät, egal, in welchem Teil der Welt er nun vor den Knöpfen sitzt. Die psychische Stabilität der Beteiligten ist identisch mit der großen Unbekannten in einer sonst klaren, logistisch [sic!] fundierten Rechnung. Jeder mittelmäßige Mathematiker kann ihnen beweisen, dass nicht einmal ein cholerischer Narr an die willkürliche Entfesselung eines Atomkrieges denken würde. Dazu lautet die Faustformel: ‘Rüstung mal Angriff, geteilt durch Erfolg, ergibt totale Vernichtung für alle Beteiligten’. Einen Atomkrieg kann also eigentlich niemand wollen – wohl aber gezwungener Maßen führen.  Dass Troitman sich hierzu entscheidet, ist ihm aber nur bedingt als Schuld anzurechnen. Denn letztendlich folgt Scheers Protagonist mit seiner Entscheidung aber nur den Vorgaben der Computer, deren Analyse der Situation einen nuklearen Gegenschlag nahelegen. Der Dritte Weltkrieg kommt somit – wie so häufig in der Literatur – als Katastrophe daher, die sich aus einer Verkettung äußerst unglücklicher Zufälle – einer fortgeworfenen Bananenschale, einem Verantwortlichen mit Eheproblemen, ehrgeizigen chinesischen Wissenschaftlern und technischen Problemen ergibt. Die eigentliche Gefahr, so kann man resümieren, ist nicht der Gegner, sondern das System der nuklearen Abschreckung selbst, welches auch durch die auf persönlicher Freunschaft und gegenseitigen Vertrauen basierenden privaten Zusatzabsicherung der eigentlich verantwortlichen Offiziere nicht sicherer wird. Ein Restrisko bleibt.

Die dystopische Gesellschaft in der Tiefe: Gefühl versus Verstand

Bemerkenswert ist, dass die zum Zwecke des Überlebens eigentlich temporär gedachte Gemeinschaft des Bunkers nicht nur dauerhaft geworden ist, sondern auch über ein Verlassen des Bunkers nicht mehr nachdenkt, d.h. diese ist, genauso wie ihre Struktur, Selbstzweck zugunsten einer sagenhaften Elite geworden, die dementsprechend auch von Scheer im Titel aufgenommen wird. Die Großen in der Tiefe sind Nutznießer eines versteinerten Systems, das sich auf Kosten des Individuums in den Tiefen der Erde eingerichtet hat – was nicht im Sinne der durch Tonband- und Videoaufnahmen beschworenen Vorfahren war, welche eine Neubesiedlung des Planeten anstrebten. Die Beschränkung auf den Bunker selbst wird hier als degenerativer Verfall einer Gesellschaft betrachtet, der letztendlich zu deren Untergang führen muss.

Hans Krah weist in seiner Untersuchung des Romanes drauf hin, dass Scheers Zukunftsvision vor allem unter dem Aspekt der Selektion zu verstehen ist. Während im ersten Teil die (natur-)wissenschaftliche Elite ausgewählt wird, um das Überleben der Menschheit zu sichern, erscheinen im zweiten Teil nur diejenigen überlebensfähig, die über Individualität sowie Abenteurer- und Pioniergeist verfügen. Krah betont, dass der Plan der Gruppe einen nichtoktroyierten, autonomen Akt darstelle und dass dieser den Plan der Vorfahren nicht nur fortsetze, sondern als eigentlich natürlichen Verlauf präsentiere. Konstitutiv für die Selektion der Beteiligten werde dementsprechend hier das positiv konnotierte Merkmal ‘Gefühl’ selbst – was einen Gegensatz zur ersten, höchst rationalen Auswahl darstellt. Scheer verleiht diesem Aspekt übrigens auch dadurch Ausdruck, dass die Geheimpolizei hier im Roman als Gefühlspolizei präsentiert wird. Das Zusammentreffen der Figuren mit einem (anscheindend mutierten) Überlebenden der Katastrophe und ihr Bekanntwerden mit dem Christentum erweitert den Begriff des Gefühls zudem noch um seine religiöse Komponente. Die Parallelisierung von göttlichem Besiedlungsplan und dem der sagenhaften Vorfahren unterstreicht den Charakter der Flucht als Mission, welche es unter allen Umständen zu erfüllen gilt. Aus diesem Grunde verbleibt die Gruppe auch nicht in den obersten Einrichtungen des Bunkers, wo sie durchaus hätte überleben können. Die Angst vor dem Unbekannten, das Bedürfnis nach Sicherheit, welches sich der Logik zur eigenen Legitimation bedient, wird hier als als das zu Überwindende selbst dargestellt.

Wenn man Krahs Gedanken weiterführt, so erkennt man, dass der hier vorliegende Antagonismus von Gefühl und Ratio eine Wiederaufnahme darstellt: Schon der Weltuntergangsteil des Romanes spielt in der Selektion des Verantwortlichen durch psychologische Tests mit dem Thema – aus diesem Grunde erscheint es auch nur logisch, dass sich die Gefühlspolizei aus den überlebenden Psychologen entwickelt hat. Mehr noch: Schon im ersten Teil scheitern die alleine aufgrund der Ratio getroffenen Sicherheitsmaßnahmen am Gefühl, welches sie zu eliminieren versuchten: an den Emotionen der ehrgeizigen chinesischen Wissenschftler genauso wie an den Eifersuchtsgefühlen Troitmanns, die ihn unzuverlässig erscheinen lassen. Sicherheitsvorkehrungen versagen. Insofern verkehrt die Selektion des zweiten Teiles die negativen Vorzeichen des ersten: Gefühl selbst wird zur grundlegenden und notwendigen Eigenschaft des Menschen selbst. Die Ratio unterliegt – nicht nur in der konkreten Gegenüberstellung, sondern auch im langfristigen Prozess, der sich hier übrigens auch evolutionär verstehen lässt.

Fazit

K.-H. Scheer hat mit seinem Roman Die Großen in der Tiefe einen hochinteressanten Roman verfasst, der den Liebhabern dunkler Zukunftsentwürfe einiges bietet. Schon die Vielschichtigkeit des Werkes, welches mit Blick auf die Leserschaft nicht typischer Elementen des Science Fiction wie mutierten Nagetieren entbehren will, zeigt, dass hier nicht triviale Unterhaltungsliteratur vorliegt. Dieses erweist übrigens auch schon der subjektive Vergleich mit Douglas R. Masons 5 Jahre später erschienenem, an den Stereotypen des Genres lieblos entlanggeschriebenem Machwerk Stadt unter Glas, in dem sich eine mit dem zweiten Teil von Die Großen in der Tiefe nahezu identische Fabel finden lässt.

* In späteren Ausgaben wurde dieses Datum durch den 20. Mai 1999 ersetzt.

**Siehe hierzu: Hans Krah, Weltuntergangsszenarien und Zukunftsentwürfe. Narrationen vom >Ende< in Literatur und  Film 1945-1990, Kiel, 2004, S. 132-172.

Ray Bradbury: Fahrenheit 451

Eine der bekanntesten Dystopien des 20. Jahrhunderts veröffentlichte 1953 der amerikanische Science-Fiction-Autor Ray Bradbury. Hervorgegangen aus mehreren Kurzgeschichten und geschrieben innerhalb von anderthalb Wochen auf einer Mietschreibmachine im Keller der University of California in höchst kunstvoller Sprache, beschreibt der Roman den Weg des amerikanischen Feuerwehrmanns Guy Montag in den Widerstand.

In Bradburys Zukunftsvision löschen Feuerwehrmänner allerdings keine Brände mehr, sondern legen Feuer an die letzten existierenden Bücher, deren Besitz für illegal erklärt worden ist. Das von Montag mitvollstreckte Autodafé an einer Privatbibliothek und ihrer älteren Besitzerin weckt in ihm erste Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns. Diese werden noch verstärkt, als er der sechzehnjährigen Clarisse einen Menschen kennen lernt, die sich gänzlich von den anderen Menschen in seiner Umgebung unterscheidet, allerdings kurz darauf ums Leben kommt. Während seine eigene Frau Mildred ihren Tag mit dem Konsum von stupiden Serien auf wandgroßen Fernsehbildschirmen verbringt und hin und wieder zu viele Schlaftabletten konsumiert, zeichnet sich Clarisse durch Neugier und selbstständiges Denken aus. Eigenschaften, die den meisten Mitmenschen Guy Montags, die sich noch nicht einmal über den bevorstehenden Krieg Gedanken machen, völlig abgehen. Die Tatsache, dass Guy hin und wieder Bücher in seiner Wohnung versteckt, bleibt nicht unbemerkt. Die Versuche seines eloquenten und offensichtlich sehr belesenen Vorgesetzten Beatty, ihn auf die ideologische Linie des Staates zurückzuführen, bleiben erfolglos, nicht zuletzt auch, weil er in dem ehemaligen Professor Faber einen Beistand besitzt, der ihn mit Ratschlägen und Erkenntnissen versorgt. Aufgrund einer ganzen Reihe von Vorkommnissen, bei denen sich der Protagonist in gefährlicher Weise exponiert, und des Verrates seiner Frau, gerät Guy Montag selbst ins Fadenkreuz seiner Kollegen. Als er feststellt, dass einer der nächtlichen Einsätze seinem eigenen Hause gilt, ist es beinahe schon zu spät. Er kann zwar nach der Verbrennung seiner Bücher mittels eines Flammenwerfers gerade noch gewaltsam fliehen – dabei bringt er jedoch seinen Vorgesetzten um. Die anschließende Verfolgungsjagd führt ihn nicht nur zu Faber zurück, der ihm hilft, sondern auch aus der Stadt hinaus zu einer Gruppe von Landstreichern, die sich als ehemalige Akademiker zu erkennen geben. Sie eröffnen Montag, dass jeder von ihnen in seinem Gedächtnis den ganzen Text eines Buches behalten hat, so dass nach dem Zusammenbruch der Gesellschaft ein Neuanfang möglich ist. Nach dem der Krieg mit einem vernichtenden Bombenangriff begonnen hat, macht sich die Gruppe zurück auf den Weg in die Stadt.

Totalitarismus der Dummen

Wie der Staat des Romanes begrifflich zu fassen ist, scheiden sich die Geister. Während für Elena Zeißler der Roman zu jenen Dystopien gehört, deren Gesellschaften nicht explizit totalitär [1] sind, beschreibt Laut Andreas Heyer Fahrenheit 451 eine Zukunftsgesellschaft, ein totalitär ausgerichtetes Amerika [2]. Aber woher kommt das?

Wie aus dem Gespräch des Protagonisten mit seinem belesenen Vorgesetzten Beatty deutlich wird, verfolgt Bradburys Staat genretypisch das Ziel allgemeinen Glücks, auf dessen Altar die Freiheit des Individuums geopfert wird. Allerdings erscheint der utopische Heilsplan auf ein groteskes und destruktives Minimum reduziert, das dem Programm der Aufklärung zuwider läuft: 

Wir müssen alle gleich sein. Nicht frei und gleich geboren, wie es in der Verfassung heiß, sondern gleich gemacht [Hervorhebung im Original]. Jeder ein Abklatsch des andern, dann sind alle glücklich, dann gibt es nichts Überragendes mehr, vor dem man den Kopf einziehen müssten, nichts, an dem man sich messen müsste […] Man reiße den Geist ab. Wer weiß, wen sich der Belesene als Zielscheibe aussuchen könnte! Mich vielleicht? Ich danke. [3]

Der Hinweis auf die Verfassung macht deutlich, dass man es hier nicht mit einem totalitären Staat im Sinne Orwells zu tun hat  – denn auch demokratische Wahlen finden offensichtlich – wenn sie auch nicht mehr als Äußerungsform politischer Meinung verstanden werden können – noch statt: Bei der letzten Wahl habe ich wie jedermann gewählt, und zwar Präsident Noble. Ich finde, er ist einer der bestaussehendsten Präsidenten, die wir je hatten. [4]

Die homogene Oberflächlichkeit der Gesellschaft, die deutlich narzisstische Züge aufweist, macht eine offene Ein-Parteien-Diktatur wie in 1984 überflüssigLeerstelle bleibt aufgrund der Perspektive des Romanes aber, inwieweit die Wahlen tatsächlich zentral gesteuert werden.Über den schon von Beginn an unterlegenen Gegenkandidaten Nobles heißt es da beispielsweise: Der konnte gegen einen großgewachsenen Mann gar nicht ankommen. Die Hälfte von dem, was er sagte, konnte ich nicht hören, und was ich hören konnte [Hervorhebung im Orignal], war unverständliches Zeug. [5] Deutlich wird dabei an den intellektuellen Fähigkeiten der vorgeführten Bürger aber, dass das reduzierte Bildungsprogramm in Schulen und Universitäten in Kombination mit der stupiden Dauerbeschallung durch moderne Massenmedien erfolgreich gewesen ist. Es ist zu vermuten, dass unterschiedliche politische Positionen (von den wenigen Intellektuellen einmal abgesehen) gar nicht mehr existieren, zumal der Zustand des Staates primär kein von oben oktroyierter ist, sondern vor allem Ausdruck allgemeinen Willens, der seine Ursache  in gesellschaftlichen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts hat. Das heißt, das amerikanische Volk ist immer noch der eigentliche Souverän des Staates, allerdings ein sehr, sehr dummer, der seine wenigen potentiellen Gegner, die ihn im Genusse seines kollektiven Glückes  stören könnten, unnachgiebig verfolgt. Die Regierung, die nun die Massen lenkt, ist sein Produkt. Konkretisiert wird dieses gelungen im Bilde der Verfolgungsjagd, an der die Massen – medial vermittelt und zuletzt getäuscht – direkt beteiligt sind.

Masse versus Klasse

Der Terror gegen das Individuum im Namen einer materialistischen und antiintellektuellen Philosophie erfolgt dabei eben nicht im Namen einen politischen Elite, sondern ist, wie Faber betont, Ergebnis der Tyrannei der Mehrheit, die hier bei Bradbury mit den Merkmalen ‘Oberflächlichkeit’, ‘Dummheit’ und ‘Narzissmus’ aufwartet. Lesen lässt sich der Roman deshalb in zweifacher Hinsicht als Warnung: Zum einen werden die bedrohlichen Folgen eines Bildungssystem entworfen, das nicht selbstständiges d.h. kritisches Denken, sondern das mechanische Auswendiglernen von Tatsachenaussagen zwecks späterer ökonomischer Verwertung in den Vordergrund stellt, und zum anderen der von Bradbury wahrgenommene schädliche Einfluss der modernen Medien, in denen eine grelle Massenkultur selbstreferentiell ihren ununterbrochenen Niveau-Limbo zu vollführen scheint.

Der Text Bradburys operiert nicht nur mit der Kategorie der Quantität, die hier immer als Dominanz, erscheint, sondern auch mit jener der Qualität: Wenn das Theaterstück schlecht ist, der Film schwach, dann dreh die Lautstärke höher [6]. Der Gebildete wird dabei in qualitativer Hinsicht als Bedrohung der narzisstischen Gesellschaft empfunden, die mittels ihrer Quantität dominiert. Deshalb erscheint es, folgt man dem Gedankenganges des Romanes, auch nur logisch, wenn die am unteren Rande der Bildungsspektrums orientierende Konsumgesellschaft ihren Terror nicht nur gegen den herausragenden Einzelnen, sondern in eliminatorischer Absicht auch gegen das Medium der Bildungseliten selbst wendet: Das Buch. Fahrenheit 451 somit auch konservativer Ausdruck eines mit Ängsten behafteten bildungsbürgerlicher Ressentiments gegenüber anderen Formen moderner Kultur des 21. Jahrhunderts sowie ihren neuartigen medialen Vermittlungswegen und ökonomischen Mechanismen, die aufgrund ihrer schnell gewonnen Hegemonie die “Belesenen” nicht nur in ihrer Lektüre stören, sondern ihnen auch deutlich machen, dass sie in der Minderzahl sind – und, so möchte man hinzufügen – schon immer waren. In nuce führt der Roman dieses unter satirischer Zuspitzung auch selbst vor: So gelingt es Guy Montag während einer Fahrt in der U-Bahn aufgrund einer (von anderen Fahrgästen mitgesungenen) Zahnpastawerbung nicht, sich auf seine illegale Lektüre des Alten Testamentes  zu konzentieren. Der Versuch des noch Lernenden, den biblischen Text gegen den lauten Konkurrenten bzw. seine zahlreicheren ‘Fans’ anzulesen, muss dementsprechend auch in einem Fiasko enden.

Phönix aus der Asche

Als Ausweg bleibt dem Unterlegenen nur die von Faber praktizierte Form Innerer Emigration, die ihre Existenz nicht zuletzt eines Paar Ohrstöpsel verdankt, oder die Flucht aus der Gesellschaft in eine wandernde Kolonie von Gleichgesinnten, deren Existenz wohl einzig und allein ihrer vom Staat vermuteten Bedeutungslosigkeit zuzuschreiben ist. Auch wenn diese Gemeinschaft in gewisser Hinsicht an die Inseln für Intelektuelle aus Huxleys Roman Schöne Neue Welt erinnert, zeigen sich doch deutliche Unterschiede. Während bei Huxley die Kommune Teil des utopischen Gesamtplanes ist, eröffnet sich bei Bradbury – nicht zuletzt aufgrund des selbstzerstörerischen Potentiales einer als degenerierten verstandenen Gesellschaft die Möglichkeit eines Neuanfanges. Hierzu wird mehrere Male das Bild des Phönix herangezogen. Die Asche, die nach dem wohl nuklear geführten Angriff auf die Stadt noch zu sehen ist, ist jene Asche, aus welcher der Phönix sich wieder und immer wieder erheben kann. Obwohl Bradbury damit die Möglichkeit eines positiven Ausganges für die Ziele der Dissidenten zu betonen scheint, kann dabei doch auch nicht übersehen werden, dass im Hintergrund des vermeintlich  günstigen Ausganges eine der Historie eingeschriebene Kreisstruktur präsentiert wird, auf deren Basis eine Wiederholung der gesellschaftlichen Entwicklungen gesetzmäßig – und damit auch unausweichlich  – erscheint.

[1] Elena Zeißler, Dunkle Welten. Die Dystopie auf dem Weg ins 21. Jahrhundert, Marburg, 2008, S. 25.
[2] Andreas Heyer, Sozialutopien der Neuzeit. Bibliografisches Handbuch Berlin, 2009, S. 344.
[4] Ray Bradbury, Fahrenheit 451, Zürich, 2008, S.131.
[5] Ray Bradbury, Fahrenheit 451, S. 131.
[3] Ray Bradbury, Fahrenheit 451, S. 84.
[6] Ray Bradbury, Fahrenheit 451, S. 87.

Ray Bradbury: Die letzte Nacht der Welt

Als ich gestern mal wieder durch die Werke Ray Bradburys geblättert habe, bin ich auf die kurze Erzählung Die letzte Nacht der Welt aus Der Illustrierte Mann gestoßen, die mir völlig entfallen war.

Der seltsam anmutende Text aus dem Jahre 1951 gibt das Gespräch eines Ehepaares am Abend des 19. Oktober 1969 wieder. Aus ihren Äußerungen geht nach und nach hervor, dass sie selbst und die Menschen in ihrer Umgebung der gleiche visionäre Traum verfolgt – dass in dieser Nacht die Welt untergeht.

Angesichts des Unausweichlichen verfällt die Menschheit – wie auch das Ehepaar – aber nicht in Panik, sondern geht den Verrichtungen des Alltags nach wie jeden anderen Abend auch. Die fatalistische Gelassenheit angesichts des bevorstehenden Endes gipfelt zum Schluss im Gang der Frau zur Küche, weil sie vergessen hat, den Wasserhahn abzudrehen.

In der Literaratur lassen sich zwei Arten von apokalyptischen Szenarien unterscheiden: Diejenigen, die für sich selber stehen, und diejenigen, die auf andere – manchmal auch wenig konkret – verweisen. Offensichtlich hat man es hier bei Bradburys Text, der die grassierenden Weltuntergangsängste der 50er Jahre verarbeitet, mit einem der letzteren Sorte zu tun. Obwohl die Aussage, dass in dieser Nacht strategische Bomberflotten von Ost nach West und von West nach Ost fliegen, ohne je wieder zu landen, auf die Bedrohung der Menschheit durch einen Nuklearkrieg verweist, steht ihr die von beiden akzeptierte Tatsache entgegen, dass der Untergang genau 24 Stunden dauern wird – da die Welt nur in der Nacht untergeht.

Über der abendlichen Szene liegt jene melancholische Stimmung des Unausweichlichen, die sich auch in Neville Shutes Das letzte Ufer (1959) bemerkbar macht.  Hier wie dort resultiert sie nicht zuletzt auch aus dem Zusammentreffens des Alltäglichen mit dem Unfassbaren. Der visionäre Riss, der durch bei Bradbury durch die Welt der Figuren geht, führt zu ähnlichen Reaktionen wie die wissenschaftlichen Voraussagen bei den Australiern ShutesMan schreit nicht, wenn man dem Unausweichlichen gegenüber steht. In höchst poetischer Sprache spiegelt Bradbury die diffusen ohnmächtigen Ängste seiner Zeitgenossen.

Bemerkenswert ist Die letzte Nacht der Welt aber auch, weil sich die Erzählung in der Präsentation des Endes, das hier wieder eine schwache überirdische Aura aufweist, deutlich von den übrigen Werken der 50er Jahre abhebt, erscheint bei diesen doch noch der unausweichlich gelungene Neuanfang der konkret präsentierten Katastrophe eingeschrieben zu sein. Es ist diese Dimension des Textes, die ihn neben seiner Konzentration auf das Menschliche besonders bedrückend und lesenswert macht.

Jeff Carlson: Plasma

Der Roman Plasma ist der 2008 erschienene zweite Teil der Plague-Trilogie von Jeff Carlson. Nicht nur die Handlung von Plasma knüpft nahtlos an den Vorgänger Nano an – wie dieser ist er eine Mischung aus (post-)apokalyptischem Abenteuerroman und politischem Thriller:

In der ersten Hälfte des Romanes kämpfen sich die beiden Hauptfiguren zusammen mit dem Soldaten Newcombe durch die bekannten verseuchten Niederungen der U.S.A. (oder dem, was davon übrig ist). Gelingen kann ihnen dieses nur, weil sie durch den im ersten Teil erbeuteten Impf-Nano weitgehend immun gegen die Maschinenpest geworden sind. Ziel von Cam und Ruth ist es, den neuen Nano möglichst weit zu verbreiten, während Newcombe Ruth und ihre Ergebnisse so schnell wie möglich bei den Rebellen abliefern will. Cam und Ruth misstrauen diesen Plänen jedoch, denn sie befürchten, dass auch Rebellen die Rettung der Menschheit für sich behalten wollen. Doch das Unterfangen ist gefährlich: Ihnen sind zu Beginn vor allem die Bösewichte aus Leadville auf den Fersen. Das ändert sich aber bald, denn die amerikanische Regierung wird durch einen vernichtendenden Atomschlag ausgeschaltet. Allerdings müssen sie nun vor den russischen und chinesischen Soldaten fliehen, die zu zehntausenden eine Invasion der U.S.A. beginnen. Nachdem das Trio doch in der Stadt der Rebellen eingetroffen ist, macht sich Ruth nicht nur an die Untersuchung und Verbesserung des Impf-Nanos, sondern bereitet auch die „Schneeflocke“, eine schreckliche Massenvernichtungswaffe, zum Einsatz vor. Dabei entdeckt sie aber einen neuen rätselhaften Nanitentyp, dessen Ursprung sie auf einer weiteren gefährlichen Expedition finden muss – denn er könnte Teil eines umfassenden Vernichtungsplanes sein.

Endzeit und Langeweile?

Wie schon angedeutet, behält Carlson die bewährten Muster des ersten Romanes bei. Die beiden integeren Protagonisten stellen sich nicht nur der Herausforderung, die kümmerlichen Reste der Menscheit zu retten, sondern müssen auch die politischen Bösewichte, die immer  nur an das Wohl ihrer eigenen Kommune denken, in Schach halten. Waren dieses im ersten Roman die Machtpolitiker in Leadville, so sind es nun die egoistischen Rebellen in Grand Lake. Immer noch erschweren riesige Insektenschwärme, die seltsamerweise keine Nahrung zu benötigen scheinen,  die Reisen durch die verseuchten Gebiete. In zunehmenden Maße verliert nicht nur der Leser an Interesse, sondern die Nanos auch an Gefährlichkeit, selbst wenn der Autor anderes suggerieren will: Hat der Impf-Nano zu wenig Herausforderung durch seinen natürlichen Gegner, so kann er genauso versagen wie im dem Falle einer Überforderung. Deshalb könnte jetzt auch ein Aufenthalt in großer Höhe problematisch sein – das ist schlimm, besonders, weil es auch nicht in Ordnung ist, sich ständig in den Ebenen aufzuhalten. Sein höchst durchsichtiges Ziel, Spannung jenseits der eigentlichen Abenteuerhandlung, die sich liest wie die vieler anderer Romane, auf Teufel komm raus zu generieren, erreicht Carlson damit nicht. Dieses gilt auch für die Momente, in denen die Gruppe auf potentiell gefährliche Mitmenschen stößt – selbst wenn es sich hierbei um jugendliche Pfadfinder handelt.

Teenager-Liebe

Während Carlsons Plasma sonst also nichts Neues zu bieten hat, ist der Autor einerseits leider auf die ermüdende Idee gekommen, jede Gemeinschaft, die dem Leser in dem Roman begegnet, durch den offensichtlich psychoanalytisch hochbegabten Cam in gradezu visionärer – aber redundanter – Weise analysieren zu lassen, und andererseits eine ständig über ihre unsteten Gefühle zu Cam reflektierende Ruth zu präsentieren. Nicht selten möchte hier der Leser angesichts der pubertären Umkreisungen, welche die beiden über gut 400 Seiten praktizieren, ruften: Kondome hat sie doch schon mit rotem Kopf heimlich im Supermarkt eingesteckt – nun bringt es endlich hinter euch! Besonders grotesk wirkt die bürgerliche Zurückhaltung, welche Carlson uns hier in amerkanischer Manier präsentiert, weil zum einen der Ex-Kannibale Cam mit seinem vollautomatischen Gewehr sonst alles umnieten will, was Ruth gefährlich werden könnte, und zum anderen, weil diese sich mehr Gedanken über das Innenleben des Objektes ihrer Begierde macht als über die Folgen der hübschen Massenvernichtungswaffe, die sie freundlicherweise für die Rebellen (bzw. die Invasoren) bastelt. Vielleicht soll das aber auch bedeuten, dass die beiden zwischenmenschliche Defizite aufweisen – dafür schlagen sie sich aber sonst ganz gut im verbalen zwischenmenschlichen Überlebenskampf.

Überraschendes Ende

Einverstanden: Am Ende zeigt sich Ruth, die hier plötzlich zu nicht nachvollziehbarer Souveränität aufläuft, wieder als bewundernswerte Retterin der Welt, weil sie deus ex machina eine Lösung entwickelt, die eben nicht das ganze russische Volk tötet, das sich zu einer Kriegsmaschine entwickelt [hatte], die nichts anderes kannte als den Kampf oder die Vorbereitungen zum Kampf, sondern nur ein paar Zehntausend. Warum diese allerdings ausgerechnet das gelobte Land U.S.A. in Besitz nehmen will, erschließt sich mir – trotz der verzweifelten Erklärungsversuche des Autors – nicht. Hier werden eiskalt motivische Traditionslinien  des Kalten Krieges in hahnebüchend wirkenden Konstruktionen fortgeschrieben, die letztendlich in einem platten Ende gipfeln.

Auch dazu kann die Endzeit missbraucht werden.

Fazit

Jeff Carlsons einfallsloser Roman Plasma, der tatsächlich Finalist des Jahres 2008 für den Philip K. Dick Award gewesen ist, bedient (neben einigen bekannten Vorurteilen anderen Völkern gegenüber) eine ganze Reihe von genretypischen Stereotypen. Der Versuch, den Figuren mittels einer infantilen Liebesgeschichte und seichten ethischen Reflektionen Tiefgang zu verleihen, misslingt genauso wie das Bestreben, die Handlung jenseits des bekannten Abenteuerplots mit zusätzlicher Spannung aufzuwerten.

Aber: Irgendwie interessiert es mich schon, ob es Carlson wagt, Infekt, den dritten Teil der Trilogie, in ähnlicher Weise fortzuführen. Es ist zu befürchten, dass ich während eines Anflugs religiöser Opferbereitschaft das Buch doch noch erstehe.