Thomas M. Disch: Angoulême (334)

In seinem 1972 erschienenen Roman 334 beschreibt der amerikanische Autor Thomas M. Disch  anhand des Alltagslebens einer Handvoll von Figuren das Leben in einem dystopischen New York der Jahres 2021 bis 2025. Auch wenn die zahlreichen Protagonisten des Werkes durch familäre Beziehungen miteinander verbunden sind, bildet die ärmliche Wohneinheit 334, in der 11. Straße den eigentlichen strukturellen Mittelpunkt des Werkes, dem zu entkommen entweder den Figuren gelingt oder zu dem sie letztendlich wieder zurückkehren. Gleichzeitig verweist er – Binnenerzählungen machen dieses deutlich – auf das Jahr 334 n. Christus und somit auf den „Verfall“ des Römischen Imperiums. Insofern kann auch die Entscheidung des Heyne Verlages, den Roman unter dem deutschen Titel Angoulême erscheinen zu lassen, womit auf die ursprüngliche Bezeichnung der Bucht von New York durch Verazzano verwiesen wird, nicht überzeugen – selbst wenn die urspüngliche Erzählung, die dem Roman zugrunde liegt und die 1974 mit dem Nebula Award ausgezeichnet wurde, einmal auch unter dieser Bezeichnung publiziert wurde.

Gesellschaftsstudie am Ende der Spannungskurve

Mit 334 hat Disch einen Roman verfasst, der in vieler Hinsicht eine Herausforderung an den Leser darstellt: Der Autor entfaltet in einem auktorial erzählten kaleidoskopartigen Blick die amerikanische Gesellschaft der Zukunft anhand der Familie Hanson, die vornehmlich aus Sozialhilfeempfängern, Prostituierten und Gelegenheitsarbeitern besteht. Auch wenn die einzelnen Handlungsfäden, die der Leser nicht immer auf Anhieb miteinander in Verbindung bringen kann, hier und da wieder miteinander verflochten werden, fehlt ein durchgängiger Handlungsstrang und somit auch eine durchgängige Handlungskurve, was 334 den Charakter einer Gesellschaftsstudie, die streckenweise übrigens durchaus unter Längen leidet, verleiht. Dazu trägt auch die nichtchronlogische Anordnung der einzelnen, gegen Ende des Werke manchmal nur wenige Zeilen langen, Abschnitte bei. Die deprimierende Welt der Zukunft entfaltet sich durch dieses Verfahren jedoch in einer geradezu verblüffend eindringlichen Art und Weise, zumal der Aufbau der Gesellschaft in ihrer Anlage von den Figuren akzeptiert und kaum Stelle in Frage gestellt wird. 1978 wurde 334 von David Pringle zu den besten 100 Science Fiction Romanen seit 1945 gerechnet, was angesichts der Tiefe der der Darstellung mit Sicherheit richtig ist – der Roman ist einer jener Belege für den sozialen Shift in der Science Fiction Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre, der im Rahmen des New Wave das Genre revolutionierte. Unter ästhetischen Gesichtspunkten jedoch erscheint mir der Aufbau des Romanes wenig überzeugend – insgesamt fehlt es an einem Konzept, das die einzelnen Teile, die vor allem am Anfang wirken, als wären sie eigenständige Erzählungen bzw. Kurzgeschichten, strukturell miteinander jenseits des Inhaltes selbst (Wohneinheit 334Familie Hanson) verklammert, zumal der Text am Ende ins Anekdotenhafte zerfasert – ob die Bezeichnung ‘Roman’ hier überhaupt noch trifft, ist meiner Ansicht nach fraglich.

Das Gesellschaftspuzzle

Wie in dystopischen Romanen so häufig, ist die Familienplanung und die gesellschaftliche Reproduktion durch den Staat, über dessen Aufbau der Roman keine weiteren Angaben macht, stark reglementiert und überwacht. So muss gleich zu Beginn der junge Birdie alles daran setzten, 25 Punkte auf jener Skala zu erreichen, die über den Fortgang des eigenen Lebens entscheidet – in seinem Falle darüber, ob er die Stewardess Milly Hanson heiraten darf – denn aufgrund des Lebenswandels und der Diabetes seines Vaters wurde er abgewertet, weshalb er auch keine Kinder mehr (künstlich) zeugen darf. Weder erreicht er jedoch die benötigt Punktzahl durch einen Wiederholung der Tests noch durch den Besuch des Colleges. Selbst die Veröffentlichung eines Essays über ein von ihm gewähltes Thema bringt ihn noch nicht an sein Ziel, so dass er sich gezwungen sieht,  in die Streitkräfte einzutreten, um auch noch den letzten benötigten Punkt zu erhalten. Besonders deprimierend ist, dass Birdie tatsächlich kein Ziel und keine Motivation jenseits seiner Liebe zu Milly besitzt – womit die charakterliche Einschätzung durch die Regierungskommissionen wenigstens in gewisser Hinsicht durchaus richtig zu sein scheint.

Mit der wenig überlegten Entscheidung, in den Krieg zu ziehen, verschwindet Birdie auch schon aus dem Roman, zumal seine Angebetete, für die er so viel getan hat, Boz heiratet. Da sich die Handlung nun hauptsächlich auf die Figuren der Familie Hanson konzentriert, erfährt der Leser nicht mehr, was Birdie in Asien erleben könnte – auch wenn es durchaus Andeutungen gibt: „Das hättest du sehen sollen. Das war wirklich grausam. Sie machten alle kalt.“ „Wer?“ „Die erste Kompanie“, Mickey nahm Haltung an und salutierte. Jungen in seinem Alter (sechs) wollten immer Gorillas oder Feuerwehrleute sein. Mit zehn waren es Popsänger. Mit vierzehn, wenn sie helle waren (und irgendwie waren alle Hensons helle), wollten sie schreiben. Boz hatte noch immer ein ganzes Heft voller Anzeigen und Werbetexte, die er während der Schulzeit verfasst hatte. Und dann, mit zwanzig? Lieber nicht darüber nachdenken. „Sie taten dir nicht leid?“ fragte Boz. „Leid? Wer?“ „Nun die Kinder in dieser Schule.“ „Sie waren Aufständische“, erläuterte Mickey. „Es war in Pakistan, glaube ich.“

Bei der Darstellung der prekären sozialen Verhältnisse und zwischenmenschlichen Beziehungen sind es nicht die vordergründigen Beschreibungen, die auf den Leser am stärksten wirken. Es ist das Gesamtbild, das sich beim Puzzeln mit den einzelnen Teilen ergibt; es sind die kleinen Hinweise zwischen den Zeilen, die das düstere Bild der Zukunft am stärksten zeichnen – hier bespielsweise die Tatsache, dass das kreative Schreiben von Boz auf die Produktion von Slogans reduziert wird.

Auch sprachlich hebt sich der Roman von vielen anderen Werken ab.  Wie schon in  Camp Concentration lassen sich Perlen von Sätzen finden: Chapel studierte das wortlose Kreuzworträtsel des Fliesenbodens. Manchmal sind diese allerdings nicht ganz flüssig zu lesen – aber angesichts der Zwischentöne ist es sowieso ratsam, hier und da ein zweites Mal genauer hinzuschauen.

Fazit

Mit 334 hat Thomas M. Disch eine beeindruckende Sozialstudie über das Prekariat der Zukunft verfasst, die auch aktueller Bezüge nicht entbehrt, allerdings einige Schwächen im Aufbau aufweist. Man muss sich für sie Zeit nehmen und auch bereit sein, auf eine „spannende“ Handlung im herkömmlichen Sinne zu verzichten – dieses entlohnt sie aber mit der Tiefe der Darstellung und einem hervorragenden sprachlichen Stil.

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