Cory Doctorow: Little Brother

Eine Rezension von Rob Randall

Dass auch Werke erfolgreich sein können, die auf Veröffentlichungswege jenseits der bekannten Verlagslandschaften setzen, bewies 2008 Cory Doctorow mit seinem Roman Little Brother.  In kürzester Zeit machte das unter CC-Lizenz veröffentlichte Buch im Netz von sich Reden. Fans des Romans übersetzten dieses nicht nur unentgeltlich in andere Sprachen, darunter auch die Deutsche, sondern produzierten auch Hörbücher, die teilweise – wie das deutsche von Fabian Neidhard – einen Vergleich mit professionellen und kostenpflichtigen Angeboten nicht zu scheuen brauchen. Der Autor selbst wurde dank seiner eher noch ungewöhnlichen Entscheidung, das Werk allen Interessierten kostenlos zugänglich zu machen, weit über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt.

Dass der Autor mit seinem im Titel auf Orwells 1984 anspielenden Roman eine solch große Fangemeinde gewinnen konnte, ist allerdings vor allem darauf zurückzuführen, dass das als All-Ager konzipierte Werk neben seiner überdurchschnittliche Qualität, die auch durch zahlreiche Preise und Nominierungen dokumentiert wird (z.B: Pine Wine Award der Ontario Library AssociationPrometheus Award der Libertarian Futurist SocietyJohn W. Campbell Memorial Award, Finalist für den Hugo Award) in höchst spannender Weise auch die Problemstellungen einer Welt nach den Terroranschlägen vom 11.09.2001 aufgreift und verarbeitet.

Islamistischer Terror in den U.S.A.

Der in San Francisco spielende Roman entwirft die Vision einer nicht weit entfernt in der Zukunft liegenden U.S.A. Der siebzehnjährige Schüler und Protagonist Marcus Yallow, der unter dem (auf Orwells Protagonisten Winston Smith anspielenden) Pseudonym w1n5t0n als findiger Freizeithacker sein Wissen verbreitet, wie man die ausgefeilten Überwachungssysteme der Schule überlistet, entgeht während des Unterrichtschwänzens mit seinen Freunden DarrylVanessa and Jose nur knapp einem schweren Terroranschlag auf die San Francisco Bay Bridge. Darryl wird dabei in der entstehenden Massenpanik schwer verletzt. Die Clique wird von Einheiten des Department of Homeland Security in Arrest genommen und auf einer zum Sperrgebiet erklärten Insel inhaftiert. Trotz seines jugendlichen Alters wird der Ich-Erzähler Marcus strengen Verhören und erniedrigenden Behandlungen unterzogen, die eruieren sollen, ob er an den Anschlägen, die Al-Quaida zugeschrieben werden, beteiligt gewesen ist. Nachdem er seine Weigerung, seine Passwörter zu verraten, aufgegeben hat, wird er nach einigen Tagen Haft mit Van entlassen. Darryl bleibt jedoch verschwunden.

Die Verwandlung Amerikas in einen Überwachungsstaat

Aufgrund der Einschüchterungen seitens des DHS in Person der leitenden Beamtin Frau strenger Haarschnitt verraten Marcus und Van niemandem etwas über ihre unrechtmäßige Festnahme und unmenschliche Behandlung. Entsetzt müssen sie in den nächsten Tagen beobachten, wie sich unter dem Vorwand, die allgemeine Sicherheit zu gewährleisten, auf der Basis des P.A.T.R.I.O.T.-Act 2 ihre Heimatstadt in einen Überwachungsstaat verwandelt: Mittels der auf RFID-Chips basierenden Ausweise für Metro und mautpflichtige Brücken werden Bewegungsprofile erstellt, die mit den Informationen ergänzt werden, welche die Kameras mit Bewegungserkennungen liefern. Verknüpft werden diese Daten zudem mit denen, die sich aus dem bargeldlosen Zahlungsverkehr ergeben. Und nicht nur das Internet wird streng überwacht, sondern auch die Schüler in ihren Klassenräumen, in welchen nun ebenfalls Kameras installiert werden. Die Bürger San Franciscos, die sich immer häufiger Festnahmen und Verhören gegenüber gestellt sehen, wenn sie von der als üblich betrachteten Norm abweichen, werden gläsern.

Aufstand der jugendlichen Dissidenten

Marcus beschließt, den Kampf gegen das DHS aufzunehmen – nicht nur, weil er mit diesem eine persönliche Rechnung zu begleichen hat und seinen Freund Daryl, von dem er annehmen muss, dass er tot ist, rächen will, sondern auch, weil er nicht in einem Land aufwachsen will, das durch eine umfassende Überwachung seine Bürger ihrer Persönlichkeitsrechte beraubt. Er ruft das auf dem überwachungssicheren (und fiktiven) Paranoid Linux sowie der XBox basierende XNet ins Leben, ein Netzwerk von andersdenkenden Jugendlichen. Vornehmlich unter seiner Leitung beginnen die Jugendlichen die Maßnahmen des DHS zu unterlaufen, das in immer stärkerem Maße Andersdenkende zu verfolgen und sogar mit dem Tode zu bedrohen beginnt.

Little Brother als literarische Antwort auf die Anti-Terror-Gesetze

Überdeutlich ist, dass Doctorows Szenario nicht nur die Anschläge auf das World Trade Center im Jahre 2001 verarbeitet, sondern auch mögliche Gefahren des in der amerikanischen Öffentlichkeit kontrovers diskutierten Patriot-Acts vorführt. In nuce wird dabei die Entstehung einer dystopischen Staates vorgeführt, weil die Bürger aufgrund ihres Sicherheitsbedürfnisses bereit sind, eine weitgehende Einschränkung ihrer Rechte zu akzeptieren. Als Gedankenexperiment ist Docorows dunkle Vision vor allen Dingen deshalb so bedrückend gelungen, weil der Text sich nicht nur der bekannten Rhetorik us-amerikanischer, britischer und bundesdeutscher Politiker bedient, sondern auch das Überwachungssystem weitgehend auf schon vorhandene Technologien aufbaut – die eben nicht wie Science Fiction wirken. Es ist die zeitliche Nähe des zukünftigen Überwachungsstaates, die den jugendlichen wie erwachsenen Leser betroffen macht.

Zugegeben: Manchmal wirken die Maßnahmen des Staates in ihrer Übertragung auf amerikanische Bürger – denen hier die bekannten schwarzen Kapuzen ebenso über den Kopf gezogen werden wie ihnen gedroht wird, sie aus amerikanischen Geheimgefängnissen zur Folterung nach Syrien zu verfrachten – auf den erwachsenen Leser überzogen, zumal es sich bei den Gefangenen häufig um Jugendliche handelt.

Spannendes Lehrbuch der Überwachung

Um die Eindringlichkeit seines Romans, der auch in aufklärerischer Weise wirken will, zu verstärken, unternimmt Doctorow zahlreiche – nicht immer kurze, aber durchgängig  interessante – Exkurse in die Geschichte verschiedener Sicherheitstechniken. Sich seines jugendlichen Hackers noch glaubwürdig als Sprachrohr bedienend zeigt er Methoden, Gefahren, Möglichkeiten und Grenzen moderner Verschlüsselungs- und Überwachungstechniken auf. Dementsprechend wimmelt zwar Doctorows Text von aus der Informatik stammenden Fachbegriffen, doch düften die Ausführungen aufgrund anschaulicher Beispiele und häufig betont jugendlicher Sprache auch jüngere Leser nicht überfordern. An letztere richtete sich der Text in pädagogischem Sinne besonders: Denn sie sind es, die wie selbstverständlich mit der Welt des Internets aufwachsen, aber über die Gefahren und Risiken noch kaum etwas wissen. Und man muss zugeben: Da kann auch der erwachsene Internetbenutzer immer noch etwas dazu lernen.

Zwischen Freiheitskampf und Liebelei

Wenn Doctorows Held nicht gerade über moderne Technik oder bürgerliche Rechte doziert, sabotiert er entweder geschickt die Maßnahmen des DHS oder manövriert deren Versuche aus, die Dissidentenbewegung auszuschalten. Dabei kommt es zu zahlreichen spannenden Momenten – eine kleine Liebesgeschichte am Rande eingeschlossen – die den Leser das Buch so schnell nicht mehr aus der Hand legen lassen. Obwohl der rebellierende Marcus nicht gerade ein durchschnittlicher Jugendlicher sein dürfte, wirkt er vor allem aufgrund seiner zahlreichen Schwächen, mit denen ihn der Autor ausgestattet hat, durchaus glaubwürdig und sympathisch. Bei einigen anderen Figuren ist Doctorow die Gestaltung jedoch nicht so gut gelungen: Vor allem Marcus‘ Vater, der sich auf die Seite des DHS stellt, wirkt in seiner Argumentation platt und oberflächlich – aber vielleicht ist das ja auch ein generelles Merkmal der von der Figur vertretenen Position.

Fazit

Doctorows Little Brother ist ein spannender Roman, der auch für den erwachsenen Leser interessant sein dürfte. Beginnt die klassische Dystopie üblicherweise in medias res, so führt Doctorows Text hingegen als Gedankenexpriment die Entstehung eines Unterdrückungsstaates auf der Basis aktueller Ereignisse und weitgehend bekannter Technik vor – und das wirklich gelungen.

K. H. Scheer: Die Großen in der Tiefe

Eine Rezension von Rob Randall

Ein literarisches Überaschungsei veröffentlichte 1961 Karl-Herbert Scheer, der vor allem als Mitbegründer der höchst erfolgreichen, aber umstrittenen Perry-Rhodan- Reihe bekannt ist, die gerade ihren 50sten Geburtstag feiert. Mit Die Großen in der Tiefe bekommt der Leser gleich drei Dinge in einem: Einen Katastrophenroman, der das (nukeare) Ende der Welt beschwört, eine Dystopie, die eine unmenschliche Gesellschaft in den Tiefen eines amerikanischen  Bunkers entwirft und eine postapokalyptischer Abenteuererzählung, welche die Neubesiedlung unseres Planeten beschreibt.

Der trotz eingehender psychologischer Tests nicht ganz zuverlässig arbeitende Colonel Troitman muss 19. Mai 1978* den Oberbefehl über die zentrale Rechenanlage der U.S.A. und somit auch über deren Nuklearwaffen übernehmen, weil der eigentlich Verantwortliche auf einer Bananenschale ausgerutscht ist. Trotz der angespannten internationalen Lage testet das mit der U.D.S.S.R. verbündete China (hier: Großasiatische Union) zudem in dieser Nacht einen neuen Typus von Interkontinentalraketen. Aufgrund einer Fehlfunktion nähern sich diese dem Luftraum der U.S.A. Der Versuch des russischen Oberkommandierenden, den mit ihm befreundeten amerikanischen Verantwortlichen zu erreichen, schlägt fehl, da Troitman dessen Posten übernommen hat. Angesichts des sich ergebenden Gesamtbildes entscheidet Troitman, gegen China zurückzuschlagen. Es kommt zu einem umfassenden nuklearen Schlagabtausch zwischen den Nuklearmächten. Den für den Aufenthalt im Bunker vorgesehenen 5000 Wissenschaftlern aus der nahegelegenen Forschungsstadt Rocket City ist es trotz Massenpanik im Vorfeld überwiegend gelungen, ihren Platz unter der Erde einzunehmen.

Die Handlung des Romanes setzt mit dessen zweiten Teil 174 Jahre  später wieder ein. Innerhalb des Bunkers, der von den Bewohnern nur STADT genannt wird, hat sich eine von Scheer glaubwürdig entworfene, streng hierarchische Gesellschaft ausgebildet, welche die Bevölkerungsentwicklung durch rigorose Partnerwahl überwacht. Hiermit sollen Spätschäden aufgrund von Strahlung ausgeschlossen werden. Kinder werden nach der Geburt von ihren Eltern getrennt. Personen, die Strahlenschäden zeigen, werden selektiert und getötet. An der Spitze der 10000 Menschen umfassendenen Gesellschaft, deren  drei Kasten wie in Huxleys Schöner neuer Welt farblich gekennzeichneten sind, steht eine legendäre Führungelite, welche die unterste Ebene des Bunkers bewohnt und selbst nichts zum Überleben der Bunkergesellschaft beiträgt. Dieser wie der zweiten Kaste, welche die zweite Ebene bewohnt, ist die Fortpflanzung überhaupt vorbehalten. Die dritte Kaste, die wie die zweite Kaste noch in sich untergliedert erscheint, bewohnt die obersten drei Etagen der STADT und macht 85% der Gesamtbevölkerung aus. Ihr obliegen die schmutzigen, gefährlichen und untergeordneten Arbeiten, während sich die zweite Schicht aus dem technischem bzw. wissenschaftlichem Personal rekrutiert.  Genretypisch überwacht eine nahezu allmächtige Geheimpolizei (hier: Gefühlspolizei) die Einhaltung der Gebote und Verbote, die das Überleben der Gemeinschaft sicherstellen sollen. Gesetzesübertreter werden zu einer Art Gladiatorenkampf verurteilt, bei dem ein Überleben nahezu unmöglich ist. Diese Schaukämpfe dienen als Großereignis auch der Unterhaltung und Kontrolle der untersten Kaste, deren intelektuelle Fähigkeiten äußerst dürftig sind.

Die Hauptfigur Norman Caligon, dessen Name ihn als den Nachfahren Doc Caligons ausweist, bekleidet in seiner Eigenschaft als Nukleartechniker den wichtigsten Posten innerhalb des Bunkers – ohne ihn ist die Gemeinschaft früher oder später zum Tode verurteilt, was übrigens auch darauf hinweist, dass es keine organisierten Bildungseinrichtungen, wie wir sie kennen, mehr gibt. Dass er sich Zugang zu verbotenen Bereichen verschafft, um die Aufzeichnungen der Vorfahren abzuspielen, zeichnet ihn schon von Beginn an als einen besonderen Menschen innerhalb der Gemeinschaft aus. Wie bei Huxley ist der Dissident Caligon aber kein Einzelfall: Mit einigen Bekannten, die aus verschiedensten Gründen den Bunker verlassen wollen, plant er einen abenteuerlichen Ausbruch, der tatsächlich später  auch gelingt. Die unterschiedlichen Motive der Beteiligten zeigen panoramisch das am Individuum begangene Unrecht auf: z.B. die staatlichen Restriktionen im Bereich der Partnerwahl sowie die Tötung von Abweichlern und Kranken durch „Gladiatoren“, welche die Funktion von Henkern übernehmen. Wie so häufig in Dystopien erreicht die Charaktergestaltung hier leider nicht die Tiefe, die man aus anderen Formen des Romanes kennt. Allerdings werden die Fluchtpläne der Figuren (und damit auch ihr Herausragen aus der fiktiven Gesellschaft) auf verschiedenen Ebenen glaubhaft motiviert und die Figuren geraten Scheer noch nicht stereotyp.

Nachdem die Fluchtpläne der Gruppe entdeckt worden sind, gelingt es dieser trotz Schusswechseln nicht nur, in die obersten Bereiche der Bunkereinrichtung vorzudringen, sondern auch ein atomar betriebenes Fahrzeug zu kapern, das eigentlich für Beutezüge gedacht ist. Dabei stoßen die Beteiligten auf gefährliche mutierte Ratten, die sie jedoch zurückschlagen können. Ist die Gegend um den Bunker selbst noch eine nuklear verstrahlte Wüste, so entdecken die Flüchtlinge bald erste Pflanzen und nach vielen Tagen zuletzt ein Tal, in dem sie zu siedeln beschließen, obwohl es von primitiven Mutanten bewohnt scheint.

Ursachen des Dritten Weltkrieges

Dass letztendlich die achtlos forgeworfene Schale einer tropischen Frucht den später Bananenkrieg genannten nuklearen Holocaust auslöst, zeigt, wie kritisch Scheer den zeitgenössischen Versicherungen gegenübersteht, es könne nicht durch Zufall zur Katastrophe kommen. Mit dem psychisch angeschlagenen Colonel Troitman wird das vermeintlich sichere System für Fehler anfällig. So lässt Scheer Doc Caligon, einen der verantwortlichen Psychologen, ausführen: Das primäre Übel ist ein einziger Neurotiker vor einem Kommandogerät, egal, in welchem Teil der Welt er nun vor den Knöpfen sitzt. Die psychische Stabilität der Beteiligten ist identisch mit der großen Unbekannten in einer sonst klaren, logistisch [sic!] fundierten Rechnung. Jeder mittelmäßige Mathematiker kann ihnen beweisen, dass nicht einmal ein cholerischer Narr an die willkürliche Entfesselung eines Atomkrieges denken würde. Dazu lautet die Faustformel: ‘Rüstung mal Angriff, geteilt durch Erfolg, ergibt totale Vernichtung für alle Beteiligten’. Einen Atomkrieg kann also eigentlich niemand wollen – wohl aber gezwungener Maßen führen.  Dass Troitman sich hierzu entscheidet, ist ihm aber nur bedingt als Schuld anzurechnen. Denn letztendlich folgt Scheers Protagonist mit seiner Entscheidung aber nur den Vorgaben der Computer, deren Analyse der Situation einen nuklearen Gegenschlag nahelegen. Der Dritte Weltkrieg kommt somit – wie so häufig in der Literatur – als Katastrophe daher, die sich aus einer Verkettung äußerst unglücklicher Zufälle – einer fortgeworfenen Bananenschale, einem Verantwortlichen mit Eheproblemen, ehrgeizigen chinesischen Wissenschaftlern und technischen Problemen ergibt. Die eigentliche Gefahr, so kann man resümieren, ist nicht der Gegner, sondern das System der nuklearen Abschreckung selbst, welches auch durch die auf persönlicher Freunschaft und gegenseitigen Vertrauen basierenden privaten Zusatzabsicherung der eigentlich verantwortlichen Offiziere nicht sicherer wird. Ein Restrisko bleibt.

Die dystopische Gesellschaft in der Tiefe: Gefühl versus Verstand

Bemerkenswert ist, dass die zum Zwecke des Überlebens eigentlich temporär gedachte Gemeinschaft des Bunkers nicht nur dauerhaft geworden ist, sondern auch über ein Verlassen des Bunkers nicht mehr nachdenkt, d.h. diese ist, genauso wie ihre Struktur, Selbstzweck zugunsten einer sagenhaften Elite geworden, die dementsprechend auch von Scheer im Titel aufgenommen wird. Die Großen in der Tiefe sind Nutznießer eines versteinerten Systems, das sich auf Kosten des Individuums in den Tiefen der Erde eingerichtet hat – was nicht im Sinne der durch Tonband- und Videoaufnahmen beschworenen Vorfahren war, welche eine Neubesiedlung des Planeten anstrebten. Die Beschränkung auf den Bunker selbst wird hier als degenerativer Verfall einer Gesellschaft betrachtet, der letztendlich zu deren Untergang führen muss.

Hans Krah weist in seiner Untersuchung des Romanes drauf hin, dass Scheers Zukunftsvision vor allem unter dem Aspekt der Selektion zu verstehen ist. Während im ersten Teil die (natur-)wissenschaftliche Elite ausgewählt wird, um das Überleben der Menschheit zu sichern, erscheinen im zweiten Teil nur diejenigen überlebensfähig, die über Individualität sowie Abenteurer- und Pioniergeist verfügen. Krah betont, dass der Plan der Gruppe einen nichtoktroyierten, autonomen Akt darstelle und dass dieser den Plan der Vorfahren nicht nur fortsetze, sondern als eigentlich natürlichen Verlauf präsentiere. Konstitutiv für die Selektion der Beteiligten werde dementsprechend hier das positiv konnotierte Merkmal ‘Gefühl’ selbst – was einen Gegensatz zur ersten, höchst rationalen Auswahl darstellt. Scheer verleiht diesem Aspekt übrigens auch dadurch Ausdruck, dass die Geheimpolizei hier im Roman als Gefühlspolizei präsentiert wird. Das Zusammentreffen der Figuren mit einem (anscheindend mutierten) Überlebenden der Katastrophe und ihr Bekanntwerden mit dem Christentum erweitert den Begriff des Gefühls zudem noch um seine religiöse Komponente. Die Parallelisierung von göttlichem Besiedlungsplan und dem der sagenhaften Vorfahren unterstreicht den Charakter der Flucht als Mission, welche es unter allen Umständen zu erfüllen gilt. Aus diesem Grunde verbleibt die Gruppe auch nicht in den obersten Einrichtungen des Bunkers, wo sie durchaus hätte überleben können. Die Angst vor dem Unbekannten, das Bedürfnis nach Sicherheit, welches sich der Logik zur eigenen Legitimation bedient, wird hier als als das zu Überwindende selbst dargestellt.

Wenn man Krahs Gedanken weiterführt, so erkennt man, dass der hier vorliegende Antagonismus von Gefühl und Ratio eine Wiederaufnahme darstellt: Schon der Weltuntergangsteil des Romanes spielt in der Selektion des Verantwortlichen durch psychologische Tests mit dem Thema – aus diesem Grunde erscheint es auch nur logisch, dass sich die Gefühlspolizei aus den überlebenden Psychologen entwickelt hat. Mehr noch: Schon im ersten Teil scheitern die alleine aufgrund der Ratio getroffenen Sicherheitsmaßnahmen am Gefühl, welches sie zu eliminieren versuchten: an den Emotionen der ehrgeizigen chinesischen Wissenschftler genauso wie an den Eifersuchtsgefühlen Troitmanns, die ihn unzuverlässig erscheinen lassen. Sicherheitsvorkehrungen versagen. Insofern verkehrt die Selektion des zweiten Teiles die negativen Vorzeichen des ersten: Gefühl selbst wird zur grundlegenden und notwendigen Eigenschaft des Menschen selbst. Die Ratio unterliegt – nicht nur in der konkreten Gegenüberstellung, sondern auch im langfristigen Prozess, der sich hier übrigens auch evolutionär verstehen lässt.

Fazit

K.-H. Scheer hat mit seinem Roman Die Großen in der Tiefe einen hochinteressanten Roman verfasst, der den Liebhabern dunkler Zukunftsentwürfe einiges bietet. Schon die Vielschichtigkeit des Werkes, welches mit Blick auf die Leserschaft nicht typischer Elementen des Science Fiction wie mutierten Nagetieren entbehren will, zeigt, dass hier nicht triviale Unterhaltungsliteratur vorliegt. Dieses erweist übrigens auch schon der subjektive Vergleich mit Douglas R. Masons 5 Jahre später erschienenem, an den Stereotypen des Genres lieblos entlanggeschriebenem Machwerk Stadt unter Glas, in dem sich eine mit dem zweiten Teil von Die Großen in der Tiefe nahezu identische Fabel finden lässt.

* In späteren Ausgaben wurde dieses Datum durch den 20. Mai 1999 ersetzt.

**Siehe hierzu: Hans Krah, Weltuntergangsszenarien und Zukunftsentwürfe. Narrationen vom >Ende< in Literatur und  Film 1945-1990, Kiel, 2004, S. 132-172.

Interview mit Thomas Elbel

Interview mit Thomas Elbel, dem Autor des Romans Asylon

Dystopische Literatur: Thomas, im August ist dein erster Roman Asylon im Piper Verlag erschienen, der in verschiedener Weise sowohl mit dem dystopischen als auch mit dem postapokalyptischen Genre spielt. Wie kommt man eigentlich als studierter Rechtswissenschaftler (mit Anstellung) dazu, einen solchen Roman zu verfassen?

Thomas Elbel: Wahrscheinlich, weil die Juristerei mich eben nicht völlig ausfüllt. Da gibt es in mir noch eine Seite, die ab und zu gerne kreativen Amok laufen und dann auch noch dafür beklatscht werden will. Die kommt im Alltagsleben eines Rechtswissenschaftlers leider nicht so zu ihrem Recht. Vor ungefähr zehn Jahren hat diese Seite für ein paar Stunden mein Resthirn gekidnappt und ein paar Seiten auf Notizpapier gekritzeltes, schlecht dramatisiertes Geschreibsel hinterlassen. Nachdem meine analytische Seite das Bewusstsein wieder erlangt hatte, haben beide Persönlichkeiten einen Deal geschlossen, demzufolge auch mein innerer Wortberserker ab und zu ein bisschen Raum bekommt, wenn er umgekehrt verspricht, sich dafür etwas zu professionalisieren. Bis jetzt hat das ganz gut hingehauen.

Dystopische Literatur: Im Nachwort zu deinem Roman weist du auf verschiedene Filme wie „Die Klapperschlange“, „Dark City“ oder „The Thirteenth Floor“ hin, die dich bzw. dein Schreiben beeinflusst haben. Besonders die letzten beiden Filme, die ich übrigens großartig finde, stellen die Frage, inwiefern unsere Wahrnehmung der Realität entspricht. Kann man deinen Roman auch so verstehen, dass unsere Sicht der Dinge – von wem auch immer – manipuliert werden könnte? Siehst du da Gefahren? Ist hier der eigentlich dystopische Kern deines Romans zu finden?

Thomas Elbel: Wow, bin ich so leicht zu durchschauen? Ja, in der Tat. Die Frage nach der Manipulation der Realität und ihren Folgen ist eng verbunden mit der Frage nach der eigenen Identität, die mich schon immer fasziniert hat. In „Dark City“ und „The Thirteenth Floor“ (der auf dem Buch „Simulacron-3“ von Daniel Galouye beruht, das wiederum schon 1973 in einer ersten Version von Fassbinder als „Welt am Draht“ verfilmt wurde) müssen sich die Protagonisten fragen: “Wer bin ich wirklich?” Für mich eine der spannendsten Fragen überhaupt: Können wir uns unserer selbst gewiss sein?

Dystopische Literatur: Gibt es eine bestimmte Schreckensvision, die dich des Nachts nicht schlafen lässt?

Thomas Elbel: Die geht tatsächlich auch – wie im Buch – in Richtung Klimawandel. Ich glaube zwar nicht an ein urplötzliches Weltuntergangsszenario, aber Sorgen machen mir die Folgen die der Klimawandel in den ohnehin schwächsten Regionen der Erde haben könnte und wie sich ein dadurch entstehender eventueller Wanderungsdruck auf die umliegenden Regionen auswirken könnte. Ein anderer Grund zur Sorge ist für mich unser exzessiver Gebrauch von Antibiotika, die bereits zu resistenten Keimen geführt hat, ohne dass dies bis jetzt zu einem wesentlichen Umdenken geführt hat. Unbehagen bereitet mir auch die Erosion der bürgerlichen Zuversicht in die Leistungsfähigkeit, Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit der politischen Funktionsträger demokratisch geprägter Systeme.

Dystopische Literatur: In Ernst Jüngers Erzählung Gläserne Bienen wird eine der Nanotechnologie vergleichbare Technik erstmals verwendet, um Menschen zu schaden. In Jeff Carlsons Thriller Nano läutet sie beinahe die Apokalypse ein. In deinem Roman wird sie hingegen verwendet, um die Erinnerungen der Menschen zu manipulieren. Findest du nicht, dass ihr Literaten eine wissenschaftliche Errungenschaft mit wirklich tollem Potential verteufelt?

Thomas Elbel: Die Frage führt mich zur Natur der Dystopie an sich, die nämlich in ihrem Kern häufig eine Utopie enthält. Die Dystopie entsteht dann durch einen Exzess dieser Utopie. [Spoilerwarning] In Nano versuchen Wissenschaftler einen neuartigen Wirkstoff zu entwickeln, der Krebs heilen soll. Soweit die schöne Utopie. Aber durch einen Mix aus Fahrlässigkeit und Sabotage wird der Wirkstoff zu früh freigesetzt und entwickelt sich zu einer tödlichen Pest. Die Dystopie entsteht hier aus der Hybris der Utopisten. Nano will also nicht die Technologie an sich anprangern, sondern die menschliche Naivität und Sorglosigkeit im Umgang mit ihr. Die gläsernen Bienen bringen in vielfältiger Hinsicht das Unbehagen gegenüber der technologischen Durchdringung menschlicher Lebenswelten zum Ausdruck, bis hin zur Austauschbarkeit mechanischen und organischen Lebens; ein Gedanke, den Philip K. Dick dann in, Träumen Androiden von elektrischen Schafen, der literarischen Grundlage des „Blade Runner“, weiter fort geführt hat. Es ist aber nicht meine, und war meines Erachtens nie die Absicht irgendeines anderen dystopischen Autors, die Errungenschaften der Technik per se schlecht zu reden, sondern vielmehr auf ihre verborgenen Implikationen und Risiken aufmerksam zu machen.

Vor allem Nanotechnologie ist in dramaturgischer Hinsicht aber auch deswegen so ein beliebtes literarisches Thema, weil der Laie momentan den Eindruck bekommen könnte, es gäbe kaum ein Feld der Technik, auf der sie nicht von Bedeutung sein könnte. Also quasi eine Technologie der unbegrenzten Möglichkeiten. Das kommt den fantastischen Konstrukten von uns Schriftstellern natürlich sehr entgegen.

Dystopische Literatur: Gibt es neben den von dir genannten Filmen auch literarische Dystopien, die dich geprägt haben?

Thomas Elbel: Ja, selbstverständlich. Zuerst natürlich die Klassiker: Herr der Fliegen, 1984, Fahrenheit 451, Brave New World, die wir damals im Philosophieunterricht in der Schule gelesen haben. Dann Gibsons Neuromancer und vor allem Philip K. Dick. Heutzutage die unvermeidlichen Tribute von Panem, die „Gone-Reihe“ von Michael Grant oder z.B. auch „Die Arena“ von Stephen King.

Dystopische Literatur: Dystopien sind ja in Deutschland nach der Veröffentlichung von Suzan Collins „Die Tribute von Panem“ ganz groß im Kommen. Wie erklärst du dir den „Run“ von Lesern und Verlagen auf dunkle Zukunftsentwürfe? Glaubst du, dass wir es hier nur mit einer belletristischen Modeerscheinung zu tun haben, die nach wenigen Monaten wieder abebben wird, oder steckt zeitgeisty mehr dahinter?

Thomas Elbel: Ich glaube, die Popularität des dystopischen Genres reflektiert das Auseinanderklaffen des Sicherheitsbedürfnisses der Bürger westlicher Zivilisationen und das subjektive Sicherheitsgefühl dieser Menschen. Obwohl wir z.B. in Deutschland zeitlich und situativ weit entfernt sind von den chaotischen Verhältnissen der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts legt uns die mediale Berichterstattung über Phänomene wie Klima, Terrorismus oder Kriminalität eine permanente, latente Bedrohungssituation nahe. Während die Welt zumindest für unsereins – bei nüchterner Betrachtung – die sicherste ist, die bis jetzt existierte, scheint unsere Wahrnehmung uns das genaue Gegenteil zu beweisen. Eine Art, mit einer Angst umzugehen, sei sie nun eingebildet oder real, ist, sich spielerisch mit ihr zu beschäftigen. Aus diesem Grund war in den achtziger Jahren der nukleare Holocaust ein beliebtes Sujet literarischer oder filmischer Dramaturgie. Kurz gesagt, wir lesen momentan so gerne Dystopien, weil wir unterschwellig hoffen, die „echten“ Weltuntergangsgefahren bannen zu können.

Dystopische Literatur: Du schreibst in deinem Nachwort, dass dir die „Anlage“ der Dark City, einem ehemaligen, weil nun abgerissenen Stadtteil von Hongkong, die der von Asylon ähnelt, nicht bekannt gewesen sei. Haben dich reale oder literarische Örtlichkeiten bei der Gestaltung der Stadt bzw. ihrer Atmosphäre inspiriert?

Kowloon Walled City besaß vor seinem Abriss eine Einwohnerdichte von 1900000 Menschen pro Quadratkilometer ( Urheber des Bildes : Ian Lambot – http://cityofdarkness.co.uk/order-print/01-aerial-view/ Also found in the book City of Darkness – Life in Kowloon Walled City by Ian Lambot CC-BY-SA-4.0)

Thomas Elbel: Ich hab mir die Stadt ja als Wucherung vorgestellt, also eine Art urbanes Geschwür. Frühformen eines solchen architektonischen Krebses gibt es in allen Großstädten der Welt zu bewundern. Eine Freundin von mir bewohnte ein kleines Apartment in Manhattan. Alle Fenster ihrer Wohnung waren kaum eine Handbreit von der Hauswand des benachbarten Gebäudes entfernt. Tageslicht fast Fehlanzeige. Längs der S-Bahngleise in Berlin gibt es häufig diese ausgedehnten Kleingewerbesiedlungen. Kfz-Werkstätten, Allnighterclubs, Baumaschinenverleihe, Trödler dicht gedrängt auf winzigen Parzellen wie eine Art kommerzielle Laubenpieper. In Tokio kann man Zimmer mieten, die gerade groß genug sind, um sich hineinzulegen. Ich finde es spannend, wenn die Stadtplanung entgleist. Dann scheint sich eine Metropole in ein lebendes Wesen zu verwandeln, dass sich nicht mehr völlig zähmen lässt. Ich glaube, es waren solche Eindrücke, die mich zu Asylon geführt haben. Die Stadt als Wesen ist genauso eines meiner Lieblingsmotive wie die Identitätssuche.

Dystopische Literatur: Du hast viel Mühe auf die Gestaltung der Stadt verwendet. In der klassischen utopischen Literatur spiegelt die urbane Architektur die Struktur der in ihr beheimateten Gesellschaft wieder bzw. bildet symbolisch den utopischen Großplan ab. Gilt Ähnliches auch für Asylon?

Thomas Elbel: Das erscheint mir zutreffend. Die Stadt ist so verwahrlost und von allen guten Geistern verlassen, wie ihre Bewohner und diese Verwahrlosung spiegelt in der Tat genau das wieder, was die Schöpfer von Asylon ihren Bewohnern zugedacht haben. Sorry, wenn das jetzt etwas kryptisch klingt, aber ich gebe mir Mühe, nicht zu spoilern. Wer das Buch gelesen hat, versteht wahrscheinlich, was ich meine.

Dystopische Literatur: Dein durchaus sympathischer Held Torn hat ja gleich am Anfang einen ganzen Sack voll von Problemen. Hätte nicht ein deftiges gereicht? Wieso setzt du den armen Mann solchen Strapazen aus?

Thomas Elbel: Wer sich wie ich mit Schreibmethodik auseinandersetzt, sieht sich schnell mit dem Dogma des Konflikts konfrontiert. Spannung entsteht bekanntlich nur aus solchem. Daher kann es eigentlich nicht genug davon geben. Es spricht also ein formales Argument dafür, den eigenen Protagonisten nach Kräften zu quälen. Schließlich musste ich Torn auch motivieren, eine Grenze zu überschreiten, hinter der sich aus seiner Sicht ein quälender Tod verbarg. Da war schon ordentlich Schmerz erforderlich.

Dystopische Literatur: Tatsächlich erscheint die Quest des Helden glaubwürdig motiviert. Dein Protagonist ist in seiner Funktion aber als Masterleveller in gewisser Weise ein Privilegierter innerhalb der Stadt Asylon. Gibt es einen Grund dafür, warum er nicht, sagen wir, der Besitzer des Nachtclubs „Crazy Rouge“ ist?

Thomas Elbel: Ich denke, da habe ich mir quasi ein archetypisches Motiv des dystopischen Genres zu Eigen gemacht. In vielen Dystopien steht der Held zunächst auf Seiten des Systems, dem er sich im weiteren Verlauf des Romans entgegenstellen wird. Vergleiche Matrix, Equilibrium oder Logan’s Run. Eine attraktive Ausgangsposition, denn sie erfordert zunächst eine Art Erweckungserlebnis, das dem Leser die Verführungskräfte des dystopischen Systems wie auch zugleich sein zweites, hässliches Gesicht durch die Augen des Helden sehen lässt.

Dystopische Literatur: Auch dein Protagonist hat ein hässliches Gesicht: Wenn man es genau besieht, ist Thorn ein Killer – auch wenn er „nur“ skrupellose Verbrecher im Namen eines perfiden Systems ausschaltet. Wie er mittels raffinierter Zukunftstechnik mordet, zeigst du uns allerdings nicht. Hinzu kommt, dass er zwar in Konflikt mit den Mächtigen gerät, aber eigentlich doch kein ideologischer Überzeugungstäter ist. Als Angepassten und Nutznießer motiviert ihn nur das eigene Schicksal bzw. das seiner Familie. Warum präsentierst du uns nicht wie Bradbury in Fahrenheit 451 einen Helden, der uns bürgerlichen Demokraten vorführt, was richtig ist? Hast du befürchtet, dass der heutige Leser einen hohen Moralinspiegel nicht goutieren könnte? Betrifft uns heute vielleicht nur noch die konkrete Bedrohung, nicht aber die generelle Überzeugung?

Thomas Elbel: Ich glaube, ich habe weniger Angst vor einer allergischen Reaktion des Lesers gegen zu moralinsaure Helden, sondern eher vor meiner eigenen. Fast sechzig Jahre nach Fahrenheit 451 kommt es mir selbst geradezu hochmütig vor, moralische Gewissheiten zu präsentieren. Mein persönliches Credo lautet: Weisheit liegt nur in der demütigen Akzeptanz des Ungewissen. Außerdem würde ich mir von meinen Leser wünschen (wenn man sich denn etwas von seinen Lesern wünschen darf), dass sie ihre moralischen Schlussfolgerungen aus Asylon selbständig und ohne Vorgabe durch mich ziehen. Der Optimist in mir glaubt, dass wir dabei alle zu ähnlichen Ergebnissen kommen werden.

Dystopische Literatur: Besonders überzeugt hat mich persönlich das Ende des Romanes, das nicht nur einen gewissen Grad an Offenheit besitzt, sondern auch kein Happy End im herkömmlichen Sinne ist. Ist dir dieses zugefallen oder musstest du es mühsam austüfteln?

Thomas Elbel: Auch wenn Musenküsse eher ein Mythos sind. Dies hier war einer. Es gab eine Vorversion des Endes von Asylon, ganz anders als das jetzige (ich hatte das mal für eine Leserunde dokumentiert). Dieses Ende hat mich in eine regelrechte Schreibblockade geführt. Ich merkte, dass ich ganz anders herangehen muss. Der Epilog, auf den Du wohl anspielst, ist mir dann tatsächlich geistesblitzartig eingefallen.

Dystopische Literatur: Jeder Autor geht anders mit den Bewertungen seiner Werke um. Juli Zeh beispielsweise liest ihren eigenen Aussagen zufolge keine Rezensionen zu ihren Texten. Du offensichtlich schon. Wie ist das, wenn man seinen ersten Roman veröffentlicht? Hast du dir darüber Gedanken gemacht, ob du sie lesen sollst?

Thomas Elbel: Für mich war von vornherein klar, dass ich sie lesen würde. Erstens bin ich viel zu applausgeil, zweitens vermessen genug, anzunehmen, dass es den einen oder anderen Applaus geben würde und drittens enthalten Rezensionen im allgemeinen wertvolles Feedback, aus dem man – Juli Zeh mag es nicht für möglich halten – auch etwas lernen kann.

Dystopische Literatur: Nach dem Schreiben ist vor dem Schreiben – oder anders: Arbeitest du schon an einem neuen Projekt? Du hast so etwas angedeutet – und wenn ja, wird es wieder ein Science Fiction werden?

Da Piper Fantasy mich nach einer neuen Idee gefragt hat, steht schon mal fest, dass ich in den Fantasybereich ziele. Auch sollte kein Debütautor vernachlässigen, dass die Leser (sicherlich nicht völlig zu Unrecht) davon ausgehen, dass seine Kompetenz sich vorerst auf das Genre beschränkt, mit dem er beim Erstversuch erfolgreich war. Das und die Tatsache, dass Dystopien mir einfach Spaß machen, spricht dafür, dass auch mein nächstes Projekt wieder eine sein wird und ich bin bereits dabei, eine Grundidee für meinen Verleger zu Papier zu bringen.

Dystopische Literatur: Sehr erfreulich zu hören! Dann kenne ich auch schon jemanden, der den Roman bestimmt rezensieren wird. Vielen Dank, dass du dir Zeit für das Interview genommen hast.

Thomas Elbel: Ich habe zu danken.

Ray Bradbury: Fahrenheit 451

Eine Rezension von Rob Randall

Eine der bekanntesten Dystopien des 20. Jahrhunderts veröffentlichte 1953 der amerikanische Science-Fiction-Autor Ray Bradbury. Hervorgegangen aus mehreren Kurzgeschichten und geschrieben innerhalb von anderthalb Wochen auf einer Mietschreibmachine im Keller der University of California in höchst kunstvoller Sprache, beschreibt der Roman den Weg des amerikanischen Feuerwehrmanns Guy Montag in den Widerstand.

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Ray Bradbury: Die letzte Nacht der Welt

Eine Rezension von Rob Randall

Als ich gestern mal wieder durch die Werke Ray Bradburys geblättert habe, bin ich auf die kurze Erzählung Die letzte Nacht der Welt aus Der Illustrierte Mann gestoßen, die mir völlig entfallen war.

Der seltsam anmutende Text aus dem Jahre 1951 gibt das Gespräch eines Ehepaares am Abend des 19. Oktober 1969 wieder. Aus ihren Äußerungen geht nach und nach hervor, dass sie selbst und die Menschen in ihrer Umgebung der gleiche visionäre Traum verfolgt – dass in dieser Nacht die Welt untergeht.

Angesichts des Unausweichlichen verfällt die Menschheit – wie auch das Ehepaar – aber nicht in Panik, sondern geht den Verrichtungen des Alltags nach wie jeden anderen Abend auch. Die fatalistische Gelassenheit angesichts des bevorstehenden Endes gipfelt zum Schluss im Gang der Frau zur Küche, weil sie vergessen hat, den Wasserhahn abzudrehen.

In der Literaratur lassen sich zwei Arten von apokalyptischen Szenarien unterscheiden: Diejenigen, die für sich selber stehen, und diejenigen, die auf andere – manchmal auch wenig konkret – verweisen. Offensichtlich hat man es hier bei Bradburys Text, der die grassierenden Weltuntergangsängste der 50er Jahre verarbeitet, mit einem der letzteren Sorte zu tun. Obwohl die Aussage, dass in dieser Nacht strategische Bomberflotten von Ost nach West und von West nach Ost fliegen, ohne je wieder zu landen, auf die Bedrohung der Menschheit durch einen Nuklearkrieg verweist, steht ihr die von beiden akzeptierte Tatsache entgegen, dass der Untergang genau 24 Stunden dauern wird – da die Welt nur in der Nacht untergeht.

Über der abendlichen Szene liegt jene melancholische Stimmung des Unausweichlichen, die sich auch in Neville Shutes Das letzte Ufer (1959) bemerkbar macht.  Hier wie dort resultiert sie nicht zuletzt auch aus dem Zusammentreffens des Alltäglichen mit dem Unfassbaren. Der visionäre Riss, der durch bei Bradbury durch die Welt der Figuren geht, führt zu ähnlichen Reaktionen wie die wissenschaftlichen Voraussagen bei den Australiern ShutesMan schreit nicht, wenn man dem Unausweichlichen gegenüber steht. In höchst poetischer Sprache spiegelt Bradbury die diffusen ohnmächtigen Ängste seiner Zeitgenossen.

Bemerkenswert ist Die letzte Nacht der Welt aber auch, weil sich die Erzählung in der Präsentation des Endes, das hier wieder eine schwache überirdische Aura aufweist, deutlich von den übrigen Werken der 50er Jahre abhebt, erscheint bei diesen doch noch der unausweichlich gelungene Neuanfang der konkret präsentierten Katastrophe eingeschrieben zu sein. Es ist diese Dimension des Textes, die ihn neben seiner Konzentration auf das Menschliche besonders bedrückend und lesenswert macht.